Ich schreib`s einmal runter. Dann les ich’s durch, streich herum und dann schreib ich `s noch einmal rein. Und wenn`s dann nicht stimmt, schmeiß ich ’s weg.
Interview mit H. C. Artmann vom 11.11.1969 über seine Dialektdichtung und die Niederschrift des Wiener Dialekts
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Warum Literatur? …weil die Welt des Wortes eine einzigartige Wirkkraft besitzt Brücken zu bauen. …weil Literatur unsere Kommunikation und Welt (ab)bildet. …weil Sprache Verbindungen schafft zwischen Utopie und Realität. …weil sie ein Fingerzeig sein kann und ein gesellschaftlicher Seismograph. …weil es mindestens tausend Gründe für sie gibt und mir kein Warum einfällt für eine Welt ohne Literatur (Ganz nach dem Motto „Keine Lyrik ist auch keine Lösung“ des Verlagshaus Berlin). Aber vielleicht antwortet mensch am besten auf diese Frage mit der schlichten Antwort: …weil Literatur kann und weil Literatur ist.
Warum Dialektliteratur? Sogenannte Dialektliteratur kann sich anfühlen, als würde die Sprache mit mehr Tiefe beschenkt, als würde eine Dimension zusätzlich geöffnet werden. Manchmal scheint es mir, als würden die Verse wortwurzelgestärkt innerlich an Leuchtkraft gewinnen. Ein Bonus fürs Lesen und Schreiben. Zudem, wer zieht die Grenzen zwischen Sprache und Dialekt? Mich hat die Aussage von Max Weinreich „Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine“ nachhaltig geprägt und Fragen hinterlassen. Wieso die Hierarchisierung, wieso die Gegenüberstellung oder gar der Ausschluss? Wieso nicht ein gemeinsames ineinander-Schreiben, von-einander-Lernen? Diese Fragen kommen auch in meinem derzeitigen Dialektprojekt zum Ausdruck.
Gibt es Vorbilder? Die Antwort hängt davon ab, wie mensch Vorbilder definieren mag. Mit Hero*innengeschichtsschreibung oder Held*innenbildung habe ich meine Probleme. Definiert mensch Vorbilder als Bilder von Wesen im Kopf, die einen/mich beeinflussen, dann gibt es unzählige Vorbilder. Von meiner Oma bis zu Selma Meerbaum-Eisinger, von H. C. Artmann bis zu meiner Lieblingshündin, von der lächelnden Frau gestern auf der Straße bis zu Mechthild von Magdeburg.
Was liest du gerade? Das ist eine der schwersten Fragen (;-)), genauso gut könnte mensch fragen, wie viele Sandkörner spürst du unter deinen Füßen am Meer. Ich kann hier nur eine Auswahl wiedergeben: Eine Auswahl, die momentan auf meinen Tischen liegt: – Max Sessner: Das Wasser von gestern, Edition Azur 2021. – Barbara Hundegger: schreibennichtschreiben, Skarabäus Verlag 2009. – Tamer Düzyol & Taudy Pathamanathan (Hg.): haymatlos, edition assemblage 2018.
An welches Ereignis denkst du besonders gerne zurück? Aus meiner jüngsten Vergangenheit: An meine zwei letzten Lesungen mit realem Publikum. Mir fehlen nämlich momentan die aufmerksamen Augen, in die mensch blicken darf! Online-Lesungen kommen – bei allen Vorteilen und erhebenden Momenten – manchmal doch einer Pizzalieferung gleich: Du stellst dein Produkt vor eine verschlossene Tür und hoffst, dass es schmeckt. Aus meiner älteren Vergangenheit würde ich als erinnerungsträchtiger Mensch nicht fertig werden mit Aufzählungen.
Woran arbeitest du derzeit? Auch hier ist es nur eine Auswahl meines Arbeitsstapels am Schreibtisch (ich bin eine klassische Parallelarbeiterin): Ich arbeite an meinem ersten eigenständigen Gedichtband mit dem Arbeitstitel „azur ton nähe“. Auch liegen die Vorbereitungen für die Lyrik-Schreibwerkstatt, die am Institut für narrative Sprachkunst stattfinden wird, auf meinem Schreibtisch. (Mehr Informationen unter: https://www.ink-noe.net/?SEITE=Sommersemester&pid=11196901905fd8bc66a9004) Zudem entsteht ein oben erwähnter Dialektzyklus und ein interaktiver Gedichtzyklus „angsträume“, der in einer Ausstellung im April gezeigt wird und Mitte März online mitnachvollziehbar sein wird (https://angstwirdpoesie.wordpress.com).
Geboren 1939 im Burgenland, lebt in Wien und Niederösterreich. Er studierte Industrial Design an der Angewandten in Wien (Mag. art.) und ist Mitbegründer des Instituts für Soziales Design; zahlreiche Publikationen im Bereich Sozialforschung und Gestaltung. Er verfasst Lyrik, Kurzprosa sowie visuelle Poesie, publiziert in Zeitschriften (z. B. Morgenschtean) und Anthologien, veröffentlichte mehrere Bücher und CDs auch im Wiener Dialekt (z.B. bei Residenz Verlag, Edition Doppelpunkt, Mandelbaum Verlag, Edition Lex Liszt12, Edition Roesner). Seit Jahren überträgt er Gedichte und Lieder des schottischen Nationaldichters Robert Burns in den Wiener Dialekt.
Mitgliedschaften: Österreichischen DialektautorInnen und -archive, IG Autorinnen-Autoren, GAV sowie Ehrenmitglied der Robert Burns Society Austria.