DialektSHOG #13 zum Nachhören

DialektSHOG #13 zum Nachhören

Erstausstrahlung: 1.9.2026 auf Radio Helsinki
Link zum Archiv: https://cba.media/791469

Im März ist El Awadalla – Autorin, Aktivistin, Literaturvermittlerin, Gewinnerin der Millionenshow und ehemalige Bewerberin für das Amt der Bundespräsidentin – 70 Jahre alt geworden. 

In Folge 13 von DialektSHOG erzählt sie von ihren U-Bahn-Dialogen, deren zweiter Band demnächst erscheint, sowie auch von den Widerstandslesungen gegen Schwarz-Blau. Vom Büffeln für die Millionenshow, von der Rettung des Morgenschtean und auch von diversen gelungenen Versuchen, Literatur zu Menschen zu bringen, die von sich aus nie zu einer Lesung gehen würden. 

Das Feature ist ein Mittschnitt eines Gesprächs, das im Mai 2026 exklusiv für diese Sendung aufgezeichnet wurde. Außerdem gibt es Literatur von El Awadalla zu hören sowie Musik von Österreichischen Interpret:innen

Und für alle, die wissen wollen, wo man sich die neuen U-Bahn-Dialoge holen kann: > Hier gehts zur „U Bahn, Oida“-Seite im Milena Verlag.

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Alle gehörten Dialekttexte © El Awadalla

die Musikbeigaben waren von:
– Gebrüder Marx (Piefkegschropp)
– Attwenger (Kakladariada)
– Kaputtnicks (Brief an den Bundeskanzler)
– SarahBernhard (Mund und Beton)

Interview, Gestaltung & Schnitt:
Margarita Puntigam-Kinstner

Link: https://cba.media/791469

„Mir taugt das immer, wenn wer den Dialekt behält”

EL AWADALLA WIRD 70
– DAS INTERVIEW AUS DEM RÜDIGERHOF

El Awadalla hat Anfang der 2000er den Morgenschtean gerettet, die Widerstandslesungen bei den Donnerstagsdemos organisiert, wollte als Bundespräsidentin kandidieren und hat sogar bei der Millionenshow gewonnen. Zeitlebens setzt sie sich für Gerechtigkeit ein und verarbeitet das auch in ihrer Dialektlyrik. Anlässlich ihres 70. Geburtstages am 31. März hat Lea Bacher sie in einem ihrer Lieblingslokale in Wien, dem Rüdigerhof, getroffen. 

Hinweis zum Transkript
Das Transkript ist eine gekürzte Version. Die vollen Antworten hören Sie jeweils über die Audiospur!
@ Mario Lang

El Awadalla: Viel mehr Witz und Kreativität jedenfalls. Mir machen auch die ganzen Färbungen im Dialekt eine Freude. Ich kann mittlerweile den Leuten zuordnen, welchen Dialekt sie haben, auch wenn sie Hochdeutsch reden. Manchmal sind sie ganz entsetzt, dass ich das trotzdem raushör. Und man kann manche Sachen viel direkter sagen oder viel mehr umschreiben. Und ich seh, dass das heute wirklich verloren geht. Es klingen alle nur mehr noch wie RTL. Es geht dadurch ja auch der Sinn für Ironie verloren. So langsam fühl ich mich wie eine Chronistin von sterbenden Zeiten. So hab ich mich nie gesehen, aber es entwickelt sich langsam in die Richtung. 
Wie ich angefangen hab zum Dialektschreiben, haben viel mehr Leute im Dialekt gesprochen, das Schreiben im Dialekt war aber etwas Merkwürdiges. Oder besser: Es haben immer Leute im Dialekt geschrieben – Mundart. Mir tut das heute noch weh, wenn jemand das Wort Mundart sagt. Die Unterscheidung geht noch auf eine Zeit vor mir zurück. Mundart, das ist: „Hoamat, Hoamat, i han di so gern.“ Das ist unreflektiertes Schreiben. Schreiben im Dialekt impliziert eine kritische Haltung. Das geht auf den H.C. Artmann zurück und das Manifest in den 1950ern.
In anderen Regionen ist das anders. Die haben die Neue Mundart, was bei uns der Protestzeit in den 1970ern entspricht. Damals war die Anti-Zwentendorf-Bewegung, da hat es irrsinnig viel im Dialekt gegeben. Auch weniger geniale Texte wie „Atom ist saudumm“, aber in einer Protestbewegung ist das wichtig. Mehr oder weniger zeitgleich war die erste Austropop-Welle. Da gefällt mir nicht alles, aber es war wichtig, dass es das gegeben hat.  

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Dialektliteratur“)

*

Lea Bacher: Du sagst, deine Dialektgedichte und dein politisches Engagement hängen eng zusammen. Wann hast du begonnen, im Dialekt zu schreiben? War das schon vor Zwentendorf und Hainburg? 

El Awadalla: Ja, das war schon davor. Ich war gar nicht in Hainburg, weil ich da ein kleines Kind hatte. Aber in Zwentendorf war ich voll dabei. Und eigentlich hat das politische Leben schon vorher angefangen, und zwar mit Lehrlingsgschichten. Ich war ja selbst in der Lehre und es war wirklich arg, wie sie uns da behandelt haben. Wir sind die ganze Zeit Bier einkaufen gegangen. Und so wie die Chefs mit uns Madln geredet haben, das wär heute  sexuelle Belästigung und sie würden fristlos entlassen. Meinem ersten Chef hab ich wirklich einen Arschtritt gegeben, mit 15. Er greift mir am Arsch und dann hab ich mich umgedreht und ihm einen Arschtritt gegeben.

Lea Bacher: Recht hast du. 

El Awadalla: Ja eh, aber das war damals die absolute Ausnahme. Du hast dir als Madl ja alles gefallen lassen müssen. Diese Lehrlingsgschichten waren sozusagen mein allererstes politisches Engagement. Weil es da wirklich um mich gegangen ist.

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „politisches Engagement“)

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Lea Bacher: Du sprichst dich ja auch gegen Praktika aus.

El Awadalla: Ich war 22 Jahre lang Lohnverrechnerin im Literaturhaus. Wir haben dort ja immer Praktikantinnen gehabt. Die bekommen mehr oder weniger kein Gehalt, sprich, sie zahlen auch keine Sozialversicherung. Das Geld fehlt jetzt im Umlageverfahren, das heißt, für meine Pension muss jetzt wer arbeiten. Und natürlich fehlt ihnen selbst später auch die Zeit für ihre eigene Pension. Und der Gender Gap bei den Pensionen ist ja nach wie vor drastisch.
Ich hab diesbezüglich auch den Pensionistenvereinen geschrieben, dass sie sich drum kümmern sollen. Von der ÖPV habe ich interessanterweise eine Antwort bekommen. Von der SPÖ nicht. (…) Der von der ÖVP hat mir zugestimmt und versprochen, dass sie sich einsetzen werden – aber passiert ist dann eh nix.
Aber ja, ich bin nach wie vor gegen die Praktika. Wir hatten eine Mitarbeiterin, die war 31, hatte zwei Abschlüsse und war Praktikantin. Das ist eine absolute Sauerei! Da musst du erst mal Eltern haben, die sich das leisten können! (…)
Das ist so meine Perspektive auf die Welt, immer von den armen Leuten aus gesehen, ich komm auch von armen Leuten. Ich bin mittlerweile nicht mehr arm, aber ich weiß, wie das ist.

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Praktika“)

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Lea Bacher: Hat sich da etwas für dich verändert, als du 2005 bei der Millionenshow gewonnen hast? 

El Awadalla: *lacht* Das fragen alle. Nicht wirklich. Ich mein, was sich verändert hat, ich hab ja wirklich auf die Millionenshow hingearbeitet. Weil wir haben ein Haus gekauft, auf der Wienzeile, nicht weit vom Rüdigerhof – das ist schon wirklich eine Gschicht für sich, weil da war ein Puff drin. Die alte Besitzerin ist gestorben und das Puff wollt das Haus kaufen. Wir waren dann der Meinung, dass man nicht in einem Haus wohnen kann, das einem Puff gehört. Also hab ich eine Finanzierung zusammengestoppelt. Unter anderem hab ich mir Geld vom Mann meiner Freundin ausgeliehen. Da haben wir uns bei der Post getroffen, er hat mir 10.000 Schilling überreicht und ich hab ihm auf so einem Bierzettel unterschrieben, dass er die zurückkriegt. Das Kapital habe ich ja vorweisen müssen, um einen Kredit zu kriegen. Zum Schluss hab ich dann 2.200 Euro Kreditraten im Monat gezahlt. Da hab ich schon viele schlaflose Nächte gehabt. Mein Plan war immer, ich geh zur Millionenshow und gewinne. Und das hab ich dann auch gemacht. Ich glaub du musst es vorhaben, dass du die Million gewinnst. (…) Mit der Million hab ich dann die Fassade hergerichtet und den Kredit zurückgezahlt. Aber weißt du was arg ist?  Mitte des Monats ist die Million aufs Konto gekommen. Die haben mir sofort die Kreditrate auf 1.850 Euro runtergesetzt und weil die Rate ja immer am Beginn des Monats abgebucht wird, haben sie mir das wirklich zurücküberwiesen. Rechne dir das aus, das sind 350 Euro weniger, weil wenn du Geld hast, ist der Kredit billiger. Das ist der echte Kapitalismus, das ist absurd. 

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Millionenshow“)

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Lea Bacher: Vielleicht kurz zum Morgenschtean. Du kennst ihn ja schon ganz lange. Kannst du da von den Anfängen erzählen? 

El Awadalla: Ich habe ihn gerettet, ja. Ich kenne den Morgenschtean schon von Anfang an, ich hab ja früher alle Literaturzeitschriften, die es gegeben hat, abonniert und hab auch den Morgenschtean Nummer 1 in der Hand gehabt. Ich hab vorher schon Dialektgedichte geschrieben, aber nicht so intensiv. Da hab ich mir gedacht, denen schick ich meine Dialektgedichte als El Awadalla und sie haben die auch gleich genommen. (…) Der damalige Geschäftsführer ruft bei mir an und sagt: „Dem Namen nach hab ich geglaubt, dass Sie ein Mann sind.“ Hab ich gesagt: „Solange die Männer in unserer Gesellschaft privilegiert sind, werde ich gern für einen Mann gehalten.“ Dann war mal eine Schweigeminute am Telefon, das hat er müssen verdauen, was ich da gesagt hab.

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Morgenschtean“)

*

Lea Bacher: Wie hat sich nach deiner Auffassung der Dialekt verändert, in den letzten 20 Jahren? 

El Awadalla: Ich hab 2014 die ersten U-Bahn-Dialoge rausgebracht. Ich hab immer wieder was aufgeschrieben, was die Leute in der U-Bahn geredet haben, nach dem Motto, das glaubt dir ja sonst keiner. Und hab das dann bei Poetry Slams gelesen. Die Mieze Medusa hat dann eine Anthologie gemacht und wollte auch ein paar U-Bahn-Dialoge haben. Und dann ruft mich die Vanessa Wieser an, die Verlegerin vom Milena, da bin ich jetzt auch noch, und sagt: „Magst nicht ein Buch machen mit den U-Bahn-Dialogen?“ Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass man daraus ein Buch machen kann. Ich sagte: „Ja, mach ich, aber  dann hab ich auch den Ehrgeiz, dass alle Stationen dabei sind und ich muss jetzt ein halbes Jahr U-Bahn fahren.“ 
Jetzt im Herbst hat sie mich angerufen und gefragt, ob ich nicht wieder U-Bahn-Dialoge schreiben will. (…) Die Dialoge sind fertig, die werden im Herbst erscheinen. Ich hab Lesungen gemacht mit den alten und den neuen Dialogen. Und da bin ich draufgekommen, die neuen sind viel kürzer, es gibt viel mehr Handygespräche, die Art, wie man kommuniziert, ist anders. Und sprachlich hat sich total viel geändert.

Lea Bacher: Das heißt, die Leute reden anders? 

El Awadalla: Ja, die jungen Leute reden wirklich anders. Das ist ganz schön, wenn man junge und alte beieinander hat. Die wechseln dann auch die Sprache, die reden dann einfach anders. Es wird oft so ein Pseudo-Hochdeutsch geredet und viele klingen echt oft wie Deutsche. (…) Manche sagen aber schon, sie behalten den Dialekt bei, weil das ist ja ein Teil von mir, das bin ja ich, meine Sprache ist ein Teil meiner Persönlichkeit, und zwar ein wichtiger. Mir taugt das immer, wenn wer den Dialekt behält. Das ist aber nicht leicht, weil du bist ja immer dem Gruppendruck ausgesetzt.

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Dialekt damals und heute“)

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Lea Bacher: Was würdest du jungen Autorinnen und Autoren mitgeben, die im Dialekt schreiben? Gerade auch in Zeiten, wo es schwierig ist auf dem Buchmarkt? 

El Awadalla: Ja, es ist leider wirklich schwer am Buchmarkt, das stimmt. Du musst eine Freude damit haben. Wenn du keine Freude hast mit dem Dialekt, brauchst du es erst gar nicht machen. Und es gibt eine einzige Regel: Mach deine eigenen Regeln und halt dich daran! Und hör nicht drauf, was die Leute reden. Mir ist schon wichtig, das war immer meine Intention, das ist die Sprache von den armen Leuten, von den Arbeiterinnen und Arbeitern, und die Sprache hat ein Recht auf eine literarische Form. Und sie haben ja was zu sagen. Und sie haben auch ein Recht, in ihrer Sprache angesprochen zu werden, im Dialekt halt. Das sind so meine Intentionen und das kann ich so weitergeben. 

Lea Bacher: Vielleicht als Abschluss: Was wünscht du dir zum Geburtstag? 

El Awadalla: Nichts. Gar nichts. Vielleicht Friede auf der Welt, aber das klingt immer so kitschig und bombastisch. Aber das würde ich mir wirklich wünschen. Sonst nichts. 

Mitschnitt: Lea Bacher und El Awadalla im Rüdigerhof (Abschnitt „Was würdest du jungen Autorinnen mitgeben, was wünscht du dir zum Geburtstag?“)

El Awadalla wird 65 – die Ö.D.A. gratuliert herzlich

El Awadalla wird 65 – die Ö.D.A. gratuliert herzlich

Wenn man eine Frage zu Recht stellen darf, dann jene, ob es den Verein Ö.D.A. und die zugehörige Dialektzeitschrift Morgenschtean ohne das Engagement von El Awadalla überhaupt noch gäbe.


El Awadalla liest beim ADIDO – Anno Dialekt Donnerstag; Foto © Sigrid Kramer

Die Jahre, in denen El Awadalla unserem Verein vorstand, waren nicht nur Jahre des ständig sinkenden Kulturbudgets (und das zu einer Zeit, in der es um unseren Verein nicht gerade rosig stand), sondern auch Jahre, in denen sich die politische Landschaft Österreichs nachhaltig veränderte. In diesen Zeiten ging es vor allem darum, den Mut nicht zu verlieren und weiterzukämpfen – für eine kritische Literatur abseits des Mainstreams und der großen Verkaufszahlen, für eine Dialektliteratur, die sich gegen eine Vereinnahmung durch die rechte Szene zur Wehr setzt und zeigt, dass Dialekt nichts mit Heimattümelei und Abschottung zu tun hat.

Seit jeher haben sich die Mitglieder der Ö.D.A. für eine tolerante, vielfältige Gesellschaft eingesetzt – eine Gesellschaft, in der man einander auf Augenhöhe begegnet, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Beruf, Geschlecht oder Dialekt. Nicht nur als Mitglied und Präsidentin (2001-2013) der Ö.D.A., sondern auch als Aktivistin, Autorin und Privatmensch (sofern sich dies überhaupt trennen lässt) hat sich El Awadalla stets für diese Werte stark gemacht. Literatur verbindet und bringt die Leut z’samm, Literatur erweitert den Erfahrungshorizont und führt zu mehr Toleranz, weil sie die Möglichkeit bietet, in fremde Köpfe, Sichtweisen und Lebensgeschichten zu schlüpfen. Gerade deswegen muss es niederschwellige Angebote geben, die für alle zugänglich sind.

„Ich schreibe. Ich veranstalte.“(1)

Ab Februar 2000 organisierte El Awadalla (gemeinsam mit Traude Korosa) eine der wohl wichtigsten politischen Aktionen von Literaturschaffenden in unserem Land: die Widerstandslesungen gegen die schwarz-blaue Regierung unter Kanzler Wolfgang Schüssel. Mehr als 400 Autor*innen beteiligten sich an diesen Lesungen, die über viele Wochen hinweg täglich und schließlich – bis zum endgültigen Ende der rechten Koalition – immer an den Donnerstagen stattfanden. Vorgetragen wurden nicht nur aktuelle Texte der teilnehmenden Literat*innen (2), sondern beispielsweise auch Texte von Fritz Grünbaum, Rosa Luxemburg oder Hugo Bettauer sowie Zeitungsartikel aus der Zwischenkriegszeit. Hohe Wellen schlugen vor allem die Lesungen aus den Prozessprotokollen zum Tod von Markus Omofuma.

Organisiert und ins Leben gerufen hat El Awadalla – die vor ihrer Tätigkeit bei der Ö.D.A. unter anderem Kassierin im WUK (1983–1984) und Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Schreibender Frauen (1979–1987) war – vieles. Einiges davon ist uns heute so selbstverständlich und wohlbekannt, dass wir uns keine Gedanken mehr über die Ursprünge machen. Wie zum Beispiel das 1. Wiener Lesetheater.

Oder auch der Lise Meitner Literaturpreis, der 1994 anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Frauenreferates der Hochschülerschaft an der Technischen Universität gegründet wurde. Awadalla, die damals Sachbearbeiterin im Frauenreferat war, erinnert sich: „Wir hätten auch ein riesiges 10-Jahres-Fest feiern können, aber das wäre am nächsten Tag wieder vorbei gewesen.“(3) Der Literaturpreis – eine Idee von Awadalla, die im Team gut ankam – blieb. Alle zwei Jahre gab es eine neue Ausschreibung, alle drei Wettbewerbe folgte (dank Helga Gartner, die sich um die Finanzierung kümmerte) eine Publikation, die den Beweis antrat, dass Female Science Faction – so der Titel der ersten Anthologie (4) – ein überaus spannendes Feld in der Literatur ist und vor allem, dass Frauen in punkto technisches Wissen den Männern in nichts nachstehen. Selbstverständlich war diese Denkweise Mitte der 90er-Jahre noch lange nicht – ganz im Gegenteil. Noch im Jahr 1995 (!!) war es den Studentinnen des Bauingenieurwesens nicht erlaubt, bei einer verpflichtenden Lehrveranstaltung den Arlbergtunnel zu betreten – sie mussten draußen auf ihre männlichen Kommilitonen warten.

Der Lise Meitner Literaturpreis wurde voriges Jahr, nach 26-jährigem Bestehen, mit einer letzten Preisverleihung zum Abschluss gebracht.

Noch lange nicht zum Abschluss gebracht wird hoffentlich die Herausgabe des Morgenschtean. Dass es unsere Dialektzeitschrift überhaupt noch gibt, ist ebenfalls El Awadalla zu verdanken. 2002 – vier Jahre nachdem die Herausgabe wegen finanzieller Probleme eingestellt hatte werden müssen – erschien endlich wieder eine Nummer. Und falls sich jemand wundert, was das „U“ in den Ausgaben-Bezeichnungen des Morgenschtean bedeutet (momentan planen wir gerade die Nummer U68-69): U kommt von Uhudla.

„Der Max Wachter (Anm. Gründer des Uhudla) hatte damals die Idee, den Morgenschtean als Beilage zu machen. Also haben wir die Zeitung im Stil vom Uhudla gestaltet, damit das dann zusammenpasst. Das war schon super, weil wir so eine viel größere Reichweite hatten. Der Morgenschtean hat sich in der Zeit bis zu 12.000 Mal verkauft.“(3)

„Ich bin keine Intellektuelle. Ich schreibe, ich veranstalte.“ (1) Das sagte El Awadalla über sich selbst in einem Gespräch mit Marietta Böning (Der Standard) anlässlich der 150. Widerstandslesung im Jahr 2003. Leser*innen, die uns bis hierher gefolgt sind, werden ahnen, dass hinter den harmlosen Worten „Ich veranstalte“ ein ganzes Universum steckt. Und wenn schon kein Universum, dann zumindest eine Galaxie.

Nehmen wir einen weiteren Stern. Zum Beispiel das Ohrwaschl. 2006, als der 6. Bezirk die ansässigen Vereine, Organisationen und Künstler*innen aufrief, sich etwas zum Thema „6. Sinn“ zu überlegen, ließ sich El Awadalla (damals Präsidentin der Ö.D.A.) kein zweites Mal bitten. Per Los wurden Partnerschaften mit Teilnehmenden aus anderen Bezirken gebildet – die Ö.D.A. hatte das Glück, eine Zusammenarbeit mit Veit Aschenbrenner Architekten zu „gewinnen“. Entstanden ist schließlich die begehbare Installation SprachSpiel HörGang, die am Fritz-Grünbaum-Platz (vor dem Haus des Meeres) aufgebaut wurde. Ausgehend von vier Dialektgedichten, die sich im Inneren der Installation befanden – zwei von Friedrich Achleitner, eines von Markus Köhle und eines von El Awadalla selbst – waren die Besucher*innen aufgefordert, eigene Werke zu hinterlassen. Die gespendeten Texte wurden regelmäßig eingelesen, auf CD gebrannt und in der Installation abgespielt. (5)

Nach dem Abbau fand El Awadalla es zu schade, das Ohrwaschl einfach wieder zu vergessen. Deswegen wanderte das Projekt weiter – zur Urania, zu den O-Tönen im Museumsquartier und schließlich noch zum Höfefest in Sankt Pölten. Die Finanzierung der kam zu einem großen Teil von Awadalla selbst. („Ich hab damals ein bisserl was von meiner Million hineingesteckt.“(6))

Das Projekt wurde ein Erfolg – unzählige Menschen hinterließen Texte und Zeichnungen. Auch mehrere Live-Lesungen gab es, ein besonderes Highlight war die Lesung von Andreas Nastl für Gehörlose, der mehr als 200 Besucher*innen beiwohnten.

Apropos Gehörlose. Springen wir ein paar Sterne weiter in Awadallas Galaxie, dann stoßen wir auf den Gebärden-Slam. 2013 fand er das erste Mal statt. „Ich hab einfach mal getan“(3), erinnert sich Awadalla. Bei den Veranstaltungen in den Jahren 2014 und 2016 (insgesamt fand der Gebärden-Slam drei Mal statt) hatte sie dann Helene Jarmer (Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbunds) und die Grüne Bildungswekstatt an ihrer Seite. (7)

Und wenn wir schon beim Slammen sind: Kennen Sie den legendären Dialekt Poetry-Slam Wos host gsogt? (8) Auch dieser von Günter „Tschif“ Windisch moderierte Slam im Tschocherl wurde von El Awadalla mit ins Leben gerufen – sie selbst trat etliche Male mit ihren U-Bahn-Dialogen und anderen Dialekttexten auf.

Ach ja. Und noch einen Slam gibt es, für den El Awadalla verantwortlich ist. Der Bus-Bim-Slam (9) fand von 2012 bis 2014 immer im Juni an diversen Verkehrsknotenpunkten in den 23 Wiener Gemeindebezirken statt und machte den Gehsteig zur Bühne. Gelesen wurde am 1. Juni im 1. Bezirk, am 2. Juni im 2. Bezirk, u.s.w. Die „Bühne“ stand für alle offen, die mitmachen wollten, geslammt werden durfte bis zum Eintreffen des nächsten Verkehrsmittels, danach war der*die nächste Poet*in dran.

Und dann gäbe es da noch die Litera Tour: Ein Lesungs- und Musikabend, den die Ö.D.A. jedes Jahr gemeinsam mit der Straßenzeitung Augustin veranstaltet. (10) Auch diesen hat El Awadalla mitinitiiert.

Und …. nun, einige Dinge mehr würden uns schon noch einfallen, die es ohne ihr (Mit-)Tun nicht gäbe bzw. gegeben hätte. El Awadalla gehört eindeutig nicht zu den Menschen, die lange über Ideen sprechen, viel lieber schreitet sie entschlossen zur Tat.

Darum wussten wir auch , dass sie es ernst meinte, als sie 2016 als unabhängige linke Kandidatin Unterstützungserklärungen für die Bundespräsidentenwahl sammelte und den Österreichischen Wähler*innen mitteilte: „Ich möchte als Bundespräsidentin gern einen Poetry-Slam, eine Kellerlesung oder eine Ausstellung von Hobbymalern und Hobbymalerinnen eröffnen.“ (11) El Awadallas Video-Rede war übrigens im Dialekt. Leider fehlten am Ende 500 Unterstützungserklärungen (von 6.000 benötigten), um sich der Wahl stellen zu können.

Schert euch nicht um die Meinung der Leute, steht zu euren Ideen, zu euren Texten, zu eurer Sprache. Seid selbstbewusst, bleibt authentisch, nehmt euch kein Blatt vor den Mund und schaut kritisch auf diese Welt – das sind die Werte, die El Awadalla jungen Autor*innen (und vielen anderen Menschen) mit auf den Weg gibt. Sie selbst hat sich jedenfalls nie ein Blatt vor den Mund genommen. Nicht als Angestellte, nicht als ÖDA-Präsidentin, nicht als linke Politikerin und Aktivistin und schon gar nicht als handelnder Mensch. Während der sogenannten „Flüchtlingskrise“ im Jahr 2015 war sie eine der ersten, die sich ins Auto setzte und nach Ungarn fuhr, um Geflüchtete abzuholen.

El Awadalla – Die Schriftstellerin

Auch als Literatin lässt sich Awadalla – die schon auf vielen großen und kleinen Bühnen innerhalb und außerhalb Österreichs stand (unter anderem in Liechtenstein, der Schweiz, Südtirol und Ungarn) – nicht pressen. Nicht die Verkaufszahlen oder Slam-Platzierungen sind es, die sie interessieren, sondern der Blick auf die Randzonen unserer neoliberalen Gesellschaft. Vielleicht kommt das daher, dass sie als Burgenländerin schon sehr früh sehen musste, was selbst viele Erwachsene nur schwer aushalten: nämlich Grenzen, die mit Maschinenpistolen verteidigt werden. So etwas prägt.

Die Grenzen waren immer Dreh- und Angelpunkt Awadallas literarischer Auseinandersetzung und sie werden es auch bleiben. Nicht nur die geografischen, die willkürlich gezogen werden, sondern auch jene, die sich in den Städten und Dörfern zwischen den Menschen und auch im Menschen selbst auftun. (12) So sprachverspielt ihre Tiergedichte (13) auf den ersten Blick daherkommen, so lustig ihre U-Bahn- und Krankenhausdialoge (14) anmuten möchten, so humorvoll und liebevoll selbst ihre Geschichten „vom kommen und überleben“ (15) sind – Awadallas Texten liegt stets der schonungslose Blick auf unsere Gesellschaft zugrunde. Experimente, so ist die Autorin überzeugt, dürfen niemals dazu dienen, „vor lauter Wortspielerei an einem möglichen Inhalt elegant vorbeischauen (zu) können“.(1)

Awadalla ist eine grandiose Beobachterin – sie sieht und hört ganz genau hin. Das macht sie zu einer Art Seismograph unserer Gesellschaft. Ihre Prosa ist knapp und präzise formuliert, sie transportiert Inhalte und Sachverhalte. Die eigentliche Handlung spielt sich in den Leerräumen dazwischen ab – und natürlich in den Dialogen, die direkt aus dem Leben kommen und daher auch den Dialekt der Sprechenden authentisch abbilden.

Awadallas Literatur macht Spaß, sie rüttelt aber auch auf. Umso schöner, dass man das in der Jury des Leo Perutz Preises zu würdigen weiß – voriges Jahr schaffte es die als lustvoller Krimi verpackte, schonungslose Mileustudie „Zu viele Putzfrauen“ (16) auf die Shortlist. Schade, dass ausgerechnet nach Erscheinen dieses Buches im Frühjahr 2020 so viele Lesungen abgesagt werden mussten (und noch immer müssen).

Und wie schön wäre es jetzt, gemeinsam ein rauschendes Fest zu feiern und El Awadalla Danke sagen zu können. Danke für deinen Einsatz, Danke für deine Kraft und deinen Mut, den du nicht nur, aber auch während deiner zwölfjährigen Tätigkeit als Präsidentin immer aufgebracht hast, um die kritische Dialektliteratur abseits der großen Bühnen ins Rampenlicht zu rücken. Danke für deine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit im Verein und ein großes Dankeschön für die engagierte Übergabe an den jetzigen Präsidenten Andreas Plammer, der in guter Tradition versuchen wird, die Ö.D.A. weiterhin durch stürmische Gewässer zu lenken und mit seinem Team für Offenheit und Solidarität einzustehen.

Liebe El,

Die Ö.D.A. ist stolz, dich als aktives Mitglied wissen zu dürfen, und wir alle hoffen, dass es noch viele gemeinsame Lesungen in der Zukunft geben wird.Und wenn es dann wieder möglich ist, feiern wir gemeinsam ein (den Corona-Maßnahmen entsprechendes) rauschendes Fest – mit Lesungen, Musik und hoffentlich wieder einigen möglichen Umarmungen.

(Text: Margarita Puntigam-Kinstner)

*******************

El Awadalla

ist Redaktionsmitglied des Morgenschtean. Seit 1992 ist sie Vorstandsmitglied, von 2001 bis 2013 war sie Präsidentin der Ö.D.A.
Geboren wurde sie am 31.3.1956 in Nickelsdorf / Burgenland, seit 1975 ist sie in Wien wohnhaft.

Letzte Veröffentlichungen:

  • Zuviel Putzfrauen, Milena 2020
  • gemeinsam mit Dhia Ali: good luck – good bye – vom kommen und überleben. ein tagebuch aus der willkommenskultur, sisyphus Verlag 2018
  • Seawas, bist a krank?, Milena 2014.
  • Seawas, Grüssi, Salamaleikum. Tiefe und tiefgründige Dialoge in der U-Bahn, Milena 2012.

QUELLEN UND WEITERFÜHRENDE LINKS

  1. El Awadalla in einem Gespräch mit Marietta Böning (Der Standard) und Traude Korosa im September 2003 anlässlich der 150. Widerstandslesung.
    https://www.derstandard.at/story/993687/150-widerstandslesungen
  2. Einige der vorgetragenen Texte erschienen 2004 in der Anthologie „…BIS SIE GEHEN – 4 Jahre Widerstandslesungen“, Hg. von El Awadalla und Traude Korosa im SISYPHUS-Verlag (>Link zum Buch)
  3. El Awadalla im Gespräch mit Margarita Puntigam-Kinstner am 30.3.2021
  4. Female Science Faction > Link zum Buch
  5. Fotos der Installation SprachSpiel Hörgang auf >>https://www.world-architects.com
  6. El Awadalla im Gespräch mit Margarita Puntigam-Kinstner am 30.3.2021 (Anmerkung: El Awadalla war 2005 Gewinnerin der Millionenshow mit Armin Assinger.)
  7. 2. Gebärdenslam auf YouTube
  8. You Tube Video vom Dialekt-Poetry Slam „Wos host gsogt?“ im Tschocherl
  9. WordPress-Seite des Bus-Bim-Slams
  10. Im Corona-Jahr 2020 fand die Litera Tour online statt (> zum Video)
  11. Das Zitat ist auf der Homepage der Autorin http://www.awadalla.at zu finden. El Awadallas Video-Rede finden Sie ebenfalls dort.
  12. El Awadalla und Beatrice Simonsen im Gespräch am 14. Jänner 2015 in der Ö.D.A., Wien. zum Link >>http://www.kunstundliteratur.at/el-awadalla-interview
  13. Link zum Gedicht lama-drama (aus „fo de fiicha und de ruam“, sisyphus 2008)
  14. SEAWAS, GRÜSSI, SALAMALEIKUM – Tiefe und tiefgründige Dialoge in der U-Bahn, Milena 2014 >> Link zum Buch | SEAWAS, BIST A KRANK? – Tiefe und tiefgründige Dialoge im Kankenhaus, Milena 2014 >> Link zum Buch
  15. good luck – good bye – vom kommen und überleben. ein tagebuch aus der willkommenskultur (gemeinsam mit Dhia Ali), sisyphus Verlag 2018>> Link zum Buch
  16. Zuviel Putzfrauen, Milena 2020 >> Link zum Buch

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