voipockt mit sackaln und packaln tauchi bei de kinda auf eiglodn vun da schwiagatochta zu ana ostajausn mei sohn mocht ma de tir auf im vurzimma fliagi glei übara feangsteierts auto des kind is no net auftaucht des sitzt zwischn seine schpüsochn im wohnzimma aufm bodn east oisi de geschenke oblod kumt da bua aufd fiaß um z’griaßn vurm auspockn zerst de jausn mit gaukau kaffee und turtn in da kuchl des kind hupft aufn sessl dossma ongst und bong wiad greiftsi quer übern kuchltisch a schokotöatchen vum tölla und schtopft sis in mund ois wos net einepasst foit aufn tisch oda sessl oda bodn de serviettn liagt nua zum schpaß do iwoga bemeakung auf zrechtweisn foigta net maßregln mi de ötan do wiada oba in da schui schwierichkeitn kriagn außadem sitzi net gean in da pickatn möschpeis da bua geht schokovaschmiat vum tisch zruck zu seine schpüsochn da gonze fuaßbodn voi mit steckbauschtana und klane autos nachdemi mein gaukau austrunkn hob setzimi zum enkal aufn bodn in weisa vuraussicht hob i sogoa am festtag jeans on und hölf eam beim zsammraman donn oba stauni er hot si ausm aufklopptn mit küchnroininnerei obgschtütztn poppndeckldeckl vun ana schuachschochtl a schutzdoch fia de autos baut ausm untateuil a rompn ausgschnittn ois eifoat zua garasch fir de klanarn autos a praktische afoche idee schweast beeindruckt vun sovü geistiga regsomkeit und tatkroft bleibtma nix ondars übrich ois dem frotzn oda eigentli dena ötern de monglndn maniern nochzusehn gessn homma zsamgramt a und gnua bewundat jetzt wiad auspockt damit da klane wüdfong net unruig wiad
I bin ois junga Bui scha gwéin, a echta gluana Lump. Zigreddn g’racht, die Kotz seggiat, Bier drunga scha, auf pump. Die Pfoat héing va da Housn ausa, d´Schuich valian die Souhln, und gstod in d´Schui géihn, wia sís ghead, auf d’ Wiesn umatoulln. Wos is nit ois, säud oll déi Joa, auf insra Wöd bossiad? Sou hod déi Zäut, wea häd si ’ s dochd, van gluan uan großn Lumpm gmocht.
Er ischt scho durch viel Händ ganga. Händ vo Gschäftslüt und Husfraua, Studeanta und Bura und Handwerker. Zletscht ischt er ama Landstricher us sim löchriga Hosasack gfalla und is Gräs grollt. A Kind heata gfunda. A Kind heat d’ Oga nöher am Boda. Und wenigr großspurige Gedanka im Kopf. Drum siacht’s, wenn ebbas am Weagrand glänzt. »Bloß a Stückle Bleach! Obacht, du künnscht dir wehtoa«, rüaft da Papa, aber ’s Kind rennt glei druf zua, bückt si danoch und freut sie über sin Fund. »Aso, an Euro«, set da Papa, »en muaß ebmer verlora ha.« »Kann i ean bhalta?«, frogt ’s Kind. Es ischt scho so wit domeschtiziert, dass es da Unterschied zwüschat Mi und Di verinnerlicht heat, und des Kapitalismusgsetz – höher, witer, meh und wer am meischta heat, heat gewunna – würd eam bald amol bibrocht. Abr noch ischt so an Euro oafach schöa. Höfali kratzt’s da Dreack weag, blost da Stob furt und lota i dr Sunna ufblitza. »Iatz hör uf und kumm endlich«, set da Papa. Dr Euro verschwindet i dr Kinderfuscht. Dahoam kriagt er an Ehraplatz ufm Nachtkästle, würd jeda Tag poliert, gstreichlat und umazoagt. Bis d’Mama s’Kinderzimmer ufrumt. Sie steckt da Euro durch an Schlitz ina dunkle Böchs. Döt trifft er uf Kollega, Euro, Cent, Groscha, Schilling und soger a paar Rappa und Fränkli. Mit dr Zit sind immer meh dazuako, es ischt eng wora wia imana Sarg, dr Euro heat Angscht ka, dass er nia meh us deam Massagrab usakunnt. Abr es ischt anders ko. Viel spöter heats uf oamol an furchtbara Schlag toa, Böchs ischt explodiert und d’Münza sind in alle Himmelsrichtiga usanandergspickt. Dr Euro ischt is Rolla ko, über a Kanta ahigstüarzt, witergrollt und im Schatta vomana Bom im Gräs legableba. Sither wartat er druf, dass ean a Kind findat und i dr Sunna ufblitza lot.
Deaf i moi eini schau? Na, so griaweg! Und so vü Hoa! A so a liabs Biaschal. Aso! A Diandl is! Na, wia d’Mama. Und? Is er eh brav? Jojo feigets na a weng, d’Mama. Soid scho aufsteh. Haha! Muats babbat is er, ha? Der werd se scho nu zaum wochsn. Na Hauptsoch, se san gsund, geee?
A Wochn nau Schui, die Zeignis san gschriem, die Lehra gengan mit Kinda ins Bod. Daun sitzns aufn Bangl und schaun, wos si duat. Die Madln stengan bei da Dusch und schaun umme zu d’ Buam. De hupfm und springan und schrein wia bled, ois obs ana mit an Messa ogstochn häd. Do kummt da blade Bua, und plötzlich is stü, und daun schnappms eahm zu fünft und zahn und zahn, und da blade Bua losst sie foin. Die Buam, de roin eahm zum Wossa hin, a Stessa no, und scho is er drin. Do taucht er umme zu da Stiagn, er kräut auffe und wischt si die Hoa aus da Stian. Er nimmt an Auraund und springt so hoch und so weit er nur kaun, a richtig schene Oaschbombm mocht er daun. Und jetzt is er da King, wäu kana kaun so spritzn wia ea. Supa Peda, heat ma jetzt die Madln schrein, und die Buam, de hupfm und boschn ind Händ. Die Lehra aum Bangl, de schaun si zfriedn au, wia si maunchsmoi ois vo söba regln kau.
Kennts es den Wåsnschtoffl ned? A sötsaums Wesn, geht de Red, woar hoiwat Mensch, hoib Wåssawesn. Zwaa Fischa san im Schüüf draußt gwesn und haum nan gfaungan mid an Netz. Wiar der hot ausgschaut, woar ka Hetz! Recht klaa, mit Schwimmheit zwischn d’Finga (do muasst di fost zan Hinschaun zwinga), gaunz vuller Schlaumm, de Nägl laung, de Hoar vafülzt, dass an wird baung, mit klaane Augn, da Mund gaunz blau, schtöllt große weiße Zähnt zur Schau. De Fischer haum no vuar da Nocht des Mannderl schnöö zum Schloss hinbrocht, ins Schloss, då, wo da Füarscht hot gwohnt. Der hot de Fischer reich belohnt und hot des Mannderl Stefan gnennt. Von weither san de Leit hergrennt – se haum den Schtoffel aunschaun woilln und woitn eam Bewundrung zoilln. Am Aunfang hot er Grås nur gfressen und Fresch von Schlossteich mit Genuss. S woar laung, bis er wos Kochts håt gessen und gredt hat er eascht ganz am Schluss. De Fiaschtntochter håt er megn, de håt er no am liabstn gsegn, weu de hot freindlich mit eahm gredt. Wia dann des Joahr zu Ende geht, då håt des Madl Hochzeit ghoitn. De woit da Schtoffl mitgestoitn. Er wollt a große Freid ihr måchn und håt an Korb – ihr werds jetzt låchn – zur Hochzeitståfl einatrågn: Mit Fresch und Krotn und so Såchn! De håt er auf de Tafel gschitt, dass ålle Gäst im Sauseschritt davongrennt san vor Schreck und Graus. Da Schtoffl kennt si erscht net aus, daunn schaumt er si und rennt zum Teich, hupft eini und schwimmt zruck sogleich übern Kanal zum Neusiedler See durch Schüülf und Wåsen klingt sein Ade … Und er woar derartig verlegn, dass kaana eahm je wiedagsegn.
ANMERKUNG: Der Waasen ( ungarisch Hanság) ist ein ehemaliges Flachmoor im Südosten des Seewinkels, der über den Einserkanal entwässsert wird.
In de Weinberg von Klaahöflein, do gibts an Schtaa, den Kümmerlingschtaa, so wia eahm d’Leit nennan. Fåst maunnshoch is der Grenzschtaa, olles aundre ois klaa, va dem geht de Red, er vaneigt si in da Fruah vuam erschten, der fleißi zur Oarbeit tuat rennan.
A Weinbaua hot za sein Buam amoi gsågt: »Schee warads, waunn i no des Wunda dalebert, dass da Kümmerlingschtaa si vor deiner, waunns tågt, ois easchtm vabeigt! Seppl, waunns des nua gebert.«
Da Seppl tat gern wissen, ob wås draun is aun der Mär und geht mit ana Deckn zan Grenzschtaa auf d‘ Nåcht. Durt legt er si nieda zan Schloffn und hofft, dass, waunn wer daherkummt, er schnö gnua erwåcht, dass ois earschta am Schtaa er voabeigaungan wär. Boid nach Mitternåcht heart er daunn Schriat und a Låchn, und a gaunz oiter Maunn mit Blauschurz und Buttn geht ois earschter vorbei, do kaunn ma nix måchn! Der Kümmerlingschtaa, siacht er aus seiner Suttn, tuat si gaunz tiaf vaneign, sowås siacht ma net oft! Jetzt mecht da Sepp wissen, wer der Oide denn woar? Er siacht, wia der Oide jedn Weinstock berührt und an Segnsspruch flüstert, und då wird eam kloar: Des muaß wohl der uroite Leseähnl sein. Wann der kummt, daunn gibts guate Erntn beim Wein!
Am nächstn Tag woarn daunn de Weinbeern schon zeitig scheen gschmackig und siaß, gaunz groß und voi Såft, der gwiss dem Wein nåcha Berühmtheit vaschåfft. Deswegn måcht der Sepp die Verbeugung nicht schtreitig dem Lesähnl, und vor dem ziagt er den Huat: Da Kümmalingschtaa waas gaunz guat, wås er tuat!
ANMERKUNG:
Die Prosafassung dieses Märchens ist hier nachzulesen:
da stelzhamer franz is a dichda quen. ea woa a kolleg von rumpfl ägidius aus oberfucking gemeinde samaskira do zschaddeng undd. ea woa a a kolleg vo da oberfellner zilli aus großweiffendorf zmettmoch drom. ea is owa a a kolleg von goethe quen dea owa de innviadla mundoadd goa ned amoi beheaschd hod. da stelzhamer franz hod deologie schduddiad obwoi a e goa ned bfoara woan is. da stelzhamer franz hod xofn obwoi a goa ned amoi gnua gäid fiass dringa kobd hod. da stelzhamer franz hod kuad obwoi se des domois scho ned kead hod. an stelzhamer franz hods vo da lemsbo kaud & vo da keglbo homsn a aussekaud. da stelzhamer franz hod gschrim „dahoam is dahoam“ obwoi ea e nia dahoam quen is. & drozdem miassn heid oille aufschde wonn des liad xunga wiad wos ea gschrim hod. da bfoara, da leara, da biagamoasda, da vizebiagamoasda, de eggonomieredde, de schauschneida, dbfoarakechen, da schuideana, dschuikina, da schdeiazola & da londesheibdleng & sei schafea an londesheibdleng sei schdoivadredda min schafea an londesheibdleng sei frau & ia schafea da beziaxheibdleng & sei schafea da londesschuiinschbeggda & sei schafea da beziaxschuiinschbegda & sei schafea. wei ma heizdox wo ma schnäi foan & schwa dringa mechd unbedingd an schafea brauchd.
aus: Hans Kumpfmüller: Goidhaum & Logahauskabbe. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 1997
das ganz große ereignis nein nicht das! das ganz ganz große ereignis gerhard tot
am 8. soll er gstoren sein dank ihm hab i verstandn die niederflurstraßenbahnen schließen vü z’schnell die türn
und selbstverständli wollt er lesen an sein burtseltag – hab kan kalender – ober 7. april war gebongt
gerhard wara verschenka hab i zu bettina vor jahrn gsagt a schenka – großzügig und heiter das einige als unterklassig verkanntn
tatjaschkeisch brachte er in die literatur eine authentisch lässige lockerheit die nicht in kategorien wie: „so was is oba zu banal!“ zu erfassn is
ka noch so schwere aufgab vermocht ihn in unfreiheit zwingen er dozierte in der akademie der bildenden kunst ostbahn kurti, günter brödl applaudierten mit den studenten
als dozent brillierte er imma auf den stufen der ironie und absurdität sogar beim briefe in kuverts steckn in der gav lockerte er uns
und so auch sein schreibm genial, neben nebensächlich und niveau brechend einfach und so lieb und warmherzig
erst in den letzten jahren lernt ich seine zornige seite sein wollen ins gute, ins wohlwollende ins gscheitere …
das bewunderte ich, die kraft zur tat, wobei er diese gschicht hatte: keinen körperlichen kampf gewinnen zu können
und ohne ingrid wär da gerhard schon a a mensch gwesen der si traut hätt, a genie zu sein aber dank ingrid wald is er zu einem geworden! gerhard for ever!
Radio Rosta – diesmal mit einer Rückschau auf die Morgenschtean-Matinee
https://ewigkeitsgasse.at/kultur.html
Radio Rosta – Das Kulturjournal von Welt&Co #29: „Kulturdämmerung“
Ankündigungstext: Diesmal stellen wir Ihnen die aktuelle Ausgabe der ersten und einzigen österreichischen Dialektzeitschrift „Morgenschtean“ mit dem Schwerpunkt Kärnten vor und sprechen mit Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen Autoren über die Kulturpläne der derzeitigen Koalitions-Verhandlungspartner. Den Anfang macht aber ein Beitrag über die Buchneuerscheinung „O du mein Österreich (K)eine Lobeshymne“ (Verlag Anton Pustet), an der ebenfalls Gerhard Ruiss beteiligt ist und die sich kritisch mit den acht Hymnen der österreichischen Bundesländer auseinandersetzt.
Am 26. Jänner 2025 waren der Morgenschtean und die in der aktuellen Ausgabe vertretenen Kärntner Dialektautor:innen in den Kunstraum Ewigkeitsgasse eingeladen, um aktuelle Dialektliteratur aus Kärnten zu präsentieren und über Diaektliteratur im Allgemeinen zu reden.
Nach einer Einführung durch Morgenschtean-Redakteurin Margarita Puntigam-Kinstner, welche kurz die Geschichte des Morgenschtean zusammenfasste , lasen Daniala Kocmut, Elisabeth Hafner und Alfred Woschitz aus eigenen Werken sowie aus dem Nachlass von Otto Bünker sowie Bernhard C. Bünker.
Im Anschluss fand eine Diskussion statt, in der die Autor:innen von ihrer Beschäftigung mit Dialektliteratur erzählten und ergründeten, warum sich für manche Texte die Dialektliteratur besser eignet als die Hochsprache.
Am Klavier war Yedda Chunyu Lin zu hören.
Die Veranstaltung wurde von Chris Haderer mitgefilmt und auf Ton mitgeschnitten, die Lesungen wird demnächst auf OKTO sowie auf Radio Agora ausgestrahlt.
Der Morgenschtean bedankt sich beim Welt & Co-Verein, insbesondere seinem Obmann Alfred Woschitz, der diese Veranstaltung organisiert hat.
Präsentation der Ausgabe U82–83 – Mitschnitt vom 28.11.2024
Am 28. November 2024 lasen wieder vier Autor*innen aus der neuen Ausgabe – ins Café Anno eingeladen waren diesmal Norbert Scherbaum alias dog&SCHWOAZ, Elisabeth Hafner, Stefan Winterstein und Markus Köhle. Die Lesung wurde zum Teil mitgeschnitten, diese Ausschnitte können nun hier nachgehört werden!
Außerdem präsentierte Stefan Winterstein seinen Beitrag im Morgenschtean sowie aktuelle Dialekt-Texte. Aus urherberrechtlichen Gründen gibt es von dieser Lesung keinen Mitschnitt.
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du muasst lei a bissl mea liabn nocha warat ois guat du muasst lei a bissl freindlicha wern donn kloppt des schon mit uns zwa und kochst holt noch a bissl bessa es liegt lei on dia wonn du nit so stua warast wos mochst denn fir a finstas gsicht de ondren fraun sand vül freindlicha zu senare manda de gresstn gauna hobn seggewohl de liabstn fraun host du imma behauptet najo du werst es wohl wissn
Bernhard C. Bünker veröffentlichte zu Lebzeiten 12 Lyrik- und 2 Prosabände. Mit Dazöhl (nix) von daham und der Werkauswahl zommengetrogn erschienen zwei weitere Bücher, in denen Gedichte und Erzählungen, deren Themen sich aufeinander beziehen, formensprachlich unterschiedlich gelöst, eine Einheit bilden. (2)
Er hat stets großen Wert daraufgelegt, seine Publikationen mit Vor- und Nachworten aus dem zumeist kollegialen Umfeld auszustatten. Sie sollten sein Werk unterstützen und seine inhaltlichen Schwerpunkte unterstreichen. Mit zwei Ausnahmen: Im 1976 erschienenen Band mit Dialektgedichten An Heabst fia di verzichtet er ganz auf diese besondere Empfehlung, in der Sammlung A schwoaze Blia fia di setzt er an Stelle des sonst üblichen Begleittextes zwei programmatische Zitate. (3) Bei der Auswahl der Autoren der Vor- und Nachworte verließ sich Bünker gerne auf den Zuspruch eines freundschaftlichen Urteils. Ist es für seine Märchen und Erzählungen in Ongst vua da Ongst der Theologe und Psychoanalytiker Koloman N. Micskey, der dieser geradezu therapeutischen Aufgabe nachgeht und besonders das Traumhafte in Bünkers Kurzgeschichten hervorstreicht, wählt er für die politisch-programmatische Auseinandersetzung mit Kärnten (Wals de hamat is) den Journalisten Harald Irnberger, der am Beispiel einer unvergleichlichen Menschenhatz gegen Bernhard C. Bünker die politisch-ökonomische Ausnahmestellung Kärntens der ersten Haiderperiode aufzeigt. Im Buch De ausvakafte Hamat ergreift der Freund und Mitstreiter in Sachen Dialektdichtung Hans Haid (verstorben im Frühjahr 2019) – pointierter Kritiker und eloquenter Aktivist gegen einen touristischen »Ausverkauf der Heimat« – das Wort für den »klagenden und schreibenden« Bünker, um seinem Werk trotz inhaltlicher Kompromisslosigkeit und harter Anklage auch eine feine Poesie des »ungemein Zarten,Lyrischen« zu bescheinigen. Fernand Hof[f]mann, Gründungsmitglied des IDI (Internationales Dialektinstitut), ist in seinen Reflexionen zu Bünkers Poesie in Des Schtickl gea i allan überzeugt, dass dessen ursprüngliche, in den frühen Texten ausgedrückte »Anklage, [eine] Revolte gegen eine gesichtslose und entmenschlichte Heimat [ist, die in] der poetischen Form dieser Aussage aus der Enge heraus in die Weite des Weltliterarischen « (4) tritt. Der Schweizer Mundartautor Julian Dillier, der IDI-Mitkämpfer und mit Bünker Herausgeber der Dialektanthologie Manfred Chobot und der erste Ö.D.A.-Geschäftsführer Hans-Jörg Waldner (1988–2003) vervollständigen diese einstweilige Würdigung des literarischen Wirkens Bernhard C. Bünkers.
In der Hauptsache aber übernahm Hans Haid die literarische Einschätzung und eine vorläufige Beurteilung von Bünkers Poesie. Im Nachwort zur Werkauswahl zommengetrogn, Bünkers 1995 letztes zu Lebzeiten erschienenes und bei Carinthia verlegtes Buch, fasst Haid dessen literarisches Wirken noch einmal zusammen und antwortet in einer sehr persönlichen und poetischen Würdigung auf die Frage nach dem, was schließlich von allem übrigbleiben werde, wenn ihn »de oltn freind« verlassen haben werden: »einige davon, da kannst du beruhigt sein, werden die nächsten jahre voller haß, heimatliebe und traurigkeit mit dir gehen, und noch weit mehr davon werden verspätet und erst viele viele jahre nachher diese einzigartige heimatliteratur erkennen.« (5)
Dabei gilt es festzuhalten, dass Bernhard C. Bünker, der seine positiven und negativen Kärntner Erfahrungen in seinen Gedichten, Erzählungen, Märchen, Satiren und Drehbüchern literarisch umsetzte – und sich gerade deswegen als »Heimatdichter« verstanden wissen wollte –, den Begriff »Heimat« als Erfahrung eines sozialen Ortes mit ökologischer und solidarischer Verantwortung neu definierte. Die paradoxe »Geographie« seines »heimatlichen«, von Sehnsucht nach kindlicher Geborgenheit geprägten, zugleich aber unbehaust empfundenen Menschseins bringt das Gedicht die welt ist nicht heimat von Peter Paul Zahl auf den Punkt. Bünker stellte es als Motto seinem Gedichtband Dazöhl (nix) von daham voran: heimat – das ist eine kette / um den hals ein amulett / ein verlobungs- ein trauring / ein foto der frau der kinder / ein zeitungsausschnitt / heimat ist was du verbirgst / gefährdet sicherheit und ordnung / heimat steckt zwischen den schläfen / pistolenschussbereit / heimweh ist auftrag / heimweh aufruf zum kampf. (6) Er ersetzte damit den von den Nationalsozialisten vereinnahmten, auf »Blut und Boden« reduzierten und in seiner Menschenverachtung ausgrenzenden, belasteten Heimatbegriff durch ein neues, kritisches Verständnis für ein kulturell-vielfältiges und menschlich-demokratisches Miteinander.
Bernhard C. Bünkers erstes Buch De ausvakafte Hamat (Verlag Friedl Brehm, Feldafing 1975) ist eine kritische Auseinandersetzung mit den Auswüchsen des Massentourismus in den Alpen als Folge einer maßlos gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prostitution am Beispiel Kärntens. Als gewissermaßen programmatische Grundlegung seines literarischen Schaffens ist für Hans Haid das schmale Bändchen mit 41 Gedichten ein »intensivstes heimaterlebnis« (7), bei dem die einem erzählenden Realismus geschuldeten Gedichte eine »gesichtslose […] entmenschlichte […] von geistigem und materiellem Unrat beschmutzte […] wirkliche heimat« widerspiegeln. Er bescheinigt Bünker eine »tiefe liebe zur heimat […] aus einer ehrlichen sorge« und liest aus Bünkers Texten nicht nur anklagende Kritik, sondern entdeckt, hinter den harten, realistischen Bildern verborgen, auch sein sensibles und emphatisches, lyrisches Talent. Schließlich fordert Haid, selbst Kritiker einer nur an Profitmaximierung orientierten, schrankenlosen und umweltzerstörenden Fremdenverkehrswirtschaft, die Tourismusverantwortlichen auf, zukünftig auf ihren Prospekten Bünkers »kärntner heimattexte « anstelle der gebräuchlichen, verlogenen Werbetexte zu verwenden. In dem folgenden, 1978 in Klagenfurt bei Carinthia verlegten Prosaband Ongst vua da Ongst, einer Sammlung von düsteren Geschichten und Märchen, bestätigt Koloman N. Micskey in seinem Nachwort Bünker eine »aufwühlend, originelle schriftstellerische Erscheinung «. Er nennt ihn einen »Offenbarer vergehenden, haftenden Dunkels «, dessen Erzählungen den »unhellen Mythos einer vergehend-bleibenden Dorf- und Almenwelt « beschreiben. Bünkers archetypische Bilderwelt erweckt bei Micskey traumähnliche Metaphern als Ausgangspunkt tiefenpsychologischer Deutung: »Das Dunkel beweist das Licht durch Wegweisen und das Bergen durch Verbergen. « (Zitat Micskey) (8) Im Vergleich einiger seiner Geschichten mit Werken der Weltliteratur konstatiert Micskey bei Bünker eine Meisterschaft und »Souveränität, [mit der er] ein literarisches Motiv umkomponiert «(9) und dieses auf die soziale Welt des Ostalpenraums und im Speziellen der österreichischen Provinz herunterbricht. Dabei erreicht für Micskey der Dialekt »literarisch Würde und Niveau der Hochsprache «. 1979 erscheint unter dem Titel Wals de Hamat is ein Sonderheft der von Antonio Fian herausgegebenen Kärntner Literaturzeitschrift Fettfleck (10) unter anderem als Dokumentation eines »Shitstorms« gegen Bernhard C. Bünker im Zusammenhang mit seinem Aufsatz über das reaktionäre Wesen deutschtümelnder Kärntner, veröffentlicht in der slowenischen Literaturzeitschrift mladje. Das Vorwort dazu schreibt der 2010 verstorbene Kärntner Journalist und Schriftsteller Harald Irnberger, Gründer, Herausgeber und Chefredakteur der österreichischen, politisch-aufmüpfigen Zeitschrift Extrablatt. Irnbergers Beitrag nimmt eine Sonderstellung unter den Vor- und Nachworten ein, da er sich nicht mit der Poesie Bernhard C. Bünkers und den Inhalten der Gedichte befasst, sondern sich anhand des Aufsatzes über den Sinn und Wert des Kärntner Anzugs bei der ihn tragenden Bevölkerung (Untersuchung zur Korrelation des Kärntneranzuges und dessen Trägern / O razmerju med koroškim gvantom in njegovimi nosilci) mit den besonderen politischen Verhältnissen in Kärnten auseinandersetzt und damit die politische Basis seiner Dichtung, die persönliche Haltung und seinen Antrieb als Autor thematisiert. In Hinblick auf Bünkers Aufsatz und der hysterischen Reaktion darauf (»Es ist kein Zufall, wenn in Kärnten eine Abhandlung über ein gewisses Kleidungsstück zum Kardinalproblem hochstilisiert wird – und man folglich über die tatsächlichen Kardinalprobleme hinwegschweigt.«) verweist Irnberger (Zitat) in dieser Zusammenstellung – erweitert durch politische Gedichte – darauf, wie Bünker von nationalistischen Kreisen zum Feindbild gemacht und sein Aufsatz dazu verwendet wird, um von den realen politischen und ökonomischen Problemen in Kärnten mit seiner Strukturschwäche, den fehlenden Arbeitsplätzen und der Ausgrenzung und Hetze gegenüber der slowenischen Minderheit abzulenken. Für Harald Irnberger ist der Ausnahmefall Kärnten in seiner exemplarisch besonderen Verbundenheit alter Nazis mit Sozialdemokraten am Fall Bünker, der im Landals »Nestbeschmutzer« und keineswegs als Heimatdichter gilt, projektiv abgehandelt.
Ein Plädoyer für die Dialektlyrik am Beispiel von Bünkers Dialektgedichten hält der Luxemburger Pädagoge, Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Fernand Hof[f]mann in dem 1980, wieder bei Carinthia erschienenen Gedichtband Des Schtickl gea i allan. In einer ausführlichen Analyse (11), betitelt als »Mundartlyrik gegen den Trend oder Der Mut zur Poesie «, stellt er Bernhard C. Bünker ins Spannungsfeld eines unverschuldet schmerzlich Alleingelassenen und eines bewusst entschiedenen »einsamen literarischen Waldläufers«. Hof[f]mann greift in der Betrachtung der Poesie Bünkers – mit einer Ausnahme (»Bünkerische Dialektlyrik «) – auf den Begriff »Mundart « zurück und setzt ihn anstelle des für Bünker so wichtigen Begriffes »Dialekt« als Markierung seiner politischen Intention als Autor. Für Hof[f]mann ist Bernhard C. Bünkers literarischer Weg ein Entwicklungsprozess von anfänglich noch »hörbarer Nähe der Anti-Heimat-Tendenz und des umweltschützlerischen [sic!] Engagements « zu einem politisch nicht mehr engagierten Dichter. Um letztlich aber doch einzuräumen, dass »ein guter Teil dessen, was er schreibt, nur vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten unserer Zeit zu verstehen ist «. Er sieht Bünker weder als »Sprachrohr der bis dahin stummen Volksmassen «, noch als Mundartagitator, vielmehr gewahrt er ihn als einen Autor, der »Poesie um der Poesie willen « schreibt, jedoch anders als in der Theorie des »l’art pour l’art«, als jemanden, der Poesie als »ein Kondensat der Wirklichkeit der Welt versteht «. Hof[f]mann verortet Bernhard C. Bünker literarisch zweifach: einerseits als einen Kärntner »Heimatdichter « (12), der in »Rückbesinnung auf das, was man ist und wie man es geworden ist im Hinblick auf ein besseres Erkennen und Begreifen der eigenen Person « die Kärntner Wirklichkeit erfasst und beschreibt, andererseits als einen verschwenderischen Menschen, der – in der willentlichen Umklammerung der Welt als Liebender – Lebensgefühl und Welterfahrung als Widerspruch »freudiger Diesseitsbejahung und asketischer Weltflucht, sinnlicher Lebensumarmung und mystischer Todessehnsucht « zu einem »erotischen Erleben« vermengt. Damit stellt er Bünkers Gedichte in die Tradition klagender Liebeslyrik, und zwar, wie er meint, des aus der Tradition »zwischen Sensualität und Askese gespannten religiös-erotischen Lebensgefühls « schöpfenden Kärntner Liebesliedes. Die Gedichte stellen in ihrer »Art einen vergeblichen und deshalb elegischen Versuch der Weltumarmung« dar. Die »Bünkerische Dialektlyrik« mit ihrem wehmütigen Grundton bleibt so »einerseits fest in seiner Kärntner Heimat verwurzelt, [diese] ja ohne sie überhaupt nicht denkbar ist«, andererseits identifiziert er eine »kosmopolitische Allüre […] im Schatten Baudelaires und Trakls, das heißt einer bestimmten Form europäischer Lyrik «. Und meint, wie ja auch Micskey und Haid, in der literarischen Klage Bünkers über eine »gesichtslose und entmenschlichte Heimat « eine Weltläufigkeit zu erkennen, die zwar von der provinziellen »Motivik und Thematik her begrenzt ist «, aber »in demselben Maße in ihrer allgemeinen Aussage und der poetischen Form dieser Aussage aus der Enge heraus in die Weite des Weltliterarischen « tritt. In der Einleitung des 1984 bei Heyn erschienenen Gedichtbandes Wonns goa is (13) schlägt Hans Haid einen fast hymnisch-verklärenden Ton an. Für den »Poeten« Bernhard C. Bünker sei »Poesie die Wahrheit «. Er beschreibe zwar in seinen Gedichten Kärnten als eine seelenlose, entmenschlichte Landschaft (»Die Dörfer in der Heimat verlieren die Gesichter […] Weg von der Provinz ins gestaltlose Niemandsland […] Gesichter der Dörfler werden leer und ausdruckslos «) und verwende dazu Bilder und Metaphern, die an das »kurz zurückliegende Erleben seiner Kärntner Heimat « erinnern. Aber im Gegensatz zu den Verantwortlichen und deren Mitläufern, die über den Missständen im Land »ihre Augen verschließen, […] erkennt und erleidet « er als Dichter. »Das Betroffenmachen und Berühren, das Vorausschauen und das Ahnen ist [dabei] die Sache des Poeten. « Und in der Art und Weise, wie er seine literarischen Bilder »poetisch und dialektmäßig « einsetzt, gibt er – auch in enger Verbundenheit mit den Kärntner Slowenen – »seinen Landsleuten die Sprache wieder «. Für Haid ist Bünker ein »Liebes- und Todeslyriker«, der wie Christine Lavant, die zwar »schriftdeutsch schrieb, aber im Dialekt dachte «, seine Gedichte genauso »bilderreich, verschlüsselt, aus der lebendigen, wirklichen Volkspoesie kommend, in Bildern und Sprache vollwertige Ausdrucksmittel der eigenen Kultur « schreibt. Es sind »die poetischen Bilder einer scheinbar längst entschwundenen Welt «, die »gleichzeitig Dokumente einer hochstehenden Provinzkultur « sind. Drei Aspekte zeichnen Bernhard C. Bünkers Poesie im deutschen Sprachraum als einzigartig aus: Zum einen ist Bünker »trotz der archaisch-altertümlichen Sprach- und Gedankenwelt modern «, zum anderen spiegelt sich in seinen Gedichten eine »Verhaltenheit und eingehaltene Trauer « wider, die nicht dreinhaut oder niederbrüllt, sondern in ihrer »unterdrückten Wut weint «, die »den Mond und den Wind an seiner Stelle trauern [und] den Tod mit seiner weißen Magd mit weißen Mohnblumen in der Hand kommen « lässt. Schließlich stehen seine »Liebes- und Todes- oder Todes- und Liebesgedichte […] in einer Art Wahn, in Todessehnsucht und Trauer, aber in großer Intensität. [Es sind] Bilder und Gedanken für das Erlebenkönnen, für das Mitfühlenkönnen und der Traurigkeit «.
Bei Hermagoras erscheint 1991 eine Sammlung von Texten und Gedichten im Kärntner Dialekt mit dem Titel Dazöhl (nix) von daham. Hans Jörg Waldner steuert das Nachwort (14) bei. Er interpretiert Bernhard C. Bünkers Texte als eine »Symbiose von Poesie und Widerstand.« In dieser Verbindung von epischer Beschreibung und lyrischer Empfindung wird der Leser mit der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit Kärntens konfrontiert. Die Texte thematisieren die Sehnsucht eines verlorenen und vereinsamten Stadtmenschen (»obgsoffn in da traurigkeit, … «) nach Heimat (»lei ham «), in der sich aber die Vertrautheit und Geborgenheit vorgaukelnden Dörfer seiner Kindheit als desillusionierende Orte der »Angst, Hinterhältigkeit « und Niedertracht entpuppen. Bünkers »daham« sind keine nostalgischen Kindheitsorte, sondern kennen die zerstörerischen »Mechanismen in Industrie, Fremdenverkehr und dem Landleben im Allgemeinen.« Bei der Frage nach dem soziokulturellen Hintergrund in Bünkers literarischem Werk gelangt Waldner zu einem ähnlichen Befund wie Hans Haid: Die Wut in Bünkers Texten schöpft aus seiner leidvollen Erfahrung des »Kärntnerischen«. Bünker bringt dabei ein zutiefst menschenverachtendes Gemenge literarisch auf den Punkt. Die »Bilder und Metaphern in seinen Gedichten [sind] karg, doch gestochen scharf.« Der Dialekt ist »souverän und kompromißlos «. Für Hans-Jörg Waldner ist Bernhard C. Bünkers Schreiben über die Heimat kein larmoyantes Gefasel der »Heimatverschönerer« und »Grenzlandkameraden «, sondern die aus seinem sozialen Gewissen angetriebene Zurückführung eines nationalistisch und völkisch vereinnahmten Heimatbegriffs. Die Gedichte und Geschichten, die von unbändiger poetischer Kraft zeugen, ergreifen dabei immer »Partei für Benachteiligte, Gegängelte, Bevormundete «.
Das Nachwort des Basler Mundartautors, Theater- und Radiomannes Julian Dillier zu Nochamol z’rucklafn (Verlag Heyn 1988) vermerkt eine »selbstkritische Inventuraufnahme zum 40. Geburtstag«, eine Art Beichte und Bilanz. Es ist »ein Geständnis ohne Angst « (15), bei dem Bünker nicht bloß zurückschaut, sondern seinen bisherigen Lebensweg zurückläuft, »gewillt, seinen Weg zweimal zu gehen, […] weil es ihm ist, es müsste dies und das anders werden.« Dabei erinnern die aufgesuchten Orte – allesamt Stationen seines Lebenslaufes – an »Kreuzwegstationen« oder an »Rastplätze, auf denen man gerne verweilt, weil sie an Gutes oder vielleicht auch wohltuend an Schmerzliches erinnern «. (16) Trotz dieser tröstenden und gar heilenden Konnotation, bescheinigt Dillier den Gedichten einen elegischen Grundton. Nur »in wenigen schimmert Zuversicht auf, [etwa] wenn die Rede ist von lieben Kreaturen, von Bienen, Schmetterlingen.« Vielmehr ist für ihn in Bünkers Gedichten »die Rede von Enttäuschungen […] Oft zittert auch Angst mit, etwas zu verlieren, spricht er seinen Monolog über Brüchigkeit der Gefühle, über Freundschaften, erinnert er sich an Erfahrungen, zigeunert [sic!] er durch Landschaften der Traurigkeit, dann wieder durch Landschaften, die ihn an eine Heimat erinnern, wo man sich wohlfühlt, […] der immer noch die KZ-Beule anhaftet.« Um schließlich im pessimistischen Ton zu resümieren: »Es ist nichts mehr wie früher, aufbewahrt bleiben nur die Erinnerungen. « Schwarze Vögel, Kirschbäume im Schatten, schmerzende Schneenadeln, verbrannte Hände.
In dem Auswahlband Lei nit lafn onfongen (mit Schallplatte), 1988 im Krefelder Van Acken Verlag erschienen, meldet sich Hans Haid mit einem Nachwort neuerlich zu Wort. In seinen Ausführungen zu den Texten in Kärntner Dialekt (17) stellt er Bernhard C. Bünker als einen »aufsässigen, querköpfigen, poetischen Heimatdichter « vor, der auch aus Angst vor »den Marschierern, den braunen Heimatdienstlern, den Betonierern, den Staumauerverbrechern « gegen das große, von diesen verursachte Leid anschreibt. Dabei sich aber selbst aussetzt und exponiert »als Leidender, als Schöpfer, als Künstler, [und] als Rufer « immer »ganz vorne mit dabei « ist. Haid zählt die Gedichte, die von einer »schlichten Bildhaftigkeit wie in allerbester Volkspoesie « getragen sind, zu den besten Dialektgedichten; immer mit Blick auf den vielgestaltigen, kulturellen Hintergrund Kärntens: »Durch und durch slawisch ist die schwere Bilderwelt. « Bünkers Liebesgedichte – Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach Geborgenheit – sind für Haid jenen H. C. Artmanns mehr als ebenbürtig. Haid sieht Bünkers Antrieb zum Schreiben im »Haß und [der] Traurigkeit « eines »Grenzgängers « (»Immer hart an der Drau […] bei den Slowenen, bei seinen Freunden, bei seiner slowenischen Freundin, bei den Schwächeren, den Getretenen, den Grenzgängern. «) gepaart mit einem zerbrechlichen Heimatverständnis (»Konflikt mit der schwarzen Angst und dem braunen, dem deutschnationalen Heimat-Dienst «). Das Vorwort zu seinen Satiren (Verlag Buchkultur, 1990) verfasst schließlich der langjährige Freund und Schriftsteller Manfred Chobot.(18) Er hält über Bernhard C. Bünker alias Florian Leposchitznig, »Kärntner aus Passion und von Geburt […] «, Folgendes fest: »Als Heimatdichter hat er sich auch auseinandergesetzt mit den politischen Verhältnissen in seiner Heimat, mit der Vergeßlichkeit mancher Politiker, mit dem, was nämliche Volksvertreter unter Kultur verstehen oder nicht verstehen, denn selbst der genialste Politiker ist auch bloß ein Mensch. […] Bernhard C. Bünker liegt etwas an seiner Heimat, er nimmt Heimatliebe wörtlich und ernst, und er mißbraucht sie nicht als Vorwand, um Ungerechtigkeit und Verlogenheit unter dem verhüllenden Lodenmäntelchen der Heimattracht weiterhin ungeniert zu betreiben. Weil ihm die Heimat am und im Herzen liegt, schreit er und wehrt er sich, verteidigt sie.« Um im Sinne des Heimatdichters Leposchitznig schließlich zu behaupten: »Der Wirklichkeit ist wirklich nur satirisch beizukommen. « Und letztlich auch nur so zu ertragen.
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Anmerkungen
Bünker verwendet die Verse als Motto in: Nochamal z´rucklafn. Büldaschticklen aus fost viazg Joa. Verlag Heyn, Klagenfurt/[Celovec] 1988. [=Bünker, z’rucklafn] »Und kimmt da schwoaze Vogl hea / dem wüll i mi eagebn – / Hob donn ka Ongst vuam Schteabn mea / Fiacht mi nit mea vuam Leben […]« (nach einem alten Volkslied)
Nach Bernhard C. Bünkers Tod 2010 wurden bisher vier weitere Bücher mit seinen Texten veröffentlicht.
Bernhard C. Bünker: Schwoaze Blia fia di. Klagenfurt/Celovec, Ljubljana, Wien/Dunaj, Hermagoras/Mohorjeva 1993; S.5 [=Bünker, Schwoaze Blia] »[…] die Welt der Dichter ist nicht die Schöpfung tieferer Einsicht, sondern heftiger Sehnsucht […] «. (Thornton Wilder, Die Iden des März) »[…] während des Tages versuchte ich den ausgelegten Fallstricken zu entgehen, und die Nächte waren voller unsagbarer Greul […]« (B.[ernhard] C. Bünker, Tagebucheintragungen, Sept[ember] 1979)
Bernhard C. Bünker: Des Schtickl gea i allan. Klagenfurt/Celovec, Carinthia 1980; S.68 [=Bünker, Schtickl]
Bernhard C. Bünker: zommengetrogn. Werkauswahl. Hrsg. v. Wilfried Gindl. Mit einem Nachwort von Hans Haid. Klagenfurt/Celovec, Edition Carinthia 1995; S.214ff.
Bernhard C. Bünker: Dazöhl (nix) von daham. Texte und Erzählungen im Kärntner Dialekt. Klagenfurt/Celovec, Wien/Dunaj, Hermagoras Verlag/Mohorjeva založba 1991; S.5 [=Bünker, Dazöhl (nix)]
Bernhard C. Bünker: De ausvakafte Hamat. Friedl Brehm, Feldafing 1975; S.3
Bernhard C. Bünker: Ongst vua da Ongst. Carinthia, Klagenfurt 1978; S.101 [=Bünker, Ongst]
Bünker, Ongst aaO. S.102
Bernhard C. Bünker: Wals die Hamat is. Eine Fettfleck–Sonderausgabe. Herausgegeben von Antonio Fian. Fettfleck – Kärntner Literaturhefte, Spittal a. d. Drau, Wien 1979; S.6ff.
Bünker, Schtickl aaO. S.66ff.
Bünker, Schtickl aaO. S.67
Bernhard C. Bünker: Wonns goa is. Texte im Kärntner Dialekt. Heyn, Klagenfurt 1984; S.5ff.
Bünker, Dazöhl (nix) aaO. S.166ff.
Bünker, z’rucklafn aaO. S.112
Bünker, z’rucklafn aaO. S.111ff.
Bernhard C. Bünker: Lei nit lafn onfongen. Texte im Kärntner Dialekt. Mit Schallplatte. Van Acken, Krefeld 1988; S.73ff.
Bernhard C. Bünker: Satiren. Mit einem Vorwort von Manfred Chobot. Verlag Buchkultur, Wien 1990; S.9
Du bist in Zlan, am Beginn des Stockenboier Grabens aufgewachsen. Welche Sprachen haben dich geprägt? Bist du schon im Dialekt erzogen worden?
Prinzipiell hat jede Form von Sprache ihre Berechtigung. Sprache ist für alle komplexeren Tätigkeiten und Denkvorgänge des Menschen unverzichtbar. Der Mensch lebt und arbeitet in der Sprache.
Es gibt keine muttersprachliche Herleitung für mein Sprechen. Die Verkehrssprache zu Hause war gepflegte Umgangssprache. Mein Vater, der als in der Monarchie geborener Burgenländer mehrsprachig aufgewachsen ist, lernte Deutsch in der Form des heanzischen Dialekts und Ungarisch. Meine Mutter, in Leipzig geboren, sprach ursprünglich sächsisches Deutsch und musste, um in Kärnten verstanden zu werden, »nach der Schreibe« reden.
Im Gegensatz zu meinen Eltern redete ich, auch während meiner Schulzeit in Villach (bei der Matura wurde ich ermahnt, nicht im »derben« Dialekt zu sprechen), selbst noch während meines Studiums und in den Anfängen als Lehrer in Wien in breitem Dialekt. Das brachte mir in Wien als provinzieller Exot zwar eine gewisse soziale Zuwendung ein, führte im Unterricht jedoch zu Unverständnis und vielen Fragen. Oft auch zu Gelächter unter den Schülern.
Meine erste Fremdsprache ist schriftsprachliches Deutsch und mindestens genauso mangelhaft wie alle anderen Sprachlernversuche im Laufe meines Lebens.
Deine Gedichte sind sehr verdichtet und lautmalerisch, dennoch auf schonungslose Weise ehrlich. Sie erzählen von Sprachlosigkeit, Gewalt in ihren diversen Ausprägungen, vom Totschweigen und Verdrängen und davon, was plötzlich wieder hochgeschwemmt wird. Gab es ein auslösendes Erlebnis, das dich bewogen hat, dich diesen Themen zu widmen?
Ein auslösendes, singuläres Erlebnis gibt es nicht, eher lässt sich ein schmerzhafter Erkenntnisprozess in der Wirkungsweise einer griechischen Tragödie beschreiben.
Es ist das ein Gefühl einer unsagbar tiefziehenden Kälte und Einsamkeit, die ich oft als Kind und später als Jugendlicher im Dorf erlebt habe. Es ist vor allem der Aspekt einer emotionalen Ambivalenz, der mich seit meiner Jugend belastet. Da schmeichelt einerseits die idyllische Verklärung und Verkürzung intensiver Kindheitseindrücke, anderseits erschreckt und verstört die dystopische Leere und Dunkelheit einer grauenvollen Menschenferne.
Wie Viele meiner Generation stelle ich mir die Frage, warum ich nicht mehr Wissen aus unseren Eltern (Kriegsgeneration: Vater 1907, Mutter 1924 geboren) herausgeholt habe. Warum es nicht möglich war, das so beredte Schweigen formalisierter Anekdoten zu durchbrechen. Den Grund politischer Dummheit, Ängstlichkeit und Angepasstheit zu hinterfragen. Wie konnte es gelingen, ohne große sichtbare Gewalteinwirkung, Kinder so bleibend feig, dumpf und stumm, geradezu sprachlos zu halten, sie unter den »geheiligten« Schirm religiöser Rituale und frommer Sprache und der damit verbundenen sozialen Kontrolle zu stellen.
Schlug man 1989 die erste Ausgabe des »Morgenschtean« auf, war es bestimmt kein Zufall, dass man auf den ersten Seiten ausgerechnet deine Gedichte zu lesen bekam. Der »Morgenschtean« wollte immerhin den Beweis antreten, dass Dialektliteratur kritisch auf die Heimat blicken kann (ja, muss!), und das mit einer unmittelbaren Wucht, die der Hochsprache oft fehlt. Wann hast du begonnen im Dialekt zu schreiben? Und welche Bedeutung hatte dabei auch die Begegnung mit Bernhard C. Bünker für dich?
Eine prominente Platzierung. Vielleicht liegt es daran, dass Bernhard C. Bünker, mit dem ich befreundet war, der mich zum Schreiben in Dialekt anregte und den ich mitunter als meinen literarischen Mentor betrachte, meine Gedichte als publikationswürdig fand. Er hat auch 1992 den Klappentext zu »a meada is aa lei a mensch«, meinen ersten Gedichtband, verfasst.
Bünkers Einfluss bestand allgemein derart – wie Gerhard Ruiss es einmal formulierte –, dass er »für vieles und viele ein Sprungbrett geschaffen hat, das er für sich selbst nie nützen wollte.«
Mit dem »Morgenschtean« schuf Bernhard C. Bünker gemeinsam mit Manfred Chobot und Hans Haid schließlich eine regelmäßige Publikationsmöglichkeit für kritische Dialektliteratur.
Mein Schreiben im Dialekt hat vordergründig wohl auch damit zu tun, dass ich als Student im akademischen Betrieb angehalten war und daher lernen musste, in Schriftsprache zu sprechen. Mag sein, dass ich auf diese Weise einen empfundenen sprachlichen und auch einen damit verbundenen Identitätsverlust auszugleichen suchte.
Der Dialekt als Kommunikationsmittel steht immer in einem Spannungsverhältnis zwischen Fremdheit und Vertrautheit. Mein Dialekt hat zwar Kärntner Sprachwurzeln, unterliegt aber einer individuellen Verslangung, und damit einer lebendigen Veränderung. Widersetzt sich jeglicher Einhegung und »Pflege«. Der anarchische und ursprüngliche Aspekt des Dialekts hat die Kraft, jeden Sprachrahmen zu sprengen, zumindest aber in Frage zu stellen. Ein Unterbinden sprachlich-individueller Unmittelbarkeit und Authentizität hätte nur eine sprachpolizeiliche Mumifizierung zur Folge.
Obwohl du schon sehr lange in Wien lebst, schreibst du nach wie vor im Kärntner Dialekt. Wie hat sich dein Verhältnis zu Kärnten und auch zum Kärntner Dialekt nach so vielen Jahren in Wien gewandelt?
Mein Verhältnis zu Kärnten lässt sich als eher schmerzlich umschreiben, gerade auch wenn man sich die aktuelle politische Willensbekundung (Nationalratswahl 2024) vieler Kärntner Wähler und Wählerinnen vor Augen führt, die wieder einmal den nationalistischen Geist beschwören. Ganz im Sinne Bernhard C. Bünkers, der in seinen Satiren den Dichter Leposchitznig sagen lässt: »Wal ans is en jungen Hamatdichta mea und mea aufgongen, namle, doßa de Hamat nit los wean konn, dewos sich einwendig drinnen in eam onkrallt wia a Kotz«, besteht eine kritische Distanz, die sich aber nicht nur einfach mit Sympathie und/oder Antipathie beschreiben lässt. Das würde den Blickwinkel einengen und die Urteilsfähigkeit verkürzen. Das Verhältnis ist differenzierter und Ergebnis eines Entwicklungsprozesses immer in kritischer Auseinandersetzung mit der aktuellen politischen und sozialen Situation im Land. Mit dieser räumlichen, aber auch mentalen Distanz zu Kärnten habe ich gelernt, tradierte Erzählungen über die Verhältnisse in Kärnten kritisch zu sehen, zu hinterfragen und neu zu bewerten.
Fragt man nach dem Unterschied zwischen »Mundart« und »Dialekt«, vermuten viele, dass es einen sprachlichen Unterschied geben muss. Der Duden meint hingegen ganz klar: Die beiden Begriffe sind Synonyme. Und doch hat sich die Ö. D. A. bei ihrer Gründung ganz bewusst vom Begriff »Mundart« distanziert, sowie auch du großen Wert darauf legst, das Wort »Dialekt« zu verwenden. Kannst du unseren Leser:innen erklären, warum?
Die neue Begrifflichkeit diente der Abgrenzung. Unter Hervorhebung des dialogisch-diskursiven Aspekts von Sprache sollten vor allem politische und soziale Inhalte berücksichtigt werden. Im Zuge der 68er-Bewegung wird die Sprache als Herrschaftsinstrument kritisch in Frage gestellt und debattiert. Die Suche nach der eigenen Identität führt auch zur Suche nach einer persönlichen Sprache. Der Dialekt wird zur Sprache gegen das Establishment. Sprachlosigkeit und Sprachfindung, soziale Wahrnehmung und die politische Umsetzung bezeichnen dabei Variablen auf einem literarischen Feld, auf dem Lebenswelt und Sprache einander bedingen.
Zu Beginn der 70er-Jahre und in den 80er-Jahren kommt es zu einer Vernetzung und Internationalisierung der neuen kritischen Dialektdichtung. Mit der Gründung des IDI (Internationales Dialektinstitut) werden sprachliche Phänomene wie die Dialekte, Sprachen der Minderheiten und regionale Sprachen in einem gemeinsamen Projekt zusammengefasst, ohne sie untereinander und/oder gegen die Schriftsprache auszuspielen. Die Bewertung der Dialekttexte erfolgt nach ihren inhaltlichen Schwerpunkten und nach deren Authentizität.
Neben der politischen und sozialen Intention steht vor allem die Frage nach der »Verkitschung der Dialektdichtung im Sinne unrealistischer Wirklichkeitsschau, Postkartenmalerei und Heimattümelei« (Sebastian Baur). Ein besonderes Anliegen dabei ist, jene traditionalistische Mundartdichtung, die sich als Wald- und Wiesenpoesie und vor allem als nationalistische Blut- und Bodendichtung unangenehm hervortut, auf den ihr zustehenden Platz zu verweisen. In strikter Abwehr jeglicher Vereinnahmung von Rechts, gerade in Kenntnis des propagandistischen Missbrauchs der Mundart während der NS-Diktatur.
Themen und inhaltliche Schwerpunkte des kritischen Diskurses sind vor allem auch ökologische Fragen. Ursprünglich als Auseinandersetzung mit der Landschafts- und Menschenzerstörung durch den Massentourismus, über Proteste gegen die Errichtung von Atomkraftwerken bis hin zu den aktuellen Fragen der Klimaveränderung.
Besonders augenscheinlich ist die sozial-emanzipatorische Linie, die die kritische Dialektliteratur durchzieht. Sensibilität und Empathie für die sozialen Probleme kleiner Leute, Kritik an Armut, Fremden- und Frauenfeindlichkeit, menschenfeindlicher Asylpolitik, zeichnet diese Autoren und Autorinnen aus.
Nov. 2024 Fragen: Margarita Puntigam-Kinstner
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Für sein Werk wurde Axel Karner 2022 mit dem Humbert Fink Preis ausgezeichnet. Die Jury hob Karners »Meisterschaft in der sprachlichen Reduktion« hervor sowie sein Beharren darauf, »dass Literatur mehr zu sein habe als bloße Unterhaltung«.
Lyrik von Axel Karner gibt es auch in: Morgenschtean U82-83/ November 2024
Heit bin i gongan durchn Wold, durchs Lab Send die Blattln goldn von de Bama getonzt Homb mei Gsicht berührt Hob in Hergott gspürt De vaeiste Seel Bei Monchen apperts im Olta außa Dos Eis dos se sich zua glegt hobn schmülzt dahin Jetzt wird ois freiglegt Und es tuat noch imma weh Host geglabt es is ois vagessn Oba jetzt appats aussa Und imma noch reast drüba Bei Monchn bleibts Eis Bei denen tauts erst im Krematorium auf
marandjosef is des a schwoazes murggale sogn de leit zur klanen gitschn so a schwoarzes murggale se schaugn zum vota es is earm wia ausm gsicht gschnittn de muatta was nit recht wia se des kindle dos se aus ihr außazogn hobn gernhobn soll ob se sich richtig gfrein derf hot se nit imma ghert nua de blondn de blauäuglatn san de gonz richtign poppalan oba ban nextn kind is e ois ondas des biable hot strohblonde hoar und himmelblaue äugalan
»Das Mülchgschraa ist ja die eigentliche Muttersprache«
Du bist im Kärnten der 1960er-Jahre aufgewachsen. Vor ein paar Jahren bist du – nach mehreren Jahren im Ausland im Rahmen humanitärer Hilfsprojekte und schließlich in Wien – in das Haus deiner Kindheit zurückgekehrt. Wie war die Rückkehr nach Villach für dich?
Das jahrzehntelange Fernsein von meiner Heimat Kärnten hat zu einer gewissen Distanziertheit zu meinem Herkunftsland geführt, nie aber zu einer totalen Abnabelung. Dazu kamen meine Auslandsaufenthalte in einer Zeit der Umbrüche in Europa, wie dem Fall der Berliner Mauer, die Auflösung der Sowjetunion und der Jugoslawienkriege. Dadurch, dass ich die Möglichkeit hatte, politische und gesellschaftliche Veränderung von Innen wie auch Außen zu betrachten, wurde mein Schwarz-Weiß-Denken farbiger und bunter, nicht nur in Bezug auf Gesellschaft und Politik, sondern auch in Kunst und Kultur. Die Rückkehr nach Kärnten in mein Dorf im Norden der Stadt Villach ist bzw. war ja keine »Heimkehr« für immer, sondern dem Umstand geschuldet, dass meine Eltern pflegebedürftig wurden.
Du bist ein großer Fan der Dialektliteratur Bernhard C. Bünkers – du hast mehrere Bünker-Lesungen organisiert, derzeit drehst du einen Film über den Schriftsteller. Warum ausgerechnet Bünker?
Die Begegnung mit der Literatur Bünkers (bzw. der Bünkers) fand auf den Straßen Wiens, vor einem Antiquariat statt. Aus einer Bücherkiste erstand ich ein Buch mit Gedichten von Otto Bünker, dem Vater von Bernhard C. Bünker. Die Zufallsbekanntschaft mit Axel Karner war schließlich der Impuls, mich auch mit dem Sohn Otto Bünkers zu beschäftigen. Es folgten Lesungen, Diskussionen und daraus folgend die Idee, den Film »Zornige Flucht« gemeinsam mit dem Journalisten und Filmemacher Chris Haderer in Angriff zu nehmen.
Du schreibst selbst im Dialekt. Wann hast du damit begonnen – und welche Herausforderungen bringt der Dialekt beim Schreiben mit sich?
Der uns angeborene Dialekt, ich nenne ihn »Mülchgschraa«, ist ja eigentliche Muttersprache in uns. Sie entspringt dem Bauchgehirn und sitzt viel tiefer, als wir es wahrnehmen. Es ist also keine Herausforderung, im Dialekt zu schreiben, man muss es nur zulassen und einfach tun. Eine Befreiung gegenüber dem konstruierten Hochdeutsch.
Was macht für dich einen guten Dialekttext aus?
Wenn der Text vom Hirn in den Bauch und zurück fährt, ohne dass du darüber nachdenken musst. Sätze, im Dialekt geschrieben, können, ohne dass du es wahrnimmst, in dir hängenbleiben.
Von Wien bis Kärnten kennt man dich nicht nur als Autor, sondern vor allem als Literaturvermittler. Du hast unzählige Lesungen im Kunstraum »Ewigkeitsgasse« organisiert, du gestaltest Literatursendungen auf OKTO und bist auch als Radiomacher aktiv. Als Vorsitzender des Kärntner Schriftsteller:innenverbandes hast du u.a. das Projekt »flussaufwärts« ins Leben gerufen, das Literat:innen der Länder Italien, Slowenien und Österreich miteinander verbindet. Welches Erlebnis ist dir in besonderer Erinnerung geblieben?
Begonnen hat alles auf dem Slawistik-Institut in Wien Anfang der 1980er-Jahre, als ich mit der Literatur der Russischen Moderne in Berührung kam. Es folgten Jahre des Broterwerbs als Projektleiter Internationaler Hilfsprojekte, bis ich schließlich 2005 in der ehemaligen Heimatgasse des 1939 aus Wien vertriebenen Schriftstellers Frederic Morton den »Kunstraum Ewigkeitsgasse« gründete. Der Beginn einer lange Jahre andauernden Freundschaft mit dem in New York lebenden Schriftsteller Frederic Morton sowie auch eines intensiven Kontakts zu Erinnerungs- und Gedenkkultur. Dann war es die tiefe Freundschaft zu Uli Scherer, den bekannten Musiker und Komponisten, der mir den Weg zur »Wiener Gruppe« und in die Literatur der Zwischenkriegszeit (Kaffeehausliteraten) eröffnete.
Jahre der Literaturvermittlung folgten, vor allem in der Zusammenarbeit mit Zsolnay und Deuticke.
In steter Erinnerung wird mir eine Veranstaltung mit Kindern mit Migrationshintergrund bleiben, die Frederic Morton ihre Texte vorlesen und anschließend mit ihm diskutierten durften.
Dann gibt es noch das angesprochene Bildungs- und Literaturprojekt »flussaufwärts – po reki navzgor – contro corrente«, das als Impulgeber für ein globaleres Kulturverständnis im Alpe Adria Raum angelegt war und immer noch ist. Dazu gehört auch das alle zwei Jahre stattfindende Alpen-Adria-Literatursymposion des Kärntner Schriftsteller:innenverbandes, dass im Stift St. Georgen am Längsee stattfindet.
Nicht nur als Schriftsteller, auch als Übersetzter, Biograf und Literaturvermittler hast du dir stets die »unbequemen« Themen ausgesucht. Du forderst auch Kärnten heraus, seine Grenzen noch mehr zu öffnen, mehr mit den Nachbarländern in Kontakt zu treten – und das in einer Zeit, in er es wieder vermehrt Debatten um Grenzschließungen gibt.
Als Kind im Zollgrenzbezirk zwischen Italien und Österreich (Villach) aufgewachsen hat das Wort Grenze eine tiefere Bedeutung. Jeder Ausflug über die Grenze war mit Warten und Kontrolle verbunden. Dann fielen die Grenzen und ein Schild mit der Aufschrift »Bitte nicht stehenbleiben« beherrschte lange Zeit den Grenzübergang, bis die Migrationsfrage wieder alles umkehrte und man nun immer damit rechnen muss, auf den Parkplätzen innerhalb Österreichs entlang der Autobahn kontrolliert zu werden. Das stimmt traurig.
Verrätst du uns zum Schluss noch deine Lieblings-Dialektausdrücke aus Wien und auch aus Kärnten?
Wienerisch: – Hieb (Bezeichnung für Bezirk) – 16er-Blech (Bierdose mit Ottakringer Bier; Ottakring ist der16. Bezirk)
Kärntnerisch: – Tasn (Zweige bzw. Äste von Nadelbäumen) – Tschwote oder Tschriasche (tolpatschiger bzw. umständliche männliche Person) – Treappn (dümmliche weibliche Person) – Tscherfln (schlendern, schleifend gehen) – klunzen (kränkeln) – napfazn (leicht vor sich hindösen) u.s.w.
Nov. 2024 Fragen: MPK
Lyrik von Alfred Woschitz gibt es auch in: Morgenschtean U82-83/ November 2024
Du wurdest in Griffen geboren, heute lebst du im Lavanttal. Hat sich dein Sprechen durch den Ortswechsel verändert? Und wie verhält es sich in deinen Dialektgedichten? Welcher Dialekt schlägt sich hier nieder?
Im Grunde hat sich, obwohl ich im Jauntal geboren wurde, schon seit meiner bewussten Hörfähigkeit die Klangmelodie unterschiedlicher Sprachfärbungen in mein Dasein geprägt. Meine Mutter ist im sogenannten Windischen Sprachbad aufgewachsen und unterhielt sich mit meinem Vater und uns Kindern im Unterkärntner Dialekt, wie es in diesem Haus üblich war, jedoch mit ihren Geschwistern Windisch sprechend.
Die Muttersprache väterlicherseits war stark vom Lavanttaler Dialekt geprägt, da die Oma meines Vaters aus St. Paul im Lavanttal stammte. So trage ich viele alte Lavanttaler Dialektworte weiter, welche mein Vater neben dem vorwiegend gesprochenen Jauntaler Dialekt verwendete, und die mir schon seit Beginn meiner Wahrnehmung von Sprache »söltsom« im Sinne von kostbar erschienen sind. Insofern habe ich durch den Ortswechsel eine Erweiterung des Lavanttaler Sprachschatzes erfahren. Im Bezug auf meinen Unterkärnter Dialekt – den Windischen beherrsche ich ja leider nicht –
war ich jedoch in der rein Lavantaler Dialekt sprechenden Familie, in die ich eingeheiratet hatte, gefordert, mir bestimmte Begriffe wie zum Beispiel Karjola (1) zu verkneifen, um kein Gespött auf mich zu ziehen.
An meinen jüngeren Gedichten beobachte ich, dass sich mehr und mehr der Lavanttaler Dialekt in den Vordergrund drängt, zugleich jedoch bestimmte Jauntaler Ausdrücke unverzichtbar bleiben, um mein Fühlen präziser wiedergeben zu können. So gesehen würde ich meinen, im Kärntner Dialekt zu schreiben, der von der Koralpe bis zum Glockner ein vielfältiger ist, sich oft schon aus einem Tal bergwärts anders färbt und dennoch unverkennbar kärntnerisch klingt.
In deinen Dialektgedichten hat man manchmal das Gefühl, in längst vergangene Zeiten zurückzureisen, dann wieder geht es um brandaktuelle Themen. Wie findest du zu deinen Themen? Was inspiriert dich?
Zunächst bin ich euch sehr dankbar für die Themen, die mir jetzt durch den Morgenschtean zukommen und mich zum Schreiben bewegen.
Meinen Eltern verdanke ich, bestimmte Arbeitsweisen und Umstände erlebt zu haben, die eigentlich meiner Großelterngeneration zuzuschreiben wären. Am Bergbauernhof aufgewachsen und bis zum vierzigsten Lebensjahr Bäurin gewesen zu sein, selbst noch »Goarbn gebundn«, »in Kumpf einghängt, Bleicha gschepst« und »Bochmulta griebn« zu haben, ermöglicht, Erlebtes zu formulieren. Vergangenes und aktuelles Erleben beeindruckt und beschäftigt mich. Themen, die mich gefühlsmäßig erreichen, bewegen mich. Es bewegt sich in mir, verdichtet sich und drängt irgendwann nach außen. Wir sind mittendrin, ständig gefordert. Die Witterungsfolgen, die Veränderungen in Gesellschaft, Arbeitswelt und sozialem Gefüge, Beziehung, Familie, weltumspannende Verbindung und Verbindlichkeiten, Überzeugungen und Religionen, die neuen Technologien. Ich bin noch ohne Telefon in der Großfamilie aufgewachsen, nun beobachte ich den Alltag meiner erwachsenen Töchter und bin tief bewegt über die persönliche Erfahrung dreifache Großmutter zu sein. Den Tod sehr nahestehender Menschen musste ich ebenso wie alle Betroffenen irgendwann akzeptieren lernen. Leben ist »zwegnkeeim« und »fuatgeahn«. Beides verursacht Schmerzen, wenn es nah kommt, und ist gleichzeitig berührend schön. Und dazwischen sind weitere, unzählige Momente des Spürens und Fühlens, die über die Sinne wirksam werden, mir zu denken geben und Auswirkung auf mein Schreiben haben.
Was deine Dialektgedichte vereint, ist der unheimlich schöne Rhythmus deiner Lyrik, ihre Sinnlichkeit und das Lautmalerische in deiner Sprache. Damit schaffst du es, auch jene in den Bann zu ziehen, die nicht jedes Wort verstehen. Wie lange feilst du an deinen Gedichten?
Danke für die Mitteilung dieser Wahrnehmung. Das animiert zum Weiterschreiben.
Ein Großteil meiner Gedichte entspringt einfach so meinem Inneren, sozusagen naturwüchsig. Vieles fließt in einem Guss aufs Papier und wird nicht mehr bearbeitet. Manches verbraucht über zehn Seiten Papier während des Entstehens, wird am Stück geschrieben, überschrieben, es wird reingeschrieben, bis es sich fertig anfühlt. Einige Dichtungen bekommen mehrmaligen Korrekturbesuch im Laufe von Tagen oder Wochen, um vollständig zu werden. Es kommt auch vor, dass ein mir vorerst fertig erschienen gewesener Text zu einem späteren Zeitpunkt noch verändert wird. Oft ist es ein bestimmtes Wort, das noch gesucht wird, um näher ans Gefühl oder ans Bild zu kommen, es präziser zu formulieren.
Welche Texte entstehen, wenn du nicht im Dialekt schreibst?
Es sind vorwiegend Gedichte, lyrische Prosa. Einige Märchen sind entstanden. Sinnsprüche, die im alljährlichen Kalender der Kärntner Schreiberlinge oder im Landkalender des Leopold Stocker Verlags erschienen sind. In Schreibgruppen nehme ich gerne Schreibimpulse von Kolleg:innen auf. So finden Gedanken neue, unbekannte Wege – auch zu Kurzgeschichten. Poetry-Slam war bei uns Kärntner Schreiberlingen auch ein spannender Impuls, sich auf fremdes Terrain zu wagen. Ein laufendes Schreiben sind Kindheitserinnerungen, die jedoch nicht ganz ohne Dialektwörter auskommen. Zudem schreibe ich tagebuchähnlich, jedoch unregelmäßig, zu Themen, die mich im Moment beschäftigen. Zuletzt die Geburt meines dritten Enkels.
Du bist Mitbegründerin der Kärntner Schreiberlinge. Wie kam es dazu? Was bedeutet es dir allgemein, Teil einer Schreibgruppe bzw. eines Schriftsteller:innenverbandes zu sein?
Eine Freundin, Hemma Schliefnig, die sich mit dem Buch »Meine Mama hat außer Windisch nichts Deutsch können« sehr intensiv mit Muttersprache auseinandergesetzt hat, lud mich zu einer Schreibwerkstatt des Kärntner Bildungswerkes mit Anita Arneitz nach Klagenfurt ein, damit meine schlafende Schreibfreude erweckt würde. Mit Erfolg, denn seither schreibe ich wieder regelmäßig, weil mir die Sinnhaftigkeit durch die Ermunterung und Bestätigung der Gruppe gegeben wurde. Um der Trauer des Endes einer Schreibgemeinschaft zu entwischen, beschloss ein Teil dieser Gruppe, sich – unter der unbezahlbaren Präsidentin Karin Ch. Taferner – weiterhin vierzehntätig zum Schreiben, Vorlesen und Diskutieren zu treffen. Wir sind nun im 12. Jahr, haben persönliche Erweiterung im Schreiben erfahren, viele Lesungen abgehalten und gemeinsam Bücher, Kalender sowie eine CD kreiert. Zudem bringen wir jährlich einen Kalender mit Sinnsprüchen heraus. Ich schätze das Inspirierende, das durch Schreibanregungen, Rückmeldungen, Diskussionen, durch Zuhören entsteht. Ebenso den Austausch von Erlebtem und die Freundschaft, die sich inzwischen entwickelt hat.
Die Zugehörigkeit zum Kärntner Schriftsteller:innenverband ermöglicht mir Kontakt zu Literat:innen, die teilweise schon lange schreiben bzw. professionell und erfolgreich literarisch tätig sind. Mich interessiert es, wie schreibende Menschen denken. Mich inspiriert es zuzuhören. Zudem gibt es in dem Kreis die Möglichkeit, an wertvollen Weiterbildungen teilzunehmen, Kritik auf mein Schreiben zu erhaschen und es lesend an die Öffentlichkeit zu bringen.
Verrätst du uns noch dein Lieblings-Dialektwort?
rogla (2). Dieses Wort wurde oft von meinem Vater verwendet und es ist auch bezeichnend für ihn.
Im Lavanttal wird die Jauntaler Karjola zur Radltruchn, auf Hochdeutsch Scheibtruhe oder Schubkarren.
bezeichnet das zarte, vorsichtige, achtsame Tun sowie das Lockere, Leichte, Lose im Zusammenhang mit der Beschaffenheit von z.B. Erde oder Schotter oder auch z.B. die lose Verbindung eines Türriegels.
Veröffentlicht am im November.2025 Die Fragen hat Margarita Puntigam-Kinstner gestellt
Lyrik von Anna Maria Lippitz gibt es auch in: Morgenschtean U82-83/ November 2024
Geboren 1955 in Zlan, Kärnten; lebt in Wien. Arbeitete als Autor und Lehrer für Evang. Religion, Darstellendes Spiel und Soziales Lernen. Schreibt Lyrik und Kurzprosa in Dialekt und Schriftsprache. Mitglied u.a. bei der GAV (Grazer Autoren Autorinnen Versammlung), beim Literaturkreis Podium und beim ÖDA.
Ausgezeichnet u.a mit dem BEWAG Literaturpreis und dem Kärntner Lyrikpreis sowie mit dem Humbert Fink Literaturpreis.
letzte Veröffentlichungen
Zuletzt erschienen: 2010 Chanson Grillée. Gedichte. Illustriert von Anne Seifert. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2012 Der rosarote Balkon. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2015 Ausgewählte Gedichte. Podium Porträt 83. Podium, Wien 2015 Der weiße Zorn. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2019 Die Zunge getrocknet / Jezik posušen. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec. 2020 in adern dünn brach licht. Gedichte. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec. 2024 popanz. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec
zuletzt aktualisiert 2024
Literarische Beiträge von Axel Karner finden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U82-83/2024 U78-79/2023 U66-67/2020 U62-63/2019 U58-59/2018 U50-51/ 2017 U44-45 /2015 U31-33 /2011 U26-27 /2009 U24-25 /2009 U21-22/ 2008 U18-19 / 2007-2008 U13/ 2006 16/1993 15/1993 14/1993 1/1989
wurde 1969 in Griffen geboren und lebt heute im Lavanttal. Ihr erstes Gedicht entstand in früher Jugend. Schreiben ist für sie eine Art mit dem Erlebten umzugehen. Ihr schriftstellerischer Schwerpunkt liegt in Lyrik und Mundart.
Anna Maria Lippitz ist Gründungsmitglied der Kärntner Schreiberlinge und wurde 2022 in den Kärntner SchriftstellerInnenverband aufgenommen.
Du bist Vielleserin. Was macht das Lesen mit dir – was kann Literatur erreichen?
Ich lese, seit ich des Lesens kundig bin. In der Literatur eröffnet sich mir eine Quelle, die vielstimmig und vielschichtig die Rahmenbedingungen menschlicher Existenz formuliert. Literatur fördert die Kraft, Visionen zu generieren. Ebenso ermöglicht sie es marginalisierten Menschen, denen, die an den Rand gedrängt wurden, ihre Stimme zu erheben. Unverzichtbar ist die Wahrnehmung der Zeitzeugen, sie bildet die Gegenstimme zur dominant-patriarchalen Geschichtsschreibung. Messerscharf sezieren Autor:innen gesellschaftliche Lebensbedingungen. Sie analysieren die im Untergrund verborgen liegenden Herrschaftsstrukturen, identifizieren deren Wirkweise und transponieren sie auf die Ebenen gültiger Verständlichkeit und menschlicher Erlebnisformen. Literatur fördert die Empathie, man fiebert mit einer Protagonistin, einer Gruppe von Menschen mit; ein Fenster in eine unbekannte Welt öffnet sich. Literatur birgt Spannung und Entspannung, spricht vom Möglichen und Unmöglichen, vermag es, mich zu einer Nordpolexpedition mitzunehmen [1], Helene Kottannerin beim Diebstahl der Krone über die Schulter zu schauen [2] oder die Zeitschleifen in Adas Raum zu erleben [3]. Steve de Shazer schreibt vom ursprünglichen Zauber der Worte, von der Kraft, die den Worten innewohnt [4].
Wann hast du selbst zu schreiben begonnen?
Seit ich mich erinnere, hat mir das Schreiben immer Freude gemacht: die Lust am Formulieren, am Ausdruck, der Klang der Worte. Erste Gedichte, die in der Schublade verschwanden und vier Jahrzehnte später wieder herausgeholt wurden.
Nicht wenige deiner Gedichte sind im Dialekt verfasst. Was bedeutet Dialektsprache für dich als Autorin?
Wischbam und Klachl, Dampfl und Wazan – das sind Begriffe aus dem Sprachgebrauch der Kindheit, deren Klang mich augenblicklich in die Muata– und Votasproch versetzt. Es ist ein eigener Kosmos mit seltsam anmutendem Fachvokabular, der auch die Arbeits- und Lebenswelt meines Vaters beschreibt. In Gesprächen mit dem 97-Jährigen schreibe ich die »Fachworte« inzwischen mit. Im Kärntner Dialekt gibt es zwanzig unterschiedliche Bezeichnungen allein für das Weinen. Da kann man zwillen und plärren, heschatzen und rehrn und de Zachalan rinnen losn. Schon durch diese Skalierung wird die Art und Weise des Kummers näher bestimmt. Ein Reichtum im Wortschatz, der uns hilft, die Bewegungen der Seele sorgfältiger zu verbalisieren und sie einzuordnen. Das kann uns näher an unsere Emotionen bringen, zwischenmenschliche Distanzen verkürzen, einen unmittelbareren Weg zu herzlicherem Verständnis bilden. Mundart ist eine Sprach-Ressource, sag ich mal, das Schimpfen geht auch direkter, deftiger.
In der Herzenssprache, der Mundart, fließen Klagen leichter, lodert der Zorn wuchtiger. Eine verborgene Kraft, die sich erst nach und nach zeigt, scheint in ihr zu schlummern; als würde deren alte Melodie uns Frierende ein wenig »wärmen«. Dennoch erinnere ich die Jahre, als gesagt wurde, wir sollten den Dialekt besser meiden, wollten wir in der Schule besser vorankommen. Zu meiner Überraschung eröffnete sich mir in Bünkers sozialkritischen Mundarttexten ein neues Feld. Den Wiener Dialekt, auch das Wiener Lied, mag ich übrigens auch, weil ein Teil meiner Familie aus Wien kommt und drei meiner Kinder inzwischen dort leben.
In deinen Texten geht es sehr oft um feministische Themen, aber auch um Macht und Ohnmacht ganz allgemein. Wie findest du zu deinen Themen?
Über viele Jahrhunderte lag die Deutungshoheit fürs Frauenleben in den Händen der Männer. Tief verwurzelt und nur leicht verdeckt wuchern die unterschiedlichsten Formen destruktiver Frauenbilder. Je länger man als Frau, die Kinder geboren hat, in dieser Gesellschaft lebt, desto mehr häufen sich die Erfahrungen erlebter Benachteiligung, die in unserer ungleichen Gesellschaftsordnung begründet liegt. Kindererziehungszeiten werden in der Pensionsberechnung nur mangelhaft abgebildet, Mütter arbeiten sozusagen für Gottes Lohn, aber das hilft ihnen in der Pension nicht, ihre Rechnungen zu bezahlen. Der Staat bestraft die Mütter fürs Kinderkriegen. Meine Schwiegertöchter sind auf die Öffnungszeiten der Kitas angewiesen, steigen sie in den Arbeitsprozess ein, wählen sie die Halbtagesbeschäftigung, um die Dreifachbelastung der Care-Arbeit zu stemmen. Damit geht aber schon eine zukünftige Verminderung der Pensionshöhe einher, obwohl ihre Partner das Halbe-Halbe Modell in der Care-Arbeit leben.
Die Rente der Bäuerinnen beträgt ganze vierzig Prozent von der des Ehemannes. Alte, unreflektierte Rollenbilder, die das Machtgefälle perpetuieren, verhindern die Wahrnehmung geschlechtergerechter Bedürfnisse. Solange Ärzte meinen, der männliche Körper sei das Maß aller Dinge, werden die körperlichen und seelischen Nöte der Frauen negiert. Bis zum Beispiel der Herzinfarkt einer weiblichen Person erkannt wird, dauert es um einiges länger; Zeit, die der Frau dann möglicherweise zum Überleben fehlt.
Autorinnen erleben massive Benachteiligungen, wie man gerade im aktuellen Gender Report des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport nachlesen kann, mit dem Schwerpunkt auf Fairness und Fair Pay.
Auch Kärntens bittere Geschichte des institutionellen Kindesmissbrauches in den Jahren von 1950 bis 2000 trägt die Fratze dominant männlicher Rollenbilder, die Frauen und Kinder per se entwerten. Nachzulesen in der wissenschaftlichen Dokumentation: »Im Namen von Wissenschaft und Kindeswohl. Gewalt an Kindern und Jugendlichen in heilpädagogischen Institutionen der Jugendwohlfahrt und des Gesundheitswesens in Kärnten zwischen 1950 und 2000«.
Nicht alle in der Justiz tätigen Personen verinnerlichten das neue partnerschaftliche Rollenmodell der Familienrechtsreform von 1975. Dieser Vorgang nahm Jahrzehnte in Anspruch, vor allem im Familienrecht und dem damit verbundenen Gutachterwesen bedient sich Justita gerne noch an althergebrachten patriarchalen Sichtweisen.
Hast du literarische Vorbilder – und wie hast du in deiner Jugend zu ihnen gefunden?
In Großmutters Bücherschrank fand ich unter anderem Werke von Sigrid Undset, Anna Achmatova, Nelly Sachs und Dolores Vieser. Erste Leseprägungen. Mein spärliches Taschengeld investierte ich in Christine Lavants Lyrikbände.
Die Lyrik von Elfriede Gerstl, Christine Busta und Cvetka Lipus gibt mir heute eine Pause im Alltag, das ist wie ein Atemholen. Johannes Lindner, von dem man sagt, er hätte die moderne Lyrik in Kärnten begründet, soll nicht unerwähnt bleiben, seine existentialistischen Naturschilderungen inspirieren. Meine Tochter machte mich auf Clarisse Lispector, Anne Carson und Claudia Rankine aufmerksam. Toni Morrisons Werke müssten zum Standardwerk im Deutschunterricht erhoben werden, ich nenne »Rezitativ« und »Sehr blaue Augen«. Wobei wir bei einem Grundproblem in der literarischen Grundbildung angelangt sind: Im Rahmen des EU Projektes EPESEP erstellen namhafte Literaturwissenschaftlerinnen derzeit eine auf alle Schulstufen abgestimmte Leseliste, die endlich, endlich weibliche Autorinnen nennt und im bisher männlich konnotierten Literaturkanon Geschlechtergerechtigkeit herstellen könnte. Darüber informiert die Homepage der ≠igfem [Anm: Interessensgemeinschaft feministische Autorinnen, www.igfem.at]. Literatur von Männern wird ja bis heute ausreichend beworben und finanziert.
Mich faszinieren die biografischen Bögen: Wie dröseln Schreibende die Spannung von Gelingen und Scheitern auf, wie verarbeiten sie Umbruchsituationen und wie gehen sie mit den Volten des Lebens um? Vor allem aber: Unter welchen Bedingungen (müssen) Autorinnen schreiben? Schreiben sie am Küchentisch wie Marlen Haushofer, im Krieg wie Svetlana Alexijewitsch oder in der Sklaverei wie Phillis Wheatley? Immer wieder neue Autor:innen für mich zu entdecken, kennzeichnet meine eher europäisch geformte Lesebiografie, doch lesend beame ich mich für einen Sommer nach China, Südafrika, Äthiopien, Kanada und Südamerika. Manchmal gehe ich einfach die Wege zum See, im Gepäck ein Taschenbuch von Ingeborg Bachmann.
Du arbeitest gerade an deinem ersten Lyrikband. Welche Gedichte werden darin versammelt sein?
Ich möchte meine Leser:innen auf eine literarische Reise mitnehmen. Die lyrischen Texte sind jeweils einem Ort gewidmet, die Reise spannt sich auch zeitlich über Jahrzehnte. Unterwegs zu sein, lyrisch verarbeitet, vom Ort der Kindheit aus, vom Teich, der einen beinahe verschluckt hätte, passiert die Leseroute das slowenische Jeruzalem, dröhnen die Glocken von Berlins Zionskirche zum Jahrtausendwechsel, graben sich die Zehen in den Strand von Tel Aviv. Der dritte Teil widmet sich der Stadt am Wörther See. Und da gibt es viel zu notieren! Maria Nicolini schreibt dazu im Vorwort: »Diese Gedichte vertreten Positionen aus öffentlichen Kämpfen – als gebe es hinter den Worten noch ein Ziel. Gleichberechtigung der Frau ist ein solches, auch die Behütung der Natur, das Erinnern, die Kinderrechte, die Hochrechnung im eigenen Leben: Als Maries Leben erlosch, überblühte Rosenrot den Hang, wichtig allerdings wäre ihr eines gewesen: die Gleichberechtigung.«
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Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Christoph Ransmayr.
Ich, Helene Kottannerin. Die Kammerfrau, die Ungarns Krone stahl. Julia Burkhard, Christine Lutter. Dies ist das älteste Selbstzeugnis einer Frau in deutscher Sprache.
Adas Raum. Sharon Dodua Otoo.
Worte waren ursprünglich Zauber. Von der Problemsprache zur Lösungssprache. Steve de Shazer.
In der PDF-Beilage zur Ausgabe U82-83 (Nov. 2025) finden Sie weitere Dialekttexte sowie Interviews mit Axel Karner, Elisabeth Hafner, Alfred Woschitz und Anna Maria Lippitz. Außerdem: weitere Rezensionen sowie Nachrichten aus unserem Verein.
Interview: Rezka Kanzian Dialektliteratur zum Thema:“Knedl, Gerschtl, Flieda“ mit Texten von: Cornelia Allmayer-Krieg, Gerlinde Allmayer, Franziska Bauer, Herbert Eliasch, Rudi Herschl, Mario Huber, Markus Köhle, Josef Grassmugg, Silke Gruber, Theresia Oblasser, Heinz Reinisch, Christine Rainer, Norbert Schermann, Thomas Schlager-Weidinger, Harald Wieland, Stefan Winterstein, Katharina Zanon Dialektliteraturaus KÄRNTENvon: Elisabeth Hafner, Rezka Kanzian, Axel Karner, Martina Kircher, Daniela Kocmut, Anna Maria Lippitz, Claudia Rosenwirth-Fendre, Alfred Woschitz (Übers.: Ivana Kampuš)
mit QR-Codes zu Hörtexten sowie einen Link zur PDF-Beilage mit vielen weiteren literarischen Texten sowie Rezensionen und anderen Beiträgen
Geboren 1980 in Maribor, wuchs ab 1991 zweisprachig in Kärnten / Koroška auf. Lebt seit 1999 in Graz als literarische Übersetzerin, Dolmetscherin, Sprachtrainerin für Slowenisch, sowie Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift Lichtungen. Studium der Germanistik, Slowenistik und Translationswissenschaft in Graz und Dublin.
Seit 2004 zahlreiche Veröffentlichungen literarischer Übersetzungen aus dem Slowenischen ins Deutsche (u. a. Drago Jančar, Maruša Krese, Uroš Prah, Veno Taufer, Zofka Kveder, Miha Mazzini, Stanka Hrastelj, Barbara Simoniti, …). Mehrere Übersetzungsstipendien. Regelmäßige Mitveranstaltung, Moderation und Dolmetschung zweisprachiger Lesungen. Schreibt Lyrik auf Slowenisch und Deutsch.
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Literarische Beiträge von Daniela Kocmut finden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U82-83/2024
noch keine Literatur von Daniela Kocmut auf unserem Blog:
Lebt in Villach. Studium Bildungs- und Erziehungswissenschaften. Seit 2004 selbstständig als Natur- und Märchenpädagogin, Autorin und Erzählerin. Seit 1995 Texte und Reportagen für regionale Medien.
Mitglied beim Kärntner SchriftstellerInnenverband und IG Autorinnen Autoren, seit 2016 Organisatorin von poe:Tisch in Villach. Schreibt Kurzgeschichten, Märchen und Kinderbücher.
Lesungen, Vorträge und Erzählauftritte im In- und Ausland.
Beiträge in Büchern und Anthologien
„Feinheiten 2022“; Ausgewählte Texte des Literaturwettbewerbs; KSV, Wolf Verlag.
„Gib mir ein Märchen mit auf den Weg“; Märchenbuch mit Anleitung. Verlagshaus Hernals.
„Bruchzeilen“; Anthologie der Autorinnen, Autoren von poe:Tisch Villach. Verlagshaus Hernals.
„Schlosslektüre“; Anthologie. Stadt Villach, Verlag Schriftstella.
„Weihnachten im Zug“ in: Sternspritzer. Hrsg. IG Autorinnen Autoren Kärnten, Wolf Verlag.
Die Konzeptfigur dog&SCHWOAZ wird vom Wiener Musiker und Autor Norbert Schermann (Jahrgang 1963) verkörpert. dog&SCHWOAZ hat zwischen 2016 und 2023 drei Alben und eine Vinyl-Single veröffentlicht.
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Im Erwerbsberuf Geschäftsführer der ATELIER Unternehmensberatung in Wien, hat der promovierte Organisationsethiker einen großen Teil seines wissenschaftlichen Lebens zu Fragen von Gerechtigkeiten in und von Organisationen geforscht und dazu publiziert. Die vielen Themen und Fragen, die ihm im Lauf seiner vielfältigen Tätigkeiten begegnet sind, ließen ihm keine andere Wahl, als auch seine künstlerische Seite schrittweise zu entwickeln. Ebenso meldetet sich seine poetische Seite über die Zeit immer wieder bei ihm, sodass demnächst sein erster Lyrik-Band unter dem Titel „KURZ UND HERZLOS. Poetische Probebohrungen“ erscheinen wird. Ein wichtiger künstlerischer Impuls ging und geht nach wie vor von der Wiener Gruppe, vor allem von Gerhard Rühm aus. Letzterer gab erst mit einem seiner Visuellen Poetischen Werke den entscheidenden Anstoß zur Entwicklung der Konzeptfigur dog&SCHWOAZ. Die beiden eingesendeten Gedichte lassen den „Geburtshelfer“ durchscheinen. Publikationen – Gerechter, nicht gerecht (2012,) Carl Auer Systeme (vsf) – Organisationsethische Experimente (2018), BoD
Musikproduktionen (Label: ShareMan): – dog&SCHWOAZ (CD, 2016) – Locker und leicht schwer (CD/Vinyl, 2018) – misfits double A: Denk midn Herz/ Beim Affen (Vinyl Single, 2019) – I hob nur gschaut (CD/Vinyl, 2023)
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Literarische Beiträge von Norbert Schermann finden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U82-83/2024
Literatur von / über Norbert Schermann auf unserem Blog:
Herbert Eliasch, geb. 1964, seit 34 Jahren (mit derselben Frau) verheiratet, 2 erwachsene Kinder.
Wohnt im 22. Bezirk.
Neben einigen Liedern/Liedtexten und Beiträgen in Zeitschriften (z.B. Augustin) und Anthologien hat er bislang 7 Bücher veröffentlicht, u.a. diverse Satiren sowie zwei Publikationen im Dialekt („Gscheid Bled“ und „Die bluadiche Haund im Schutthauf“)
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Literarische Beiträge von Herbert Eliasch finden Siein den Morgenschtean-Ausgaben: U82-83/2024
Beiträge von / über Herbert Eliasch auf unserem Blog:
S Wetta, dos spült ouft varruckt mol is as haß, daunn wieda druckt a Hoglsturm die Földa nieda. Schoun kimmb die nächste Hitzwölln wieda. Ma muass wos tuan, sogn di Prophetn, ba dera Gschicht hülft net nur betn, mia miassn einsporn s CO2. Glei is dos Ärgste daunn vorbei. Des Blöde an der gaunzn Gschicht: A jeda sullt auf wos vazicht! Jo des is bled, so heart ma sogn. Sulln si douch de aundan plogn. Mei Fuaßobdruck, so haßts modern is eh net grouß, ba Gott dem Herrn. I hob hiatz schoun nix zan lochn. des sulln nur de do obn do mochn. Und de do obm haum a Idee. Oda is as nur a Schmäh? Wir mochn aus dem Dioxid a Wertpapier, schoun san ma quitt. Und fia des Papier vakafn uns fix gaunz redli, ouhne olle Tricks, orme Stootn des, wos si net emissieren. Do werdn mir des Sporn net gspiarn wal wos mia zvül in d’ Luft aufilossn is in des Zertifikat gegossn. Jo, is bissl Göld für d’ Emissionen des tuat si ollwal wirkli lohnen. Di Frog is holt, stimmb die Natur dem windgen Haundel a no zua?
Wie bist du zum Schreiben gekommen? Was schätzt du an der Literatur? Ich bin seit meiner Kindheit eine begeisterte Leserin und habe auch schon recht bald begonnen, Gedichte zu schreiben – einfach aus einem inneren Antrieb heraus. Ich glaube, es ging und geht mir vor allem darum, Antworten auf existenzielle Fragen zu finden und zu verfeinern: Wie kann man seinem Leben in menschenunfreundlichen Systemen Sinn verleihen? Was bedeutet Liebe? Wie ist mit der Endlichkeit des Lebens umzugehen, wie mit Leid? Nirgendwo wird die bunte Vielfalt möglicher Antworten, finde ich, spannender abgedeckt als in der Literatur. Dogmatischen Begründungen habe ich nie viel abgewinnen können – lieber genieße ich mein Leben als fortwährenden Prozess des Entdeckens, Verwerfens und Ergänzens …
Wann ist der Dialekt in dein Schreiben eingeflossen? Ich habe zwar schon immer gern hin und wieder ein Gedicht im Dialekt verfasst, jedoch nie ernsthaft mit Dialekt als Stilmittel gearbeitet – bis ich dann auf den Dialektlyrik-Band »Iba de gaunz oamen Leit« von Christine Nöstlinger gestoßen bin. Dieser hat mich sehr bewegt. Als würde meine Mama neben mir sitzen und mir Geschichten erzählen. Von da an hat mich die Begeisterung für Dialektliteratur gepackt – und nicht wieder losgelassen. Dialekt kann so viel, was Hochsprache nicht kann, und verleiht dem Text eine ganz persönliche Note. Ich habe das Gefühl, dass man mit Dialektgedichten Menschen auf eine sehr direkte Weise berühren kann. Und das ist es ja, was ich möchte: Menschen berühren; anregen, auf eine liebevolle Weise nach innen zu spüren, und dann nach außen zu schauen, vielleicht mit einem etwas ver-rückten Blick auf die Welt.
An welches Ereignis denkst du besonders gerne zurück? Als Künstlerin unter anderem an die vielen tollen Auftrittsmöglichkeiten, die ich bereits hatte und für die ich wahnsinnig dankbar bin. Jede Performance macht mir einfach unglaublich Spaß, und es ist ein schönes Gefühl, nachher mit den Zuschauer:innen zu sprechen und zu erfahren, dass meine Texte wirklich etwas in ihnen bewegt haben. Ich freue mich auch immer, wenn wieder ein Belegexemplar einer Literaturzeitschrift oder einer Anthologie den Weg in meinen Briefkasten gefunden hat. Die eigenen Texte gedruckt zu sehen ist eine tolle Sache. Privat erinnere ich mich zum Beispiel gern an fast alle meiner Geburtstage. Denn diese bieten mir eine gute Gelegenheit, mal wieder viele der Menschen zu sehen, die mir wichtig sind, und gemeinsam mit ihnen einen schönen Tag zu verbringen.
Du bist eine begnadete Performerin, darum finde ich es immer ein bisschen schade, wenn man deine Texte»nur« lesen kann. Was rätst du jungen Performance-Künstler:innen, worauf kommt es auf einer Bühne an? Für besonders wichtig für eine gelungene Performance halte ich Authentizität und Mut zur Verletzlichkeit. Schlussendlich kann echte Verbindung zu anderen Menschen – also auch zum Publikum – nur entstehen, wenn wir uns trauen, auch unangenehme Gefühle auszudrücken, uns wirklich zu zeigen, in unserem nicht-perfekten, wundervollen Menschsein.
In deinen Texten geht es auch um feministische Themen. Mit einem Text über eine Frau, die von ihrem Ehemann regelmäßig geschlagen wird, hast du den »Mundarthunderter« gewonnen, in einem sehr lustigen Slamtext sprichst darüber, wie unsinnig es z.B ist, dass man in den Werbungen für Damenrasierer kein einziges Härchen sieht. Aber du schreibst auch sehr offen darüber, wie es sich anfühlt, sich in den Falschen zu verlieben oder wenn eine Beziehung in Brüche geht. Das macht deine Texte ehrlich und gleichzeitig gesellschaftlich relevant. Wie wählst du die Themen für deine Texte aus? Am Anfang eines jeden Textes steht bei mir erst mal eine – mal starke, mal zarte – Emotion, die Ausdruck finden will. Mit dem Schreiben kann ich sie dann transformieren. Viele meiner gesellschaftskritischen Texte entspringen einer Wut über allerlei gesellschaftliche Absurditäten, die etwa mit Humor versehen einfach besser händelbar wird. Und zwischenmenschliche Beziehungen sind für mich sowieso eine nie versiegende Quelle an verschiedensten Gefühlen – genügend Material für viele weitere Gedichte ist also vorhanden. 😉
Du bist Teil der Interessengemeinschaft Feministische Autorinnen (#igfem). Kannst du uns ein bisschen über den Verein erzählen und warum du dich entschlossen hast, Teil davon zu sein? Bei der IG Feministische Autorinnen geht es uns v.a. darum – wie der Name schon sagt – Autorinnen zu fördern, die feministisch sind und in ihrer Arbeit bewusst einen sprach- und gesellschaftskritischen Zugang wählen. Dies ist mir ein wichtiges Anliegen, und ich genieße auch das gemeinsame Schreiben in den Online-Gruppen, auch wenn ich derzeit leider nicht allzu oft dafür Zeit finde. Eines unserer neuesten Projekte ist die Anthologie »störfeuer«, die wir in unserer Edition #igfem herausgegeben haben, und in der ich gemeinsam mit vielen beeindruckenden Autorinnen vertreten bin.
Was liest du gerade? Zuletzt gelesen habe ich den Roman »Blauer Hibiskus« von Chimamanda Ngozi Adichie. Er gehört – gemeinsam mit »Die Hälfte der Sonne« (ebenfalls von Adichie) – zu meinen Lieblingsbüchern, die ich wieder und wieder lese, weil ich sie so unglaublich gut finde.
Woran arbeitest du derzeit? Mein letztes Projekt war die Erstellung eines Zines mit zwei meiner Gedichte und selbst gestalteten Illustrationen. Zines sind Miniheftchen, die aus einem einzigen Stück A4-Papier gefaltet werden können. Bislang ist mein erstes Zine sehr gut angekommen, was mich natürlich voll freut. Ich biete es gegen eine freie Spende nach meinen Performances an, man kann mir aber gern auch einfach schreiben (ich versende sie auch per Post): kontakt@jasmingerstmayr.at. Ansonsten stehen auch wieder einige Performances an, auf die ich mich vorbereite. Es gibt nur wenige Texte, die ich mehrmals performe, weil ich einfach so gern schreibe und ständig neue Texte produziere. Im Prinzip stelle ich also für jeden Auftritt wieder ein eigenes Programm zusammen. Wer sich für meine Arbeit und Auftrittstermine interessiert, findet auf meiner Homepage (www.jasmingerstmayr.at) mehr Infos und auch Hörproben. Ich versende auch ca. alle zwei Monate einen Newsletter mit Neuigkeiten, Interessierte können sich gern auf meiner Homepage eintragen.
April 2023 Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner
ChristiAna Pucher lebt schon lange in Tirol. Ihre Texte schreibt sie nach wie vor im Waldvierter Dialekt – in den sich einige Tiroler Wörter eingenistet haben. Im März wurde die Autorin 70 Jahre alt.
Du bist in Drosendorf aufgewachsen, heute lebst du im Ötztal. Das ist dialektmäßig gesehen ein ganz schön weiter Sprung. Wann hast du begonnen, im Dialekt zu schreiben – und wo verortest du deinen Dialekt heute?
Zum Schreiben kam ich erst 2011 bei einem Schreibseminar mit Annemarie Regensburger. Bis dahin schrieb ich lediglich Gedankenfetzen in ein Büchlein. Nach dem Seminar animierte mich Annemarie im Dialekt zu schreiben. Da in meiner Sprache mein erlernter Dialekt immer im Vordergrund war, bin ich im waldviertlerischen Schreiben geblieben. In dieses sich in den letzten 50Jahren einige Tiroler Worte einnisteten.
Wenn man den Morgenschtean aufschlägt und deinen Namen liest, fällt sofort das große A auf. Wie bist du auf diese Schreibweise deines Namens gekommen?
Eigentlich war es meine Erkenntnis, dass mein parasitärerer Zwilling, der mir in meiner Jugend entfernt wurde, ein Teil von mir war und immer noch zu mir gehört. Dadurch wurde mein erstes a im Namen groß. Nun ist er eingebunden in meinem Namen: ChristiAna.
2019 warst du Preisträgerin in der Kategorie »Lyrik« des Forum Land Literaturpreis. Hast du immer schon Lyrik geschrieben, oder gibt es auch Prosatexte von dir?
Prosatexte schreibe ich wenige. Hauptsächlich Kurzgeschichten aus meinem Leben, für die Familie zur Nachlese nach meinem Tod.
Aber im Herbst 2023 wurde ich von der Jury des Karl-Pömer-Preis der Gruppe »neue mundart« mit dem dritten Platz überrascht.
In deinen Texten beschäftigst du dich unter anderem mit dem Rollenbild der Frau. Was hat sich deiner Meinung nach in den letzten 50 Jahren gebessert, und wo sind wir noch immer viel zu weit vom Idealzustand entfernt?
Der Wert des weiblichen Menschenbildes hat sich in den letzten 50 Jahren nur ein bisschen gebessert. Zumindest werden wir Frauen manchmal bei Deutsch-Sprechenden, mit -Innen erwähnt. Formt Sprache nicht unsere Gedanken? Gedanken führen zu Handlungen. Handlungen sind ein Teil der Realität. Wenn Frauen in der Sprache nicht erwähnt werden, werden auch ihre Leistungen übersehen. Darum müssen wir Frauen und Mütter, auch Männer und Väter unsere Kinder so erziehen, dass Frauen in der Gesellschaft den gleichwertigen Rang haben wie Männer.
Du bist Mitglied des IDI und auch des »Wortraum Imst«. Ihr gebt gemeinsam Publikationen heraus, regelmäßig tretet ihr auch bei Lesungen auf und beteiligt euch an Ausschreibungen von Literaturzeitschriften. Was bedeutet es für dich und dein Schreiben, Teil einer größeren Autor:innengemeinschaft zu sein?
Es bedeutet für mich, sich Zeit nehmen, ein Dasein für uns Frauen. Es ist ein gegenseitiges Stützen, Stärken und vor allem ist es für mich immer noch bereichernd, das Arbeiten an unseren Textarbeiten und sonstigem gemeinsamen Tun.
In den letzten Jahren erreichen uns wieder vermehrt Texte von jungen Autor:innen, die den Dialekt für ihre Literatur (wieder-)entdeckt haben. Welchen Ratschlag würdest du Ihnen geben? Welche Stolpersteine sind dir selbst begegnet – gerade als jemand, der sich zwischen den Sprachwelten bewegt?
Es erfreut mich sehr, dass es immer mehr weibliche Literatur auf den Büchertischen zu finden ist. Einen Ratschlag? Den dialektschreibenden Frauen und Männern kann ich leider keinen weitergeben. Vielleicht, selbstbewusst im eigenen Stil, in eigener Sprache zu schreiben. So wie ich in meinen Waldviertlerisch mit Tiroler Einistungs-Dialekt.
Zum Abschluss noch eine Frage an dich als Leserin: Gibt es ein Lieblingsbuch von dir? Und falls dieses in Hochsprache ist – kannst du uns noch ein zweites Buch im Dialekt empfehlen?
Das faszinierendste Buch, das ich gelesen habe ist: »Die Frau in der mittelalterlichen Stadt« von Frau Professorin Erika Uitz. Sie beschreibt, warum und wie sehr Frauen im Mittelalter an der Emanzipation des Bürgertums beteiligt waren.
Meine Lieblingsbücher im Dialekt sind die Lyriken von Annemarie Regensburger und von Angelika Polak-Pollhammer. Ich mag ihre kurzen prägnanten Gedichten, die voll mit Leben und Kritik gespickt sind.
A Lichtspiel wio a schüchs Reh spielat de Wal im Wald wemma ’s Wassr ned golond.
Wemma alle Polkappa gschmolza hon, denn isch mi Dorf sicha o untr Wassr. Wia in anra Schüssel isches in Nüziders, in Vorarlberg, überall Berg vo denna ma ins Tal schaua ka, und wenn an Fuchs in da Südtiroler Siedlung gsaha würd, schicken se de Jägr zums Revier markiera. Weil z‘ Dorf ghört da Menscha, abr de Wald o, und z‘ Meer und wemma immr Meer wellen und wenn’s imma haaßr würd, denn hon ma a agnes Meer in Nüziders, können ganz neua Tourismus macha, und da Wale in da Wäldr zuaschaua, wia se zwüscha Hochsitz und Tanna in da Lichtunga schimmern, und wenn se zwüschat da Böm ussa kon, in d‘ Südtiroler Siedlung schwimmen, denn schickan ma d‘ Küschtawache, dass se üser Revier markieren.
Liebe Laura – Was ist Blackout Poetry und warum findest du diese Technik spannend? Einfach gesagt, Blackout Poetry ist das Übermalen oder Ausschwärzen von Teilen eines Texts, sodass nur wenige ausgewählte Worte übrigbleiben. Diese übrigen Worte ergeben einen neuen Kurztext: ein Gedicht. Ich finde diese Technik aus mehreren Gründen spannend, einmal weil sie der Angst vorm Weißen Blatt entgegenwirkt, man startet mit viel Text anstatt mit nichts und erschafft daraus was Neues. Man ist zugleich eingeengt, aber auch davon befreit, sich alles selbst ausdenken zu müssen. Für mich persönlich war das Kennenlernen von Blackout Poetry der Moment, wo ich herausgefunden habe, wie ich mein Schreiben und Zeichnen/Malen miteinander verbinden kann. Wie bei Text-Bild-Collagen kann ich damit transmediale Kunstwerke erschaffen, und verschiedene Geschichten zugleich erzählen. Das reizt mich.
Wie bist du selbst auf Blackout Poetry gestoßen? Ich habe es über das Internet kennengelernt, weil Blackout Poetry in Amerika bekannter ist als hier. Anfangs war ich neidisch, weil man mit der Englischen Sprache »leichter« spielen kann, wegen der einfachen Grammatik, aber Blackout Poems in Mundart zu gestalten, ist nochmal eine ganz andere Geschichte als in Hochdeutsch. Man braucht zwar weniger Grammatik, aber oftmals mehr Buchstaben.
Welches Buch/ welche Bücher hast du bereits für deine Black out Poetry verwendet? Angefangen habe ich mit Büchern, die ich zuhause herumliegen hatte, und bei der Auswahl kam es oft auf die Papierqualität an. Die Seiten dürfen nicht zu dünn sein, wenn man direkt ins Buch malt, aber jetzt arbeite ich mehr digital. Zunehmend ist es interessanter, Texte von mir selbst oder befreundeten Schriftsteller:innen zu verwandeln. Für die Blackout Poems auf Vorarlbergerisch muss ich mal extra ins Ländle fahren, um ein Buch zu finden, in Wien hatte ich da Schwierigkeiten.
Was hast du selbst noch mit Black out Poetry vor? Ich möchte gerne illustrierte Poesiebände damit veröffentlichen, das wäre super, auch Seite an Seite mit den Originaltexten wenn möglich. Das bietet sich an, wenn ich Gedichte in Blackout Poems verwandle, anstatt z.B.: eine Seite aus einem Roman.
Hiunddo hon ma no echtes Wettr, wenns so usschaut, als ob de himmel ahabricht ganz dicht wia a zelt voll rega hängt, schwer und grau und alls, was grüa isch, alls was blau isch, isch weg, und ma kann gar ned sega, des isch mi wettr, weil des isch echtes wettr, ma ka nur lauscha, wias a paar bundesländr wietr dunna donnert, aber wenns nur haß isch, kasch nix sega, nur übr d‘ eisbära nochdenka, und wenns koit isch, o ned, weil san ma froh, dass es no koit isch, denk an d‘ polkappa. hiunddo hon ma no echtes wettr und ned a klimakatastroph.
Gean gurrat de Wurm i hon eam im Rega stoh lo. Z neue Wetter isches Internet. alle wellen mir vozella, was se fürchterliches im Web gsaha hon, und i find, des isch ok, aber bitte nur, sarkastisch. »nah, du nimmsch des ned ernscht, do sin würklich Frauana im Internet, dia machen Schluss mit dir, wenn du sesch, du liabsch se nümma, wenn se an Wurm wären«, set an Bekannta und i gib zua, des nimm i ned ernscht. I hoff, er o ned, aber guates Gespräch.