Geboren 1971 in Mödling, aufgewachsen in Baden bei Wien. Schreibt seit Jahrzehnten kleine Gedichte und Liedertexte für den Privatgebrauch.Songtexter-Workshops bei Heli Deinboek, Stefan Slupetzky und Jimmy Schlager. Veröffentlichungen in DUM-Dialektausgaben. Lebt mit Mann und Tochter in Baden, arbeitet als Bilanzbuchhalterin und Personalverrechnerin in einer Steuerberatungskanzlei in Sooß bei Baden.
zuletzt aktualisiert 2024
Literarische Beiträge von Angelika Woskafinden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U80-81/2024
Lebt und schreibt in Wien. Lebensmittelpunkt war die Stadt schon früh, wobei die Kindheit vor den Toren der Stadt einen starken NÖ-Einfluss hinterlassen hat, aber leider wenig Dialekt. Die Mundart musste sich beim Heranwachsen erst stückchenweise erarbeitet werden.
B. Jetschko schreibt Kurzgeschichten und Drehbücher in Dialekt und Hochdeutsch. Mehr auf: b-jetschko.at
Zwischn Kalifornien und Hawaii da soll a grouße Insel sei. Mechst mit mia amoi da hin?
Waa unvergesslich, ah für dih! Wearst hiazt sagn: »Was soll dö Frag! Sicher, is doh beste Lag!« Guat, ih zoag dir was, kimm mit schau, wos d Insel oaissi biet:
Grouß wia viermal s deutsche Land. Plastikfloschn – ohne Pfand, Zehn Meta tiaf türmt sih da Müll, s Klima dort is mächtig schwül, Neylonsackerl, Sisalschnia, dö bsundre Roas vagessats nia.
Mittn draußt am Ozeo, wachst an neuche Insel an, halt gewiss a poor hundert Joahr, des Lem im Meer wird friara goa!
1956 im Gasthaus mit Bauernhof in Stillebach im Pitztal geboren und dort mit sechs Geschwistern und vielen Gästen aufgewachsen. Neugier und Phantasie wurden die Auswege aus der Enge des Tales, Schulbildung in Internaten war auf jeden Fall bestimmend für ihre Sicht von Menschen und Welt. Als Lehrerin wollte sie immer schon arbeiten und fand bis zu ihrer Pensionierung in den Fächern Deutsch, Geschichte und Religion Erfüllung und Spannung. Als Mutter von vier Kindern, Großmutter und Frau des Dorfschmieds waren ihr Frauen-, Dorf- und Naturthemen wichtig geworden. Das Schreiben entwickelte sich von Gelegenheits-Texten zur Kurzprosa und lyrischen Texten in Dialekt und Schriftsprache. In der Sprache ihrer Kindheit, dem Pitztaler Dialekt, findet sie wesentlichen Ausdruck. Politische Betrachtungen in gereimter rhythmischer Form ergeben spannende Wortspielereien.
zuletzt aktualisiert 2024
Literarische Beiträge von Angelika Praxmarerfinden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U40-41 / 2014
Literatur von Angelika Praxmarer auf unserem Blog:
Wiener. Schauspieler und Trauerredner. Verheiratet, 2 Söhne. 5 Katzen halten die Familie auf Trab. Hobbies: Schreiben, Laufen, Streetfotografrie, Schnitzen, Objektkunst.
*1963 verheiratet, mutter von vier kindern, lebt in Imst mitglied der oberländer literaturplattform „wortraum“ lesungen im rahmen der kunststraße Imst mitautorin von „Reifes Korn keimt aufs Neue“ veröffentlichungen in den österreichischen literaturzeitschriften „DUM“, Morgenschtean und etcetera
Literarische Beiträge von Brigitte Thurnerfinden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U80-81/2024 U86–87/2025
noch keine Literatur von Brigitte Thurner auf unserem Blog
Ålso i håb mein persönlichn Klimawåndl schon hinta mia. Wår nit so schlimm – für mi hålt. Wias für di åndan woar, kånn i nit så:gn. Åba es redn no ålle mit mia. Åba hiatz is Muatta Erdn im Klimawondl und mia samma schuld. Wemma mia nua a bisale weniga umafliagn tatn und a bisale weniga hatzn tatn, war guat, så:gn se. Då werd ma ha:s! Freilich sollt ma ålle mitanond nit går aso wiastn. Mias ma wirklich ålles hå:bn, wås åndare hå:bn? Mias ma wirklich ålles tuan, wås åndare tuan? De Klimaleugna håbn jå a recht, wenn se så:gn, des werma nit ändan kennan, solång de Industrie und de Wöltmächte und Großkonzerne sovü:l Dreck må:chn in da Luft. Do werma mia på:r Östareicha di Wölt nit rettn. Klimawåndl håts ållweil schon gebn, Gletscha sand fri:ra a schon gschmolzn. Des si:gt ma, wenn do hiatz Bama und Hinige, wia da Ötzi, ausa a:pan aus:m Eis. Und vüle så:gn, wånns wärma werd, brauchnd se weniga hatzn und weniga in Urlaub fliagn, weil do ises ba uns a sche:n wårm. Då werd ma ha:s! Freili håbts es recht, åba den letztn Klimawåndl, de Muatta Erdn ghobt håt, håben anige Årtn nit ibalebt. Und seima uns ehrlich, mia Menschn seind a nit sehr ånpassungsfähig. Freilich kånn i aufs Schneeschaufln gern va:zichtn, aufs Eiskråtzn am Auto a. Åba i mechat nit umanondla:fn bei uns, wånn de Luft voll is mit Insektn, so groß wia Taubn, da Gårtn volla Wualtschker, riesige Å:masn und giftige Beißwürm. Auf de Berg aufesteign brauchst dånn a neamma, weil de ke:mman oba ins Tål. Ållweil Bådewetta manst? Wo werst denn noachand bådn gehen, wånn da See lei mehr a dreckate, lauwårme Låkn is und da Båch a neama rinnt? Oba i vasteh de Leit, wånn se så:gn: mia ke:mma nix dagegn tuan. Weil de, wås eps tuan khe:ntn, de:nnan is es wuarscht. Solang de a Geld vadi:nan und guat vaka:fn, wånn se Pickalan auf se:nane Såchn klebn: »klimafreundlich produziert« »klimaneutral« und åndare Augenauswischatexte. Und ålle derwegn no des blede Plastikgschreapach und de teppatn Stromfressa ka:fn. Då werd ma ha:s!
Wonn so e klons Vieh sich abmecht un rumwälzt weil en sei Fell juckt des arm Vieh en schlimme Ausschlag hot ’s kratzt sich dabbich un schleckt un butzt un beißt sich selwer un’ s grummelt un grunzt un werd gonz bees un donn kummt aa noch en Omer Wasser un en Tritt, dass es grad so durch d’ Gegend fliegt des arm Vieh … Stell dir vor: des Vieh isch die Erd un de Mensch sei Krätz.
Ein Schreibtisch mit einem riesigen Bildschirm – das ist das Erste, was ins Auge sticht, wenn man das Zimmer von Traude Veran betritt. Im Jänner hat die Schriftstellerin ihren neunzigsten Geburtstag gefeiert, jetzt besuche ich sie in ihrer freundlichen kleinen Wohnung im Seniorenwohnheim auf der Wieden. Eine prachtvoll blühende Orchidee am Fenster, auf dem Bett liegt schon das Plakat für die Literaturvitrine bereit, die Veran gemeinsam mit einer anderen Bewohnerin jede Woche neu gestaltet. »Ich schaue, dass am Abend immer alles bereitliegt«, verrät mir die Autorin schmunzelnd. »In meinem Alter weiß man ja nie, was der nächste Tag bringt.«
Wir nehmen an einem Tisch Platz, auf dem eine elegante schwarze Teekanne bereitsteht. Verans Hände zittern ein wenig, als sie mir vom Tee einschenkt. Dass sie ihre zweite Leidenschaft, das Fotografieren, leider aufgeben musste, erzählt sie mir. »Für meine Lichtbildvorträge suche ich mir das Material jetzt meist aus der Bücherei zusammen. Die hat ja zum Glück viel zu bieten.« Manchmal gestaltet Veran noch einen solchen Vortrag – für ihre Mitbewohner:innen und andere Interessierte. Im Haus Wieden freut man sich über ihr Engagement. »Dass ich mich gern mit dem Grätzl, in dem ich lebe, auseinandersetze, hat begonnen, als ich noch im Haus Rossau in der Seegasse gewohnt habe. Dort habe ich von meinem Fenster aus direkt auf den jüdischen Friedhof geblickt. Ich wollte damals unbedingt mehr über seine Geschichte herausfinden.« Aus Verans privaten Recherchen wurde schließlich ein Buch. »Das steinerne Archiv – Der Wiener jüdische Friedhof in der Rossau« [1] erschien erstmals 2002 im Mandelbaum Verlag, vier Jahre später folgte die überarbeitete Zweitauflage.
Auf beinahe dreißig literarische Veröffentlichungen kann Veran zurückblicken, außerdem auf zahlreiche Fachpublikationen, Sachbücher und Übersetzungen. Breitet man ihre Bücher auf einem großen Teppich aus, so wie ich das gestern getan habe, fällt sofort die Vielfältigkeit und auch die Experimentierfreudigkeit der Autorin auf. Mein Koffer ist mittlerweile ziemlich schwer – zu Hause in Graz will ich mich nämlich näher mit Verans Werk befassen. Heute jedoch möchte ich Traude Veran persönlich kennenlernen. Es ist nicht nur die Schriftstellerin, die mich interessiert, sondern auch die Psychologin und Sprachwissenschaftlerin, die für zwei Errungenschaften verantwortlich war, die mein eigenes Berufsleben als Pädagogin geprägt haben. Erstens: Das Integrationsgesetz für Schulen aus dem Jahr 1993, an dem sie federführend mitwirkte. Zweitens: Die Rechtschreibreform, die 1996 in ihrer ersten Form umgesetzt wurde, und bei deren Einführung sie sich beteiligte.
Die Kraft der Worte
Wenn du 1934 als Mädchen zur Welt kommst, ist dein Weg so gut wie vorgezeichnet. Deine gesamte Erziehung dient nur einem Zweck: Du sollst einen braven Mann finden, am besten eine gute Partie. Traude Verans Kindheitsjahre fielen in die Jahre der Nazi-Ideologie. Der große, der abscheuliche Krieg, der die Welt entmenschlichte. Vielleicht, denke ich, waren die fiktiven Geschichten ein bisschen wie ein unbeobachteter Schlupfwinkel, in den sich die kleine Traude zurückzog. Doch das Mädchen behält seine Phantasie nicht für sich, es lässt die anderen Kinder teilhaben. »Die Stimmung in den Luftschutzkellern war eine sehr bedrückende. Jeder hatte Angst und die Kleinen haben natürlich viel geweint. Meine Geschichten haben die Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt. Die Kinder sind an meinen Lippen gehangen, dafür waren mir die Mütter dankbar. Ich weiß nicht, ob den Erwachsenen meine Geschichten genauso gut gefielen wie den Kindern, aber sie haben mir aufmerksam zugehört. Vielleicht wollten sie aber auch einfach nur sichergehen, dass ich keinen Blödsinn erzähle«, erinnert sich Veran lächelnd.
Traude Veran (geb. Gertraud Kotrc) und ihre Mutter sind auf der Flucht vor den Bomben. Von Wien geht es zuerst nach Vießling in der Wachau und dann nach Krems, anschließend flüchten die beiden weiter nach St. Johann/Pongau. Das erste Gedicht, an das sie sich erinnert? »Das entstand während ich auf einem Lastwagen saß, auf unserer Flucht, mit den Tieffliegern im Rücken. Ein Gedicht über einen blühenden Apfelbaum war das. Ein schönes Gedicht eigentlich. Das war wohl der Selbsterhaltungstrieb.«
Vielleicht hatte die Flucht am Ende etwas Gutes. Zwar habe sie sich anfangs in der Hauptschule in St. Johann furchtbar gelangweilt, da ihre Klasse in Wien schon wesentlich weiter gewesen sei, im Gegensatz zu ihrer Mutter habe die Schwester ihres Vaters ihr Talent jedoch erkannt. Ihre finanziellen Zuwendungen und ihr Zuspruch ermöglichten es schließlich, dass Veran die Ausbildung zur Sozialarbeiterin machen konnte.
Im Dienste der Benachteiligten
Nach ihrem Abschluss mit Diplom bewirbt sich die junge Sozialarbeiterin bei der Kriminalpolizei. »Ich wollte Polizeifürsorgerin werden, aber ich war um zwei Zentimeter zu klein für den Polizeidienst. Dass ich auch anderswo keine freie Stelle gefunden habe, hat schließlich dazu geführt, dass ich begonnen habe, Psychologie zu studieren. Das war ja eigentlich gar nicht so geplant.« Während des Studiums arbeitet Veran im psychologischen Labor einer Psychiatrie sowie auch, zwei Jahre lang, in der Privatpraxis einer Kinderpsychologin, wo sie die Arbeit mit legasthenischen Kindern kennenlernt. »Dort gefiel es mir sehr. Für meine Dissertation musste ich zu Forschungszwecken allerdings wieder zurück in den psychiatrischen Bereich. Unter anderem habe ich auch in Steinhof geforscht, und zwar mit Schlaganfallpatient:innen, deren Sprachzentrum so beeinträchtigt war, dass man sie auf den ersten Blick für minderbegabt gehalten hätte. Wenn man sich aber Zeit nahm, war offensichtlich, dass sie intelligent waren und sich nur nicht artikulieren konnten.«
Diese Erfahrungen prägen die Studentin. Fortan wird sich Traude Veran für Menschen einsetzen, denen aufgrund einer Beeinträchtigung jene Chancen verwehrt bleiben, die für andere selbstverständlich sind. Doch ganz so geradlinig ist ihr Berufsweg nicht. »Nach meiner Promotion kam ich in einem Industriebetrieb unter. An und für sich hätte ich dort als Unterstützung des Prokuristen tätig sein sollen, es stellte sich aber bald heraus, dass ich die Allerletzte der Schreibkräfte war.« Veran schmunzelt. »Wahrscheinlich hatte man ein bisschen Angst vor meinem Doktortitel. Mein Mann und ich haben dann beschlossen, dass jetzt vielleicht die passende Zeit für mich sei, Mutter zu werden.«
Traude Verans Berufslaufbahn – sie ist ein Flickenteppich, wie der vieler Frauen ihrer Generation. Kaum wo angekommen, musste sie auch schon wieder aufhören. »Ich hatte ja bald zwei Kinder und dann noch zwei Großmütter sowie eine Urgroßmutter zu umsorgen, auch mein Mann brauchte mich sehr«, erinnert sie sich.
Veran (verh. Gertraud Schleichert) lebt mit ihrem Mann zehn Jahre in Deutschland. In dieser Zeit ist sie unter anderem auch Lehrbeauftragte an der Universität Konstanz. »Nach meiner Scheidung habe ich abermals nach einer Stelle gesucht, in Deutschland jedoch keine gefunden. Also habe ich geschaut, was es in Österreich für mich gibt.« Die Leitung der Pädagogischen Akademie in St. Pölten habe sie damals besonders interessiert. »Ich hätte die Stelle wohl auch bekommen, aber letztendlich scheiterte meine Bewerbung daran, dass ich kein Zeugnis darüber ablegen konnte, ein Instrument zu beherrschen. Und mein Klavierspiel lag damals ja auch schon 20 Jahre zurück.«
Veran schenkt uns beiden vom Tee nach und erzählt mir von ihrer ersten Zeit im Burgenland. »Damals haben sie Schulpsychologinnen gesucht. Im Waldviertel, in Vorarlberg und im Burgenland waren Stellen ausgeschrieben. Vorarlberg hätte mich durchaus gereizt, aber das Schifahren konnte ich mir als alleinerziehende Mutter nicht mehr leisten, und ohne den Schisport macht Vorarlberg doch irgendwie keinen Sinn. Im Waldviertel wiederum war es mir zu kalt.« Sie lacht. »Ich hätte mich auch für das Nordburgenland entscheiden können, aber ich habe mich sofort ins Südburgenland verliebt.«
Ein Neuanfang als Schulpsychologin also. In Oberwart, im Jahr 1976. »Die Kollegin an meiner Seite war damals noch Berufsanfängerin. Das war mein großes Glück. Erstens sah sie die Dinge schon ein bisschen anders, und zweitens brachte sie den Enthusiasmus einer Anfängerin mit. Wir waren ja nur zu zweit, ich bekam damals noch den Bezirk Jennersdorf dazu, meine Kollegin Güssing.« Die Idee, eine Integrationsklasse zu starten, habe dann bei einem Pfarrfest ihren Anfang genommen. »Auf besagtem Fest lernte ich die Sonderpädagogin Brigitte Leimstättner kennen. Ihr Freund war der burgenländische Schriftsteller Peter Wagner. Mit den beiden entstand schließlich eine Freundschaft fürs Leben. Jedenfalls haben wir uns auf diesem Pfarrfest über die Integration von behinderten Kindern in Regelschulen unterhalten, diese Klassen gab es in anderen Ländern ja schon. Und dann ergab sich schnell der Wunsch, sich das genauer anzuschauen und auch etwas in diese Richtung zu wagen.« Freilich, die Eltern der betroffenen Kinder habe man schnell für die Idee gewinnen können. Aber die anderen überzeugen? Das war in Oberwart Anfang der 1980er-Jahre eine Herausforderung. »Selbst ich galt damals nicht als ›normale‹ Mutter. Ich war geschieden; während meine Tochter bei mir lebte, ist mein 15-jähriger Sohn in Deutschland geblieben. Das haben damals viele nicht verstanden. Eine unserer Mitstreiterinnen wiederum war mit einem Nordafrikaner verheiratet. Andere Sprachen war man im Burgenland gewohnt, aber es ging doch immer auch darum, woher man kam.«
Wie schafft man es gegen alle Vorbehalte der Menschen und der Politik, die erste Integrationsklasse zu eröffnen – und am Ende sogar dafür zu sorgen, dass ein Gesetz verabschiedet wird? Traude Veran lächelt verschmitzt. »Wir haben damals einen Schulversuch ausgearbeitet. Anfangs noch sehr laienhaft, haben uns selbst mit unseren Vornamen vorgestellt. Neun Mal mussten wir den Plan insgesamt umschreiben, wobei man wissen muss, dass wir das Papier am Ende immer wegen Formfehlern zurückbekamen. Irgendwie hatten wir da schon das Gefühl: Man will das einfach nicht haben. Zum Glück war der damalige burgenländische Landeshauptmann sehr offen für neue Ideen. Und unsere Idee empfand er als besonders merkwürdig. Also hat er sich das angeschaut. Nachdem er z.B. ein hörbehindertes Kind kennen gelernt hatte, das obendrein als verhaltensauffällig galt, war er überzeugt. Also hat er sich für unsere Idee stark gemacht.«
Von der ersten Integrationsklasse bis zur Rechtschreibreform
1984 wurde in Oberwart die erste Integrationsklasse eröffnet. An dem Projekt beteiligten sich insgesamt zwei Psychologinnen, zwei Lehrerinnen sowie eine Physiotherapeutin. Und natürlich die Kinder und ihre Eltern. Bereits 1985 fand dann das erste Symposium statt, mit insgesamt 300 Besucher:innen. »Das haben eine Wirtin und eine Servierkraft für uns organisiert. Vor allem die Servierkraft muss ich hier erwähnen, sie hatte es nie leicht im Ort, war obendrein mit einem Afrikaner verheiratet. Da begegneten ihr allerlei Vorurteile, und ein behindertes Kind hatte sie dann auch noch. Die Organisation des Symposiums hat ihr Aufwind gegeben, sie hat sich richtig reingehängt, kommuniziert, Quartiere gebucht … Später dann führte sie mit ihrem Mann sehr erfolgreich eine Disco.« Bis zur Umsetzung des Integrationsgesetzes sollte es allerdings noch dauern. »Das Problem war ja vor allem, dass zu dieser Zeit die Unterrichtsminister ständig gewechselt haben. Kaum waren wir mit jemandem in guten Gesprächen, war er oder sie auch schon wieder weg«, erinnert sich Veran.
1993 war es dann endlich soweit. Die schulische Integration im Grund- und Sekundarschulbereich wurde gesetzlich verankert. Zwei Jahre später begann ich selbst als junge, noch auszubildende Pädagogin in einem Wiener Kindergarten zu arbeiten. Die erste Gruppe, in der ich mitarbeitete, war bereits »integrativ geführt«. 1995 fühlte sich das für mich an, als hätte es das immer schon gegeben. Dabei war es damals noch nicht einmal üblich, Kinder unterschiedlichen Alters in ein und derselben Gruppe unterzubringen. Viereinhalb Jahre später, Anfang 2000, wechselte ich in den Volksschulhort. Mittlerweile waren Integrationsgruppen der Standard. Was jetzt neu für mich dazukam: Um den Kindern bei ihren Hausübungen helfen zu können, brauchte ich wieder den Duden. Die große Rechtschreibreform, die 1996 eingeführt wurde – auch an ihr hat Traude Veran einsatzfreudig, aber leider ohne große Gestaltungsmöglichkeiten, mitgewirkt. »Meine Zeit im Burgenland endete, als meine Mutter an Demenz erkrankte. Irgendwann war klar, dass ich sie nicht mehr so lange allein lassen konnte, also musste ich zurück nach Wien«, erinnert sich Veran.
Wieder eine neue Station – und wieder wird Veran ihre Fußabdrücke hinterlassen. Eine zufällige Begegnung mit Prof. Ernst Pacolt und ihre Frage, wie es denn mit der Rechtschreibreform vorangehe, bewirkte, dass man sie selbst mit ins Boot holte. »Ich hatte durch mein Studium der Sprachpsychologie und Linguistik ja eine Ahnung von der Materie, und durch meine Arbeit mit Kindern, die eine Rechtschreibschwäche hatten, konnte ich auch den praktischen Aspekt gut einschätzen.« Heute meint Veran schmunzelnd: »Hätte es die DDR damals noch länger gegeben, wäre die Reform wahrscheinlich schneller durchgesetzt worden. In der Schweiz und in der DDR war man der Reform gegenüber nämlich am meisten aufgeschlossen.«
Die Literatur der Traude Veran
Kann man die Schriftstellerin von der Psychologin und Sprachwissenschaftlerin trennen? Jedes Werk sollte natürlich auch immer für sich stehen dürfen – ohne dass Lesende sich mit der Biografie der Verfasserin auseinandersetzen müssen. Verans Gedichte sind selbsterklärend. Da gibt es die »Pendlerlieder«[2], die in jener Zeit entstanden, als Traude Veran im Burgenland arbeitete. 2005 erschien »Gras gesät auf den Asphalt. Gedichte aus dem Berufsleben«[3]. »Das war dann schon zu einer Zeit, als mir ein bisschen die Luft ausging«, gesteht Veran. Dazwischen veröffentlicht sie unter anderem Gedichte über die Liebe (»Efeublüten«[4]), Gedichte aus Namensanagrammen (»Letternfilter«[5]) oder auch Collagen aus der Tageszeitung »Der Standard« (»standART«[6]). 1997 erscheint »So gern ich Wien hab – an sich«[7], ein Jahr später folgt »Vertrackte Kontakte. Limericks aus Wien«[8]. Beide Bände, die von Hermann Serient illustriert wurden, sind ein wunderbar sprachverspielter, aber auch sozialkritischer Streifzug in das Wien am Ende des vorigen Jahrtausends. Anfang der 1990er-Jahre gründet Veran gemeinsam mit Petra Sela die Edition Doppelpunkt, in dieser Zeit entstehen auch erste literarische Einzelpublikationen.
Verans Sprache wird selbst im Dialekt niemals wirklich derb. »gee nebm mia und sei schdüü / i biddi sog nix / ollaweu de rederei / gee nebm mia üwad schdrossn /und schau ob ka auto kummd / und hoidmi zuck waun ans kummd« beginnt eines ihrer Gedichte in »So gern ich Wien hab – an sich«. Es sind Gedichte, deren Inhalt sich erst nach und nach entfaltet – man weiß nicht immer gleich, was die nächste Zeile bringen wird. Da geht es etwa um die Angst, fortgeschickt zu werden. Um die Einsamkeit, wenn man nach Hause kommt und über die Patschen fliegt, die einem am Morgen von den Füßen gerutscht sind. Aber auch um die Wiener Gassennamen geht es, und auch politische Gedichte finden sich in dem Band, der nicht nur neue, sondern auch die älteren Texte von Veran zusammenfasst.
1998 folgt der Band »Mein Gott Österreich. politische Lyrik und subversive Monologe«[9]. In dem Buch findet sich unter anderem eine – 1983 verfasste – Antwort auf Ernst Jandls »schtzngrmm«. Nicht lustig sei es für sie, nicht lautmalerisch, meint Veran in ihrer Replik »es erinnert mich an die sauberen knochen / die wir weggeschleppt haben / aus dem schubertpark / aus dem aushub von splittergräben«. 1999 dann die nächste Sammlung mit politischen Gedichten (»Gegenstimme«[10]). Veran nimmt sich in ihrer Lyrik kein Blatt vor den Mund. Sie schreibt dagegen, »wenn zackige lieder / einigkeit demonstriern«[11], auch macht sie sich Gedanken über Unterschiede im Sprachgebrauch, in dem 1988 zwar etwa schon von »UNSEREN jüdischen MITBÜRGERN« die Rede war, aber noch immer von »behinderten MENSCHEN«, während man »im Zusammenhang mit dem Adjektiv SLOWENISCH« die Ausdrücke »MITBÜRGER, MITMENSCH oder MENSCH« in Kärnten kaum hörte[12]. Die meisten von Verans politischen Gedichten sind noch immer noch von großer Relevanz – gerade heute, gerade jetzt, wo wieder von der »politischen Mitte« gesprochen wird, der Veran bereits Weihnachten 1984 ein Gedicht widmete[13].
Der Dialekt bzw. die Wiener Färbung sind Teil von Verans Schreiben. Man findet sie in ihren frühen Gedichten ebenso wie in Publikationen der jüngeren Zeit. (2021 etwa übersetzte sie unter dem Titel »Radln auf Wegaln«[14] Pitt Büerkens »Pättkesfahrt«[15] aus dem Plattdeutschen ins Wienerische.) Wie sie überhaupt dazu gekommen sei, im Dialekt zu schreiben? Traude Verans Augen blitzen mir begeistert entgegen. »Sagt dir The Worried Men Skiffle Group etwas? Als ich die damals das erste Mal hörte, hatte ich das Gefühl: Jetzt ist unsere Muttersprache auch eine echte Sprache. Für mich war diese Gruppe ein Stern am Himmel!«
Am Ende meines Besuches holt Veran einen dicken Ordner aus dem Regal. Gemeinsam reisen wir in das Jahr der ersten Morgenschtean-Herausgabe (1989) und noch ein bisschen weiter zurück. »Ich weiß gar nicht, wie ich damals von der Gründung der Ö.D.A. erfahren habe. Ob aus dem Fernsehen oder vielleicht doch von Erich Schirhuber. Ich habe von 1986 an drei Jahre lang an den Arbeitstagen der Mundartdichter in Kirchbach/Kärnten teilgenommen, ich kannte die Szene also ein wenig. An die Veranstaltungen dort denke ich besonders gerne zurück. Die Lesungen fanden auch auf Bauernhöfen statt und waren gut besucht, und man begegnete vielen anderen Menschen, die sich für die Dialektliteratur engagierten. Ich habe ja dann auch schon recht früh begonnen, im Morgenschtean meine Dialektgedichte zu publizieren.«
Sich nicht bremsen lassen
Traude Veran hat es stets gereizt, Neues auszuprobieren. Ihre Lyrik hat sich immer wieder gewandelt und neu erfunden; auch mit dem Medium Hörbuch[16] hat sich die Autorin auseinandergesetzt. Mitten unter diesen vielfältigen Publikationen findet sich auch ein schmaler rosa Gedichtband. In »Cindy.Erinnerungen«[17] widmet Traude Veran ihre Gedichte ihrer verstorbenen Hündin.
In Verans Schreiben darf alles nebeneinander existieren. Da hat das Private neben dem Politischen Platz. Das persönliche Tagebuch neben dem preisgekrönten Gedichtband. Das gebundene Sachbuch, das in einem namhaften Verlag erschienen ist, neben der selbst gedruckten Broschüre. So manches Mal blies ihr deswegen auch ein rauer Wind entgegen. »Manche sehen ja auf einen herab, wenn man Projekte selbst oder nur mit einem sehr kleinen Verlag verwirklicht. Aber auf diese Menschen darf man nicht hören, auch wenn es natürlich weh tut«, rät Veran. Sich nicht von den eignen Vorhaben abhalten lassen, das war immer schon Traude Verans Credo – egal, ob es um das Integrationsgesetz oder um ihre Literatur ging. Auch die Österreichische Haiku-Gesellschaft hat Veran mitbegründet; heute ist sie Ehrenmitglied.
Bei unserer Verabschiedung überreicht sie mir ihre letzte Publikation. Der schmale Haiku-Band »Das Chinesische Jahr«[18] mit der Nachdichtung alter chinesischer Weisheiten erschien voriges Jahr. Auch »Haiku schreiben – ein Weg der nie endet«[19] mit Silbenspielen und Versuchen über das Haiku von 1981-2021 ist gerade einmal vor einem Jahr erschienen.Danach folgten zwei weitere Publikationen. »Meine letzten«, wie Traude Veran verrät. »Das heißt aber nicht, dass ich aufhöre zu schreiben!«[20,21] Während der Fahrt über den Semmering krame ich in meinem Koffer. Ich habe Glück – neben mir sitzt niemand, so dass ich Verans Werke alle auf einmal hervorziehen kann. Vor allem ihre politischen Gedichte und ihre Wien-Limericks haben es mir angetan, aber auch die selbst gebundene Publikation »Wassertropfen, Wasserleitung, Wasserfall«[22] gefällt mir sehr – und das Vorwort entlockt mir mitten auf der Strecke ein so lautes Lachen, dass man sich nach mir umdreht. Als ich am Grazer Hauptbahnhof wieder aussteige, um in den Bus nach Hause umzusteigen, denke ich: Vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr sein wie Traude Veran und die Dinge selbst in die Hand nehmen. Wenn es etwas (noch) nicht gibt, von dem wir meinen, dass es die Welt ein Stück besser macht, können wir uns immer auch ein wenig selbst darum kümmern. Wie sagte Doris Lessing angeblich einst: »Whatever you’re meant to do, do it now. The conditions are always impossible.«
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Traude Veran: Das steinerne Archiv – Der Wiener jüdische Friedhof in der Rossau, Mandelbaum Verlag, Wien 2002, 20. Auflage 2006
Gertraud Schleichert: Pendlerlieder. Gedichte aus dem Burgenland. Mit Federzeichnungen von Hermann Serient. Edition Doppelpunkt, Wien 1993
Traude Veran: Gras gesät auf den Asphalt. Gedichte aus dem Berufsleben. Cornelia-Goethe-Verlag, Frankfurt am Main 2005
Gertraud Schleichert: Efeublüten. Gedichte über die Liebe 1953–1993. Mit Federzeichnungen von Ingrid Kerzina. Edition Doppelpunkt, Wien 1994
Gertraud Schleichert: Letternfilter. Gedichte aus Namensanagrammen von Gran Mama. Reihe „Ausser der Reihe“, Edition Doppelpunkt, Wien 1994
Gertraud Schleichert: standART. Collagen aus der Tageszeitung »Der Standard«. 30 Tagesseiten. Reihe »Ausser der Reihe«, Edition Doppelpunkt, Wien 1996
Traude Veran: So gern ich Wien hab – an sich. Wiener Klangfarben. Mit Federzeichnungen von Hermann Serient. Edition Doppelpunkt, Wien 1997
Traude Veran: Vertrackte Kontakte. Limericks. Mit Federzeichnungen von Hermann Serient. Uhudla Edition, Wien 1998
Traude Veran: Mein Gott Österreich. Politische Lyrik. Edition Doppelpunkt, Wien 1998
Traude Veran: Gegenstimme. Politische Lyrik und subversive Monologe. Edition Doppelpunkt, Wien 1999
ebd. S 54
ebd. S. 70/71
ebd. S. 55
Pitt Büerken, Traude Veran: Radln auf Wegaln. Pättkesfahrt im Wiener Dialekt. Österr. Haiku Gesellschaft, Wien 2022
Pitt Buerken: Pättkesfahrt. Kurzgedichte in japanischer Tradition auf Münsterländer Platt und Hochdeutsch. Agenda Verlag, Münster 2021
Traude Veran: Ich rede in den Zungen der Sprachlosen. Sprach-CD. edition lex liszt 12, Oberwart 2019
Traude Veran:Cindy. Erinnerungen an einen Hund. Fotos und Zeichnungen. Lesedition, Wien 1997
Traude Veran: Das Chinesische Jahr. Eine Nachdichtung. Mit Kalligrafen von YU FENG, Österreichische Haiku Gesellschaft, Wien 2023
Traude Veran: Haiku schreiben – ein Weg der nie endet, Rotkiefer, Berlin 2023
Regenlicht. Haiku und Ähnliches 2020-2023. ÖHG, Wien 2023
Claudia Brefeld und Traude Veran: Windböen und Schattenkühle. Haiga und Tan-Renga. Rotkiefer Verlag, Berlin 2024.
Traude Veran: Wassertropfen, Wasserleitung, Wasserfall – eine Publikation zum Jahr des Wassers 2003, Selbstverlag Haus Rossau, Wien 2004
B. Jetschko Seitm Kindagartn wasch ich mir die Händ nimma mitm warmn Wassa
Der Grund is eigentlich einfach, aba braucht Hintergrundwissn: I bin in da Nähe da Lobau aufgwachsn. Damals, als des noch nicht schick war. Damals als no alle auf de Donauinsel wolltn und i nu in de Kindaschuhn gsteckt bin.
Mei Mama und i sind im Somma imma Schwimm’n gangen. Und im Winta imma Rodln. Jedn Nachmittag. Wei’ man muss ja draußn sei. Wobei in da Lobau, »an der frischen Luft sei« warscheinli sogar stimmt. Wenn’s doch de »grüne Lunge« Wiens is. Im Somma ham ma weng tragn müssn. Aber im Winta wurd ma as Kind ausgrüst: Leggings, Thermowäsch, Untaleiberl, Hosn, Pulli, Anorak – unförmig und bunt wie a Gummibärli, Handschuh – idealaweisn angnäht oda -bundn, damit ma’s ned verliert. (Und wenn’s ganz kalt war, a nu Skihandschuh drüba.)
Und dann san ma los maschiert. Schlittn am Bandl oder üba da Schulta. Meistens bei da Mama, weil ma selb zu klein war. Da sind die Kufn immer über de Straßn und de Stan gstolpert und ma selba glei mit. Wobei, wie i klein war, warn Bobs sehr beliebt. Entweda wie de Olympianer oder so richtige Ufo-Schüssln, wos an draht hat wie am Karussell, wenn ma den Hügel runterzischt is.
Schnee hama damals genug ghabt, trotz fehlenda Beschneiung im Marchfeld. Und Kinda warn a immer gegnug da. Manchmal zu viele, da hat man dann schaun müssen, wo ma richtig runter düst, ohne dass ma wen unfreiwillig mitnimmt. Deshalb war den einen super Rodelplatz am Staudamm obahalb vom Lobauspielplatz zu finden essentiell. Sobald dann de richtige Abfahrt unta großen Strapazen da war – mit oda ohne Schanzn – dann is’ runter und raufgrodelt oder gebobbt worden bis de Sonne untagangen is oda man vor Nässn durchgfrorn war. Spätestens dann hat ma Pause gmacht und sei Jausn und sei Tetrapackl bekommen – Apfl oda Orange, manchmal Kirsch. Dann hat ma den andern beim Rodln zugschaut. Meistn warn die größa oder habn nu wos anderes vorher zu tun ghabt. Nachdem ma mit da Jausn fertig war, hat ma sich beim Elternteil beschwert, dass kalt ist; nanu-na, Überraschung. Und hat di kleinen Fingern zwischn warmen Elternhändn, in Stoffhandschuhn, geribbelt bekommn. Das hat nie was bracht, außer für die Sekundn, wo de Händ gribbelt wordn sind, und deshalb hat ma – nach viel Sudern – dann wieder zampackt und is nach Haus’ marschiert.
Wia ma z’ Haus warn, sind die Knochn, da Körpa alles wieda woarm worden. Danach des Gsicht und de Wangn, aber am Schluss warn imma de Finga. Wie kleine Eiszapfn, haben s‘ braucht beim Auftaun. Aba jetz is so, dass ma Händwaschn muss, wenn ma heimkommt und das mit warmn Wassa, hat ma glernt. Aba, he, wenn i ’s Wassa aufdreh und mir die Händ wasch, dann wern di ned woarm, de wern wehat und beißn und stechn. I frag mei Mama, wie des geht und sie, ganz Krankenschwesta, erklärt, dass des mitm Wahrnehmn zu tun hat und ich des Wassa lauwarm aufdrehn soll. Ich mach das und es wird bessa, I schau mir meine Händ an und bin fasziniert.
Des nächste Mal Rodeln passiert genau desselbe. Aba diesmal fang i glei mitm lauwarmen an und – es is genauso wie beim ersten Mal. Weh, beißen, stechn. Ich frag gar ned, i dreh glei zruck. Und! De Händ erholn sich viel schnella. Ich bin scho wieda fasziniert; wie’s bei kleinen Kindern so is.
Beim nächstn Mal Rodeln dasselbe. Nur diesmal start i glei mitm kaltm Wassa und was Seltsames passiert: Meine Hände sind direkt warm! Wohlig warm und angenehm. Kein Justiern, kein Aua oda Beißn, einfach angenehm.
Ich erzähl’s meina Mama, sie glaubt’s nicht ganz. Aba es is mir egal, ich bin ein Genie und hab Weltgeheimnisse entdeckt. Da i aba ein vergessliches Genie bin, entschied ich mich imma meine Händ mit »kaltm« Wassa zu waschen. Weil, in jeda Situation des besser is. Ob im heißn Sommer oda eben im kaltn Winter. Und so is bis heut blieb und der Grund warum ich mir seitm Kindagartn die Händ nimma mit warmn Wassa wasch.
Warmduscher bin i trotzdem gebliebn, man muss ja ned übertreibn.
Geboren 1966 in Wien. Zahlreiche Lesungen und Teilnahmen an Poetry-Slams, Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien, Mitorganisator der wöchentlichen Lesungsreihen ALSO (Anno Literatur Sonntag) und ADIDO (Anno Dialekt Donnerstag), Redaktionsmitglied der Literaturzeitschriften „…& Radieschen“ u. „Morgenschtean“, Vorsitzender der Ö.D.A.- Österreichische DialektautorInnen und -archive. Einzelpublikation: „Fauler Zauber“, Kriminalroman, Milena 2011.
Literarische Beiträge von Andreas Plammerfinden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U80-81/2023
Sie ist Vorsitzende eines Mundartvereins, schreibt im südfränkischen Dialekt, liest mit Begeisterung den Morgenschtean, ist gerne mit ihrer Enkelin unterwegs und ärgert sich über das Nichtstun der Politik angesichts der derzeitigen Umweltsituation.
Literatur von Elfi Neubauer-Theis auf unserem Blog:
Interview: Reino Glutberg Dialektliteratur zum Thema:“koid, wäama, haaß!“ mit Texten von: Gerhard Altmann, Katharina Bacher Sylvia Bacher, Bornvroni, Elisabeth Hafner, Lea Jehle, Isabella Krainer, Hans Kumpfmüller, Anna Maria Lippitz, lüüs, Tobias March, Laura Nussbaumer, Andreas Plammer, Angelika Polak-Pollhammer, ChristiAna Pucher, Christine Rainer, Elis Rotter, Thomas Schlager-Weidinger, Siljarosa Schletterer, Renate Schiansky, Christine Steindorfer, Anna Stiegler, Brigitte Thurner, Christine Tippelreiter, Wolfgang Weinlechner, Angelika Woska Dialektliteraturaus NIEDERÖSTERREICHvon: Regina Appel, Jasmin Gerstmayr, Wolfgang Kühn, Eva Lugbauer und Christine Tippelreiter
mit QR-Codes zu Hörtexten sowie einen Link zur PDF-Beilage mit vielen weiteren literarischen Texten sowie Rezensionen und anderen Beiträgen
In der Beilage zur Ausgabe U80-81 (Mai 2024) finden Sie unter anderem weitere Dialekttexte zum Thema sowie Blackout-Poetry von Laura Nußbaumer und viele Interviews den niederösterreichischen Autorinnen Eva Lugbauer, Chrstine Tippelreiter, Jasmin Gerstmayr, ChristiAna Pucher und Regina Appel. Auch der Essay von Mario Huber über Walter Seisenbacher kann im PDF zur Gänze gelesen werden.
ist im Jahr 2000 in Bregenz in Vorarlberg auf die Welt gekommen. Seit dem 12. Lebensjahr am Geschichten schreiben, neue Wörter kreieren und mit Sprache spielen. Nach der Matura am Gymnasium in Lustenau 2019 Zivildienst im selben Jahr. Danach Studium an der Universität Wien: Lehramt Deutsch und Biologie. Während der Lernpausen stets am Schreiben, Schreiben, Schreiben. Seit 2013 Mitglied der Jungen Szene von Literatur Vorarlberg, nahm dort an zahlreichen Schreibworkshops teil. Absolvent des Lehrganges Schreibpädagogik 2023/2024 beim BÖS – Berufsverband österreichischer Schreibpädagog:innen in Wien. Zertifizierter Schreibpädagoge.
zuletzt aktualisiert 2024
Literarische Beiträge von Tobias Marchfinden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U80-81/2024
noch keine Literatur von Tobias March auf unserem Blog
Katharina Bacher,geb. 1992 in Salzburg. Schreibt, seit sie Buchstaben kennt. Liebt Wortneuschöpfungen und -zerklaubungen. Spricht, denkt und schreibt in all den Sprachen, die ihr zur Verfügung stehen – Dialekt ist eine davon. Lebt im Salzburger Land, wenn sie nicht gerade reist. Zu finden unter: www.diepampelmuse.com
zuletzt aktualisiert im April2024
Literarische Beiträge von Katharina Bacherfinden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U80-81/2024
noch keine Literatur von Katharina Bacher auf unserem Blog
entdeckte vor einigen Jahren durch Erika Rettenbacher die Liebe zum Schreiben, besonders auch im Dialekt. Sie wohnt mit ihrer Familie in Kuchl, Tennengau.
(aktualisiert im April 2023)
Literatur von Christine Neureiter-Schlack auf unserem Blog:
Als Mitglied der Kunst- und Kulturwerkstätte Judenburg und des Europa-Literaturkreises Kapfenberg mehrere Veröffentlichungen in Anthologien und Kulturmagazinen. Für das JuThe in der Mauer, das Theater der Kunst- und Kulturwerkstätte, verfasste er 5 Märchenstücke.
Geboren 1997 in Bludenz, Vorarlberg. Wohnt seit 2018 in Wien. Studiert für den Master of Education in Englisch, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien. Unterrichtet an einer Wiener Mittelschule. Mitglied von literatur:vorarlberg. Schreibt und veröffentlicht Prosa und Lyrik in Deutsch, Englisch und Vorarlbergerisch. Debütroman Riesendisteln beißen nicht (fabrik.transit 2023).
Geboren 1974 in Kärnten, schreibt und macht, was sie will. Ihre Arbeiten pendeln zwischen Politsprech und Dialektlandschaft. Die Autorin lebt in Neumarkt in der Steiermark.
Für die Arbeit an Heul doch! wurde sie mit dem Großen Literaturstipendium des Landes Tirol 2023/24 in der Sparte Lyrik und einem Finalisierungsstipendium für literarische Projekte des Landes Kärnten bedacht. Heul doch! erscheint im März 2024 im Limbus Verlag. Vom Kaputtgehen, ihr erster Lyrikband, erschien 2020 bei Limbus.
Literarische Beiträge von Isabella Krainerfinden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U70-71/ 2021 U74–75/ 2022 U76–77/ 2023 U80-81/2024 U86–87/2025
Mitglied des Österreichischen Schriftstellerverbandes seit 1998 1999 Gründerin der Autorengruppe „Schriftzug 3250“ seit 2012 Vizepräsidentin der Ö.D.A
gesamte Biografie lesen
– 1990 1. Preis Leopold-Wandl Preis – 2000 3. Platz Leopold-Wandl Preis – 2001 u.2014 1.Platz Literaturpreis „Federkiel und Quellengeist“ – 2004 und 2006 4.Platz Zauberberg Semmering – 2015 7. Platz Bruchstücke, Verband Kath.Schriftstellerverband
Publikationen: 1992 Gedichtband „Auf der Suche“ 1996 Gedichtband „Lebenszeichen“ J.Sandler Verlag 2003 Gedichtband „Weltenflüchtig“, J.Sandler Verlag 2009 Gedichtband „Waun da Waun ned wa“ Wolfgang Hager Verlag 2015 Gedichtband „Aunsichssoche“ 2017 Gedichtband „seifenblasenbunt“ Literaturedition Niederösterreich 2023 Gedichtband „fliagn kinna“ edition Innsalz
außerdem vertreten in: – 2000 Gedanken Brücken, Österreichischer Schriftstellerverband – 2003 Ein Tropfen Sonne im Herzen, Donauland – 2005, 2012, 2014 und 2015 Anthologie Forum Land – 2005 Kaleidoskop, Österreichischer Schriftstellerverband – seit 2010 im DUM Das Ultimative Magazin – 2014 Stimmen in Dur und Moll, Verlag Stimme fürs Leben – 2015 KADO Rumänien, Intern. Magazin f. Poetik
Fotografien: – Ausstellung Schloss Neubruck, Töpper Art-Festival 2016 – Ausstellung KulturErleben, Wieselburg, 2015-2017 – Ausstellung Francisco Josephinum, Wieselburg, 2017 – Ausstellung Galerie Alpha, Stubenbastei, 1010 Wien 2018
schrieb Geschichten, noch bevor sie schreiben konnte. Ihr bisher größter Erfolg war eine Erzählung über den Ostersonntag 1999 auf eineinhalb Quartheftseiten. * schreibt Texte, die zwischen a und b Schiff gefallen sind, zwischen Romantik und Murenabgang, zwischen Oaschicht und Genoss_innen, zwischen vertrockneten Wiesen und kaltem Wasser, zwischen Verdrängen und mittn in de Goschn. * ist Vorstandsmitglied der Ö.D.A. und ehrenamtliche Redaktionsmitarbeiterin des Morgenschtean. * lebt und arbeitet in Wien.
schuid san di aundan, mia owa sichalich ned, soin di fremdn rumwaundan, uns warat des z bled, oiso bau ma do a maua und schbean ollas zua, daun hed ma auf daua fon dea scheisswöd a rua.
I bin hoit higaungan, wois Muas is fia Nochban. Die Miaz howi freuli schua iwa zehn Joah net mea gsegn, hiaz is sie im Oitasheim gstoam. Iwa neinzg is woan. A schens Oita. Bei da Toutnmess owa san meine Gdaunkn bei dem, wos i sunst ollawoi z tuan hob. Vau da letztn Baunk schau i aufd Leit voa mia. Kane Käpf, de tiaf hängan, net amoi in da erschtn Reih. Ma is hoit do, woi si´s gheat.
Aufm Weig vau da Kiachn zum Friedhouf aufi, betn nua weng den Rousnkraunz mit. „Ah, seavas, siacht ma di a amoi!“ heari äfta ois des Ave Maria. Schei ouft, weui da Trauazug is laung. I hob den Vadocht, dass vüi dabei san, de d Miaz goa net kennt hom. Des Umadumschaun gfoit ma, mittn zwischn meine Nochban, de i sunst eh nia, oda sötn siach und gib eana recht, wenns manan:“ Jo, beim Begräbnis siacht ma si gwiss!“ Wia ane vau sei, fühl i mi gach, dann dou wieda net, iagandwia oum driwa. Troutzdem drängl i mi fiari, znächst zua Gruam. Da Pforra faungt mit da Eisegnung au. Auf amol rinnts aus meine Augn, I kau´s net aufhoitn. Es rinnt und rinnt und I vaobschied mi voum letztn Bissl vau meina Kindheit.
I siach, wia d Miaz voa fuchzt Joah woa. Fia mi hot sie imma gleich ausgschaut, mit Koupftuach und Schiazn. wias hoit domois übli woa und an vaschmitztn Grinsn im ruassign Gsicht, wenn s ma mit ihre eadign Händ Oubst, frisch voum Bam broackt, hi ghoitn hot. D Händ hot´s dann owa schnö hintan Ruckn vasteckt und ois ob´s do wos Schwas mitschleppn miasst, is sie in iare Gummistiefl auf´s Föd oda ind´n Stoll davou gschluaft. Jo, Reinlikeit woa net ias. Mia haum imma schei Obstaund ghoitn, dass ma net ihre Fläh eingfaungan haum.
Die Keischn neman Woid am Berg oum, woa klua, a Vurraum und zwa Stum. In da anen hot ia Souhn Felix mit seina Famülie und in da aundan sie mit ian Bruada Luis gwouhnt. Ois klans Kind bin i a-, oda zwamol einigaungan, woi´s klane Hund gem hot, owa sunst bin i draußn bliem.
Ois i um die Zehne woa, is in´d Summaferien d Stiaftouchta vom Felix auf Bsuach kemman. Do bin i äfta zua ia aufi spuin gaungan. Da Sautroug woa dann unsa Planschbeckn. D Miaz hot uns a weng weit weg zuagschaut. Gach hot si do da Felix augschlichn, sei Muata pockt und mitsaumt iahn Gwaund ins Wossa gsetzt. D Miaz hot gschrian wia a Feakel, umadum gschlogn, owa da Felix hot´s festghoitn, dauss net aussi kennan hot. Noch a Weui is´ owa stui woan, hot wia a Hounikuchnpfead gstroit und wia a klans Kind im Wossa plaunscht. Frog mi owa net, wia vui Fläh des as Lebn koust hat.
Jo, d Miaz woa fia gwänli a ruhige Person, de gean kichat hot und mit iare weitn Schlurfschritt iara Orwat nochgaungan is. Laut is nua woan, wenn a Gwitta kemman is, oda da Luis bsouffn voum Wirtshaus.
Beim Erschteren is ´ s mit´n Weihwossakessl iwas gaunze Grundstickl grennt und dabei hot´s gotterbäamli gfluacht: „Kreizdividomini. Sakratirkn, Teifleini…“. Ia Listn woa öllnslaung, zflaung fia mei Gedächtnis.
Beim Zweiten hot´s n Bruada vafluacht, daweul´s voa iahm und sein Stock davaugrennt is und dazwischn „Höfts ma! Höfts ma! “ gschrian hot. Auf des Wetta hauma schua gwoat, waunn ma gsehn hom, wia da Luis mit ana Rücknlog den Berg aufischwaunkt is und haum uns jedsmoi vawundat, dass a dabei net hintiwa gfoiln is.
Iagandwaun ist d Miaz net mea nua, auf iahn Grund herum gwaundat, sundan weita fuat grennt. Etli Moi hot´s dann nimma hoam gfundn. Destawegn hots da Felix ins Oitasheim gem. Duat is erscht amoi gindli bod woan und obs das glaubst oda net, des hot ia gfoin, bis sie boid kan mea dakennt hot.
Da Luis is allan in seina Huam zruckbliem. Hot bei ana neichn Nochbarin Tog fia Tog a Stampal oghuit und ia dafia seine Fläh vaeabt, bis ´s iam sei Stampal nua mea draussn gem hot.
Jetzt owa steht da Soag vau da Miaz iwa dem voum Luis. Nua a Haundfui Eadn trennt´s von anaunda.
I schmeiß mei Bischl Föd- und Goatnbluman drauf. A lausigs Daunkschen fia die Fliedastraiß, de ma d Miaz jeds Fruajoah gschenkt hot.
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Der Text wurde in unserer 3. Ausgabe von DialektSHOG gesendet – und kann – gemeinsam mit allen anderen Texten der Sendung – hier nachgehört werden:
auf zehn bier und drei schnops und so muast rechnen kuman pi moi daumen zwa himbeer-soda fünf lita leitungswossa mit drei aspirin drinnen a müchkaffee vier flascherl coca cola und sechs opfe gspritzt auf jedn rausch kumt a durscht auf jedn juwe kumt a gschea
Ronnie Rohrecker ist in Salzburg zur Welt gekommen und verfasst unter anderem Limericks. Im Sommer hat sier das traditionelle walisische Lied »Defaid William Morgan« in den Salzburger Dialekt übertragen und im Zuge unseres Online-Projekts »Österreich Hören« gemeinsam mit siers Freund*innen Liliana und Rave vertont.
Liebe*r Ronnie – Wie bist du eigentlich dazu gekommen, im Dialekt zu schreiben? Ich glaub, das Erste, was ich im Dialekt geschrieben hab, war eine Reihe von Limericks. Ich war da mit einer sehr lieben Freundin auf einer Alpenüberquerung und hab meinen Reiseführer zu ernst genommen, der behauptet hat, für (weitere) Bücher sei kein Platz im Rucksack und es sei sowieso viel geiler, sich mit den Leuten zu unterhalten, die mensch auf den Hütten trifft. (Spoiler Alert: Das ist was für Leute, deren Hirn pausenlos neue Eindrücke aufnehmen kann, da gehör ich absolut nicht dazu!) Die Entscheidung, kein Buch mitzunehmen, hab ich spätestens am zweiten Abend bereut und das Einzige, was mir geholfen hat, zwischendurch von den vielen erlebten Dingen ein bisschen runterzukommen, war, selbst was zu schreiben. Ich hab das dann auch während dem Gehen gemacht, da haben sich mit einem kurzen, klaren Rhythmus und dem fürs Merken sehr hilfreichen Endreim schnell Limericks als Wahlform meines Ausdrucks herauskristallisiert. Als kleine Herausforderung hab ich’s nach dem Englischen auch auf Schriftdeutsch versucht – das war ein ziemlicher Reinfall, alles hat irgendwie gestelzt und unnatürlich geklungen … Und dann bin ich auf Dialekt umgeschwenkt und plötzlich hat einfach alles gestimmt. Das hat so gut zusammengepasst, die Leichtigkeit, mit der sich die Wörter verbinden, die Mündlichkeit – Limericks sind ja vor allem da, um vorgetragen oder zumindest vorgelesen zu werden –, stellenweise auch die erforderliche Unverfrorenheit … Mir ist vor kurzem aufgefallen, dass ich auf Hochdeutsch vieles kann, aber glaubhaft schimpfen gehört wirklich nicht dazu! Und während ich so reimend und gelegentlich Obszönitäten von mir gebend über Bergbäche gehüpft bin, ist mir klar geworden, dass manche Texte nur in einer Sprache funktionieren, die einerm tatsächlich als Alltagssprache dient.
Du warst diesen Sommer in Wales, bist dort über ein Lied gestolpert und hast dich entschieden, es in den Salzburger Dialekt zu übertragen. Wie kam es dazu? Das Lied heißt im Original »Defaid William Morgan« also »Die Schafe des William Morgan« und handelt von einer rebellischen Schafherde, die ihren menschlichen Nachbar_innen in irgendeinem walisischen Ort das Leben schwer macht, weil kein Zaun sie halten und weder Hunde noch Polizisten sie davon abschrecken können, den Leuten ihre Gärten leerzufressen. Besonders schön finde ich, dass den Schafen nichts passiert, sondern die Auflösung des Ganzen ist, dass sie im Sommer ein paar Monate in den Bergen verbringen, wodurch den Menschen eine Verschnaufpause von den frechen Schafen vergönnt ist. Zwei Dinge für die ich mich sehr begeistern kann, sind revolutionäres Liedgut und Sprachen und jedes Mal, wenn ich länger als ein paar Tage wo zu Besuch bin, wo Leute eine andere Sprache sprechen als Deutsch oder Englisch, versuch ich, sie dazu zu überreden, mir ein neues Lied beizubringen. Diesen Sommer war das eben »Defaid William Morgan«, das eine sehr in die walisischen Sprach- und Befreiungskämpfe involvierte Freundin für mich ausgegraben hat.
Morgan William seine Schafön – Ronnie Rohrecker mit Liliana & Rave
Ich hab dann immer das Bedürfnis, die Lieder zu übersetzen, damit andere Menschen sie auch leicht verstehen und singen können. Meist mach ich das auf Standarddeutsch, weil ich da meinen ganzen Arbeiter_innenliederpathos auspacken kann, aber dieses Lied hat mich so sehr an die Hirtaliada meiner Kindheit erinnert, dass mir klar war, das wird nur in einer Dialektversion so richtig gut. Deswegen ist dann natürlich aus dem Schäfer William Morgan auch der Morgan William geworden.
Hast du Vorbilder? Ich mag es, wenn literarische Texte sich lesen, als wären sie eigentlich aus einer oralen Erzähltradition. Wenn sie so klingen wie Leute reden und wie Leute es auch verstehen, aber auch so, dass mensch merkt, dass da rhetorische Kniffe verwendet werden, die seit Generationen erprobt und verfeinert worden sind. Ich mag Bücher, bei denen mensch gar nicht anders kann, als sie vorzulesen, und so schreib ich auch gern, mit vielen Wiederholungen, Alliterationen, mit bewusstem Rhythmus … Eine Autorin, deren Stil ich sehr bewundere ist die Kanadierin Kai Cheng Thom. Letztes Jahr hab ich auch Jean Giono für mich entdeckt, als ich »Regain« gelesen hab. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, eine Person aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, erzählt mir eine Geschichte – und das obwohl das Buch auf Französisch war! Naja und was richtig gute Dialoge angeht, komm ich immer wieder zurück zu A. A. Milne beziehungsweise Harry Rowohlt und ihren jeweiligen Versionen von »Winnie the Pooh« Die Übersetzung war die erste Audiokassette meiner Kindheit und wenn ich heute mal zur Entspannung wieder »Pu der Bär« lese, dann hör ich die Stimmen der Bewohner_innen des Hundertsechzig-Morgen-Walds immer noch so, wie von Harry Rowohlt eingelesen.
Und was liest du jetzt gerade? Ich hab mir diesen Herbst in einem kleinen Marathon fünf Bücher von Akwaeke Emazi reingeknallt. Dann hab ich alle Jane Austen–Romane wiedergelesen – scheinbar lass ich mich gern auf eine_n Autor_in komplett ein und komm erst wieder raus, wenn ich durch alle Werke durch bin, die mir gerade zur Verfügung stehen – und ein paar lang unveröffentlichte (und deswegen uneditierte) Schnipsel, die allerdings eher linguistisch als literarisch interessant waren … Und zuletzt war »Fun Home« dran, ein Comicband von Alison Bechdel, war allerdings nicht so fun, der Titel bezieht sich auf das Bestattungsunternehmen (Funeral Home) der Familie und es geht vor allem um die heimliche Homosexualität und den frühen Tod Bechdels Vaters. Also keine leichte Kost, aber sehr lesenswert, vor allem für Menschen, die historische und/oder aktuelle politische Comicbücher ähnlich lieben wie ich. Ich glaub, es gibt kaum was, was ich so verschlingen kann, wie gut recherchierte historische Forschung, die möglichst niederschwellig zugänglich gemacht wird – durch Bilder oder wörtlich eingebaute Zeitzeug_innenberichte. Und am schönsten ist es, wenn dabei Leute zu Wort kommen, die sonst oft nicht als Individuen in die Geschichtsbücher eingehen, wie People of Colour, queere Personen, Behinderte, Arbeiter_innen, viele mehr und jede erdenkliche Kombination aus diesen Gruppen.
Andere Frage: An welches Ereignis denkst du besonders gerne zurück? Ich hab richtig lang über diese Frage nachgedacht, bis mich ein befreundeter Mensch drauf hingewiesen hat, dass es nicht darum geht, die ultimativ beste Erinnerung zu finden, sondern einfach eine, die mir spontan einfällt. Und jetzt im Kontext dieses Interviews denk ich an Wales. Also. Wie das in Südwales meiner Erfahrung nach immer notwendig ist, haben wir jeden nicht komplett verregneten Tag für einen Ausflug genutzt – meist durch Nebelschwaden und ebenfalls ganz schön frech wirkende Schafherden zu einem Wasserfall, einem sagenumwobenen See, einem Steinkreis oder einem Berggipfel … Aber an einem Tag waren wir stattdessen im Kino. Im Nachbartal in einem kleinen Arbeiter_innenort hat sich der dortige Bergarbeiterverein mit Geld aus den monatlichen Mitgliedsbeiträgen ein eigenes Kino hingestellt. Ein Prunksaal und ein kleinerer Raum, vergoldete Lampen, Stuck, Popcorn und alles, was dazugehört. Und weil es grad Zeit für Barbie war, wir natürlich alle in pink und so offensichtlich trans wie wir nur sein konnten. Irgendwo am Land in einem Bergarbeiterkino. Und dann? Dann war es ein richtig schöner Ausflug. Die Kinomitarbeiter_innen waren herzlich und lieb, wir durften in alle Räume reinschauen und die alte Dame, die die Tickets gezwickt hat, ist am Ende extra vorbeigekommen, um unsere Meinung zum Film zu hören und uns zu sagen, wie schön sie es findet, dass sie uns getroffen hat. Und irgendwie ist das nur eine kleine Sache, aber wenn Leute aus verschiedenen marginalisierten Gruppen aufeinander treffen und gemeinsam eine schöne Zeit haben, dann geht mir jedes Mal das Herz auf und alles wirkt plötzlich viel machbarer.
Woran arbeitest du derzeit? An einer Reihe von lebensgeschichtlichen Interviews zum Thema Geschlechtervielfalt – ich interviewe im Rahmen des Oral History Projekts MenschenLeben inter_ trans_non-binary Personen über ihr Leben. Die Interviews, bei denen die Interviewpartner_innen dem zugestimmt haben, werden voraussichtlich nächstes Jahr auch auf der MenschenLeben–Website veröffentlicht. Und an dieser Liedersammlung – also der Sammlung von Übersetzungen revolutionärer Lieder aus allen Gegenden, in denen ich bis jetzt unterwegs war. Bis das genug Lieder sind, um was draus zu machen, wird es allerdings wahrscheinlich noch etwas dauern.
Gerlinde Allmayer zählt in ihrer Region zu den bekanntesten Dialektautor:innen, was nicht nur daran liegt, dass ihre Texte von hoher Qualität sind und beim Publikum gut ankommen, sondern auch daran, dass sie sich für ihre Region und den Dialekt unermüdlich einsetzt. Dabei hat sie selbst erst spät begonnen, im Dialekt zu schreiben.
Die Autorin kam 1958 in Niedernsill zur Welt, wo sie auch heute noch lebt. In ihrer Kindheit war der Dialekt die vorherrschende beziehungsweise einzige Sprache, erst durch den Eintritt in die Volksschule kam Allmayer mit der Hochsprache in Berührung. Die Zweisprachigkeit empfindet sie als Vorteil. Sie selbst habe mit dem Erlernen der hochdeutschen Sprache keine Probleme gehabt, weniger sogar als jene Kinder, die in einem Mischmasch aus Dialekt und Hochsprache erzogen wurden. „Als Kind ist es wichtig, dass du eine Sprache ordentlich beherrscht, dann sind die Wurzeln für jede weitere Sprache gelegt“, meint sie.
Mit dem Schreiben hat Gerlinde Allmayer bereits als junge Erwachsene begonnen. Der Dialekt kam in ihrer Literatur allerdings erst 1997 dazu, als die Dialektautorin Barbara Rettenbacher-Höllwerth († 29.8.2023), einst Allmayers Volksschullehrerin, vom literarischen Schaffen ihrer ehemaligen Schülerin erfuhr und sie ermunterte, für die Niedernsiller Stund Dialekttexte zu verfassen. „Ich wollte eigentlich nie Dialektautorin werden“, gesteht Allmayer. „Für mich hatten Dialektgedichte damals noch den Beigeschmack: zu brav, zu verstaubt, zu heimattümelnd. Ich kannte bis dahin fast ausschließlich gereimte Dialektgedichte, in denen es um Wald, Blumen und Alm ging.“ Bei der Niedernsiller Stund stachen die Texte Allmayers heraus. Dass erkannte auch Max Faistauer, der damalige Leiter des Arbeitskreises Regionale Sprache und Literatur im Salzburger Bildungswerk. Er ermunterte die Autorin, weiterhin im Dialekt zu schreiben – und Allmayer blieb dabei. „Anfangs war meine Niederschrift fürchterlich! Gerade die verschiedenen E-Laute des Pinzgauerischen kann man nicht eins zu eins abbilden. Von Max Faistauer lernte ich dann, wie wichtig es ist, dass sich die Schreibweise der Wörter einheitlich durch den Text zieht. Am Ende soll der Dialekt nachvollziehbar, aber auch lesbar sein.“ Durch die Teilnahme an Seminaren und Schreibwerkstätten tauchte Allmayer schließlich immer tiefer in die Dialektliteratur ein. Über Barbara Rettenbacher-Höllwerth lernte sie auch die Ö.D.A. und den Morgenschtean kennen und stellte schließlich fest: In der Dialektliteratur gibt es durchaus viele gute, kritische Texte. „Und so bin ich dann immer tiefer in diesen `Sumpf´ hineingerutscht und seither nicht mehr wieder herausgekommen“, gesteht die Autorin lachend.
Mittlerweile ist Allmayer nicht mehr „nur“ Autorin, sondern außerdem Organisatorin zahlreicher Veranstaltungen und Schreibwerkstätten. 2008 übernahm sie selbst die Organisation der Niedernsiller Stund, die jedes Jahr Ende September stattfindet – 2023 fand das Event bereits zum 36. Mal statt. Lasen in den Anfängen noch ausschließlich Autor:innen aus dem Oberpinzgau, weitete bereits Rettenbacher-Höllwerth die Einladungen auf andere Gaue aus. Allmayer veränderte die Veranstaltung nochmals. Statt wie früher sechs, sieben oder acht Autor:innen, werden jetzt nur mehr vier eingeladen, damit sich das Publikum besser auf die Lesenden und ihre Texte einstellen kann. Eine:r der vier kommt aus dem internationalen Raum – meist über das Internationale Dialektinstitut IDI, dessen Vizepräsidentin Allmayer mittlerweile ist. Auch der Veranstaltungsort wurde geändert – statt im Gasthaus werden die Texte nun im Kulturzentrum Samerstall Niedernsill vorgetragen. „Wir haben dort einen schönen Veranstaltungssaal und außerdem, in einem angeschlossenen Raum, das Tauriska Mundartarchiv, in dem wir Mundartschriften und -Publikationen aus dem Land Salzburg sammeln. Die ältesten sind aus dem neunzehnten Jahrhundert. Das Ambiente im Samerstall bietet dem Publikum die Möglichkeit, sich konzentriert auf die Texte einzulassen – und ich habe das Gefühl, dass die Veranstaltung dadurch sehr gewonnen hat.“ Seit 2011 wird die Niedernsiller Stund auch auf Radio Salzburg ausgestrahlt, sodass auch Menschen von außerhalb die Texte hören können. Aber auch im restlichen Jahr setzt sich Allmayer für die Dialektliteratur ihrer Region sowie die Literatur im Allgemeinen ein. Sie ist mittlerweile Leiterin des Arbeitskreis Regionale Sprache und Literatur, leitet das vorhin erwähnte Tauriska Mundartarchiv und als Vizepräsidentin des IDI (Internationales Dialekt Institut) ist sie auch international mit der Mundart vernetzt. Darüber hinaus bietet sie Schreibwerkstätten in hochdeutscher Sprache und im Dialekt an, nicht nur an Schulen, sondern unter anderem auch an der VHS Zell am See. Während der Pandemie rief Allmayer eine Online-Schreibwerkstatt ins Leben, die sich schließlich WmW (Weiwaleit mit Weitblick) nannte und im Frühjahr 2022 gesammelt Texte an den Morgenschtean sandte, von denen einige in der Ausgabe U72-73 abgedruckt wurden. Auch heute noch treffen sich die Mitglieder einmal im Jahr bei einer Online-Schreibwerkstatt, was den Vorteil hat, dass auch jene, die nicht im Pinzgau wohnen, problemlos mit dabei sein können. Um andere Autor:innen zu fördern, gründete Allmayer schließlich auch den manggei-Verlag. Dort sind zahlreiche Publikationen im Pinzgauer sowie auch im Tennengauer Dialekt erschienen, nicht nur von Gerlinde Allmayer selbst, sondern auch von Max Faistauer, Gundi Egger, Maria Junger, Erika Rettenbacher, Lisbeth Ebner, Anna Nindl, Theresia Oblasser und Ursula Pernhofer (siehe Infobox unten).
2017 erhielt Allmayer für ihr literarisches Werk und ihre Verdienste zur Förderung des Dialekts den Walter Kraus Mundartpreis. „Das war schon ein schönes Gefühl. Den Preis erhält man ja nicht bloß für ein Gedicht sondern für ein umfangreiches Schaffen.“ Ob sie selbst auch manchmal Texte in hochdeutscher Sprache verfasse? „Natürlich. Nicht jeder Text will im Dialekt niedergeschrieben werden. Manche Texte kommen gleich im Dialekt heraus, andere wollen lieber auf Hochdeutsch niedergeschrieben werden.“ Autor:innen, die gerade beginnen, im Dialekt zu schreiben, rät Allmayer, sich ein Wortregister für den eigenen Dialekt anzulegen. „So fällt es leichter, sich eine einheitliche Schreibweise anzugewöhnen – und erleichtert auch die Zusammenarbeit mit einer Lektor:in.“ Durch ihre Verlagsarbeit und die vielen Zusammenkünfte mit Dialektautor:innen aus diversen deutschsprachigen Regionen, wurden auch andere Dialekte immer vertrauter für Allmayer. Die Liebe zur Literatur und zum Dialekt hat Gerlinde Allmayer an ihre Tochter weitergegeben. Trotz Übersiedelung nach Vorarlberg schreibt Cornelia Allmayer-Krieg im Dialekt ihrer Kindheit und Jugend. Dass das Talent weitervererbt wurde, davon kann man sich im neuen Morgenschtean (U76-77) überzeugen!
Text: Margarita Puntigam Kinstner Dieser Artikel erschien in der PDF-Beilage zum MorgenschteanU78-79/ Nov. 2023
Interview: Andyman Dialektliteratur zum Thema: „sudan, keppln und juchazn“ mit Texten von: Laura Nußbaumer, Claudia Andersag, Elisabeth Hafner, Anna Maria Lippitz, Helene Steger-Holzknecht, Silke Gruber, Bianca M. Klein, Julia Schneidhofer, Harald Letonja, Mario Huber, Traude Veran, Renate Schiansky, Regina Appel, Stefan Winterstein, Rudolf Jelinek und Johannes Lerch Dialektliteraturaus SALZBURGvon: Maria Junger, Gundi Egger, Max Faistauer, Katherina Braschel, Katharina J. Ferner, Cornelia Allmayer-Krieg, Brigitte Menne, Gerlinde Allmayer und Stefanie Steiner
mit QR-Codes zu Hörtexten sowie einen Link zur PDF-Beilage mit vielen weiteren literarischen Texten sowie Rezensionen und anderen Beiträgen
a lüfterl is guat owa da wind is a hund der draht ma olls über der deckt ma olls o der schmeißt ma olls um der zaht ma olls fuat und jeda fetzn fliagt durch die gegend er foahrt ma in d hoar und gegen den wind trau di liawa ned brunzn da wind is a sau
aus: Heinz Reinisch: „IS MA OLLAS UNTAKUMMAN – texte in dialekt und umgangssprache“ Eigenverlag, 2023 192 Seiten Bestellung direkt beim Autor unter heinz.reinisch@gmx.at
Die gebürtige Lustenauerin hat nach einigen Stationen im Ausland ihren Weg zurück in die Heimat gefunden und lebt nun als Wahl-Wienerin in der größten Stadt Vorarlbergs. Sie liebt es, ihre verschiedensprachigen Texte zu teilen und liest nicht nur im Dialekt mit dem Herz auf der Zunge. Als Teil der Theatergruppe „Playbackerei“ hört sie Geschichten aus dem Publikum zu und spielt diese improvisiert zurück. Claudia ist Focusing-Trainerin, führt achtsam durch Kunstwege und leitet Workshops für heilsames Schreiben. Was ihre Texte und Projekte miteinander verbindet, sind die Wertschätzung von Prozessen und die Feinfühligkeit ihrer Fragen nach interpersönlichem Verständnis und zwischenmenschlicher Kommunikation.
geboren 1983, wächst in Österreich und in der Schweiz auf, das Erlernen ihrer Muttersprache erfährt sie somit unter verschärften Bedingungen. Seit Jahren stürzt sie sich als Improtheater-Spielerin und Kabarettistin in das gesamte Spektrum menschlichen Verhaltens. Das Beobachten und Ausleben von Charakteren im Alltag und auf der Bühne nutzt Bianca für die Entwicklung ihrer Romanfiguren und Geschichten. Sie lebt seit einigen Jahren in Wien. Diverse Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien
Literarische Beiträge von Bianca M. Kleinfinden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U76-77/ 2023 U78-79/2023 U86–87/2025 U88–89/2025
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lebt mit ihrer Familie in Stuhlfelden, einer kleinen Gemeinde im Oberpinzgau. Bis zu ihrer Pensionierung vor 2 Jahren war sie als Amtsleiterin der Gemeinde beschäftigt. Nun baut sie in ihrer Freizeit das Gemeindearchiv Stuhlfelden auf, auch eine Chronik ist geplant. Die Autorin schreibt seit ca. 30 Jahren, davon seit ca. 20 Jahren auch im Dialekt. Gerne besucht sie Schreibwerkstätten und Seminare.
Veröffentlichungen: 2018 erschien „Wasser Wünsche Wolkenreiter“– Geschichten und Gedichtein Pinzgauer Mundart und Schriftsprache. Außerdem erschienen Texte der Autorin in den Anthologien „Achtstimmig“ und der „Der Pinzgau is a Gfüh“ sowie in diverse Kalendern und Zeitungen und bei ORF Salzburg.
Die Autorin ist Mitglied der Schreibgruppe WmW
zuletzt aktualisiert im April 2022
Literarische Beiträge von Gundi Egger finden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U72-73/2022 U76-77/2023
Der Grazer Autor Harald Letonja zu Gast in der zweiten Folge von DialektSHOG– und darin geht es diesmal um die Motivationen, warum Autor:innen überhaupt im Dialekt schreiben.
„Am Ende steht immer die entscheidende Frage: Ist es gut gemacht oder nicht“
Lieber Harald, du schreibst deine Gedichte im Grazer Dialekt und übersetzt auch englischsprachige Songs. Wie bist du zum Dialekt gekommen?
Meine Beziehung zum Dialekt ist schnell geschildert: Als Kind habe ich mich nicht für Dialekt interessiert — weil ich ganz selbstverständlich damit aufgewachsen bin. Es war meine Sprache. Die habe ich von Anfang an im Hals gehabt. Die Geschwister, die Nachbarn, die ganze Vorstadt-Umgebung, die Spiel- und Schulkameraden, das alles zusammen hat mein Sprechen geprägt. Alle um mich herum haben im Dialekt gesprochen. Die einzige Ausnahme war meine Mutter. Im Gegensatz zu meinem Vater, der ein Grazer war, stammte sie aus Danzig, das war zur Zeit ihrer Kindheit noch eine deutschsprachige Freie Stadt. 1945 musste sie von dort flüchten. Sie hat, bis zu ihrem Tod vor einigen Jahren, mit über 90, immer ihre klare und sprachlich korrekte norddeutsche, leicht preußische Ausdrucksweise und Sprachfärbung beibehalten. Das haben wir Kinder nicht übernommen, das wäre absurd gewesen, dann dazu war der Eindruck, der sprachliche Druck der Dialektumgebung zu dominant. Wir haben diese klare Sprache unserer Mutter aber immer im Ohr gehabt. Das hat dazu geführt, dass wir zum Beispiel keine Probleme hatten, den 3. vom 4. Fall zu unterscheiden. Außerdem hat uns unsere Mutter schon ganz früh so exotisch klingende Wörter wie Kolon oder Semikolon nahegebracht, als die LehrerInnen immer nur von Doppelpunkt und Strichpunkt gesprochen haben.
Gibt es Vorbilder – bzw. wer hat dich geprägt?
Als Kind war für mich die Nachbarschaft prägend. Die Grazer Moserhofgasse, in der ich aufgewachsen bin, hatte in meiner Kindheit und Jugend noch den Beinamen „Windische Herrengasse“. Die abschätzige Bezeichnung „windisch“ bezog sich auf die vielen Menschen in der Gasse, die wie mein Vater slowenische Wurzeln hatten. Der Vergleich mit der prunkvollen Herrengasse im Zentrum war eine ironische Bezeichnung. Damit war gemeint, dass die Moserhofgasse eleganter sein wollte, als sie tatsächlich war.
Viele Nachbarinnen und Nachbarn hatten einen starken slowenischen Einschlag in ihrem Dialekt, der uns erst mit der Zeit alles verstehen ließ, was sie uns in ihrer melodisch auf- und absteigenden Sprachmelodie sagen wollten.
Der Dialekt mit seinem besonderen Sprachklang wurde für mich zur Selbstverständlichkeit. Ich schreibe sowohl in Hochsprache als auch im Dialekt. Beim Dialekt hat man zwar nicht mehr Möglichkeiten als in der Hochsprache, aber der Dialekt hat andere Möglichkeiten, die die Hochsprache nicht kennt.
Frühe Einflüsse in meiner späteren Jugend waren, wie bei so vielen Dialekt-SchriftstellerInnen, der Sprachgott H. C. Artmann mit seiner „schwoazzn dintn“ — damals für mich ein Erweckungserlebnis, vor allem, was die Transkription, das Umsetzen von Sprache in sichtbar gewordene Sprache, also Schrift betrifft. Weiters auch Christine Nöstlinger mit ihren großartigen Dialektgedichten in dem Gedichtband „iba de gaunz oamen leit“. Dann selbstverständlich die unendlich große Austropop-Szene mit Ambros, Danzer und vielen anderen. Sehr beeindruckt hat mich auch Arik Brauer, der die Szene um den jiddischen Einfluss bereichert hat und eine ganz raffinierte Art zu reimen hatte. In der Steiermark waren und sind wir ohnehin bis heute gesegnet mit STS, EAV und vielen, vielen anderen.
Was bietet dir der Dialekt für deine Literatur, was die Hochsprache nicht bietet?
Wie hier schon mehrfach und übereinstimmend gesagt wurde, herrscht Einigkeit darüber, dass jeder Dialekt seine eigene Melodie hat, dass der Dialekt viel mit Gefühlen, Emotionen zu tun hat und dass er im Gegensatz zur Hochsprache eine sehr direkte Form des Ausdrucks ist.
Weil das so ist, schreibe ich Gedichte und Songtexte oft im Dialekt. Der Dialekt ist bildhafter, saftiger. Und sein Vokabular ist sinnlicher als das der Hochsprache.
Daraus ergibt sich eine bestimmte Weichheit, wurde in einem Interview* gesagt. Das ist bei einigen Dialekten so. Aber in meinem Fall, im Grazer Dialekt, gibt es viele kurz und hart ausgesprochenen Wörter, die nicht durch Dehnen in eine weiche Form gezwungen werden, wie das zum Beispiel im Wienerischen oft zu hören ist.
Im Dialekt sind die Selbstlaute, die Umlaute und vor allem die Doppellaute bestimmender als in der Hochsprache. Wahrscheinlich sind unsere Emotionen seit Urzeiten von diesen Lauten begleitet. Sei es der Angstschrei bei der Begegnung mit einem gefährlichen Tier, ein Freudenschrei über endlich gelungenes Feuermachen bis hin zu den intimsten Begegnungen. Solche Ereignisse wurden und werden damals wie auch heute noch intensiv von ausgesprochenen oder auch ausgerufenen Selbstlauten, Umlauten oder Doppellauten begleitet.
Der Dialekt hat aber auch eigene Doppellaute, die in der Hochsprache nicht zu finden sind, wie ea, ou, oi, ia, ua, oa, und viel öfter als in der Hochsprache auch das ui. (Also zum Beispiel heast as net, seavas, gean, sou houch oubn, woid, koit, zoit, Hiatamadl, ziang, miassn, fui, ghuit, schuid, zua, gnua, schua, hean, plean, schtean, haot, boat, woat).
Interessanterweise gibt es im Englischen nicht wie bei uns nur drei oder vier, sondern gleich acht Doppellaute:
ou (low, go), au (loud, mouse) ai (light, bike) ei (lay, face) oi (boy, oil) ia (steer, clear) ea (air, chair) ua (tour, poor)
Vielleicht ist diese Ähnlichkeit und das häufigere Vorkommen von Doppellauten, die im Englischen und in unserem Dialekt zu finden sind, dafür verantwortlich, dass englischsprachige Songs sich leichter in den Dialekt übersetzen lassen als in die dafür doch oft sperrige Hochsprache.
Wie bereits erwähnt, schreibst du nicht nur eigene Texte im Dialekt, sondern übersetzt auch Lieder wie etwa die von Leonard Cohen. Worauf legst du bei der Übersetzung bzw. Übertragung dein Augenmerk?
„Sprachen sind nicht kompatibel“, hat einmal der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott gesagt.
Und die große Schriftstellerin Maja Haderlap hat nicht nur den wunderbaren, erschütternden Roman „Der Engel des Vergessens“ geschrieben, sondern auch den Gedichtband „Langsamer Transit“. Sie sagt in einem Gedicht, dass die Wörter, die den Fluss durchqueren, nur ja nicht glauben sollen, dass sie unversehrt, so wie sie waren, am Ufer der anderen Sprache aus dem Fluss steigen könnten.
Und Wolfgang Ambros, der Bob Dylan und auch Tom Waits übersetzt hat, meinte vor kurzem in einem Interview, dass man Tom Waits nicht übersetzen oder übertragen, also in den Dialekt hinübertragen kann. Und dann hat er den entscheidenden Satz gesagt: „Man muss versuchen, das zu sagen, was der Tom Waits versucht hat zu sagen. Und wenn das 1:1 in Worten nicht geht, dann muss man andere Worte finden, die das versuchen.“
Das Thema „Übersetzen“ ist zu groß, um es hier auszuführen. Aber an einem kurzen Beispiel kann man sehen, was der Dialekt bei einem aus dem Englischen übersetzten Text vermag:
Es gibt in dem Song „America“ von Paul Simon, noch gesungen von Simon & Garfunkel, die wunderbare Zeile:
And the moon rows over an open field. (der englische Doppellaut „ou“ kommt drei Mal vor)
In die Hochsprache übersetzt, könnte man das etwa so formulieren: Und der Mond steigt auf über offnem Feld/ oder: Und der Mond hoch über dem offnen Feld. oder: Und der Mond hoch ober dem offnen Feld
Im Dialekt (wo es das „ou“ im Gegensatz zur Hochsprache ja auch gibt) könnte man das „And the moon rows over an open field“ dann so übersetzen: und da mond houch ouwa an oufnan fööd. — („sou houch oum, da mond“)
In der zweiten Sendung von DialektSHOG, bei der du Gast sein wirst, steht unter anderem auch die Frage im Raum, ob gute Dialektliteratur von Menschen geschrieben werden kann, die selbst nicht im Dialekt sozialisiert wurden. Wie stehst du zu dem Thema?
Warum nicht? Karl Merkatz, der „Mundl“, war ein geborener Wiener Neustädter, das geht bei Wienern vielleicht noch durch. Wolfgang Böck ist in Linz geboren, hat in Salzburg und Graz studiert und hier Erfolge am Schauspielhaus und in der Oper gehabt. Soviel ich weiß, ist er erst mit über 30 in Wien als „typischer Wiener“, wie später in der Rolle des „Trautmann“ bekannt geworden. Adi Hirschal ist geborener Innsbrucker und auch erfolgreicher Schauspieler auf deutschen und österreichischen Bühnen. Böck und Hirschal singen gemeinsam die typischen Wiener „Strizzilieder“. Allen dreien ist gemeinsam, dass sie Schauspieler sind und neben den Rollen, die dem Fernsehpublkum bekannt sind, viele Engagements und Erfolge an großen deutschsprachigen Bühnen gehabt haben. In Hochsprache selbstverständlich. Den Dialekt haben sie sich für ihre Rollen „angeeignet“. Wer Karl Merkatz einmal privat oder in Interviews gehört hat, der hat einen Menschen mit sehr gewählter, fast vornehmer Stimme, Wortwahl und Formulierung gehört. Der „Mundl“ war eine Rolle.
Bei Gedichten, bei emotionaler Lyrik, kann es auch eine Rolle sein, in die man schlüpft, auch im Dialekt. Die Literatur und ihre Präsentation ist vielfältig geworden. Rap, Poetry Slam und kunstvolle Lesungen sind oft mit „Rollenspielen“ verbunden. Wenn dadurch heute, auch mit Dialekt, andere, neue Zuhörergruppen angesprochen werden, sollte man das als Bereicherung sehen. Am Ende steht immer die entscheidende Frage: Ist es gut gemacht oder nicht?