»Es ist hoch an der Zeit, der Mundart die Würde zu geben, die ihr zusteht.«
DR HALO im Interview
Seit 2016 übersetzt Dr Halo oide Hådern aus dem englischsprachigen Raum ins Wienerische. Mittlerweile textet er seine Songs, die man auf drhalo.at hören kann, auch selbst. Wir wollten wissen, wie es dazu kam und was der Dialekt für ihn persönlich und für sein Schaffen bedeutet.
MORGENSCHTEAN: Wie lange gibt es Dr Halo schon – und wie begann deine Musikerkarriere unter diesem Namen?
DR HALO: Musik, also eigentlich nur Text und Gesang, mach ich schon seit 2016. Es begann damit, dass ich englischsprachige Songs der sechziger und siebziger Jahre in Mundart übersetzte, weil ich irgendwann draufkam, dass die österreichische, oder vielleicht auch wienerische Mundart der englischen Sprache in mancherlei Hinsicht durchaus ähnlich ist. In einem Text, den ich 2016 zu diesem Thema geschrieben habe, hieß es:
„Augfaungd hod de Gschichd wia_r_i amoi in da Fruah, sicha scho zum dausndsdn Moi, in Radio in Wondara ghead hob. A Liad von Dion, dea wos eigendtli Dion Di Mucci haaßd. Aungeblich. I kenn eam jo ned. I sogs glei vuaweg, des Liad hea_r_i ma gean no a boa dausnd Moi au, ohne doss ma fad is. Nua doss do kane Missvaschdändnis ned aufdauchn. Jedenfois, i hea des Liad und mid an Moi, i woa no a bissl draamhabpadt, sunsd warad ma eh nix eigfoin, foid ma dazua es Wuad „Waundarods“ ei. Da Dion wiads woascheinlich ned kennan, maunche do bei uns dafia gaunz sicha und de, des ned kenna, de kennan si sicha wos vuaschdön drundta. Eiso, wia ma des Wuad eifoid, denk i ma scho, des Liad kenndtasd jo genauso in unsara eiganan Schbroch a singan…“
Ich habe dann wirklich viele Text übersetzt und irgendwann kam der Punkt, wo ich auch gerne ausprobiert hätte, wie sich so ein Song denn „in unsara eiganen Schbroch“ anhört. Ich habe mir Karaoke-Playbacks der Songs besorgt und mit dem Singen begonnen. Irgendwie war das nicht so toll, weil es ist sehr schwierig, Songs, die Leute in der für sie passenden Stimmlage gemacht haben, zu deren ursprünglicher Musik nachzusingen – wenn man nicht gerade ein Stimmakrobat ist (ich bin keiner). Da ich selbst kein Instrument beherrsche, mit dem ich mich begleiten könnte, hab ich dann in meinem Freundes- und Bekanntenkreis nach Musikern gesucht, die mit mir vielleicht gemeinsam Musik machen wollen, aber leider keine gefunden. Zur gleichen Zeit habe ich sehr viele eigene Texte geschrieben und nach einem Weg gesucht, meine ganz eigenen Songs zu machen, und den hab ich dann ja auch gefunden, wovon sich jeder auf meiner Webseite drhalo.at selbst überzeugen kann, wenn er will.
MORGENSCHTEAN: Gibt es einen typischen Dr-Halo-Sound?
DR HALO: Den typischen Dr-Halo-Sound, den gibt es eigentlich gar nicht, denn ich arbeite ja ausschließlich mit Playbacks, die von anderen kreiert wurden und zum Zeitpunkt, da ich einen neuen Song beginne, schon fix und fertig sind.
MORGENSCHTEAN: Wie wählst du die Playbacks aus, wie entsteht ein Dr Halo-Song?
DR HALO: Das Material, das ich da verwende ist sehr unterschiedlich und mein Beitrag, was das Musikalische oder eben den Sound betrifft, ist, dass ich mir aus dem Material meist nur solche Teile heraussuche, die mir für einen bestimmten Text brauchbar erscheinen. Ich setze die dann nach Bedarf zusammen und passe allenfalls noch Tonart und Tempo an. Mein Beitrag dazu ist, dass ich die Singstimme der Songs entwerfe und dass ich dann in dieser Singstimme meine Texte dazu singe. Und zur Frage der Entstehung: Bis auf einen einzigen Song, bei dem es genau umgekehrt war, habe ich immer zu bereits vorhandenen Texten, aus denen ich Songs machen wollte, nach einem für mich dazu passenden Playback gesucht. Im Zuge der Arbeit daran kommt es zwar oft zu meist kleinen Textänderungen, damit alles zusammenpasst, aber bei mir ist immer erst der Text da und dann erst wird vertont.
MORGENSCHTEAN: Hast du Vorbilder?
DR HALO: Also Vorbilder gibt es eigentlich keine, weil dies würde erfordern, dass ich denen nacheifern, sie vielleicht gar übertreffen könnte. Wovon aber nicht die Rede sein kann. Natürlich gibt es eine ganze Menge Musiker und Bands der Vergangenheit, die ich immer schon grenzenlos bewundert habe, nennen wir sie einfach Idole, und von denen ich gerne, ohne jegliche Reihung oder gar Wertung ein paar aufzählen kann: Bob Dylan, Eric Burdon, die Pretty Things, Arthur Lee, die Doors, Keith Emerson, die Yardbirds, Leonard Cohen, John Lennon, Kraftwerk, Focus, Frank Zappa, Joan Baez, Ten Years After, die Who, Mountain, die Pretenders, das Electric Light Orchestra und natürlich – last and absolutely not least – Bo Diddley. Und weil ich vorher nach „meinem“ Sound gefragt worden bin: Auch in dieser Aufzählung ließe sich kein bestimmter Sound oder gar Stil finden, schon gar nicht, wenn ich jetzt noch, um das zu unterstreichen und ganz ohne dabei zu erröten, ABBA, Roxette oder Connie Francis hinzufügen würde.
MORGENSCHTEAN: Deine Texte sind sehr gesellschaftskritisch. Wie bzw. wann juckt es dir unter den Fingern?
DR HALO: Naja, gesellschaftskritisch ist so ein zweischneidiger Begriff und ich kann zwar nicht bestreiten, dass ich ein ausgesprochener Widerstandsgeist bin und dass ich auch immer wieder Vieles finde, das mir gar nicht passt und dass ich mir nicht gerne ein Blatt vor den Mund nehme, aber gleichzeitig möchte ich schon drauf hinweisen, dass die Gesellschaft, in der zu leben wir heute das Glück haben, verglichen mit früher und verglichen mit anderen Gesellschaften, schon eine ganz tolle Gesellschaft ist, in der es mir eigentlich mein ganzes Leben lang ausgesprochen gut gegangen ist und ich hoffe, es ist mir in dieser Zeit auch gelungen, der Gesellschaft ein bisschen mehr zurückzugeben, als ein paar gesellschaftskritische Songs.
MORGENSCHTEAN: Welche Rolle spielt der Dialekt für dein Schaffen? Wann entscheidest du dich für den Dialekt, wann für die Hochsprache?
DR HALO: Vorab: Ich bin zweisprachig aufgewachsen, in einem Favoritner Gemeindebau. Zuhause wurde ausschließlich Schriftdeutsch gesprochen, oder, sagen wir, was halt so in einer Wiener Familie als Schriftdeutsch gilt, obwohl es wahrscheinlich für Leute aus Deutschland oder der Schweiz immer noch teilweise gar nicht so gut verständlich wäre. Aber draußen vor der Tür, mit meinen Freunden, da hab ich ausschließlich Mundart gesprochen. Ich hab mich in diesen zehn Jahren, die hier das Thema sind, oft gefragt, was eigentlich meine Muttersprache ist und ich hab keine Antwort drauf gefunden. Mir ist die eine so wichtig wie die andere. Irgendein griechischer Philosoph der Antike hat ja einmal die These aufgestellt, dass es ohne Sprache kein Denken gibt. Darüber hab ich oft nachgedacht. Gescheitere Leute finden vielleicht einen Ansatz, wie man dieser These widersprechen könnte, ich hab keinen gefunden. Unsere Sprache bestimmt für mich also ganz entscheidend unser Denken und mir ist schon aufgefallen, dass ich manchmal in Mundart, manchmal in Schriftsprache denke. Ich habe den Eindruck, dass die Mundart bei emotionaleren Themen vorherrscht und die Schriftsprache bei rationaleren. Bei meinen Songs ist es jedenfalls sicher so. Singe ich in Mundart, hört es sich, finde ich jedenfalls, weitaus gefühlsbetonter an, als wenn ich in Schriftsprache singe. Das spielt wahrscheinlich auch eine Rolle dabei, ob ich für einen Text, den ich schreibe, die eine oder die andere Sprache verwende. Bei den nicht ganz hundert meiner Songs, die ich inzwischen veröffentlicht habe, haben die beiden Sprachen einen ziemlich gleichen Anteil und auch bei meinem vierten Album, das in den nächsten Wochen erscheinen wird, ist es so.
Zur Mundart, auch wenn ich gar nicht danach gefragt worden bin, möchte ich gerne noch Folgendes loswerden: Für viele Freunde der Mundartkunst ist das Wichtigste, dass möglichst viele drastische, am besten derbe Sprache verwendet wird. Sie lieben es, Worte zu hören, die dann vielleicht komisch oder gar lächerlich klingen, was ihnen dann wiederum einen hohen Unterhaltungswert beschert. Viele Mundartkünstler wissen das natürlich genau. Sie scheinen daher stets bestrebt, ihre Klientel entsprechend zu bedienen und sind darin dann auch sehr erfolgreich. Doch was dabei herauskommt finde ich eher fragwürdig. Die Mundart ist ja die Sprache, die aus unser aller Mund kommt — und zwar ausnahmslos. Wir verwenden die Sprache, wenn wir jemand nach dem Weg fragen, wir bestellen in dieser Sprache beim Billa eine Wurstsemmel, wir erklären in dieser Sprache einem geliebten Wesen unsere Liebe, sie begleitet uns, wenn wir Freude empfinden ebenso, wie bei Schmerz oder Trauer. Und für alles ist sie nicht nur geeignet, sondern das Mittel unserer Wahl. Ich finde, es ist hoch an der Zeit, der Mundart die Würde zu geben, die ihr zusteht und sie vom Dasein eines Objekts aus dem Sprachpanoptikum zu befreien. Wir könnten uns darin die Schweiz, jedenfalls deren deutschsprachigen Teil zum Vorbild nehmen. Dort reden sie Mundart sogar im Fernsehen und geben halt nötigenfalls Untertitel dazu.
MORGENSCHTEAN: Wie wichtig ist dir dabei auch das Spiel mit der Sprache?
DR HALO: Mit dieser Frage hast du mich jetzt echt erwischt, denn ja, ich spiele unglaublich gern mit Sprache, oft auch nur mit Worten. Warum? Ich weiß es nicht. Es kommt ja dabei nichts heraus, das man essen oder wenigstens sonst irgendwie verwenden kann. Heutzutage würde man wohl die Frage stellen, worin der Mehrwert besteht. Höchstens darin, dass es mir einfach großen Spaß macht und eine spielerische und eben erheiternde Art ist, auf neue Ideen zu kommen, die einem sonst nicht einfallen würden. Ob es das ist, was man heute unter Mehrwert versteht? Egal, viele meiner Songs sind aufgrund solcher Sprachspiele entstanden und täglich fallen mir mehr ein, als ich verarbeiten kann und von denen ich dann ohnehin die meisten wieder vergesse, wenn ich mir nicht schnell eine Notiz mache.
MORGENSCHTEAN: Zum Abschluss kommt noch die Frage nach deinem Lieblings-Dialektwort. Hast du eines?
DR HALO: Ja, „Oida“! Ich weiß, nicht sehr originell, jedenfalls schon seit gut fünfzehn Jahren nicht mehr, aber längst unverzichtbarer Bestandteil meines Wortschatzes. Oida ist ein Universalwort, das mit entsprechender Aussprache und entsprechender Sprachmelodie zu fast jeder Situation passt. Viele Leute finden das Wort vulgär, aber da ich ja aus einem Gemeindebau in Wien-Favoriten komme, darf ich mir das leisten und steh auch dazu. Im Übrigen kenn ich da noch, wenn wir schon beim Vulgären sind, ganz andere Worte.
29. April 2026
Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner
