Interview: ERIKA KRONABITTER

Erika Kronabitter ist Lyrikerin, Autorin und Schreibpädagogin. In der neuen Ausgabe des Morgenschtean finden sich zwei ihrer Bünker-Übersetzungen in den Vorarlbergischen Dialekt.

Erika Kronabitter
Foto © Gerda Sengstbratl

MORGENSCHTEAN: In unserer neuen Ausgabe kann man Gedichte von Bernhard C. Bünker lesen, die du aus dem Kärntner Dialekt in den Vorarlberger Dialekt übertragen hast. Wie ist dieses Projekt entstanden?
ERIKA KRONABITTER: Bernhard C. Bünkers Gedichte haben mich gesucht und gefunden, ich glaube, so kann man das sagen. Ich hatte die Ehre, dass mir Patricia Brooks anbot, nach Hannes Vyoral die Herausgeberschaft der Podiumporträts zu übernehmen. 2020 sind Manfred Chobot und Axel Karner an mich herangetreten, um einen In-Memoriam-Band für Bernhard C. Bünker herauszubringen – mit einem Vorwort von Axel und einem Nachwort von Manfred. Die Zusammenstellung erfolgte durch die beiden Kollegen. So bin ich in Kontakt mit den Gedichten Bernhard C. Bünkers gekommen.
Darauffolgend hat mich Manfred zu einem „Übersetzungsprojekt“ eingeladen. Er übertrug Bünkers Gedichte ins Wienerische und hat mich eingeladen, einige in den Vorarlberger Dialekt zu übertragen. 

MORGENSCHTEAN: Schreibst du selbst auch manchmal im Dialekt?
ERIKA KRONABITTER: „Sehr manchmal“ schreibe ich im Dialekt. Ich bin, obwohl verwandtschaftlich von mehreren Dialektfärbungen geprägt, in die Hochsprache hineingeboren. D.h. meine Mutter hat mit mir bis zum 6. Lebensjahr eine Art „Hochdeutsch“ gesprochen. Mein 1. Volksschultag in Tisis (Vorarlberg) war folglich ein Trauma, denn ich konnte keines der Kinder verstehen, als sie fragten/sagten; „Tuasch mit ge Fangadis“. Ich habe die neue Sprache aber sehr schnell gelernt, mich integriert und hatte viele Freundinnen.

MORGENSCHTEAN: Und woher nimmst du deine Inspiration für deine Gedichte? Sind es Beobachtungen deiner Umwelt oder innere Prozesse, die dich antreiben?
ERIKA KRONABITTER: Ich schöpfe meine Ideen einerseits aus der Beobachtung, andererseits auch aus der Lust, mit den Worten zu spielen. Meist sind es Beobachtungen, Gehörtes, aber auch Verhörtes, die Auslöser für einen Text sind, auch Emotionen, ein innerer Prozess. Manchmal ist es nur ein Wort, das ich aufschreibe und sich später zu einem Gedicht entwickelt.

MORGENSCHTEAN: Welche Bedeutung hat das Spielerische für dein Schreiben?
ERIKA KRONABITTER: Mit Worten, mit Klängen zu spielen, Bedeutungen zu verfremden, Worte neu zu erfinden oder in andere Kontexte zu stellen, das ist die wirkliche Sprach/denkarbeit und geht weit über das „normale Schreiben“ hinaus. Ich versuche immer wieder, dies auch in meinen Texten anzuwenden. Diese Art des Schreibens – und auch auf diese Weise Geschriebenes zu lesen, finde ich besonders lustvoll, inspirierend, ich glaube, das produziert Glückshormone.
Auch nonense-Texte liebe ich. Nicht immer, aber zwischendurch sind sie für mich sehr wichtig. Schreiben ohne Sinn. Schreiben ohne Ziel. Brabbeln.
Ganz nebenbei bedeutet es auch eine persönliche Ermächtigung jeder/jedes Schreibenden, sich über grammatikalische und Rechtschreibregeln hinwegzusetzen.

MORGENSCHTEAN: Du bist ja auch als Schreibpädagogin tätig: Inwiefern beeinflusst diese Arbeit dein eigenes Schreiben – und was nimmst du umgekehrt aus deiner eigenen Praxis in die Vermittlung mit?
ERIKA KRONABITTER: Als Schreibpädagogin zu arbeiten und Autorin zu sein, bedeutet, dass man in einer sich gegenseitig bereichernden Wechselbeziehung lebt. Meine nun doch schon reiche Erfahrung als Autorin, die Freundschaft mit vielen Kolleg:innen, das Kennen all dieser verschiedenen Texte und Textzugänge sowie das Wissen um den Literaturbetrieb ist für die Teilnehmenden unseres Lehrgangs und unserer Workshops sicherlich wertvoll – egal ob sie sich als Schreibpädagog:in oder als Autor:in weiterentwickeln möchten. In der Ausbildung beim BÖS (Berufsverband Österr. Schreibpädagog:innen) legen wir großen Wert auf Haltung, Zuhören, Respekt und Wertschätzung. Es gibt keine Ellbogentaktik. Wir ermutigen die Menschen, ihre Stimme zu erheben, sich in der Gesellschaft einzubringen.
Die Teilnehmer:innen wiederum bringen selbst aus so vielen verschiedenen Bereichen Erfahrungen mit, bringen sich ein, es entstehen großartige Gespräche, Diskussionen, die natürlich auch ins Schreiben einfließen und zu welthaltigen Texte inspirieren. 
Würde die Politik (und die Wirtschaft, die ja die Politik vor sich hertreibt) erkennen, was Schreibpädagogik, was Schreiben insgesamt leistet, müsste man Schreiben (und auch Lesen) an die erste Stelle aller Prioritäten setzen. Denn: Was ist ein Leben, was ist Existenz ohne Lesen und Schreiben?

27. März 2026
Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner

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