„Mir taugt das immer, wenn wer den Dialekt behält”

EL AWADALLA WIRD 70
– DAS INTERVIEW AUS DEM RÜDIGERHOF

El Awadalla hat Anfang der 2000er den Morgenschtean gerettet, die Widerstandslesungen bei den Donnerstagsdemos organisiert, wollte als Bundespräsidenten kandidieren und hat sogar bei der Millionenshow gewonnen. Zeitlebens setzt sie sich für Gerechtigkeit ein und verarbeitet das auch in ihrer Dialektlyrik. Anlässlich ihres 70. Geburtstages am 31. März hat Lea Bacher sie in einem ihrer Lieblingslokale in Wien, dem Rüdigerhof, getroffen. 

Hinweis zum Transkript
Das Transkript ist eine gekürzte Version. Die vollen Antworten hören Sie jeweils über die Audiospur!
@ Mario Lang

El Awadalla: Viel mehr Witz und Kreativität jedenfalls. Mir machen auch die ganzen Färbungen im Dialekt eine Freude. Ich kann mittlerweile den Leuten zuordnen, welchen Dialekt sie haben, auch wenn sie Hochdeutsch reden. Manchmal sind sie ganz entsetzt, dass ich das trotzdem raushör. Und man kann manche Sachen viel direkter sagen oder viel mehr umschreiben. Und ich seh, dass das heute wirklich verloren geht. Es klingen alle nur mehr noch wie RTL. Es geht dadurch ja auch der Sinn für Ironie verloren. So langsam fühl ich mich wie eine Chronistin von sterbenden Zeiten. So hab ich mich nie gesehen, aber es entwickelt sich langsam in die Richtung. 
Wie ich angefangen hab zum Dialektschreiben, haben viel mehr Leute im Dialekt gesprochen, das Schreiben im Dialekt war aber etwas Merkwürdiges. Oder besser: Es haben immer Leute im Dialekt geschrieben – Mundart. Mir tut das heute noch weh, wenn jemand das Wort Mundart sagt. Die Unterscheidung geht noch auf eine Zeit vor mir zurück. Mundart, das ist: “Hoamat, Hoamat, i han di so gern.” Das ist unreflektiertes Schreiben. Schreiben im Dialekt impliziert eine kritische Haltung. Das geht auf den H.C. Artmann zurück und das Manifest in den 1950ern.
In anderen Regionen ist das anders. Die haben die Neue Mundart, was bei uns der Protestzeit in den 1970ern entspricht. Damals war die Anti-Zwentendorf-Bewegung, da hat es irrsinnig viel im Dialekt gegeben. Auch weniger geniale Texte wie „Atom ist saudumm“, aber in einer Protestbewegung ist das wichtig. Mehr oder weniger zeitgleich war die erste Austropop-Welle. Da gefällt mir nicht alles, aber es war wichtig, dass es das gegeben hat.  

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Dialektliteratur“)

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Lea Bacher: Du sagst, deine Dialektgedichte und dein politisches Engagement hängen eng zusammen. Wann hast du begonnen, im Dialekt zu schreiben? War das schon vor Zwentendorf und Hainburg? 

El Awadalla: Ja, das war schon davor. Ich war gar nicht in Hainburg, weil ich da ein kleines Kind hatte. Aber in Zwentendorf war ich voll dabei. Und eigentlich hat das politische Leben schon vorher angefangen, und zwar mit Lehrlingsgschichten. Ich war ja selbst in der Lehre und es war wirklich arg, wie sie uns da behandelt haben. Wir sind die ganze Zeit Bier einkaufen gegangen. Und so wie die Chefs mit uns Madln geredet haben, das wär heute  sexuelle Belästigung und sie würden fristlos entlassen. Meinem ersten Chef hab ich wirklich einen Arschtritt gegeben, mit 15. Er greift mir am Arsch und dann hab ich mich umgedreht und ihm einen Arschtritt gegeben.

Lea Bacher: Recht hast du. 

El Awadalla: Ja eh, aber das war damals die absolute Ausnahme. Du hast dir als Madl ja alles gefallen lassen müssen. Diese Lehrlingsgschichten waren sozusagen mein allererstes politisches Engagement. Weil es da wirklich um mich gegangen ist.

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „politisches Engagement“)

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Lea Bacher: Du sprichst dich ja auch gegen Praktika aus.

El Awadalla: Ich war 22 Jahre lang Lohnverrechnerin im Literaturhaus. Wir haben dort ja immer Praktikantinnen gehabt. Die bekommen mehr oder weniger kein Gehalt, sprich, sie zahlen auch keine Sozialversicherung. Das Geld fehlt jetzt im Umlageverfahren, das heißt, für meine Pension muss jetzt wer arbeiten. Und natürlich fehlt ihnen selbst später auch die Zeit für ihre eigene Pension. Und der Gender Gap bei den Pensionen ist ja nach wie vor drastisch.
Ich hab diesbezüglich auch den Pensionistenvereinen geschrieben, dass sie sich drum kümmern sollen. Von der ÖPV habe ich interessanterweise eine Antwort bekommen. Von der SPÖ nicht. (…) Der von der ÖVP hat mir zugestimmt und versprochen, dass sie sich einsetzen werden – aber passiert ist dann eh nix.
Aber ja, ich bin nach wie vor gegen die Praktika. Wir hatten eine Mitarbeiterin, die war 31, hatte zwei Abschlüsse und war Praktikantin. Das ist eine absolute Sauerei! Da musst du erst mal Eltern haben, die sich das leisten können! (…)
Das ist so meine Perspektive auf die Welt, immer von den armen Leuten aus gesehen, ich komm auch von armen Leuten. Ich bin mittlerweile nicht mehr arm, aber ich weiß, wie das ist.

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Praktika“)

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Lea Bacher: Hat sich da etwas für dich verändert, als du 2005 bei der Millionenshow gewonnen hast? 

El Awadalla: *lacht* Das fragen alle. Nicht wirklich. Ich mein, was sich verändert hat, ich hab ja wirklich auf die Millionenshow hingearbeitet. Weil wir haben ein Haus gekauft, auf der Wienzeile, nicht weit vom Rüdigerhof – das ist schon wirklich eine Gschicht für sich, weil da war ein Puff drin. Die alte Besitzerin ist gestorben und das Puff wollt das Haus kaufen. Wir waren dann der Meinung, dass man nicht in einem Haus wohnen kann, das einem Puff gehört. Also hab ich eine Finanzierung zusammengestoppelt. Unter anderem hab ich mir Geld vom Mann meiner Freundin ausgeliehen. Da haben wir uns bei der Post getroffen, er hat mir 10.000 Schilling überreicht und ich hab ihm auf so einem Bierzettel unterschrieben, dass er die zurückkriegt. Das Kapital habe ich ja vorweisen müssen, um einen Kredit zu kriegen. Zum Schluss hab ich dann 2.200 Euro Kreditraten im Monat gezahlt. Da hab ich schon viele schlaflose Nächte gehabt. Mein Plan war immer, ich geh zur Millionenshow und gewinne. Und das hab ich dann auch gemacht. Ich glaub du musst es vorhaben, dass du die Million gewinnst. (…) Mit der Million hab ich dann die Fassade hergerichtet und den Kredit zurückgezahlt. Aber weißt du was arg ist?  Mitte des Monats ist die Million aufs Konto gekommen. Die haben mir sofort die Kreditrate auf 1.850 Euro runtergesetzt und weil die Rate ja immer am Beginn des Monats abgebucht wird, haben sie mir das wirklich zurücküberwiesen. Rechne dir das aus, das sind 350 Euro weniger, weil wenn du Geld hast, ist der Kredit billiger. Das ist der echte Kapitalismus, das ist absurd. 

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Millionenshow“)

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Lea Bacher: Vielleicht kurz zum Morgenschtean. Du kennst ihn ja schon ganz lange. Kannst du da von den Anfängen erzählen? 

El Awadalla: Ich habe ihn gerettet, ja. Ich kenne den Morgenschtean schon von Anfang an, ich hab ja früher alle Literaturzeitschriften, die es gegeben hat, abonniert und hab auch den Morgenschtean Nummer 1 in der Hand gehabt. Ich hab vorher schon Dialektgedichte geschrieben, aber nicht so intensiv. Da hab ich mir gedacht, denen schick ich meine Dialektgedichte als El Awadalla und sie haben die auch gleich genommen. (…) Der damalige Geschäftsführer ruft bei mir an und sagt: „Dem Namen nach hab ich geglaubt, dass Sie ein Mann sind.“ Hab ich gesagt: „Solange die Männer in unserer Gesellschaft privilegiert sind, werde ich gern für einen Mann gehalten.“ Dann war mal eine Schweigeminute am Telefon, das hat er müssen verdauen, was ich da gesagt hab.

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Morgenschtean“)

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Lea Bacher: Wie hat sich nach deiner Auffassung der Dialekt verändert, in den letzten 20 Jahren? 

El Awadalla: Ich hab 2014 die ersten U-Bahn-Dialoge rausgebracht. Ich hab immer wieder was aufgeschrieben, was die Leute in der U-Bahn geredet haben, nach dem Motto, das glaubt dir ja sonst keiner. Und hab das dann bei Poetry Slams gelesen. Die Mieze Medusa hat dann eine Anthologie gemacht und wollte auch ein paar U-Bahn-Dialoge haben. Und dann ruft mich die Vanessa Wieser an, die Verlegerin vom Milena, da bin ich jetzt auch noch, und sagt: „Magst nicht ein Buch machen mit den U-Bahn-Dialogen?“ Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass man daraus ein Buch machen kann. Ich sagte: „Ja, mach ich, aber  dann hab ich auch den Ehrgeiz, dass alle Stationen dabei sind und ich muss jetzt ein halbes Jahr U-Bahn fahren.“ 
Jetzt im Herbst hat sie mich angerufen und gefragt, ob ich nicht wieder U-Bahn-Dialoge schreiben will. (…) Die Dialoge sind fertig, die werden im Herbst erscheinen. Ich hab Lesungen gemacht mit den alten und den neuen Dialogen. Und da bin ich draufgekommen, die neuen sind viel kürzer, es gibt viel mehr Handygespräche, die Art, wie man kommuniziert, ist anders. Und sprachlich hat sich total viel geändert.

Lea Bacher: Das heißt, die Leute reden anders? 

El Awadalla: Ja, die jungen Leute reden wirklich anders. Das ist ganz schön, wenn man junge und alte beieinander hat. Die wechseln dann auch die Sprache, die reden dann einfach anders. Es wird oft so ein Pseudo-Hochdeutsch geredet und viele klingen echt oft wie Deutsche. (…) Manche sagen aber schon, sie behalten den Dialekt bei, weil das ist ja ein Teil von mir, das bin ja ich, meine Sprache ist ein Teil meiner Persönlichkeit, und zwar ein wichtiger. Mir taugt das immer, wenn wer den Dialekt behält. Das ist aber nicht leicht, weil du bist ja immer dem Gruppendruck ausgesetzt.

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Dialekt damals und heute“)

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Lea Bacher: Was würdest du jungen Autorinnen und Autoren mitgeben, die im Dialekt schreiben? Gerade auch in Zeiten, wo es schwierig ist auf dem Buchmarkt? 

El Awadalla: Ja, es ist leider wirklich schwer am Buchmarkt, das stimmt. Du musst eine Freude damit haben. Wenn du keine Freude hast mit dem Dialekt, brauchst du es erst gar nicht machen. Und es gibt eine einzige Regel: Mach deine eigenen Regeln und halt dich daran! Und hör nicht drauf, was die Leute reden. Mir ist schon wichtig, das war immer meine Intention, das ist die Sprache von den armen Leuten, von den Arbeiterinnen und Arbeitern, und die Sprache hat ein Recht auf eine literarische Form. Und sie haben ja was zu sagen. Und sie haben auch ein Recht, in ihrer Sprache angesprochen zu werden, im Dialekt halt. Das sind so meine Intentionen und das kann ich so weitergeben. 

Lea Bacher: Vielleicht als Abschluss: was wünscht du dir zum Geburtstag? 

El Awadalla: Nichts. Gar nichts. Vielleicht Friede auf der Welt, aber das klingt immer so kitschig und bombastisch. Aber das würde ich mir wirklich wünschen. Sonst nichts. 

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Was würdest du jungen Autorinnen mitgeben, was wünscht du dir zum Geburtstag?“)

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