DANIEL BÖSWIRTH im Interview
»Wem gehört der öffentliche Raum und was machen wir daraus?«
„Lyrik On Line / Lyrik auf Leinen“ – mit diesem Slogan forderte Daniel Böswirth Menschen in Wien und aus aller Welt auf, ihre Gedichte in den öffentlichen Raum zu hängen bzw. hängen zu lassen. Am Ende des Projekts wurden die Werke in einer Finissage ausgestellt, die schließlich auch in die Hauptbücherei am Gürtel wanderte, wo Daniel Böswirth gemeinsam mit einigen Autor*innen die Anthologie zum Projekt vorstellte.
Mittlerweile ist die zweite Anthologie erschienen – mit Gedichten, die in der Hauptbücherei in den Briefkasten geworfen wurden.

Daniel Böswirth
Foto © Luisa Puiu
MORGENSCHTEAN: Mit dem analogen Projekt „Lyrik On Line“ hast du Lyrik in der Seestadt und auch an anderen Orten Wiens sichtbar gemacht. Warum ist es dir wichtig, das Gedicht aus dem Buch heraus zu lösen und in den Alltag der Menschen zu bringen?
DANIEL BÖSWIRTH: Es geht um die Kernfrage: „Wem gehört der öffentliche Raum und was machen wir daraus?“ Obwohl wir alle im Besitz des öffentlichen Raums sind, darf ihn nur ein kleiner Teil für seine kommerziellen Zwecke nutzen, die große Mehrheit bleibt ausgesperrt. Meine Projekte verstehen sich als öffentliche Intervention. Und was nützt es dem schönsten Gedicht, wenn es nicht gelesen wird, sondern im Archivgrab eines Tiefspeichers verschwindet?
MORGENSCHTEAN: Deinem Aufruf, unveröffentlichte Gedichte zu spenden, sind u.a. auch viele namhafte Lyriker*innen nachgekommen. Wichtig war dir aber, dass alle mitmachen konnten. Wie viele Gedichte wurden insgesamt „On Line“ (auf Leinen) gehängt?
DANIEL BÖSWIRTH: Ich wollte den gewöhnlichen Rahmen einer Anthologie sprengen. Es gab kein vorgegebenes Thema, die Gedichte konnten in jeder Sprache geschrieben werden und ich wollte möglichst viele erreichen. Blindenheime, Strafanstalten, Schulen, Passantinnen und Passanten, Betreuungseinrichtungen, Künstervereinigungen, Jugendvereine, Akademien etc. Ich machte mich auch aktiv auf die Suche nach Gedichten. So habe ich auch schon in Vorstadtcafés die Leute aufgefordert, mir ein Gedicht zu schreiben. Ich halte nicht viel von elitärer Selbstabschottung. Erst wenn man aus der Blase tritt, platzt sie! Konfrontation belebt die Poesie! Gezählt habe ich die eingelangten Gedichte nicht. Aufgehängt an die gespannten Leinen habe ich viele, in verschiedenen Stadtteilen Wiens. Es ging in die hunderte.
MORGENSCHTEAN: Gab es auch Menschen, die sich das erste Mal getraut haben, ein Gedicht zu verfassen bzw. öffentlich sichtbar zu machen?
DANIEL BÖSWIRTH: Ja, zum Beispiel Volksschulkinder, die davor noch nie eines geschrieben hatten. In den holprig mit krakeliger Handschrift verfassten Zeilen eines Kindes steckt oft mehr Poesie als in den geglätteten Versen renommierter Lyriker oder Lyrikerinnen.
MORGENSCHTEAN: Lyrik gilt nach wie vor ein Nischenprodukt, sie wird oft als sperrig und schwer verkäuflich bezeichnet. Gleichzeitig schreiben sehr viele Menschen Gedichte. Warum, glaubst du, ist das so?
DANIEL BÖSWIRTH: Ein Gedicht zu schreiben ist nicht schwer, ein gutes allerdings sehr. Nicht umsonst wird Lyrik oft als die Königsdisziplin in der Literatur angesehen. Doch man braucht vermeintlich nicht das Durchhaltevermögen, wie man es beim Verfassen eines Theaterstückes oder eines Romans haben muss. Man nimmt Zettel und Stift und probiert etwas. Eine richtige Schwemme an Gedichten ist auf Instagram zu beobachten. Das passt gut in unsere Zeit. Man will Aufmerksamkeit. Um jedoch komplexe Lyrik verstehen und schreiben zu können, muss man sich eingängig mit Sprache auseinandersetzen. Das passt weniger in unsere Zeit. Deswegen ist Lyrik ein Nischenprodukt.
MORGENSCHTEAN: Gab es während des Projekts eine Begegnung oder Rückmeldung, die dich besonders überrascht oder berührt hat?
DANIEL BÖSWIRTH: Die weltweiten Einsendungen. Es sind Gedichte in Farsi, Chinesisch, Slowenisch, Koreanisch, Englisch, Ungarisch, Französisch, Japanisch und in vielen anderen Sprachen zugesandt und aufgehängt worden. Die Welt als globales Dorf. Eines der schönsten Gedichte hat jemand anonym an die Leine gekluppt. Es handelt vom Ungewissen im Morgen. Überrascht hat mich auch die Vielfalt. Es waren übrigens nicht immer Gedichte, die an der Leine befestigt worden sind: Auch Zeichnungen, Collagen und Bilder wurden dazu gehängt.

MORGENSCHTEAN: In der Anthologie finden sich auch Gedichte im Dialekt. Was bedeutet dir persönlich der Dialekt – auch im Bezug auf dein eigenes Schreiben?
DANIEL BÖSWIRTH: Dialekt ist unmittelbarer, direkter, freier, wandlungsfähiger als die Hochsprache und manchmal auch präziser, näher an der phonetischen Realität. In meinem Gedicht über Dr. Jekyll und Mr. Hyde kommen die Zeilen vor: und es schneid und es schneit duachn schnee und durch di leit. Der Schnee ist weich und fällt leise und wird folgerichtig im Dialekt als schneid weich ausgesprochen. Doch wenn jemand mit dem Messer den Schnee duachschneit, ist es ein metallischer, harter Vorgang. In der Hochsprache ist es genau umgekehrt. Die Scheide des Messers wird mit butterweichem d geschrieben, während beim Verb schneien in der 3 Person es schneit eine Verhärtung durch die Normierung der Grammatik erfolgt. Die Ironie der literarischen Figur des Dr. Jekyll und Mr. Hyde als Heiler und Mörder in einer Person lässt sich in der Schizophrenie der Sprache festmachen, denn er zieht sich tagsüber das hippokratische Mäntelchen der Hochsprache an, um es nächtens mordend dialektal fallen zu lassen.
MORGENSCHTEAN: Gibt es Pläne, wieder etwas im öffentlichen Raum zu starten?
DANIEL BÖSWIRTH: Aktuell ist die Anthologie „Eingeworfen/Gedichte aus dem Briefkasten“ erschienen. Im Oktober 25 hängte ich im Zuge der Ausstellung LYRIK ON LINE einen weißen Briefkasten ins Foyer der Wiener Hauptbücherei. Aus den eingeworfenen Gedichten entstand dieser Band, in dem auch Dialektgedichte enthalten sind. Meine Initiative, eine öffentliche Poesie-Gedankenhaltestelle – eine Art poetische Begegnungszone – in Wien zu errichten, bei der zwar der Körper an Ort und Stelle bleibt, aber der Geist wegfährt, scheiterte bisher am mangelnden Interesse der Institutionen oder Kooperationspartnern.
März 2026
Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner
Die Anthologien

Ankündigung:
vexierkavalier –
Vernissage mit Buchpräsentation
am 20.05.2026 um 19:00
im „Stadtraum Mitte 15“, Rustensteg 1, 1150 Wien
am Akkordeon: Philipp Yavorskyi
Die Ausstellung ist von 21.05 bis 24.05 2026 (jeweils von 16:00 bis 21:30) geöffnet


