Radio Rosta – diesmal mit einer Rückschau auf die Morgenschtean-Matinee

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Radio Rosta – Das Kulturjournal von Welt&Co #29: „Kulturdämmerung“

Ankündigungstext:
Diesmal stellen wir Ihnen die aktuelle Ausgabe der ersten und einzigen österreichischen Dialektzeitschrift „Morgenschtean“ mit dem Schwerpunkt Kärnten vor und sprechen mit Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen Autoren über die Kulturpläne der derzeitigen Koalitions-Verhandlungspartner. Den Anfang macht aber ein Beitrag über die Buchneuerscheinung „O du mein Österreich (K)eine Lobeshymne“ (Verlag Anton Pustet), an der ebenfalls Gerhard Ruiss beteiligt ist und die sich kritisch mit den acht Hymnen der österreichischen Bundesländer auseinandersetzt.

Rückschau auf die Morgenschtean-Matinee im Kunstraum Ewigkeitsgasse

Am 26. Jänner 2025 waren der Morgenschtean und die in der aktuellen Ausgabe vertretenen Kärntner Dialektautor:innen in den Kunstraum Ewigkeitsgasse eingeladen, um aktuelle Dialektliteratur aus Kärnten zu präsentieren und über Diaektliteratur im Allgemeinen zu reden.

Nach einer Einführung durch Morgenschtean-Redakteurin Margarita Puntigam-Kinstner, welche kurz die Geschichte des Morgenschtean zusammenfasste , lasen Daniala Kocmut, Elisabeth Hafner und Alfred Woschitz aus eigenen Werken sowie aus dem Nachlass von Otto Bünker sowie Bernhard C. Bünker.

Im Anschluss fand eine Diskussion statt, in der die Autor:innen von ihrer Beschäftigung mit Dialektliteratur erzählten und ergründeten, warum sich für manche Texte die Dialektliteratur besser eignet als die Hochsprache.

Am Klavier war Yedda Chunyu Lin zu hören.

Die Veranstaltung wurde von Chris Haderer mitgefilmt und auf Ton mitgeschnitten, die Lesungen wird demnächst auf OKTO sowie auf Radio Agora ausgestrahlt.

Der Morgenschtean bedankt sich beim Welt & Co-Verein, insbesondere seinem Obmann Alfred Woschitz, der diese Veranstaltung organisiert hat.

Morgenschtean-Präsentation – Mitschnitt vom 28.11.2024

Präsentation der Ausgabe U82–83
– Mitschnitt vom 28.11.2024

Am 28. November 2024 lasen wieder vier Autor*innen aus der neuen Ausgabe – ins Café Anno eingeladen waren diesmal Norbert Scherbaum alias dog&SCHWOAZ, Elisabeth Hafner, Stefan Winterstein und Markus Köhle.
Die Lesung wurde zum Teil mitgeschnitten, diese Ausschnitte können nun hier nachgehört werden!

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Norbert Schermann © ÖDA/Robert Anders

Norbert Schermann alias dog&SCHWOAZ widmete dem A-A-A-Anno einen eigenen Text

Elisabeth Hafner © ÖDA/Robert Anders

Elisabeth Hafner kam aus Klagenfurt angereist – ihre Gedichte finden sich auf den Sonderseiten mit Kärntner Dialektliteratur.

Markus Köhle © ÖDA/Robert Anders

Markus Köhle über Bürgermeister einer Tiroler Kleingemeinde … und auch sein Ränä Bänko-Gedicht gab es am Abend der Präsentation in Gänze zu hören.

Stefan Winterstein © ÖDA/Robert Anders

Außerdem präsentierte Stefan Winterstein seinen Beitrag im Morgenschtean sowie aktuelle Dialekt-Texte. Aus urherberrechtlichen Gründen gibt es von dieser Lesung keinen Mitschnitt.

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Elisabeth Hafner
SCHWOAZES ES LIEGT LEI ON DIA

Elisabeth Hafner
ES LIEGT LEI ON DIA

du muasst lei a bissl mea liabn
nocha warat ois guat
du muasst lei a bissl freindlicha wern
donn kloppt des schon mit uns zwa
und kochst holt noch a bissl bessa
es liegt lei on dia
wonn du nit so stua warast
wos mochst denn fir a finstas gsicht
de ondren fraun sand
vül freindlicha zu senare manda
de gresstn gauna
hobn seggewohl de liabstn fraun
host du imma behauptet
najo du werst es wohl wissn

erschienen in unserer PDF-Beilage zur Nummer U82–83
mehr über Elisabeth Hafner

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Bernhard C. Bünkers Poesie im Spiegel von Vor- und Nachworten


Bernhard C. Bünker | Foto © Micheal Bünker

Bernhard C. Bünkers Poesie im Spiegel von Vor- und Nachworten
von Axel Karner

(Beilage als PDF herunterladen)

Bernhard C. Bünker veröffentlichte zu Lebzeiten 12 Lyrik- und 2 Prosabände.
Mit Dazöhl (nix) von daham und der Werkauswahl zommengetrogn erschienen zwei weitere Bücher, in denen Gedichte und Erzählungen, deren Themen sich aufeinander beziehen, formensprachlich unterschiedlich gelöst, eine Einheit bilden. (2)

Er hat stets großen Wert daraufgelegt, seine Publikationen mit Vor- und Nachworten aus dem zumeist kollegialen Umfeld auszustatten. Sie sollten sein Werk unterstützen und seine inhaltlichen Schwerpunkte unterstreichen. Mit zwei Ausnahmen: Im 1976 erschienenen Band mit Dialektgedichten An Heabst fia di verzichtet er ganz auf diese besondere Empfehlung, in der Sammlung A schwoaze Blia fia di setzt er an Stelle des sonst üblichen Begleittextes zwei programmatische Zitate. (3)
Bei der Auswahl der Autoren der Vor- und Nachworte verließ sich Bünker gerne auf den Zuspruch eines freundschaftlichen Urteils. Ist es für seine Märchen und Erzählungen in Ongst vua da Ongst der Theologe und Psychoanalytiker Koloman N. Micske­y, der dieser geradezu therapeutischen Aufgabe nachgeht und besonders das Traumhafte in Bünkers Kurzgeschichten hervorstreicht, wählt er für die politisch-programmatische Auseinandersetzung mit Kärnten (Wals de hama­t is) den Journalisten Harald Irnberger, der am Beispiel einer unvergleichlichen Menschenhatz gegen Bernhard C. Bünker die politisch-ökonomische Ausnahmestellung Kärntens der ersten Haiderperiode aufzeigt. Im Buch De ausvakafte Hamat ergreift der Freund und Mitstreiter in Sachen Dialektdichtung Hans Haid (verstorben im Frühjahr 2019) – pointierter Kritiker und eloquenter Aktivist gegen einen touri­s­tischen »Ausverkauf der Heimat« – das Wort für den »klagenden und schreibenden« Bünker, um seinem Werk trotz inhaltlicher Kompromisslosigkeit und harter Anklage auch eine feine Poesie des »ungemein Zarten,Lyrischen« zu bescheinigen. Fernand Hof[f]mann, Gründungsmitglied des IDI (Inter­nationales Dialektinstitut), ist in seinen Reflexionen zu Bünkers Poesie in Des Schtickl gea i allan überzeugt, dass dessen ursprüngliche, in den frühen Texte­n ausgedrückte »Anklage, [eine] Revolte gegen eine gesichtslose und entmenschlichte Heimat [ist, die in] der poetischen Form dieser Aussage aus der Enge heraus in die Weite des Weltliterarischen « (4) tritt. Der Schweizer Mundartautor Julian Dillier, der IDI-­Mitkämpfer und mit Bünker Herausgeber der Dialektanthologie Manfred Chobot und der erste Ö.D.A.-Geschäftsführer Hans-Jörg Waldne­r (1988–2003­) vervollständigen diese einstweilige Würdigung des lite­rarischen Wirkens Bernhard C. Bünkers.

In der Hauptsache aber übernahm Hans Haid die literarische Einschätzung und eine vorläufige Beurteilung von Bünkers Poesie. Im Nachwort zur Werkauswahl zommengetrogn, Bünkers 1995 letztes zu Lebzeiten erschienenes und bei Carinthia verlegtes Buch, fasst Haid dessen literarisches Wirken noch einmal zusammen und antwortet in einer sehr persönlichen und poetischen Würdigung auf die Frage nach dem, was schließlich von allem übrigbleiben werde, wenn ihn »de oltn freind« verlassen haben werden: »einige davon, da kannst du beruhigt sein, werden die nächsten jahre voller haß, heimatliebe und traurigkeit mit dir gehen, und noch weit mehr davon werden verspätet und erst viele viele jahre nachher diese einzigartige heimatliteratur erkennen.« (5)

Dabei gilt es festzuhalten, dass Bernhard C. Bünker, der seine positiven und negativen Kärntner Erfahrungen in seinen Gedichten, Erzählungen, Märchen, Satiren und Drehbüchern literarisch umsetzte – und sich gerade deswegen als »Heimatdichter« verstanden wissen wollte –, den Begriff »Heimat« als Erfahrung eines sozialen Ortes mit ökologischer und solidarischer Verantwortung neu definierte. Die paradoxe »Geographie« seines »heimatlichen«, von Sehnsucht nach kindlicher Geborgenheit geprägten, zugleich aber unbehaust empfundenen Menschseins bringt das Gedicht die welt ist nicht heimat von Peter Paul Zahl auf den Punkt. Bünker stellte es als Motto seinem Gedichtband Dazöhl (nix) von d­aham voran:
heimat – das ist eine kette / um den hals ein amulett / ein verlobungs- ein trauring / ein foto der frau der kinder / ein zeitungsausschnitt / heimat ist was du verbirgst / gefährdet sicherheit und ordnung / heimat steckt zwischen den schläfen / pistolenschussbereit / heimweh ist auftrag / heimweh aufruf zum kampf. (6)
Er ersetzte damit den von den Nationalsozialisten vereinnahmten, auf »Blut und B­oden« reduzierten und in seiner Menschen­verachtung ausgrenzenden, belas­te­­ten Heimatbegriff durch ein neues, kritisches Verständnis für ein kulturell-vielfältiges und menschlich-demokratisches Miteinander.

Bernhard C. Bünkers erstes Buch De a­us­va­kafte Hamat (Verlag Friedl Brehm, Feldafing 1975) ist eine kritische Auseinandersetzung mit den Auswüchsen des Massen­tourismus in den Alpen als Folge einer maßlos gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prostitution am Beispiel Kärntens. Als gewissermaßen programmatische Grundlegung seines literarischen Schaffens ist für Hans Haid das schmale Bändchen mit 41 Gedichten ein »intensivstes heimaterlebnis« (7), bei dem die einem erzählenden Realismus geschuldeten Gedichte eine »gesichtslose […] entmenschlichte […] von geistigem und materiellem Unrat beschmutzte […] wirkliche heimat« widerspiegeln. Er bescheinigt Bünker eine »tiefe liebe zur heimat […] aus einer ehrlichen sorge« und liest aus Bünkers Texten nicht nur anklagende Kritik, sondern entdeckt, hinter den harten, realistischen Bildern verborgen, auch sein sensibles und emphatisches, lyrisches Talent. Schließlich fordert Haid, selbst Kritiker einer nur an Profitmaxi­mierung orientierten, schrankenlosen und umweltzerstörenden Fremdenverkehrswirtschaft, die Tourismusverantwortlichen auf, zukünftig auf ihren Prospekten Bünkers »kärntner heimattexte « anstelle der gebräuchlichen, verlogenen Werbetexte zu verwenden.
In dem folgenden, 1978 in Klagenfurt bei Carinthia verlegten Prosa­band Ongst vua da Ongst, einer Sammlung von düsteren Geschichten und Märchen, bestätigt Koloman N. Micskey in seinem Nachwort Bünker eine »aufwühlend, originelle schriftstellerische Erscheinung «. Er nennt ihn einen »Offenbarer vergehenden, haftenden Dunkels «, dessen Erzählungen den »unhellen Mythos einer vergehend-bleibenden Dorf- und Almenwelt « beschreiben. Bünkers archetypische Bilder­welt erweckt bei Micskey traumähnliche Metaphern als Ausgangspunkt tiefenpsychologischer Deutung: »Das Dunkel beweist das Licht durch Wegweisen und das Bergen durch Verbergen. « (Zitat Micskey) (8)
Im Vergleich einiger seiner Geschichten mit Werken der Weltliteratur konstatiert Micskey bei Bünker eine Meisterschaft und »Souveränität, [mit der er] ein literarisches Motiv umkomponiert «(9) und dieses auf die soziale Welt des Ostalpenraums und im Speziellen der österreichischen Provinz herunterbricht. Dabei erreicht für Micskey der Dialekt »literarisch Würde und Niveau der Hochsprache  «.
1979 erscheint unter dem Titel Wals de Hamat is ein Sonderheft der von Antonio Fian herausgegebenen Kärntner Literaturzeitschrift Fettfleck (10) unter anderem als Dokumentation eines »Shitstorms« gegen Bernhard C. Bünker im Zusammenhang mit seinem Aufsatz über das reaktionäre Wesen deutschtümelnder Kärntner, veröffentlicht in der slowenischen Literaturzeitschrift mladje. Das Vorwort dazu schreibt der 2010 verstorbene Kärntner Journalist und Schriftsteller Harald Irnberger, Gründer, Herausgeber und Chefredakteur der österreichischen, politisch-aufmüpfigen Zeitschrift Extrablatt.
Irnbergers Beitrag nimmt eine Sonderstellung unter den Vor- und Nachworten ein, da er sich nicht mit der Poesie Bernhard C. Bünkers und den Inhalten der Gedichte befasst, sondern sich anhand des Auf­satzes über den Sinn und Wert des Kärntner Anzugs bei der ihn tragenden Bevölkerung (Untersuchung zur Korrelation des Kärntner­anzuges und dessen Trägern / O razmerju med koroškim gvantom in njegovimi nosilci) mit den besonderen politischen Verhältnissen in Kärnten auseinandersetzt und damit die politische Basis seiner Dichtung, die persönliche Haltung und seinen Antrieb als Autor thematisiert. In Hinblick auf Bünkers Aufsatz und der hysterischen Reaktion darau­f (»Es ist kein Zufall, wenn in Kärnten eine Abhandlung über ein gewisses Kleidungsstück zum Kardinalproblem hochstilisiert wird – und man folglich über die tatsächlichen Kardinalpro­bleme hinwegschweigt.«) verweist Irnberger (Zitat) in dieser Zusammenstellun­g – erwei­tert durch politische Gedichte – darauf, wie Bünker von nationalistischen Kreisen zum Feindbild gemacht und sein Aufsatz dazu verwendet wird, um von den realen politischen und ökonomischen Problemen in Kärnten mit seiner Strukturschwäche, den fehlenden Arbeitsplätzen und der Ausgrenzung und Hetze gegenüber der slowenischen Minderheit abzulenken.
Für Harald Irnberger ist der Ausnahmefall Kärnten in seiner exemplarisch besonderen Verbundenheit alter Nazis mit Sozialdemokraten am Fall Bünker, der im Landals »Nestbeschmutzer« und keineswegs als Heimatdichter gilt, projektiv abgehandelt.

Ein Plädoyer für die Dialektlyrik am Beispiel von Bünkers Dialektgedichten hält der Luxemburger Pädagoge, Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Fernand
H­of[f]mann in dem 1980, wieder bei Carinthia erschienenen Gedichtband Des Schtickl gea i allan. In einer ausführlichen Analyse (11), betitelt als »Mundartlyrik gegen den Trend oder Der Mut zur Poesie «, stellt er Bernhard C. Bünker ins Spannungsfeld eines unverschuldet schmerzlich Alleingelassenen und eines bewusst entschiedenen »einsamen literarischen Waldläufers«. Hof[f]mann greift in der Betrachtung der Poesie Bünkers – mit einer Ausnahme (»Bünkerische Dialektlyrik «) – auf den Begriff »Mundart « zurück und setzt ihn anstelle des für Bünker so wichtigen Begriffes »Dialekt« als Markierung seiner politischen Intention als Autor. Für Hof[f]mann ist Bernhard C. Bünkers literarischer Weg ein Entwicklungsprozess von anfänglich noch »hörbarer Nähe der Anti-Heimat-Tendenz und des umweltschützlerischen [sic!] Engagements « zu einem poli­tisch nicht mehr engagierten Dichter. Um letztlich aber doch einzuräumen, dass »ein guter Teil dessen, was er schreibt, nur vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten unserer Zeit zu verstehen ist «. Er sieht Bünker weder als »Sprachrohr der bis dahin stummen Volksmassen «, noch als Mundartagitator, vielmehr gewahrt er ihn als einen Autor, der »Poesie um der Poesie willen « schreibt, jedoch anders als in der Theorie des »l’art pour l’art«, als jemanden, der Poesie als »ein Kondensat der Wirklichkeit der Welt versteht «.
Hof[f]mann verortet Bernhard C. Bünker literarisch zweifach: einerseits als einen Kärntner »Heimatdichter « (12), der in »Rückbesinnung auf das, was man ist und wie man es geworden ist im Hinblick auf ein besseres Erkennen und Begreifen der eigenen Person « die Kärntner Wirklichkeit erfasst und beschreibt, andererseits als einen verschwenderischen Menschen, der – in der willentlichen Umklammerung der Welt als Liebender – Lebensgefühl und Welterfahrung als Widerspruch »freudiger Diesseitsbejahung und asketischer Weltflucht, sinnlicher Lebensumarmung und mystischer Todessehnsucht « zu einem »erotischen Erleben« vermengt.
Damit stellt er Bünkers Gedichte in die Tradition klagender Liebeslyrik, und zwar, wie er meint, des aus der Tradition »zwischen Sensualität und Askese gespannten religiös-­erotischen Lebensgefühls « schöpfenden Kärntner Liebesliedes. Die Gedichte stellen in ihrer »Art einen vergeblichen und deshalb elegischen Versuch der Weltumarmung« dar. Die »Bünkerische Dialektlyrik« mit ihrem wehmütigen Grundton bleibt so »einerseits fest in seiner Kärntner Heimat verwurzelt, [diese] ja ohne sie überhaupt nicht denkbar ist«, andererseits identifiziert er eine »kosmopolitische Allüre […] im Schatten Baudelaires und Trakls, das heißt einer bestimmten Form europäischer Lyrik «. Und meint, wie ja auch Micskey und Haid, in der literarischen Klage Bünkers über eine »gesichtslose und entmenschlichte Heimat « eine Weltläufigkeit zu erkennen, die zwar von der provinziellen »Motivik und Themati­k her begrenzt ist «, aber »in demselben Maße in ihrer allgemeinen Aussage und der poetischen Form dieser Aussage aus der Enge heraus in die Weite des Weltliterarischen « tritt.
In der Einleitung des 1984 bei Heyn erschienenen Gedichtbandes Wonns goa is (13) schläg­t Hans Haid einen fast hymnisch-verklärenden Ton an. Für den »Poeten« Bernhard C. Bünker sei »Poesie die Wahrheit «. Er beschreibe zwar in seinen Gedichten Kärnten als eine seelenlose, entmenschlichte Landschaft (»Die Dörfer in der Heimat verlieren die Gesichter […] Weg von der Provinz ins gestaltlose Niemandsland […] Gesichter der Dörfler werden leer und ausdruckslos «) und verwende dazu Bilder und Metaphern, die an das »kurz zurückliegende Erleben seiner Kärntner Heimat « erinnern. Aber im Gegensatz zu den Verantwortlichen und deren Mitläufern, die über den Missständen im Land »ihre Augen verschließen, […] erkennt und erleidet « er als Dichter. »Das Betroffenmachen und Berühren, das Vorausschauen und das Ahnen ist [dabei] die Sache des Poeten. « Und in der Art und Weise, wie er seine literarischen Bilder »poetisch und dialektmäßig « einsetzt, gibt er – auch in enger Verbundenheit mit den Kärntner Slowenen – »seinen­ Landsleuten die Sprache wieder «.
Für Haid ist Bünker ein »Liebes- und Todes­lyriker«, der wie Christine Lavant, die zwar »schriftdeutsch schrieb, aber im Dia­lekt dachte «, seine Gedichte genauso »bilderreich, verschlüsselt, aus der lebendigen, wirklichen Volkspoesie kommend, in Bildern und Sprache vollwertige Ausdrucksmittel der eigenen Kultur « schreibt. Es sind »die poetischen Bilder einer scheinbar längst entschwundenen Welt «, die »gleichzeitig Dokumente einer hochstehenden Provinzkultur « sind.
Drei Aspekte zeichnen Bernhard C. Bün­ker­s Poesie im deutschen Sprachraum als einzigartig aus: Zum einen ist Bünker »trotz der archaisch-altertümlichen Sprach- und Gedankenwelt modern «, zum anderen spiegelt sich in seinen Gedichten eine »Verhaltenheit und eingehaltene Trauer « wider, die nicht dreinhaut oder niederbrüllt, sondern in ihrer »unterdrückten Wut weint «, die »den Mond und den Wind an seiner Stelle trauern [und] den Tod mit seiner weißen Magd mit weißen Mohnblumen in der Hand kommen « lässt.
Schließlich stehen seine »Liebes- und Todes- oder Todes- und Liebesgedichte […] in einer Art Wahn, in Todessehnsucht und Trauer, aber in großer Intensität. [Es sind] Bilder und Gedanken für das Erlebenkönnen, für das Mitfühlenkönnen und der Traurigkeit «.

Bei Hermagoras erscheint 1991 eine Sammlung von Texten und Gedichten im Kärntner Dialekt mit dem Titel Dazöhl (nix) von daham. Hans Jörg Waldner steuert das Nachwort (14) bei. Er interpretiert Bernhard C. Bünkers Texte als eine »Symbiose von
Poesie und Widerstand.« In dieser Verbindung von epischer Beschreibung und lyrischer Empfindung wird der Leser mit der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit Kärntens konfrontiert.
Die Texte thematisieren die Sehnsucht eines verlorenen und vereinsamten Stadtmenschen (»obgsoffn in da traurigkeit, … «) nach Heimat (»lei ham «), in der sich aber die Vertrautheit und Geborgenheit vorgaukelnden Dörfer seiner Kindheit als desillusionierende Orte der »Angst, Hinterhältigkeit « und Niedertracht entpuppen. Bünkers »daham« sind keine nostalgischen Kindheitsorte, sondern kennen die zerstörerischen »Mechanismen in Industrie, Fremdenverkehr und dem Landleben im Allgemeinen.«
Bei der Frage nach dem soziokulturellen Hintergrund in Bünkers literarischem Werk gelangt Waldner zu einem ähnlichen Befund wie Hans Haid: Die Wut in Bünkers Texten schöpft aus seiner leidvollen Erfahrung des »Kärntnerischen«. Bünker bringt dabei ein zutiefst menschenverachtendes Gemenge literarisch auf den Punkt. Die »Bilder und Metaphern in seinen Gedichten [sind] karg, doch gestochen scharf.« Der Dialekt ist »souverän und kompromißlos  «.
Für Hans-Jörg Waldner ist Bernhard C. Bünkers Schreiben über die Heimat kein larmoyantes Gefasel der »Heimatverschönerer« und »Grenzlandkameraden «, sondern die aus seinem sozialen Gewissen angetriebene Zurückführung eines nationalistisch und völkisch vereinnahmten Heimatbegriffs. Die Gedichte und Geschichten, die von unbändiger poetischer Kraft zeugen, ergreifen dabei immer »Partei für Benachteiligte, Gegängelte, Bevormundete  «.

Das Nachwort des Basler Mundartautors, Theater- und Radiomannes Julian Dillier zu Nochamol z’rucklafn (Verlag Heyn 1988) vermerkt eine »selbstkritische Inventuraufnahme zum 40. Geburtstag«, eine Art Beichte und Bilanz. Es ist »ein Geständnis ohne Angst « (15), bei dem Bünker nicht bloß zurückschaut, sondern seinen bisherigen Lebensweg zurückläuft, »gewillt, seinen Weg zweimal zu gehen, […] weil es ihm ist, es müsste dies und das anders werden.« Dabei erinnern die aufgesuchten Orte – allesamt Stationen seines Lebenslaufes – an »Kreuzwegstationen« oder an »Rastplätze, auf denen man gerne verweilt, weil sie an Gutes oder vielleicht auch wohltuend an Schmerzliches erinnern «. (16)
Trotz dieser tröstenden und gar heilenden Konnotation, bescheinigt Dillier den Gedichten einen elegischen Grundton. Nur »in wenigen schimmert Zuversicht auf, [etwa] wenn die Rede ist von lieben Kreaturen, von Bienen, Schmetterlingen.« Vielmehr ist für ihn in Bünkers Gedichten »die Rede von Enttäuschungen […] Oft zittert auch Angst mit, etwas zu verlieren, spricht er seinen Monolog über Brüchigkeit der Gefühle, über Freundschaften, erinnert er sich an Erfahrungen, zigeunert [sic!] er durch Landschaften der Traurigkeit, dann wieder durch Landschaften, die ihn an eine Heimat erinnern, wo man sich wohlfühlt, […] der immer noch die KZ-Beule anhaftet.« Um schließlich im pessimistischen Ton zu resümieren: »Es ist nichts mehr wie früher, aufbewahrt bleiben nur die Erinnerungen. « Schwarze Vögel, Kirschbäume im Schatten, schmerzende Schneenadeln, verbrannte Hände.

In dem Auswahlband Lei nit lafn onfongen (mit Schallplatte), 1988 im Krefelder Van Acken Verlag erschienen, meldet sich Hans Haid mit einem Nachwort neuerlich zu Wort.
In seinen Ausführungen zu den Texten in Kärntner Dialekt (17) stellt er Bernhard C. Bünker als einen »aufsässigen, querköpfigen, poetischen Heimatdichter « vor, der auch aus Angst vor »den Marschierern, den braunen Heimatdienstlern, den Betonierern, den Staumauerverbrechern « gegen das große, von diesen verursachte Leid anschreibt. Dabei sich aber selbst aussetzt und exponiert »als Leidender, als Schöpfer, als Künstler, [und] als Rufer « immer »ganz vorne mit dabei « ist. Haid zählt die Gedichte, die von einer »schlichten Bildhaftigkeit wie in allerbester Volkspoesie « getragen sind, zu den besten Dialektgedichten; immer mit Blick auf den vielgestaltigen, kulturellen Hintergrund Kärntens: »Durch und durch slawisch ist die schwere Bilderwelt. « Bünkers Liebesgedichte – Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach Geborgenheit – sind für Haid jenen H. C. Artmanns mehr als ebenbürtig.
Haid sieht Bünkers Antrieb zum Schreiben im »Haß und [der] Traurigkeit « eines »Grenzgängers « (»Immer hart an der Drau […] bei den Slowenen, bei seinen Freunden, bei seiner slowenischen Freundin, bei den Schwächeren, den Getretenen, den Grenzgängern. «) gepaart mit einem zerbrechlichen Heimatverständnis (»Konflikt mit der schwarzen Angst und dem braunen, dem deutschnationalen Heimat-Dienst «).
Das Vorwort zu seinen Satiren (Verlag Buchkultur, 1990) verfasst schließlich der langjährige Freund und Schriftsteller Manfred Chobot.(18) Er hält über Bernhard C. Bünker alias Florian Leposchitznig, »Kärntner aus Passion und von Geburt […] «, Folgendes fest:
»Als Heimatdichter hat er sich auch auseinandergesetzt mit den politischen Verhältnissen in seiner Heimat, mit der Vergeßlichkeit mancher Politiker, mit dem, was nämliche Volksvertreter unter Kultur verstehen oder nicht verstehen, denn selbst der genialste Politiker ist auch bloß ein Mensch. […] Bernhard C. Bünker liegt etwas an seiner Heimat, er nimmt Heimatliebe  wörtlich und ernst, und er mißbraucht sie nicht als Vorwand, um Ungerechtigkeit und Verlogenheit unter dem verhüllenden Lodenmäntelchen der Heimattracht weiterhin ungeniert zu betreiben. Weil ihm die Heimat am und im Herzen liegt, schreit er und wehrt er sich, verteidigt sie.«
Um im Sinne des Heimatdichters Leposchitznig schließlich zu behaupten: »Der Wirklichkeit ist wirklich nur satirisch beizukommen. « Und letztlich auch nur so zu ertragen.

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Anmerkungen

  1. Bünker verwendet die Verse als Motto in: Nochama­l z´rucklafn. Büldaschticklen aus fost viazg Joa. Verlag Heyn, Klagenfurt/[Celovec] 1988. [=Bünker, z’rucklafn]
    »Und kimmt da schwoaze Vogl hea / dem wüll i mi eagebn – / Hob donn ka Ongst vuam Schteabn mea / Fiacht mi nit mea vuam Leben […]« (nach einem alten Volkslied)
  2. Nach Bernhard C. Bünkers Tod 2010 wurden bisher vier weitere Bücher mit seinen Texten veröffentlicht.
  3. Bernhard C. Bünker: Schwoaze Blia fia di. Klagenfurt/Celovec, Ljubljana, Wien/Dunaj, Hermagoras/Mohorjeva 1993; S.5 [=Bünker, Schwoaze Blia]
    »[…] die Welt der Dichter ist nicht die Schöpfung tieferer Einsicht, sondern heftiger Sehnsucht […] «. (Thornton Wilder, Die Iden des März)
    »[…] während des Tages versuchte ich den ausgelegten Fallstricken zu entgehen, und die Nächte waren voller unsagbarer Greul […]« (B.[ernhard] C. Bünker, Tagebucheintragungen, Sept[ember] 1979)
  4. Bernhard C. Bünker: Des Schtickl gea i allan. Klagenfurt/Celovec, Carinthia 1980; S.68 [=Bünker, Schtickl]
  5. Bernhard C. Bünker: zommengetrogn. Werkauswahl. Hrsg. v. Wilfried Gindl. Mit einem Nachwort von Hans Haid. Klagenfurt/Celovec, Edition Carinthia 1995; S.214ff.
  6. Bernhard C. Bünker: Dazöhl (nix) von daham. Texte und Erzählungen im Kärntner Dialekt. Klagenfurt/Celovec, Wien/Dunaj, Hermagoras Verlag/Mohorjeva založba 1991; S.5 [=Bünker, Dazöhl (nix)]
  7. Bernhard C. Bünker: De ausvakafte Hamat. Friedl Brehm, Feldafing 1975; S.3
  8. Bernhard C. Bünker: Ongst vua da Ongst. Carinthia, Klagenfurt 1978; S.101 [=Bünker, Ongst]
  9. Bünker, Ongst aaO. S.102
  10. Bernhard C. Bünker: Wals die Hamat is. Eine Fettfleck–Sonderausgabe. Herausgegeben von Antonio Fian. Fettfleck – Kärntner Literaturhefte, Spittal a. d. Drau, Wien 1979; S.6ff.
  11. Bünker, Schtickl aaO. S.66ff.
  12. Bünker, Schtickl aaO. S.67
  13. Bernhard C. Bünker: Wonns goa is. Texte im Kärntner Dialekt. Heyn, Klagenfurt 1984; S.5ff.
  14. Bünker, Dazöhl (nix) aaO. S.166ff.
  15. Bünker, z’rucklafn aaO. S.112
  16. Bünker, z’rucklafn aaO. S.111ff.
  17. Bernhard C. Bünker: Lei nit lafn onfongen. Texte im Kärntner Dialekt. Mit Schallplatte. Van Acken, Krefeld 1988; S.73ff.
  18. Bernhard C. Bünker: Satiren. Mit einem Vorwort von Manfred Chobot. Verlag Buchkultur, Wien 1990; S.9

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»Meine erste Fremdsprache ist schriftsprachliches Deutsch« – Axel Karner im Interview


Axel Karner | Foto © Walter Probaschnig

Du bist in Zlan, am Beginn des Stockenboier Grabens aufgewachsen. Welche Sprachen haben dich geprägt? Bist du schon im Dialekt erzogen worden?

Prinzipiell hat jede Form von Sprache ihre Berechtigung. Sprache ist für alle komplexeren Tätigkeiten und Denkvorgänge des Menschen unverzichtbar. Der Mensch lebt und arbeitet in der Sprache.

Es gibt keine muttersprachliche Herleitung für mein Sprechen. Die Verkehrssprache zu Hause war gepflegte Umgangssprache. Mein Vater, der als in der Monarchie geborener Burgenländer mehrsprachig aufgewachsen ist, lernte Deutsch in der Form des heanzischen Dialekts und Ungarisch. Meine Mutter, in Leipzig geboren, sprach ursprünglich sächsisches Deutsch und musste, um in Kärnten verstanden zu werden, »nach der Schreibe« reden.

Im Gegensatz zu meinen Eltern redete ich, auch während meiner Schulzeit in Villach (bei der Matura wurde ich ermahnt, nicht im »derben« Dialekt zu sprechen), selbst noch während meines Studiums und in den Anfängen als Lehrer in Wien in breitem Dialekt. Das brachte mir in Wien als provinzieller Exot zwar eine gewisse soziale Zuwendung ein, führte im Unterricht jedoch zu Unverständnis und vielen Fragen. Oft auch zu Gelächter unter den Schülern.

Meine erste Fremdsprache ist schriftsprachliches Deutsch und mindestens genauso mangelhaft wie alle anderen Sprachlernversuche im Laufe meines Lebens.

Deine Gedichte sind sehr verdichtet und lautmalerisch, dennoch auf schonungslose Weise ehrlich. Sie erzählen von Sprachlosigkeit, Gewalt in ihren diversen Ausprägungen, vom Totschweigen und Verdrängen und davon, was plötzlich wieder hochgeschwemmt wird. Gab es ein auslösendes Erlebnis, das dich bewogen hat, dich diesen Themen zu widmen?

Ein auslösendes, singuläres Erlebnis gibt es nicht, eher lässt sich ein schmerzhafter Erkenntnisprozess in der Wirkungsweise einer griechischen Tragödie beschreiben.

Es ist das ein Gefühl einer unsagbar tiefziehenden Kälte und Einsamkeit, die ich oft als Kind und später als Jugendlicher im Dorf erlebt habe. Es ist vor allem der Aspekt einer emotionalen Ambivalenz, der mich seit meiner Jugend belastet. Da schmeichelt einerseits die idyllische Verklärung und Verkürzung intensiver Kindheitseindrücke, anderseits erschreckt und verstört die dystopische Leere und Dunkelheit einer grauenvollen Menschenferne.

Wie Viele meiner Generation stelle ich mir die Frage, warum ich nicht mehr Wissen aus unseren Eltern (Kriegsgeneration: Vater 1907, Mutter 1924 geboren) herausgeholt habe. Warum es nicht möglich war, das so beredte Schweigen formalisierter Anekdoten zu durchbrechen. Den Grund politischer Dummheit, Ängstlichkeit und Angepasstheit zu hinterfragen. Wie konnte es gelingen, ohne große sichtbare Gewalteinwirkung, Kinder so bleibend feig, dumpf und stumm, geradezu sprachlos zu halten, sie unter den »geheiligten« Schirm religiöser Rituale und frommer Sprache und der damit verbundenen sozialen Kontrolle zu stellen.

Schlug man 1989 die erste Ausgabe des »Morgenschtean« auf, war es bestimmt kein Zufall, dass man auf den ersten Seiten ausgerechnet deine Gedichte zu lesen bekam. Der »Morgenschtean« wollte immerhin den Beweis antreten, dass Dialektliteratur kritisch auf die Heimat blicken kann (ja, muss!), und das mit einer unmittelbaren Wucht, die der Hochsprache oft fehlt. Wann hast du begonnen im Dialekt zu schreiben? Und welche Bedeutung hatte dabei auch die Begegnung mit Bernhard C. Bünker für dich?

Eine prominente Platzierung. Vielleicht liegt es daran, dass Bernhard C. Bünker, mit dem ich befreundet war, der mich zum Schreiben in Dialekt anregte und den ich mitunter als meinen literarischen Mentor betrachte, meine Gedichte als publikationswürdig fand. Er hat auch 1992 den Klappentext zu »a meada is aa lei a mensch«, meinen ersten Gedichtband, verfasst.

Bünkers Einfluss bestand allgemein derart – wie Gerhard Ruiss es einmal formulierte –, dass er »für vieles und viele ein Sprungbrett geschaffen hat, das er für sich selbst nie nützen wollte.«

Mit dem »Morgenschtean« schuf Bernhard C. Bünker gemeinsam mit Manfred Chobot und Hans Haid schließlich eine regelmäßige Publikationsmöglichkeit für kritische Dialektliteratur.

Mein Schreiben im Dialekt hat vordergründig wohl auch damit zu tun, dass ich als Student im akademischen Betrieb angehalten war und daher lernen musste, in Schriftsprache zu sprechen. Mag sein, dass ich auf diese Weise einen empfundenen sprachlichen und auch einen damit verbundenen Identitätsverlust auszugleichen suchte.

Der Dialekt als Kommunikationsmittel steht immer in einem Spannungsverhältnis zwischen Fremdheit und Vertrautheit. Mein Dialekt hat zwar Kärntner Sprachwurzeln, unterliegt aber einer individuellen Verslangung, und damit einer lebendigen Veränderung. Widersetzt sich jeglicher Einhegung und »Pflege«. Der anarchische und ursprüngliche Aspekt des Dialekts hat die Kraft, jeden Sprachrahmen zu sprengen, zumindest aber in Frage zu stellen. Ein Unterbinden sprachlich-individueller Unmittelbarkeit und Authentizität hätte nur eine sprachpolizeiliche Mumifizierung zur Folge.

Obwohl du schon sehr lange in Wien lebst, schreibst du nach wie vor im Kärntner Dialekt. Wie hat sich dein Verhältnis zu Kärnten und auch zum Kärntner Dialekt nach so vielen Jahren in Wien gewandelt?

Mein Verhältnis zu Kärnten lässt sich als eher schmerzlich umschreiben, gerade auch wenn man sich die aktuelle politische Willensbekundung (Nationalratswahl 2024) vieler Kärntner Wähler und Wählerinnen vor Augen führt, die wieder einmal den nationalistischen Geist beschwören. Ganz im Sinne Bernhard C. Bünkers, der in seinen Satiren den Dichter Leposchitznig sagen lässt: »Wal ans is en jungen Hamatdichta mea und mea aufgongen, namle, doßa de Hamat nit los wean konn, dewos sich einwendig drinnen in eam onkrallt wia a Kotz«, besteht eine kritische Distanz, die sich aber nicht nur einfach mit Sympathie und/oder Antipathie beschreiben lässt. Das würde den Blickwinkel einengen und die Urteilsfähigkeit verkürzen. Das Verhältnis ist differenzierter und Ergebnis eines Entwicklungsprozesses immer in kritischer Auseinandersetzung mit der aktuellen politischen und sozialen Situation im Land. Mit dieser räumlichen, aber auch mentalen Distanz zu Kärnten habe ich gelernt, tradierte Erzählungen über die Verhältnisse in Kärnten kritisch zu sehen, zu hinterfragen und neu zu bewerten.

Fragt man nach dem Unterschied zwischen »Mundart« und »Dialekt«, vermuten viele, dass es einen sprachlichen Unterschied geben muss. Der Duden meint hingegen ganz klar: Die beiden Begriffe sind Synonyme. Und doch hat sich die Ö. D. A. bei ihrer Gründung ganz bewusst vom Begriff »Mundart« distanziert, sowie auch du großen Wert darauf legst, das Wort »Dialekt« zu verwenden. Kannst du unseren Leser:innen erklären, warum?

Die neue Begrifflichkeit diente der Abgrenzung. Unter Hervorhebung des dialogisch-diskursiven Aspekts von Sprache sollten vor allem politische und soziale Inhalte berücksichtigt werden. Im Zuge der 68er-Bewegung wird die Sprache als Herrschaftsinstrument kritisch in Frage gestellt und debattiert. Die Suche nach der eigenen Identität führt auch zur Suche nach einer persönlichen Sprache. Der Dialekt wird zur Sprache gegen das Establishment. Sprachlosigkeit und Sprachfindung, soziale Wahrnehmung und die politische Umsetzung bezeichnen dabei Vari­ablen auf einem literarischen Feld, auf dem Lebens­welt und Sprache einander bedingen.

Zu Beginn der 70er-Jahre und in den 80er-Jahren kommt es zu einer Vernetzung und Internationalisierung der neuen kritischen Dialektdichtung. Mit der Gründung des IDI (Internationales Dialektinstitut) werden sprachliche Phänomene wie die Dialekte, Sprachen der Minderheiten und regionale Sprachen in einem gemeinsamen Projekt zusammengefasst, ohne sie untereinander und/oder gegen die Schriftsprache auszuspielen. Die Bewertung der Dialekttexte erfolgt nach ihren inhaltlichen Schwerpunkten und nach deren Authentizität.

Neben der politischen und sozialen Intention steht vor allem die Frage nach der »Verkitschung der Dia­lektdichtung im Sinne unrealistischer Wirklichkeitsschau, Postkartenmalerei und Heimattümelei« (Sebastian Baur). Ein besonderes Anliegen dabei ist, jene traditionalistische Mundartdichtung, die sich als Wald- und Wiesenpoesie und vor allem als nationalistische Blut- und Bodendichtung unangenehm hervortut, auf den ihr zustehenden Platz zu verweisen. In strikter Abwehr jeglicher Vereinnahmung von Rechts, gerade in Kenntnis des propagandistischen Missbrauchs der Mundart während der NS-Diktatur.

Themen und inhaltliche Schwerpunkte des kritischen Diskurses sind vor allem auch ökologische Fragen. Ursprünglich als Auseinandersetzung mit der Landschafts- und Menschenzerstörung durch den Massentourismus, über Proteste gegen die Errichtung von Atomkraftwerken bis hin zu den aktuellen Fragen der Klimaveränderung.

Besonders augenscheinlich ist die sozial-emanzipatorische Linie, die die kritische Dialektliteratur durchzieht. Sensibilität und Empathie für die sozialen Probleme kleiner Leute, Kritik an Armut, Fremden- und Frauenfeindlichkeit, menschenfeindlicher Asylpolitik, zeichnet diese Autoren und Autorinnen aus.

Nov. 2024
Fragen: Margarita Puntigam-Kinstner

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Für sein Werk wurde Axel Karner 2022 mit dem Humbert Fink Preis ausgezeichnet. Die Jury hob Karners »Meisterschaft in der sprachlichen Reduktion« hervor sowie sein Beharren darauf, »dass Literatur mehr zu sein habe als bloße Unterhaltung«.

Lyrik von Axel Karner gibt es auch in:
Morgenschtean U82-83/ November 2024

Monika Kazda
HERBST

Monika Kazda
HERBST

Heit bin i gongan durchn Wold, durchs Lab
Send die Blattln goldn von de Bama getonzt
Homb mei Gsicht berührt
Hob in Hergott gspürt
De vaeiste Seel
Bei Monchen apperts im Olta außa
Dos Eis dos se sich zua glegt hobn
schmülzt dahin
Jetzt wird ois freiglegt
Und es tuat noch imma weh
Host geglabt es is ois vagessn
Oba jetzt appats aussa
Und imma noch reast drüba
Bei Monchn bleibts Eis
Bei denen tauts erst im Krematorium auf

erschienen in unserer PDF-Beilage zur Nummer U82–83

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Elisabeth Hafner
SCHWOAZES MURGGALE

Elisabeth Hafner
SCHWOAZES MURGGALE

marandjosef
is des a schwoazes murggale
sogn de leit zur klanen gitschn
so a schwoarzes murggale
se schaugn zum vota
es is earm wia ausm gsicht gschnittn
de muatta was nit recht
wia se des kindle
dos se aus ihr außazogn hobn
gernhobn soll
ob se sich richtig gfrein derf
hot se nit imma ghert
nua de blondn de blauäuglatn
san de gonz richtign poppalan
oba ban nextn kind is e ois ondas
des biable hot strohblonde hoar
und himmelblaue äugalan

erschienen in unserer PDF-Beilage zur Nummer U82–83

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Claudia Rosenwirth-Fendre
SEBM

Claudia Rosenwirth-Fendre
BUZZALAN – SEBM

Hurchn – jede Nacht –
wölches Auto wo schtehn bleibt –
bei wölchn Haus.

Hurchn –
wia lång a Motor wo laft.

Fest fluachn
auf de ångeblich

varlottarte Jugend.

Hiatz, wo er ålt is.

Åls wenn kana mehr wissat,
fia wiavül Junge er durchn Wind is,

sebm,

darweil SIE z’Haus
de Kindar kriagt håt –

nåch der Reih –

wia Schtiagnschtapflan.

erschienen in unserer PDF-Beilage zur Nummer U82–83


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Interview: Alfred Woschitz


Alfred Woschitz |
Foto: © Chris Haderer/ www.lunaSteam.com

Du bist im Kärnten der 1960er-Jahre aufgewachsen. Vor ein paar Jahren bist du – nach mehreren Jahren im Ausland im Rahmen humanitärer Hilfsprojekte und schließlich in Wien – in das Haus deiner Kindheit zurückgekehrt. Wie war die Rückkehr nach Villach für dich?

Das jahrzehntelange Fernsein von meiner Heimat Kärnten hat zu einer gewissen Distanziertheit zu meinem Herkunftsland geführt, nie aber zu einer totalen Abnabelung. Dazu kamen meine Auslandsaufenthalte in einer Zeit der Umbrüche in Europa, wie dem Fall der Berliner Mauer, die Auflösung der Sowjetunion und der Jugoslawienkriege. Dadurch, dass ich die Möglichkeit hatte, politische und gesellschaftliche Veränderung von Innen wie auch Außen zu betrachten, wurde mein Schwarz-Weiß-Denken farbiger und bunter, nicht nur in Bezug auf Gesellschaft und Politik, sondern auch in Kunst und Kultur. Die Rückkehr nach Kärnten in mein Dorf im Norden der Stadt Villach ist bzw. war ja keine »Heimkehr« für immer, sondern dem Umstand geschuldet, dass meine Eltern pflegebedürftig wurden.

Du bist ein großer Fan der Dialektliteratur Bernhard C. Bünkers – du hast mehrere Bünker-Lesungen organisiert, derzeit drehst du einen Film über den Schriftsteller. Warum ausgerechnet Bünker?

Die Begegnung mit der Literatur Bünkers (bzw. der Bünkers) fand auf den Straßen Wiens, vor einem Antiquariat statt. Aus einer Bücherkiste erstand ich ein Buch mit Gedichten von Otto Bünker, dem Vater von Bernhard C. Bünker. Die Zufallsbekanntschaft mit Axel Karner war schließlich der Impuls, mich auch mit dem Sohn Otto Bünkers zu beschäftigen. Es folgten Lesungen, Diskussionen und daraus folgend die Idee, den Film »Zornige Flucht« gemeinsam mit dem Journalisten und Filmemacher Chris Haderer in Angriff zu nehmen.

Du schreibst selbst im Dialekt. Wann hast du damit begonnen – und welche Herausforderungen bringt der Dialekt beim Schreiben mit sich?

Der uns angeborene Dialekt, ich nenne ihn »Mülch­gschraa«, ist ja eigentliche Muttersprache in uns. Sie entspringt dem Bauchgehirn und sitzt viel tiefer, als wir es wahrnehmen. Es ist also keine Herausforderung, im Dialekt zu schreiben, man muss es nur zulassen und einfach tun. Eine Befreiung gegenüber dem konstruierten Hochdeutsch.

Was macht für dich einen guten Dialekttext aus?

Wenn der Text vom Hirn in den Bauch und zurück fährt, ohne dass du darüber nachdenken musst. Sätze, im Dialekt geschrieben, können, ohne dass du es wahrnimmst, in dir hängenbleiben.

Von Wien bis Kärnten kennt man dich nicht nur als Autor, sondern vor allem als Literaturvermittler. Du hast unzählige Lesungen im Kunstraum »Ewigkeitsgasse« organisiert, du gestaltest Literatursendungen auf OKTO und bist auch als Radiomacher aktiv. Als Vorsitzender des Kärntner Schriftsteller:innenverbandes hast du u.a. das Projekt »flussaufwärts« ins Leben gerufen, das Literat:innen der Länder Italien, Slowenien und Österreich miteinander verbindet. Welches Erlebnis ist dir in besonderer Erinnerung geblieben?

Begonnen hat alles auf dem Slawistik-Institut in Wien Anfang der 1980er-Jahre, als ich mit der Literatur der Russischen Moderne in Berührung kam. Es folgten Jahre des Broterwerbs als Projektleiter Internationaler Hilfsprojekte, bis ich schließlich 2005 in der ehemaligen Heimatgasse des 1939 aus Wien vertriebenen Schriftstellers Frederic Morton den »Kunstraum Ewigkeitsgasse« gründete. Der Beginn einer lange Jahre andauernden Freundschaft mit dem in New York lebenden Schriftsteller Frederic Morton sowie auch eines intensiven Kontakts zu Erinnerungs- und Gedenkkultur. Dann war es die tiefe Freundschaft zu Uli Scherer, den bekannten Musiker und Komponisten, der mir den Weg zur »Wiener Gruppe« und in die Literatur der Zwischenkriegszeit (Kaffeehausliteraten) eröffnete.

Jahre der Literaturvermittlung folgten, vor allem in der Zusammenarbeit mit Zsolnay und Deuticke.

In steter Erinnerung wird mir eine Veranstaltung mit Kindern mit Migrationshintergrund bleiben, die Frederic Morton ihre Texte vorlesen und anschließend mit ihm diskutierten durften.

Dann gibt es noch das angesprochene Bildungs- und Literaturprojekt »flussaufwärts – po reki navzgor – contro corrente«, das als Impulgeber für ein globaleres Kulturverständnis im Alpe Adria Raum angelegt war und immer noch ist. Dazu gehört auch das alle zwei Jahre stattfindende Alpen-Adria-Literatursymposion des Kärntner Schriftsteller:innenverbandes, dass im Stift St. Georgen am Längsee stattfindet.

Nicht nur als Schriftsteller, auch als Übersetzter, Biograf und Literaturvermittler hast du dir stets die »unbequemen« Themen ausgesucht. Du forderst auch Kärnten heraus, seine Grenzen noch mehr zu öffnen, mehr mit den Nachbarländern in Kontakt zu treten – und das in einer Zeit, in er es wieder vermehrt Debatten um Grenzschließungen gibt.

Als Kind im Zollgrenzbezirk zwischen Italien und Österreich (Villach) aufgewachsen hat das Wort Grenze eine tiefere Bedeutung. Jeder Ausflug über die Grenze war mit Warten und Kontrolle verbunden. Dann fielen die Grenzen und ein Schild mit der Aufschrift »Bitte nicht stehenbleiben« beherrschte lange Zeit den Grenzübergang, bis die Migrationsfrage wieder alles umkehrte und man nun immer damit rechnen muss, auf den Parkplätzen innerhalb Österreichs entlang der Autobahn kontrolliert zu werden. Das stimmt traurig.

Verrätst du uns zum Schluss noch deine Lieblings-Dialektausdrücke aus Wien und auch aus Kärnten?

Wienerisch:
– Hieb (Bezeichnung für Bezirk)
– 16er-Blech (Bierdose mit Ottakringer Bier; Ottakring ist der16. Bezirk)

Kärntnerisch:
– Tasn (Zweige bzw. Äste von Nadelbäumen)
– Tschwote oder Tschriasche (tolpatschiger bzw. umständliche männliche Person)
– Treappn (dümmliche weibliche Person)
– Tscherfln (schlendern, schleifend gehen)
– klunzen (kränkeln)
– napfazn (leicht vor sich hindösen)
u.s.w.

Nov. 2024
Fragen: MPK

Lyrik von Alfred Woschitz gibt es auch in:
Morgenschtean U82-83/ November 2024

Interview: ANNA MARIA LIPPITZ

© Bianca Puschl

Anna Maria Lippitz im Interview

Du wurdest in Griffen geboren, heute lebst du im Lavanttal. Hat sich dein Sprechen durch den Ortswechsel verändert? Und wie verhält es sich in deinen Dialektgedichten? Welcher Dialekt schlägt sich hier nieder?

Im Grunde hat sich, obwohl ich im Jauntal geboren wurde, schon seit meiner bewussten Hörfähigkeit die Klangmelodie unterschiedlicher Sprachfärbungen in mein Dasein geprägt. Meine Mutter ist im sogenannten Windischen Sprachbad aufgewachsen und unterhielt sich mit meinem Vater und uns Kindern im Unterkärntner Dialekt, wie es in diesem Haus üblich war, jedoch mit ihren Geschwistern Windisch sprechend.

Die Muttersprache väterlicherseits war stark vom Lavant­taler Dialekt geprägt, da die Oma meines Vaters aus St. Paul im Lavanttal stammte. So trage ich viele alte Lavanttaler Dialektworte weiter, welche mein Vater neben dem vorwiegend gesprochenen Jauntaler Dialekt verwendete, und die mir schon seit Beginn meiner Wahrnehmung von Sprache »söltsom« im Sinne von kostbar erschienen sind. Insofern habe ich durch den Ortswechsel eine Erweiterung des Lavanttaler Sprachschatzes erfahren. Im Bezug auf meinen Unterkärnter Dialekt – den Windischen beherrsche ich ja leider nicht –

war ich jedoch in der rein Lavantaler Dialekt sprechenden Familie, in die ich eingeheiratet hatte, gefordert, mir bestimmte Begriffe wie zum Beispiel Karjola (1) zu verkneifen, um kein Gespött auf mich zu ziehen.

An meinen jüngeren Gedichten beobachte ich, dass sich mehr und mehr der Lavanttaler Dialekt in den Vordergrund drängt, zugleich jedoch bestimmte Jauntaler Ausdrücke unverzichtbar bleiben, um mein Fühlen präziser wiedergeben zu können. So gesehen würde ich meinen, im Kärntner Dialekt zu schreiben, der von der Koralpe bis zum Glockner ein vielfältiger ist, sich oft schon aus einem Tal bergwärts anders färbt und dennoch unverkennbar kärntnerisch klingt.

In deinen Dialektgedichten hat man manchmal das Gefühl, in längst vergangene Zeiten zurückzureisen, dann wieder geht es um brandaktuelle Themen. Wie findest du zu deinen Themen? Was inspiriert dich?

Zunächst bin ich euch sehr dankbar für die Themen, die mir jetzt durch den Morgenschtean zukommen und mich zum Schreiben bewegen.

Meinen Eltern verdanke ich, bestimmte Arbeitsweisen und Umstände erlebt zu haben, die eigentlich meiner Großelterngeneration zuzuschreiben wären. Am Bergbauernhof aufgewachsen und bis zum vierzigsten Lebensjahr Bäurin gewesen zu sein, selbst noch »Goarbn gebundn«, »in Kumpf einghängt, Bleicha gschepst« und »Bochmulta griebn« zu haben, ermöglicht, Erlebtes zu formulieren. Vergangenes und aktuelles Erleben beeindruckt und beschäftigt mich. Themen, die mich gefühlsmäßig erreichen, bewegen mich. Es bewegt sich in mir, verdichtet sich und drängt irgendwann nach außen. Wir sind mittendrin, ständig gefordert. Die Witterungsfolgen, die Veränderungen in Gesellschaft, Arbeitswelt und sozialem Gefüge, Beziehung, Familie, weltumspannende Verbindung und Verbindlichkeiten, Überzeugungen und Religionen, die neuen Technologien. Ich bin noch ohne Telefon in der Großfamilie aufgewachsen, nun beobachte ich den Alltag meiner erwachsenen Töchter und bin tief bewegt über die persönliche Erfahrung dreifache Großmutter zu sein. Den Tod sehr nahestehender Menschen musste ich ebenso wie alle Betroffenen irgendwann akzeptieren lernen. Leben ist »zwegn­keeim« und »fuatgeahn«. Beides verursacht Schmerzen, wenn es nah kommt, und ist gleichzeitig berührend schön. Und dazwischen sind weitere, unzählige Momente des Spürens und Fühlens, die über die Sinne wirksam werden, mir zu denken geben und Auswirkung auf mein Schreiben haben.

Was deine Dialektgedichte vereint, ist der unheimlich schöne Rhythmus deiner Lyrik, ihre Sinnlichkeit und das Lautmalerische in deiner Sprache. Damit schaffst du es, auch jene in den Bann zu ziehen, die nicht jedes Wort verstehen. Wie lange feilst du an deinen Gedichten?

Danke für die Mitteilung dieser Wahrnehmung. Das animiert zum Weiterschreiben.

Ein Großteil meiner Gedichte entspringt einfach so meinem Inneren, sozusagen naturwüchsig. Vieles fließt in einem Guss aufs Papier und wird nicht mehr bearbeitet. Manches verbraucht über zehn Seiten Papier während des Entstehens, wird am Stück geschrieben, überschrieben, es wird reingeschrieben, bis es sich fertig anfühlt. Einige Dichtungen bekommen mehrmaligen Korrekturbesuch im Laufe von Tagen oder Wochen, um vollständig zu werden. Es kommt auch vor, dass ein mir vorerst fertig erschienen gewesener Text zu einem späteren Zeitpunkt noch verändert wird. Oft ist es ein bestimmtes Wort, das noch gesucht wird, um näher ans Gefühl oder ans Bild zu kommen, es präziser zu formulieren.

Welche Texte entstehen, wenn du nicht im Dialekt schreibst?

Es sind vorwiegend Gedichte, lyrische Prosa. Einige Märchen sind entstanden. Sinnsprüche, die im alljährlichen Kalender der Kärntner Schreiberlinge oder im Landkalender des Leopold Stocker Verlags erschienen sind. In Schreibgruppen nehme ich gerne Schreibimpulse von Kolleg:innen auf. So finden Gedanken neue, unbekannte Wege – auch zu Kurzgeschichten. Poetry-Slam war bei uns Kärntner Schreiberlingen auch ein spannender Impuls, sich auf fremdes Terrain zu wagen. Ein laufendes Schreiben sind Kindheitserinnerungen, die jedoch nicht ganz ohne Dialektwörter auskommen. Zudem schreibe ich tagebuchähnlich, jedoch unregelmäßig, zu Themen, die mich im Moment beschäftigen. Zuletzt die Geburt meines dritten Enkels.

Du bist Mitbegründerin der Kärntner Schreiberlinge. Wie kam es dazu? Was bedeutet es dir allgemein, Teil einer Schreibgruppe bzw. eines Schriftsteller:innenverbandes zu sein?

Eine Freundin, Hemma Schliefnig, die sich mit dem Buch »Meine Mama hat außer Windisch nichts Deutsch können« sehr intensiv mit Muttersprache auseinandergesetzt hat, lud mich zu einer Schreibwerkstatt des Kärntner Bildungswerkes mit Anita Arneitz nach Klagenfurt ein, damit meine schlafende Schreibfreude erweckt würde. Mit Erfolg, denn seither schreibe ich wieder regelmäßig, weil mir die Sinnhaftigkeit durch die Ermunterung und Bestätigung der Gruppe gegeben wurde. Um der Trauer des Endes einer Schreibgemeinschaft zu entwischen, beschloss ein Teil dieser Gruppe, sich – unter der unbezahlbaren Präsidentin Karin Ch. Taferner – weiterhin vierzehntätig zum Schreiben, Vorlesen und Diskutieren zu treffen. Wir sind nun im 12. Jahr, haben persönliche Erweiterung im Schreiben erfahren, viele Lesungen abgehalten und gemeinsam Bücher, Kalender sowie eine CD kreiert. Zudem bringen wir jährlich einen Kalender mit Sinnsprüchen heraus. Ich schätze das Inspirierende, das durch Schreibanregungen, Rückmeldungen, Diskussionen, durch Zuhören entsteht. Ebenso den Austausch von Erlebtem und die Freundschaft, die sich inzwischen entwickelt hat.

Die Zugehörigkeit zum Kärntner Schriftsteller:innen­verband ermöglicht mir Kontakt zu Literat:innen, die teilweise schon lange schreiben bzw. professionell und erfolgreich literarisch tätig sind. Mich interessiert es, wie schreibende Menschen denken. Mich inspiriert es zuzuhören. Zudem gibt es in dem Kreis die Möglichkeit, an wertvollen Weiterbildungen teilzunehmen, Kritik auf mein Schreiben zu erhaschen und es lesend an die Öffentlichkeit zu bringen.

Verrätst du uns noch dein Lieblings-Dialektwort?

rogla (2). Dieses Wort wurde oft von meinem Vater verwendet und es ist auch bezeichnend für ihn.


  1. Im Lavanttal wird die Jauntaler Karjola zur Radltruchn, auf Hochdeutsch Scheibtruhe oder Schubkarren.
  2.  bezeichnet das zarte, vorsichtige, achtsame Tun sowie das Lockere, Leichte, Lose im Zusammenhang mit der Beschaffenheit von z.B. Erde oder Schotter oder auch z.B. die lose Verbindung eines Türriegels.

Veröffentlicht am im November.2025
Die Fragen hat Margarita Puntigam-Kinstner gestellt

Lyrik von Anna Maria Lippitz gibt es auch in:
Morgenschtean U82-83/ November 2024

Eva Brislinger
DES WÖRTHERSEEMANDL IM CORONAWINTA

Jö, des Mandl schaut jo aus

wie a Mundschutz-Nikolaus,

trogt an Boat und schneid’t a Gsicht

als wie a obagscheida Wicht,

zagt mitm Finga stal noch obn:

»Von duat kummt bold des Christkind gflogn!«

Im Fassl drin is Jagatee.

Drum dompft er so, da Wörthersee.

erschienen in unserer PDF-Beilage zur Nummer U82–83

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Karner, Axel

© Emmanuel Frank

Axel Karner

Geboren 1955 in Zlan, Kärnten; lebt in Wien. Arbeitete als Autor und Lehrer für Evang. Religion, Darstellendes Spiel und Soziales Lernen. Schreibt Lyrik und Kurzprosa in Dialekt und Schriftsprache. Mitglied u.a. bei der GAV (Grazer Autoren Autorinnen Versammlung), beim Literaturkreis Podium und beim ÖDA. 

Ausgezeichnet u.a mit dem BEWAG Literaturpreis und dem Kärntner Lyrikpreis sowie mit dem Humbert Fink Literaturpreis. 

letzte Veröffentlichungen
Zuletzt erschienen: 2010 Chanson Grillée. Gedichte. Illustriert von Anne Seifert. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2012 Der rosarote Balkon. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2015 Ausgewählte Gedichte. Podium Porträt 83. Podium, Wien 2015 Der weiße Zorn. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2019 Die Zunge getrocknet / Jezik posušen. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec. 2020 in adern dünn brach licht. Gedichte. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec. 2024 popanz. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec

zuletzt aktualisiert 2024

Literarische Beiträge von Axel Karner finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U82-83/2024
U78-79/2023
U66-67/2020
U62-63/2019
U58-59/2018
U50-51/ 2017
U44-45 /2015
U31-33 /2011
U26-27 /2009
U24-25 /2009
U21-22/ 2008
U18-19 / 2007-2008
U13/ 2006
16/1993
15/1993
14/1993
1/1989

Lippitz, Anna Maria

Anna Maria Lippitz

wurde 1969 in Griffen geboren und lebt heute im Lavanttal.
Ihr erstes Gedicht entstand in früher Jugend. Schreiben ist für sie eine Art mit dem Erlebten umzugehen. Ihr schriftstellerischer Schwerpunkt liegt in Lyrik und Mundart.

Anna Maria Lippitz ist Gründungsmitglied der Kärntner Schreiberlinge und wurde 2022 in den Kärntner SchriftstellerInnenverband aufgenommen.

> mehr über die Autorin

Literarische Beiträge von Anna Maria Lippitz finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U70–71/ 2021
U76-77/ 2023
U78-79/2023
U80-81/2024
U82–83/2024


sowie in unserer Hör-Mediathek „Österreich Hören“
im Bundesland KÄRNTEN

Veröffentlicht am
Kategorisiert als Autor:innen

Anna Maria Lippitz
KEAZNLAICHTN

Anna Maria Lippitz
KEAZNLAICHTN

Keaznlaichtn
di Hintatia zua
und so a Gneat

’s Gedrischpl
schpalt si
zwischn di Fiaß

iban Hundkota
brotat da Weba
sei Fliagn

in da Heazkomma
zölt da Sensnmonn
di Schlog

a Schiachn
varamt
di Gluat

di hamlane Wärm
varachtin
di geitische Költn

lei dos ewige Bandle
schlingt si
ums zascheabnte Heaz

erschienen in unserer PDF-Beilage zur Nummer U82–83
mehr über Anna Maria Lippitz


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Interview: Elisabeth Hafner

Elisabeth Hafner im Interview

© Edeltraud Koinig

Du bist Vielleserin. Was macht das Lesen mit dir – was kann Literatur erreichen?

Ich lese, seit ich des Lesens kundig bin. In der Literatur eröffnet sich mir eine Quelle, die vielstimmig und vielschichtig die Rahmenbedingungen menschlicher Existenz formuliert. Literatur fördert die Kraft, Visionen zu generieren. Ebenso ermöglicht sie es marginalisierten Menschen, denen, die an den Rand gedrängt wurden, ihre Stimme zu erheben. Unverzichtbar ist die Wahrnehmung der Zeitzeugen, sie bildet die Gegenstimme zur dominant-patriarchalen Geschichtsschreibung. Messerscharf sezieren Autor:innen gesellschaftliche Lebensbedingungen. Sie analysieren die im Untergrund verborgen liegenden Herrschaftsstrukturen, identifizieren deren Wirkweise und transponieren sie auf die Ebenen gültiger Verständlichkeit und menschlicher Erlebnisformen. Literatur fördert die Empathie, man fiebert mit einer Protagonistin, einer Gruppe von Menschen mit; ein Fenster in eine unbekannte Welt öffnet sich. Literatur birgt Spannung und Entspannung, spricht vom Möglichen und Unmöglichen, vermag es, mich zu einer Nordpolexpedition mitzunehmen [1], Helene Kottannerin beim Diebstahl der Krone über die Schulter zu schauen [2] oder die Zeitschleifen in Adas Raum zu erleben [3]. Steve de Shazer schreibt vom ursprünglichen Zauber der Worte, von der Kraft, die den Worten innewohnt [4].

Wann hast du selbst zu schreiben begonnen?

Seit ich mich erinnere, hat mir das Schreiben immer Freude gemacht: die Lust am Formulieren, am Ausdruck, der Klang der Worte. Erste Gedichte, die in der Schublade verschwanden und vier Jahrzehnte später wieder herausgeholt wurden.

Nicht wenige deiner Gedichte sind im Dialekt verfasst. Was bedeutet Dialektsprache für dich als Autorin?

Wischbam und Klachl, Dampfl und Wazan – das sind Begriffe aus dem Sprachgebrauch der Kindheit, deren Klang mich augenblicklich in die Muata– und Vota­sproch versetzt. Es ist ein eigener Kosmos mit seltsam anmutendem Fachvokabular, der auch die Arbeits- und Lebenswelt meines Vaters beschreibt. In Gesprächen mit dem 97-Jährigen schreibe ich die »Fachworte« inzwischen mit. Im Kärntner Dialekt gibt es zwanzig unterschiedliche Bezeichnungen allein für das Weinen. Da kann man zwillen und plärren, heschatzen und rehrn und de Zachalan rinnen losn. Schon durch diese Skalierung wird die Art und Weise des Kummers näher bestimmt. Ein Reichtum im Wortschatz, der uns hilft, die Bewegungen der Seele sorgfältiger zu verbalisieren und sie einzuordnen. Das kann uns näher an unsere Emotionen bringen, zwischenmenschliche Distanzen verkürzen, einen unmittelbareren Weg zu herzlicherem Verständnis bilden. Mundart ist eine Sprach-Ressource, sag ich mal, das Schimpfen geht auch direkter, deftiger.

In der Herzenssprache, der Mundart, fließen Klagen leichter, lodert der Zorn wuchtiger. Eine verborgene Kraft, die sich erst nach und nach zeigt, scheint in ihr zu schlummern; als würde deren alte Melodie uns Frierende ein wenig »wärmen«. Dennoch erinnere ich die Jahre, als gesagt wurde, wir sollten den Dialekt besser meiden, wollten wir in der Schule besser vorankommen. Zu meiner Überraschung eröffnete sich mir in Bünkers sozialkritischen Mundarttexten ein neues Feld. Den Wiener Dialekt, auch das Wiener Lied, mag ich übrigens auch, weil ein Teil meiner Familie aus Wien kommt und drei meiner Kinder inzwischen dort leben.

In deinen Texten geht es sehr oft um feministische Themen, aber auch um Macht und Ohnmacht ganz allgemein. Wie findest du zu deinen Themen?

Über viele Jahrhunderte lag die Deutungshoheit fürs Frauenleben in den Händen der Männer. Tief verwurzelt und nur leicht verdeckt wuchern die unterschiedlichsten Formen destruktiver Frauenbilder. Je länger man als Frau, die Kinder geboren hat, in dieser Gesellschaft lebt, desto mehr häufen sich die Erfahrungen erlebter Benachteiligung, die in unserer ungleichen Gesellschaftsordnung begründet liegt. Kindererziehungszeiten werden in der Pensionsberechnung nur mangelhaft abgebildet, Mütter arbeiten sozusagen für Gottes Lohn, aber das hilft ihnen in der Pension nicht, ihre Rechnungen zu bezahlen. Der Staat bestraft die Mütter fürs Kinderkriegen. Meine Schwiegertöchter sind auf die Öffnungszeiten der Kitas angewiesen, steigen sie in den Arbeitsprozess ein, wählen sie die Halbtagesbeschäftigung, um die Dreifachbelastung der Care-Arbeit zu stemmen. Damit geht aber schon eine zukünftige Verminderung der Pensionshöhe einher, obwohl ihre Partner das Halbe-Halbe Modell in der Care-Arbeit leben.

Die Rente der Bäuerinnen beträgt ganze vierzig Prozent von der des Ehemannes. Alte, unreflektierte Rollenbilder, die das Machtgefälle perpetuieren, verhindern die Wahrnehmung geschlechtergerechter Bedürfnisse. Solange Ärzte meinen, der männliche Körper sei das Maß aller Dinge, werden die körperlichen und seelischen Nöte der Frauen negiert. Bis zum Beispiel der Herzinfarkt einer weiblichen Person erkannt wird, dauert es um einiges länger; Zeit, die der Frau dann möglicherweise zum Überleben fehlt.

Autorinnen erleben massive Benachteiligungen, wie man gerade im aktuellen Gender Report des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport nachlesen kann, mit dem Schwerpunkt auf Fairness und Fair Pay.

Auch Kärntens bittere Geschichte des institutionellen Kindesmissbrauches in den Jahren von 1950 bis 2000 trägt die Fratze dominant männlicher Rollenbilder, die Frauen und Kinder per se entwerten. Nachzulesen in der wissenschaftlichen Dokumentation: »Im Namen von Wissenschaft und Kindeswohl. Gewalt an Kindern und Jugendlichen in heilpädagogischen Institutionen der Jugendwohlfahrt und des Gesundheitswesens in Kärnten zwischen 1950 und 2000«.

Nicht alle in der Justiz tätigen Personen verinnerlichten das neue partnerschaftliche Rollenmodell der Familienrechtsreform von 1975. Dieser Vorgang nahm Jahrzehnte in Anspruch, vor allem im Familienrecht und dem damit verbundenen Gutachterwesen bedient sich Justita gerne noch an althergebrachten patriarchalen Sichtweisen.

Hast du literarische Vorbilder – und wie hast du in deiner Jugend zu ihnen gefunden?

In Großmutters Bücherschrank fand ich unter anderem Werke von Sigrid Undset, Anna Achmatova, Nelly Sachs und Dolores Vieser. Erste Leseprägungen. Mein spärliches Taschengeld investierte ich in Christine Lavants Lyrikbände.

Die Lyrik von Elfriede Gerstl, Christine Busta und Cvetka Lipus gibt mir heute eine Pause im Alltag, das ist wie ein Atemholen. Johannes Lindner, von dem man sagt, er hätte die moderne Lyrik in Kärnten begründet, soll nicht unerwähnt bleiben, seine existentialistischen Naturschilderungen inspirieren. Meine Tochter machte mich auf Clarisse Lispector, Anne Carson und Claudia Rankine aufmerksam. Toni Morrisons Werke müssten zum Standardwerk im Deutschunterricht erhoben werden, ich nenne »Rezitativ« und »Sehr blaue Augen«. Wobei wir bei einem Grundproblem in der literarischen Grundbildung angelangt sind: Im Rahmen des EU Projektes EPESEP erstellen namhafte Literaturwissenschaftlerinnen derzeit eine auf alle Schulstufen abgestimmte Leseliste, die endlich, endlich weibliche Autorinnen nennt und im bisher männlich konnotierten Literaturkanon Geschlechtergerechtigkeit herstellen könnte. Darüber informiert die Homepage der ≠igfem [Anm: Interessensgemeinschaft feministische Autorinnen, www.igfem.at]. Literatur von Männern wird ja bis heute ausreichend beworben und finanziert.

Mich faszinieren die biografischen Bögen: Wie dröseln Schreibende die Spannung von Gelingen und Scheitern auf, wie verarbeiten sie Umbruchsituationen und wie gehen sie mit den Volten des Lebens um? Vor allem aber: Unter welchen Bedingungen (müssen) Autorinnen schreiben? Schreiben sie am Küchentisch wie Marlen Haushofer, im Krieg wie Svetlana Alexijewitsch oder in der Sklaverei wie Phillis Wheatley? Immer wieder neue Autor:innen für mich zu entdecken, kennzeichnet meine eher europäisch geformte Lesebiografie, doch lesend beame ich mich für einen Sommer nach China, Südafrika, Äthiopien, Kanada und Südamerika. Manchmal gehe ich einfach die Wege zum See, im Gepäck ein Taschenbuch von Ingeborg Bachmann.

Du arbeitest gerade an deinem ersten Lyrikband. Welche Gedichte werden darin versammelt sein?

Ich möchte meine Leser:innen auf eine literarische Reise mitnehmen. Die lyrischen Texte sind jeweils einem Ort gewidmet, die Reise spannt sich auch zeitlich über Jahrzehnte. Unterwegs zu sein, lyrisch verarbeitet, vom Ort der Kindheit aus, vom Teich, der einen beinahe verschluckt hätte, passiert die Leseroute das slowenische Jeruzalem, dröhnen die Glocken von Berlins Zionskirche zum Jahrtausendwechsel, graben sich die Zehen in den Strand von Tel Aviv. Der dritte Teil widmet sich der Stadt am Wörther See. Und da gibt es viel zu notieren! Maria Nicolini schreibt dazu im Vorwort: »Diese Gedichte vertreten Positio­nen aus öffentlichen Kämpfen – als gebe es hinter den Worten noch ein Ziel. Gleichberechtigung der Frau ist ein solches, auch die Behütung der Natur, das Erinnern, die Kinderrechte, die Hochrechnung im eigenen Leben: Als Maries Leben erlosch, überblühte Rosenrot den Hang, wichtig allerdings wäre ihr eines gewesen: die Gleichberechtigung.«

_____________

  1. Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Christoph Ransmayr.
  2. Ich, Helene Kottannerin. Die Kammerfrau, die Ungarns Krone stahl. Julia Burkhard, Christine Lutter. Dies ist das älteste Selbstzeugnis einer Frau in deutscher Sprache.
  3. Adas Raum. Sharon Dodua Otoo.
  4. Worte waren ursprünglich Zauber. Von der Problemsprache zur Lösungssprache. Steve de Shazer.

Nov. 2024
Fragen: MPK

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Ausgabe U82–83 / Nov. 2024

Ausgabe U82–83 / Nov. 2024

Interview: Rezka Kanzian
Dialektliteratur zum Thema:“Knedl, Gerschtl, Flieda“ mit Texten von: Cornelia Allmayer-Krieg, Gerlinde Allmayer, Franziska Bauer, Herbert Eliasch, Rudi Herschl, Mario Huber, Markus Köhle, Josef Grassmugg, Silke Gruber, Theresia Oblasser, Heinz Reinisch, Christine Rainer, Norbert Schermann, Thomas Schlager-Weidinger, Harald Wieland, Stefan Winterstein, Katharina Zanon
Dialektliteratur aus KÄRNTEN von:  Elisabeth Hafner, Rezka Kanzian, Axel Karner, Martina Kircher, Daniela Kocmut, Anna Maria Lippitz, Claudia Rosenwirth-Fendre, Alfred Woschitz (Übers.: Ivana Kampuš)

mit QR-Codes zu Hörtexten sowie einen Link zur PDF-Beilage mit vielen weiteren literarischen Texten sowie Rezensionen und anderen Beiträgen

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Daniela Kocmut

© Lupi Spuma

Daniela Kocmut

Geboren 1980 in Maribor, wuchs ab 1991 zweisprachig in Kärnten / Koroška auf. Lebt seit 1999 in Graz als literarische Übersetzerin, Dolmetscherin, Sprachtrainerin für Slowenisch, sowie Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift Lichtungen. Studium der Germanistik, Slowenistik und Translationswissenschaft in Graz und Dublin. 

Seit 2004 zahlreiche Veröffentlichungen literarischer Übersetzungen aus dem Slowenischen ins Deutsche (u. a. Drago Jančar, Maruša Krese, Uroš Prah, Veno Taufer, Zofka Kveder, Miha Mazzini, Stanka Hrastelj, Barbara Simoniti, …). Mehrere Übersetzungsstipendien. Regelmäßige Mitveranstaltung, Moderation und Dolmetschung zweisprachiger Lesungen. Schreibt Lyrik auf Slowenisch und Deutsch. 

zuletzt aktualisiert 2024

Literarische Beiträge von Daniela Kocmut finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U82-83/2024

Kircher, Martina

Martina Kircher

Biografie

Lebt in Villach. Studium Bildungs- und Erziehungswissenschaften. 
Seit 2004 selbstständig als Natur- und Märchenpädagogin, Autorin und Erzählerin. 
Seit 1995 Texte und Reportagen für regionale Medien. 

Mitglied beim Kärntner SchriftstellerInnenverband und IG Autorinnen Autoren, seit 2016 Organisatorin von poe:Tisch in Villach. Schreibt Kurzgeschichten, Märchen und Kinderbücher. 

Lesungen, Vorträge und Erzählauftritte im In- und Ausland.

Beiträge in Büchern und Anthologien
„Feinheiten 2022“; Ausgewählte Texte des Literaturwettbewerbs; KSV, Wolf Verlag.

„Gib mir ein Märchen mit auf den Weg“; Märchenbuch mit Anleitung. Verlagshaus Hernals.

„Bruchzeilen“; Anthologie der Autorinnen, Autoren von poe:Tisch Villach. Verlagshaus Hernals.

„Schlosslektüre“; Anthologie. Stadt Villach, Verlag Schriftstella.

„Weihnachten im Zug“ in: Sternspritzer. Hrsg. IG Autorinnen Autoren Kärnten, Wolf Verlag.

„Der unscheinbare Kristall“; Kinderbuch. Eigenverlag, 2013.

„Turritella, die kleine Turmschnecke“; Kinderbuch. K-Verlag, 2008.

„Liebe in mir“ in: Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes. Realis Verlag GmbH.

zuletzt aktualisiert 2024

Literarische Beiträge von Martina Kircher finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U82-83/2024

Schermann, Norbert
(dog&SCHWOAZ)

Norbert Schermann
(dog&SCHWOAZ)

Die Konzeptfigur dog&SCHWOAZ wird vom Wiener Musiker und Autor Norbert Schermann (Jahrgang 1963) verkörpert. dog&SCHWOAZ hat zwischen 2016 und 2023 drei Alben und eine Vinyl-Single veröffentlicht.

weiterlesen
Im Erwerbsberuf Geschäftsführer der ATELIER Unternehmensberatung in Wien, hat der promovierte Organisationsethiker einen großen Teil seines wissenschaftlichen Lebens zu Fragen von Gerechtigkeiten in und von Organisationen geforscht und dazu publiziert. Die vielen Themen und Fragen, die ihm im Lauf seiner vielfältigen Tätigkeiten begegnet sind, ließen ihm keine andere Wahl, als auch seine künstlerische Seite schrittweise zu entwickeln. Ebenso meldetet sich seine poetische Seite über die Zeit immer wieder bei ihm, sodass demnächst sein erster Lyrik-Band unter dem Titel „KURZ UND HERZLOS. Poetische Probebohrungen“ erscheinen wird. Ein wichtiger künstlerischer Impuls ging und geht nach wie vor von der Wiener Gruppe, vor allem von Gerhard Rühm aus. Letzterer gab erst mit einem seiner Visuellen Poetischen Werke den entscheidenden Anstoß zur Entwicklung der Konzeptfigur dog&SCHWOAZ. Die beiden eingesendeten Gedichte lassen den „Geburtshelfer“ durchscheinen.
Publikationen
– Gerechter, nicht gerecht (2012,) Carl Auer Systeme (vsf)
– Organisationsethische Experimente (2018), BoD

Musikproduktionen (Label: ShareMan):
– dog&SCHWOAZ (CD, 2016)
– Locker und leicht schwer (CD/Vinyl, 2018)
– misfits double A: Denk midn Herz/ Beim Affen (Vinyl Single, 2019)
– I hob nur gschaut (CD/Vinyl, 2023)

zuletzt aktualisiert 2024

Literarische Beiträge von Norbert Schermann finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U82-83/2024

Eliasch, Herbert

Herbert Eliasch

Herbert Eliasch, geb. 1964, seit 36 Jahren (mit derselben Frau) verheiratet, 2 erwachsene Kinder.
Wohnt im 22. Bezirk.
Neben einigen Liedern/Liedtexten und Beiträgen in Zeitschriften (z.B. Augustin) und Anthologien hat er bislang neun Bücher veröffentlicht; u.a. drei Satiren-Bände sowie vier Publikationen im Wiener Dialekt. Davon zwei Mundart-Krimis und zwei Bände mit gereimten Dialekt-Stücken mit dem Titel GSCHEID BLED (Teil 2 ist erst kürzlich erschienen).

zuletzt aktualisiert 2026

Literarische Beiträge von Herbert Eliasch finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U82-83/2024
U88–89/2026

Oblasser, Theresia

Theresia Oblasser

geboren 1941, ist seit 1987 schriftstellerisch tätig.

Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in Anthologien, Zeitschriften und Büchern.

2011 erschien ihr Gedichtband „Bi nit va dao, bi va weit hea: Gedichte aus den Hohen Tauern“ im Anton Pustet Verlag

zuletzt aktualisiert 2024

Literarische Beiträge von Theresia Oblasser finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U82-83/2024

Köhle, Markus

Markus Köhle

*1975, Nassereith, Tirol

Sprachinstallateur, Literaturzeitschriftenaktivist und Poetry Slammer.

Seit 2001 literarisch, literaturkritisch, literaturwissenschaftlich und auch als Literaturveranstalter im In- und Ausland aktiv.

Zahlreiche Bücher, zuletzt:
Das Dorf ist wie es Internet, es vergisst nichts (Roman, Sonderzahl 2023)

www.autohr.at

zuletzt aktualisiert 2024

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U82-83/2024

Karl Forcher
KOHLNDIOXID-ZERTIFIKAT

S Wetta, dos spült ouft varruckt
mol is as haß, daunn wieda druckt
a Hoglsturm die Földa nieda.
Schoun kimmb die nächste Hitzwölln wieda.
Ma muass wos tuan, sogn di Prophetn,
ba dera Gschicht hülft net nur betn,
mia miassn einsporn s CO2. 
Glei is dos Ärgste daunn vorbei. 
Des Blöde an der gaunzn Gschicht:
A jeda sullt auf wos vazicht!
Jo des is bled, so heart ma sogn.
Sulln si douch de aundan plogn. 
Mei Fuaßobdruck, so haßts modern
is eh net grouß, ba Gott dem Herrn. 
I hob hiatz schoun nix zan lochn.
des sulln nur de do obn do mochn. 
Und de do obm haum a Idee.
Oda is as nur a Schmäh?
Wir mochn aus dem Dioxid
a Wertpapier, schoun san ma quitt.
Und fia des Papier vakafn uns fix
gaunz redli, ouhne olle Tricks,
orme Stootn des, wos si net emissieren.
Do werdn mir des Sporn net gspiarn
wal wos mia zvül in d’ Luft aufilossn
is in des Zertifikat gegossn. 
Jo, is bissl Göld für d’ Emissionen
des tuat si ollwal wirkli lohnen. 
Di Frog is holt, stimmb die Natur
dem windgen Haundel a no zua?


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Jasmin Gerstmayr im Interview

Autorin und Performerin Jasmin Gerstmayr im Interview


Jasmin Gerstmayr. © Barbara Wenz, 2021

Wie bist du zum Schreiben gekommen? Was schätzt du an der Literatur?
Ich bin seit meiner Kindheit eine begeisterte Leserin und habe auch schon recht bald begonnen, Gedichte zu schreiben – einfach aus einem inneren Antrieb heraus.
Ich glaube, es ging und geht mir vor allem darum, Antworten auf existenzielle Fragen zu finden und zu verfeinern: Wie kann man seinem Leben in menschenunfreundlichen Systemen Sinn verleihen? Was bedeutet Liebe? Wie ist mit der Endlichkeit des Lebens umzugehen, wie mit Leid? Nirgendwo wird die bunte Vielfalt möglicher Antworten, finde ich, spannender abgedeckt als in der Literatur. Dogmatischen Begründungen habe ich nie viel abgewinnen können – lieber genieße ich mein Leben als fortwährenden Prozess des Entdeckens, Verwerfens und Ergänzens … 

Wann ist der Dialekt in dein Schreiben eingeflossen?
Ich habe zwar schon immer gern hin und wieder ein Gedicht im Dialekt verfasst, jedoch nie ernsthaft mit Dialekt als Stilmittel gearbeitet – bis ich dann auf den Dialektlyrik-Band »Iba de gaunz oamen Leit« von Christine Nöstlinger gestoßen bin. Dieser hat mich sehr bewegt. Als würde meine Mama neben mir sitzen und mir Geschichten erzählen. 
Von da an hat mich die Begeisterung für Dialektliteratur gepackt – und nicht wieder losgelassen. Dialekt kann so viel, was Hochsprache nicht kann, und verleiht dem Text eine ganz persönliche Note. Ich habe das Gefühl, dass man mit Dialektgedichten Menschen auf eine sehr direkte Weise berühren kann. Und das ist es ja, was ich möchte: Menschen berühren; anregen, auf eine liebevolle Weise nach innen zu spüren, und dann nach außen zu schauen, vielleicht mit einem etwas ver-rückten Blick auf die Welt.

An welches Ereignis denkst du besonders gerne zurück?
Als Künstlerin unter anderem an die vielen tollen Auftrittsmöglichkeiten, die ich bereits hatte und für die ich wahnsinnig dankbar bin. Jede Performance macht mir einfach unglaublich Spaß, und es ist ein schönes Gefühl, nachher mit den Zuschauer:innen zu sprechen und zu erfahren, dass meine Texte wirklich etwas in ihnen bewegt haben. 
Ich freue mich auch immer, wenn wieder ein Belegexemplar einer Literaturzeitschrift oder einer Anthologie den Weg in meinen Briefkasten gefunden hat. Die eigenen Texte gedruckt zu sehen ist eine tolle Sache.
Privat erinnere ich mich zum Beispiel gern an fast alle meiner Geburtstage. Denn diese bieten mir eine gute Gelegenheit, mal wieder viele der Menschen zu sehen, die mir wichtig sind, und gemeinsam mit ihnen einen schönen Tag zu verbringen.

Du bist eine begnadete Performerin, darum finde ich es immer ein bisschen schade, wenn man deine Texte»nur« lesen kann. Was rätst du jungen Performance-Künstler:innen, worauf kommt es auf einer Bühne an?
Für besonders wichtig für eine gelungene Performance halte ich Authentizität und Mut zur Verletzlichkeit. Schlussendlich kann echte Verbindung zu anderen Menschen – also auch zum Publikum – nur entstehen, wenn wir uns trauen, auch unangenehme Gefühle auszudrücken, uns wirklich zu zeigen, in unserem nicht-perfekten, wundervollen Menschsein.

In deinen Texten geht es auch um feministische Themen. Mit einem Text über eine Frau, die von ihrem Ehemann regelmäßig geschlagen wird, hast du den »Mundarthunderter« gewonnen, in einem sehr lustigen Slamtext sprichst darüber, wie unsinnig es z.B ist, dass man in den Werbungen für Damenrasierer kein einziges Härchen sieht. Aber du schreibst auch sehr offen darüber, wie es sich anfühlt, sich in den Falschen zu verlieben oder wenn eine Beziehung in Brüche geht. Das macht deine Texte ehrlich und gleichzeitig gesellschaftlich relevant. Wie wählst du die Themen für deine Texte aus?
Am Anfang eines jeden Textes steht bei mir erst mal eine – mal starke, mal zarte – Emotion, die Ausdruck finden will. Mit dem Schreiben kann ich sie dann transformieren. Viele meiner gesellschaftskritischen Texte entspringen einer Wut über allerlei gesellschaftliche Absurditäten, die etwa mit Humor versehen einfach besser händelbar wird. Und zwischenmenschliche Beziehungen sind für mich sowieso eine nie versiegende Quelle an verschiedensten Gefühlen – genügend Material für viele weitere Gedichte ist also vorhanden. 😉

Du bist Teil der Interessengemeinschaft   Feministische Autorinnen (#igfem). Kannst du uns ein bisschen über den Verein erzählen und warum du dich entschlossen hast, Teil davon zu sein?
Bei der IG Feministische Autorinnen geht es uns v.a. darum – wie der Name schon sagt – Autorinnen zu fördern, die feministisch sind und in ihrer Arbeit bewusst einen sprach- und gesellschaftskritischen Zugang wählen. Dies ist mir ein wichtiges Anliegen, und ich genieße auch das gemeinsame Schreiben in den Online-Gruppen, auch wenn ich derzeit leider nicht allzu oft dafür Zeit finde.
Eines unserer neuesten Projekte ist die Anthologie »störfeuer«, die wir in unserer Edition #igfem herausgegeben haben, und in der ich gemeinsam mit vielen beeindruckenden Autorinnen vertreten bin.

Was liest du gerade? 
Zuletzt gelesen habe ich den Roman »Blauer Hibiskus« von Chimamanda Ngozi Adichie. Er gehört – gemeinsam mit »Die Hälfte der Sonne« (ebenfalls von Adichie) – zu meinen Lieblingsbüchern, die ich wieder und wieder lese, weil ich sie so unglaublich gut finde.

Woran arbeitest du derzeit?
Mein letztes Projekt war die Erstellung eines Zines mit zwei meiner Gedichte und selbst gestalteten Illustrationen. Zines sind Miniheftchen, die aus einem einzigen Stück A4-Papier gefaltet werden können. Bislang ist mein erstes Zine sehr gut angekommen, was mich natürlich voll freut. Ich biete es gegen eine freie Spende nach meinen Performances an, man kann mir aber gern auch einfach schreiben (ich versende sie auch per Post): kontakt@jasmingerstmayr.at
Ansonsten stehen auch wieder einige Performances an, auf die ich mich vorbereite. Es gibt nur wenige Texte, die ich mehrmals performe, weil ich einfach so gern schreibe und ständig neue Texte produziere. Im Prinzip stelle ich also für jeden Auftritt wieder ein eigenes Programm zusammen. Wer sich für meine Arbeit und Auftrittstermine interessiert, findet auf meiner Homepage (www.jasmingerstmayr.at) mehr Infos und auch Hörproben. Ich versende auch ca. alle zwei Monate einen Newsletter mit Neuigkeiten, Interessierte können sich gern auf meiner Homepage eintragen.

April 2023
Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner

Interview: ChristiAna Pucher

ChristiAna Pucher im Interview


ChristiAna Pucher © privat

ChristiAna Pucher lebt schon lange in Tirol. Ihre Texte schreibt sie nach wie vor im Waldvierter Dialekt – in den sich einige Tiroler Wörter eingenistet haben. Im März wurde die Autorin 70 Jahre alt.

Du bist in Drosendorf aufgewachsen, heute lebst du im Ötztal. Das ist dialektmäßig gesehen ein ganz schön weiter Sprung. Wann hast du begonnen, im Dialekt zu schreiben – und wo verortest du deinen Dialekt heute?

Zum Schreiben kam ich erst 2011 bei einem Schreibseminar mit Annemarie Regensburger. Bis dahin schrieb ich lediglich Gedankenfetzen in ein Büchlein. Nach dem Seminar animierte mich Annemarie im Dialekt zu schreiben. Da in meiner Sprache  mein erlernter Dialekt immer im Vordergrund war, bin ich im waldviertlerischen Schreiben geblieben. In dieses sich in den letzten 50Jahren einige Tiroler Worte einnisteten.

Wenn man den Morgenschtean aufschlägt und deinen Namen liest, fällt sofort das große A auf. Wie bist du auf diese Schreibweise deines Namens gekommen?

Eigentlich war es meine Erkenntnis, dass mein parasitärerer Zwilling, der mir in meiner Jugend entfernt wurde, ein Teil von mir war und immer noch zu mir gehört. Dadurch wurde mein erstes a im Namen groß. Nun ist er eingebunden in meinem Namen: ChristiAna.

2019 warst du Preisträgerin in der Kategorie »Lyrik« des Forum Land Literaturpreis. Hast du immer schon Lyrik geschrieben, oder gibt es auch Prosatexte von dir?

Prosatexte schreibe ich wenige. Hauptsächlich Kurzgeschichten aus meinem Leben, für die Familie zur Nachlese nach meinem Tod. 

Aber im Herbst 2023 wurde ich von der Jury des Karl-Pömer-Preis der Gruppe »neue mundart« mit dem dritten Platz überrascht.

In deinen Texten beschäftigst du dich unter anderem mit dem Rollenbild der Frau. Was hat sich deiner Meinung nach in den letzten 50 Jahren gebessert, und wo sind wir noch immer viel zu weit vom Idealzustand entfernt?

Der Wert des weiblichen Menschenbildes hat sich in den letzten 50 Jahren nur ein bisschen gebessert. Zumindest werden wir Frauen manchmal bei Deutsch-Sprechenden, mit -Innen erwähnt. Formt Sprache nicht unsere Gedanken? Gedanken führen zu Handlungen. Handlungen sind ein Teil der Realität. Wenn Frauen in der Sprache nicht erwähnt werden, werden auch ihre Leistungen übersehen. Darum müssen wir Frauen und Mütter, auch Männer und Väter unsere Kinder so erziehen, dass Frauen in der Gesellschaft den gleichwertigen Rang haben wie Männer.

Du bist Mitglied des IDI und auch des »Wortraum Imst«. Ihr gebt gemeinsam Publikationen heraus, regelmäßig tretet ihr auch bei Lesungen auf und beteiligt euch an Ausschreibungen von Literaturzeitschriften. Was bedeutet es für dich und dein Schreiben, Teil einer größeren Autor:innengemeinschaft zu sein?

Es bedeutet für mich, sich Zeit nehmen, ein Dasein für uns Frauen. Es ist ein gegenseitiges Stützen, Stärken und vor allem ist es für mich immer noch bereichernd, das Arbeiten an unseren Textarbeiten und sonstigem gemeinsamen Tun.

In den letzten Jahren erreichen uns wieder vermehrt Texte von jungen Autor:innen, die den Dialekt für ihre Literatur (wieder-)entdeckt haben. Welchen Ratschlag würdest du Ihnen geben? Welche Stolpersteine sind dir selbst begegnet – gerade als jemand, der sich zwischen den Sprachwelten bewegt?

Es erfreut mich sehr, dass es immer mehr weibliche Literatur auf den Büchertischen zu finden ist. Einen Ratschlag? Den dialektschreibenden Frauen und Männern kann ich leider keinen weitergeben. Vielleicht, selbstbewusst im eigenen Stil, in eigener Sprache zu schreiben. So wie ich in meinen Waldviertlerisch mit Tiroler Einistungs-Dialekt. 

Zum Abschluss noch eine Frage an dich als Leserin: Gibt es ein Lieblingsbuch von dir?  Und falls dieses in Hochsprache ist – kannst du uns noch ein zweites Buch im Dialekt empfehlen?

Das faszinierendste Buch, das ich gelesen habe ist: »Die Frau in der mittelalterlichen Stadt« von Frau Professorin Erika Uitz. Sie beschreibt, warum und wie sehr Frauen im Mittelalter an der Emanzipation des Bürgertums beteiligt waren.

Meine Lieblingsbücher im Dialekt sind die Lyriken von Annemarie Regensburger und von Angelika Polak-Pollhammer. Ich mag ihre kurzen prägnanten Gedichten, die voll mit Leben und Kritik gespickt sind.

April. 2024
Fragen: Margarita Puntigam-Kinstner

Laura Nußbaumer
BLACKOUT POETRY

Laura Nußbaumer
BLACKOUT POETRY

aus: Wolfgang Berchtold: Das Vorarlberger Schimpfwortbuch, Edition V, 2019; Blackout Poetry © Laura Nußbaumer

A Lichtspiel wio a schüchs Reh
spielat de Wal im Wald
wemma ’s Wassr ned golond. 

Wemma alle Polkappa gschmolza hon,
denn isch mi Dorf sicha o untr Wassr.
Wia in anra Schüssel isches in Nüziders,
in Vorarlberg, überall Berg vo denna ma
ins Tal schaua ka, und wenn an Fuchs
in da Südtiroler Siedlung gsaha würd,
schicken se de Jägr zums Revier markiera.
Weil z‘ Dorf ghört da Menscha, abr
de Wald o, und z‘ Meer und wemma immr
Meer wellen und wenn’s imma
haaßr würd, denn hon ma a agnes Meer
in Nüziders, können ganz neua Tourismus
macha, und da Wale in da Wäldr zuaschaua,
wia se zwüscha Hochsitz und Tanna
in da Lichtunga schimmern, und wenn
se zwüschat da Böm ussa kon,
in d‘ Südtiroler Siedlung schwimmen,
denn schickan ma d‘ Küschtawache,
dass se üser Revier markieren.

Liebe Laura – Was ist Blackout Poetry und warum findest du diese Technik spannend?
Einfach gesagt, Blackout Poetry ist das Übermalen oder Ausschwärzen von Teilen eines Texts, sodass nur wenige ausgewählte Worte übrigbleiben. Diese übrigen Worte ergeben einen neuen Kurztext: ein Gedicht. Ich finde diese Technik aus mehreren Gründen spannend, einmal weil sie der Angst vorm Weißen Blatt entgegenwirkt, man startet mit viel Text anstatt mit nichts und erschafft daraus was Neues. Man ist zugleich eingeengt, aber auch davon befreit, sich alles selbst ausdenken zu müssen.
Für mich persönlich war das Kennenlernen von Blackout Poetry der Moment, wo ich herausgefunden habe, wie ich mein Schreiben und Zeichnen/Malen miteinander verbinden kann. Wie bei Text-Bild-Collagen kann ich damit transmediale Kunstwerke erschaffen, und verschiedene Geschichten zugleich erzählen. Das reizt mich.

Wie bist du selbst auf Blackout Poetry gestoßen?
Ich habe es über das Internet kennengelernt, weil Blackout Poetry in Amerika bekannter ist als hier. Anfangs war ich neidisch, weil man mit der Englischen Sprache »leichter« spielen kann, wegen der einfachen Grammatik, aber Blackout Poems in Mundart zu gestalten, ist nochmal eine ganz andere Geschichte als in Hochdeutsch. Man braucht zwar weniger Grammatik, aber oftmals mehr Buchstaben.

Welches Buch/ welche Bücher hast du bereits für deine Black out Poetry verwendet?
Angefangen habe ich mit Büchern, die ich zuhause herumliegen hatte, und bei der Auswahl kam es oft auf die Papierqualität an. Die Seiten dürfen nicht zu dünn sein, wenn man direkt ins Buch malt, aber jetzt arbeite ich mehr digital. Zunehmend ist es interessanter, Texte von mir selbst oder befreundeten Schriftsteller:innen zu verwandeln. Für die Blackout Poems auf Vorarlbergerisch muss ich mal extra ins Ländle fahren, um ein Buch zu finden, in Wien hatte ich da Schwierigkeiten.

Was hast du selbst noch mit Black out Poetry vor?
Ich möchte gerne illustrierte Poesiebände damit veröffentlichen, das wäre super, auch Seite an Seite mit den Originaltexten wenn möglich. Das bietet sich an, wenn ich Gedichte in Blackout Poems verwandle, anstatt z.B.: eine Seite aus einem Roman.


aus: Wolfgang Berchtold: Das Vorarlberger Schimpfwortbuch, Edition V, 2019; Blackout Poetry © Laura Nußbaumer

Hiunddo hon ma
no echtes Wettr,
wenns so usschaut,
als ob de himmel ahabricht
ganz dicht wia a zelt voll
rega hängt, schwer und grau
und alls, was grüa isch,
alls was blau isch, isch weg,
und ma kann gar ned sega,
des isch mi wettr,
weil des isch echtes wettr,
ma ka nur lauscha, wias
a paar bundesländr wietr
dunna donnert, aber wenns
nur haß isch, kasch nix sega,
nur übr d‘ eisbära nochdenka,
und wenns koit isch, o ned,
weil san ma froh, dass es no
koit isch, denk an d‘ polkappa.
hiunddo hon ma no echtes
wettr und ned a klimakatastroph.

Gean gurrat de Wurm
i hon eam im Rega stoh lo.
Z neue Wetter isches Internet.
alle wellen mir vozella, was
se fürchterliches im Web gsaha hon,
und i find, des isch ok, aber bitte nur,
sarkastisch.
»nah, du nimmsch des ned ernscht,
do sin würklich Frauana im Internet,
dia machen Schluss mit dir, wenn du
sesch, du liabsch se nümma, wenn se
an Wurm wären«, set an Bekannta
und i gib zua, des nimm i ned ernscht.
I hoff, er o ned, aber guates Gespräch.


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Thomas Schlager-Weidinger
SCHBEDA

(a schwaunengsaung)

schbeda dan wa wås
geng d’umwödfaschmudsung

schbeda dan wa wås
geng d’glimaeaweamung

schbeda dan wa wås
gengs årtnschdeam

schbeda dan wa wås
gengan hunga

schbeda dan wa wås
geng benochdeuligung

schbeda dan wa wås
geng d’ungerechdigkeid

schbeda dan wa wås
geng d’spoidung fon da gsöschofd

schbeda dan wa wås
geng de gschichdlfadraha

schbeda dan wa wås
gengan rechdsrugg

schbeda dan wa wås
gengan kriag

schbeda dan wa wås
gengs schbeda doa 


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Eine Annäherung an den Loosdorfer Dialektlyriker Walter Seisenbacher (1951–1983)

von Mario Huber

Mit herzlichem Dank an Traude Seisenbacher für ihr Einverständnis, Seisenbachers Gedichte in diesem Umfang verwenden zu können

Irgendwo fremd zu sein ist auch ein Vorteil. Wenn die Dinge sich nicht sofort in verwandten Bahnen bewegen, Kauz und Kuckuck schreien und der aufgetischte Schotter unter den Reifen knirscht. Langsamer werden, Radio aus, Fenster runter. Warten und nachdenken – und sich fragen, wo man da eigentlich gelandet ist, mit seinen verstaubten Kotflügeln. 

Die überschaubar wenigen Gedichte von Walter Seisenbacher (1951–1983) aus Loosdorf in Niederösterreich sind in diesem beweglichen und zugleich festgefahrenen Sinn fremd. Gehen fremd. Fremdeln. Sind weit weg vom gewöhnlichen Heimatverklären der gängigen Dialektliteratur. Damals und heute. Ein Gedichtband, ein paar verstreute Texte in längst vergessenen Literaturzeitschriften graben in der Wildnis des österreichischen Sprechens und Denkens ihre Bahnen. Eine unbegreifliche, abhandengekommene Welt wird dem Verstehenwollen ausgesetzt, ihre Aufnahmebereitschaft hält sich aber bedeckt und hütet sich. Lüftet nichts, nicht einmal zum Gruß.

Seisenbachers Welt ist sehr kalt: Hier hört und sieht und fühlt niemand jenseits der eigenen Körpergrenze. Und wenn doch, dann hat er oder sie es gefälligst für sich zu behalten, Passierscheine werden nicht ausgegeben. Probieren kann man es ja trotzdem. Begleitet wird jede Aufzeichnung der Übertretungsversuche von Frage- und Rufzeichen. Antworten bleiben aus oder sind verheerend. Irgendwo ist die Kette schon lange gebrochen.

probias amoe aus!

probias amoe aus
waunz da recht drekig ged
und schtöö di mitn untad leid
und los aussi deine uakrämpf
und schrei:
höefz ma!
i brauch wen!

oda: 

probias amoe aus
waunz da recht leiwand ged
und schtöö di mitn untad leid
und loch an jedn ins gsicht
und schrei:
waunz wen brauchz –
i, i hüf eich!

probias amoe aus
probias amoe aus
und i garantia da:
so 
oda 
so:
de fian de afoch o. [1]

Die nicht einmal 60 veröffentlichten Texte Seisenbachers zeigen ein einseitiges Sprechen, ein Redenwollen, bei dem nur der Durchschlag weitergereicht wird oder das Gegenüber längst weitergeblättert hat. Keine Widerrede wird gegeben, das Befolgen von Regeln steht im Mittelpunkt der Familienbilder mit Diwan und Psyche. Vor allem dieser Erbkern zieht seine Kreise, in allen Farben eines sehr ungemütlichen Regenbogens.

wos a kind heitzudog oes gsogt kriagt

du, mia foan jetz! und waasd eh:

waunz finzta wiad, gesd schloffn!
los ned den küschraunk offn!
mid mixa schbün is gfealich!
bleib imma braf und ealich!
fagis a ned aufs woschn!
du waasd, du soesd nix noschn!
moch uadnung in dein zimma!
den lula brauch ma nimma!
und wosch da a dein hoes!
(da libe gott siach oes)
und schoet den feanseha oo!
und bitte gee aufs kloo!
und leg di pünktlich nida!
zum frühschtük siaxt unz wida!

tschüss! [2]

Wie die andere Seite der Ermahnungen und Drohungen schließlich damit umgeht, ist im einzigen, postum veröffentlichten Gedichtband Grauer Schmetterling, gleich auf der folgenden Seite nachgezeichnet. Eingedenken in den Familienbenjamin, der die Vorerfahrenen in sich und auf sich zu spüren bekommt. Die Angst vor der Hilflosigkeit der Eltern, die Angst vor der nicht gewürdigten Anstrengung, vor der vermutlich mundabgesparten Gabe, treibt ihre schlumpfigen Früchte.

gebuazdog

a duatn – a hosn
und schlumpfi a poa
da foda is bsoffn
und foad ma duachd hoa

a mädschbox – a biachl:
„schlumpfi schlumpfd am zaubersee“
die mama mochd benco
und fian fodan an kafee

a lego – a füzschdift
a schlumpfiquardett
mei schwesta hod kopfwee
und ligt scho im bett

owa i, i muas aufbleim
und mi gfrein wia a noa
sunst griag i a dädschn
(so wia im furign joa) [3]

Später wiederholt sich die Szene wieder und wieder, durchaus mit wechselndem Personal. Die überantworteten Hülsen einer zur Schau getragenen Meinung stanzt da auch ein Lehrkörper in das zu prüfende Gefäß. Ein Loch ist im Eimer, i bin fola lecha [4] nennt Seisenbacher ein Gedicht. In Klassenräumen und ähnlichen Kämmerlein ist das Sprechen des maßgeblich Versiegelten schon so weit gediehen, dass die hingerotzten Gemeinheitsplätze ungefiltert zurückgeechot werden. Der Beruf führt verschließlich zur Einberufung.

de leazeid is ka leere zeid!

in meina leazeid haums ma
lauta wichtige sochn beibrocht!
zum beischbüü waas i jetz:

das mei masta imma recht hod,
und das de geweagschoft imma liagd.
das unsa bedribsrod schau long nimma gwöed kerad,
und das da schef a neiche freindin hod,
und das de freindin unsa leamensch is!

i waas jetz aa:
das de leabuam muazdrum frech san,
das de tschuschn schdöen und liang dan,
das aum heisl imma graugt wiad,
und das ma fia de übaschdundn
kan groschn mea zoed griang!

und das unsa geweabe aum saund is,
und das ma woascheinlich
e boed zuaschbean kenan –
und das ma olle midanaunda
sowieso de ewig augschmiadn san –
das waas i jetz aa!

in mein gsöenbriaf schded:
i hob mein „Lehrziel mit Erfolg erreicht“! [5]

Doch noch ein Schmunzeln, vielleicht. Angekommen, erreicht, ja. Eine Auskunft darüber, wo das jetzt ist, lässt sich aber weder ergattern noch ergaunern. Vielleicht doch umkehren? Eine Wurzel des Kreislaufs, der das sündige Denken in den sündigen Körper leitet, ist auch in der niederösterreichischen Pampa die katholische Kirche. Dort werden die sündigen Taten, die sich über die sündigen Hände, Finger und das wahnwitzigste aller sündigen Glieder in die Welt ergießen, erst frisch hergestellt und rissverpackt mitgenommen. Alpha und Romeo, lebenslange Garantie. Glaubt man den Aufzeichnungen von Trude Marzik, die Seisenbacher einige wenige Jahre mit unterstützenden Worten und Briefen begleitet hat, war allem Vorbehalt zum Trotz ein gewisser Pater Michael ein Freund der Familie.[6] Ein typischer Widerspruch im Land der TöchterSöhne, der sich gut zum Versteigen eignet. Das lassen wir aber.

mid da tauf faungz au

kaum woar i auf da wöed,
haums mi gschnappt
und in a kiachn drong
und tauft.

oba i hob ned woen.
und rechd gschdramped.
und laud gschrian.

da pforra hod glocht!
de mama hod glocht!
de fawaundn hom glocht!
da papa hod fotografiat.

und jetz auf amoe
woar i a grist!
reingwoschn.
unschuidig.
sindnfrei.

und wäu i jetz
a brafa grist woa,
hob i betn gleant.
hob i a schuzengal griagt.
hob i fom himmifata dramd.

und wäu i jetz
a brafa grist woa,
haums ma gsogt:
walta, waunzt aufs topal gest,
schbüü di jo ned midn lulu!

und ois brafa grist
bin i in da schui
in religionzuntarichd gaunga:
lauta remische ansa!

und oes brafa grist
waor i natüalich a ministrant:
mia radschn, mia radschn
den himmlischen gruas…

und ois brafa grist
hob i a schlechz gwissn kobt,
waun i ma hamlich
im doktabiachl
a nokate frau augschaud hob.

und ois brafa grist
hob i ma nie draud
das i a mal augreif
und zoat schdreichld.

und ois brafa grist
hob i kiachlich
und jungfräulich keirat.

und ois brafa, brafa grist
hob i mei kind sofuat
taufn lossn!

oba,
schdöezz eich fua:

dea bua hod ned woen.
dea hod rechd gschdramped!
und laut gschrian!

i hob e a poa foto gmocht.
woaz, i zags eich schnöö.

wo hob is den? …
wo hob is den? [7]

Der Vater, der Sohn, der heilige Kreis. Eine Biografieangabe, eine verendende Geschichte im dunklen, heimischen Nestbeschmutzungsgang. Man tut eben, was sich gehört, wann es sich gehört und mit wem es sich gehört. Gefühlt wird, ja, aber mit den Händen immer in Sichtweite. Was hinter den geschlossenen Türen für Anstalten gemacht werden, wer dann da wirklich was tut, das übergeht man lieber. Wer bei Seisenbacher spricht, ob er seinen eigenen Abgekommenen beobachtet oder ob er sich in seine eigene Kinderstube zurückdenkt, bleibt offen. Zeit spielt eine untergeordnete Rolle in diesen Texten, kommt doch alles alles alles immer immer immer wieder wieder wieder. Kreiselt, bis es eben nicht mehr geht.

mei klane schwesta

mei mama woa im schbidoe
und wias zrugkumma is
hoz a klans puzal midbrocht.

des is dei schwestal
hoz gsogt:
des muast geanhaum.

mei mama is jetz gaunz aundas.
den gaunzn dog
und de hoabate nocht
drogz des puzal umadum!

oba fia mi,
fia mi,
hoz ka zeid,
hoz ka zeid mea,
fia mi…

maunchmoe,
waun de mama
gschwind in d kuchl ged
renn i zum kindawong
und zwik des puzal
gaunz fest in de waungan
oda reiss be de fiass
oda faschdek eam in lula.

daun faungz au zum plazzn,
bis de mama kummt,
und de mama schreit a:
los des puzal in rua!!
dea den puzal ned weh!!
des puzal is noo zklaa
zum schbün!
gee in dei zimma!

waun do de mama
daumoes ned in
des komische schbidoe
gfoan waa!

i wia mei klane schwesta
nia geanhaum kenna … [8]

Der will doch nur spielen, reimt mann und frau sich händeringend zusammen, damit die Welt sich nicht in bessere übergeben muss. Kurz zusammengeschlagen. Der Kreisel eiert, er zeigt auch Veränderungen. Nicht alles bleibt, wie es ist, manches wird sogar schlechter. Dabei gibt es immer wieder Versuche, jemanden in die eigene Wahrnehmung einzuladen. Mal zeigend, mal hinweisend – es ändert sich viel, gebaut muss schließlich werden. Gerade am Land, wo doch so viel Platz ist. Woher wüsste man überhaupt, wie Natur auszusehen hat, wenn es nicht den BillaSparHoferMondoparkplatz gäbe?

i zag da wos:

schau!
duat om.
zwischn de heisa,
des schdikl weis – 
des is a woekn!

schau!
duat
zwischn da schtrossn,
des schdikl grea – 
des is a gros!

schau!
duat hintn,
wos des neiche
kaufhaus baun – 
des woa
bis jetzt
a pak!
schau!
gschwind schau!

a eichkazal.
a eichkazal …
odar woas a rozz? [9]

Zwischen den ganzen Anrufungen, von Bonifatius bis weiter unten im Heiligenlexikon und den ausgebliebenen Antworten von weit näher am Herzen und Ort des Huthinhängens kommen dann doch kleine Oasen des Miteinandersprechens. Aber die Antwort, die man möchte, muss man sich erst zurechtschnitzen, wenn man nicht schnell die Fenster wieder hochkurbelt, hochkurbeln muss, und sich unter den Scheibenwischern versteckt. Dieses Witschwatsch und Zischkrach hinter der Scheibe ist zumindest bekannt. 

easchte libe

mia maum a mal in da klass.
de mizzi is. aus sizzntoe.
waun mi de auschaud, wiad ma haas.
de mechd i heiratn amoe!

si schaud so wiar a fümschdaa aus –
de wangal rod, de zepf so laung.
heit hauma zwaa schdunt frira aus –
i gee in park, woad auf da baung …

und waunz fabeikumd, schpring i auf.
und schrei: mizzi! sizz di hea zu mia!
jo kumsd den ned fa söeba drauf
wia grosse sehnsucht i faschbia?

i schdee auf dii! i hob di gean!
du bist mein traum, mein lebn.
du muast amoe mei weibal wean!
i wia da ollas gebn!

do fliang de zepf! und di mizzi locht!
si schaud mi gliklich au.
und daun sogz: guat is! obgemocht:
du wiasd mei easchta mau! [10]

Die Enttäuschung ist groß, erster sein zu dürfen, liest man in den Text rein, wenn man ihn neben den anderen röntgt. Ein läufiges Leben steht in den Kinderbeinen und dazwischen also im Melker Umland schon fest. Welchen Unterschied ein Wörtchen machen kann. Schweigen wäre [unleserlich]. Eins, zwei, drei: Zählbar wird das Leben viel zu leicht und damit schwer, auch wenn es um andere Freundschaften geht. 

meine habara

untatitl:
da egon, da schual und da bert –
a so a freindschoft is wos wert!
[…]
und wos ma de weat is, des sog i eich aa:
im gaunzn schau sex hundata!! [11]

Geburt, Kindheit, Ausbildung, Kirche, Liebe, Freundschaft: Wenig bleibt, was hier dem Dasein zugutegehalten werden kann, wie es scheint. Kalt ist’s hier, wie gesagt, ziehen tut’s, gerade hin und weg vom Herzen. Denn die Wegweiser kann man durchaus umdrehen, sich gegen sich selbst richten, erstmal in der sanften, nicht der vorwegnehmenden Art und Weise. Der Versuch der Selbstbesserung, ver und überhaupt, eines Ausbrechens aus dem ewigen Kreisen und Bausparvertragseinzahlen.

medidation
waun i meditian wüü
daun moch i oes easchtas
imma de fenzta zua
und gib de rollo oba.

daun zint i a poa keazzn au
und a poa indische reichaschdabal
und an glan kessl mid an weirauch.
daun moch i an tee
leg a saunfte plottn auf
und bind ma meine hoa hint zaum.

daun ziag i mi um
und hoe mei afghanische dekn
und probia drauf den sünburmesischn
lotusblütnsitz.

daun les i noamoe noch
im „großn jogabiachl“:
wiar i sizzn muas
wiar i otmen muas
wiafüü zeid i hob
und wo des dritte aug hinleicht.

daun faung i au
zum meditian…

meditian des haast:
ollas ringshearum fagessn. [12]

Fast müsste einem beim Lesen ein Lachen auskommen aus der fast schon zugeschnappten Falle. Ertappt beim Einkaufen für zukünftige Heilsversprechen, fühlt man in der Meditation den eigenen Pulsverschlag. Wissen macht halt noch nichts, die Selbstbeobachtung führt nicht unbedingt in die Bedingungslosigkeit, denkt mann und frau vielleicht außensichtig. Vielleicht nochmals die Blickrichtung ändern, wenn man denn schon schoßige Wurzeln geschlagen hat. Den Feldstecher auf die anderen richten. Die Ablenkung, das Dazugehörenwollen, das Ameigenenstatusarbeiten kann doch ebenso ein Einrichten in der Welt sein. Endlich die Vielfalt erkennen, die man bis zum Ende wenn nicht in-, dann zumindest kohabitiert. 

da fäabige feanseha

heit haum ma se an kaft.
und jetz is eascht drei!
oba unta da wochn faungt s feansen
eascht um hoeba sexe au.
(s testbüd is zwoar a schee fäabig –
oba des wiad ma schau laungsaum fad)
heit schpüns zeascht an französischkuas:
paale fuze wuu? (in foabe!)
daun s östareichbüd:
(i bin neigierig, wia de klinga augschmiad is)
nochhea:
zeid im büd
(s easchte moe a rotes bluat!)

schbeda is a oeda heimatfüm.
(in schwoazzweiss? – de oaschlecha!)
daun is no da club zwaa
(ob da nenning schau graue hoa hod?)

und nochhea?

is leida schluss.

hofndlich gibt dea klane gschropp
oba heit a ruah! [13]

Aber auch hier wieder Überforderung, abdriften, wegdriften, der einzige Wunsch, wie es scheint: den Sohn oder die Tochter, geschlechtslos im Angesicht des Herrn, aus den Augen und Gedanken verlieren. Wenn der Tank bereits leer ist, möchte man meinen, und auch sagen. Weiter weg, nicht nach innen, auch nicht nach außen blicken, wirklich die Beine in die Hand nehmen und in die echte Fremde, ein anderer Ort, eine andere Zeit fast. Eine bessere Vergangenheit, eine einfachere Zeit, die man sich zusammenreimt. Auch das passiert jenseits des üblichen Dialektheimatkitsches, mit dem Muatal am Herd und dem Vota mit der Pfeifn in der Stubn beim gemeinsamen Beten. Weg aus dieser fremden Welt, mit ihrem Konsum und ihrer Kälte, „FROMMer“ werden, wie Seisenbacher in einem Inoffiziellen Lebenslauf [14] schreibt, der in seinem Gedichtband abgedruckt ist und der stückelweise mehreren Briefen an Trude Marzik entnommen ist. Frommer im Sinne des Analytikers Erich Fromm, den er gerade gelesen hatte. Durch die Scheibe führt der Weg, vorbei an den Wischern, vorbei an der wirklichen Welt in eine zusammengesponnene, eine redaktionell bearbeitete, eine Abenteuerwelt. In erlesenes Sein.

der ruf der wildnis

i hob an füm gseng.
im feansen,
üba alaska.

schdöez eich fua:
duatn gibz heite no,
in unsara modeanen zeid,
trappa!
foenschdöla!
goedgroba!
und woefsbluadige schlittnhund!

genau a so
wiar in de oedn biachl
fom tschek london.
i wüü jetz nimma fakeifa wean –
beim hatlaua – so wia mei papa.

i wüü a nima in i hechare schui,
und rechd gschdudiad wean –
wia sis mei mama oewäu eibüt …

[…]
i mechad fuat!
waunz ged no heid.
[…]
(pfiad eich, leid) [15]

Pfiad di. Das Ende von Walter Seisenbachers Leben muss nicht erzählt werden, die Minusrechnung der Jahreszahlen ergibt schon im Überschlagen das richtige, wenn auch tatsächlich falsche Ergebnis.

Der löchrige Walter wird soweit eine Leerstelle bleiben. Seisenbacher, von dem Jörg Mauthe nur zu schreiben weiß, dass er unwissend neben ihm gesessen und ihn nicht kennengelert habe, weil er da war, „ohne auch nur einmal den Mund aufzutun“ [16]. Die Texte sprechen, mit ihrem eigenwilligen Sagen, ihrem um Verständnis ringenden Insistieren, ihrem Fragen und Rufen. Vielleicht findet sich auch heute noch kaum eine Antwort. Zumindest kann man die Anliegen weitergeben, durchreichen, bevor man sich seine Flügel putzt und in bekanntere Gebiete weiterfliegt. Gerade, wenn sie einem zunächst ein wenig fremd erscheinen. 

*****************************

  • Literatur von Walter Seisenbacher
  • Walter Seisenbacher: Grauer Schmetterling. Niederösterreichisches Pressehaus 1983.
  • „i suach auf olle schdean“. Gedichte von Walter Seisenbacher. in: Wiener Journal November 1980, S. 20. [Texte: hüfe; i zag da wos:, de technik; mia brauchn kann kriag mea; epilog]
  • Gedichte. in: das pult. literatur kunst kritik 59 (1981), S. 13. [Texte: i zag da wos; moxd mi nimma?; de technik]
  • meine habara. in: Bakschisch. Zeitschrift für humorvolle und skurrile Texte 3 (1981), S. 21.
  • buschwindröschen. in: Bakschisch. Zeitschrift für humorvolle und skurrile Texte 4 (1982), S. 60.
  • i bin fola lecha. in: das pult. literatur kunst kritik 68 (1983), S. 69.
  • Gedichte. in: HEIMATLAND. Literatur aus Österreich 4 (1988), S. 120-121. [Texte: schbed – oba do; duat in da wisn ligt ana]

Literatur über Walter Seisenbacher

  • Jörg Mauthe: Walter Seisenbachers Gedichte. in: Wiener Journal November 1980, S. 20.
  • Trude Marzik: „Es muass do irgendwo an Weg gebn. Eine Dokumentation in memoriam Walter Seisenbacher“. Österreichische Nationalbibliothek, Literaturachiv. Nachlass Trude Marzik (LIT 452/17/W17)

christof

christof

53-jähriger Mann, wohnhaft in Innsbruck. Berufstätig als Lernassistent, an einer Innsbrucker Volksschule. Davor über viele Jahre die Kinder in verschiedenen Wohnheimen für Asylbewerber*Innen ehrenamtlich betreut. War zwei Jahre als Betreuer in einem Tagesheim tätig.
Seine zweite große Liebe gehört dem Theater. Begonnen in einer Improtheatergruppe, vor ca. 18 Jahren, zuletzt (2021) mit dem autobiographischen Theaterstück “Kind” auf der Bühne.
Als ausgebildeter Theaterpädagoge galt sein Fokus dem politischen Theater, mit Menschen, die ihr zu Hause verlassen mussten.
Seine dritte große Liebe gilt dem Schreiben.

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🎧 christof
ES IS GNUA!

christof
ES IS GNUA!

zaum gregnet
es hot eam zaum gregnet
koit
is a gfoin
und noss
hots eam zaum gregnet
es weiss
von in da fruah
liegt in lockn
auf da stross
zaum trogn
vü hot si zaum trogn
schwar
liegts auf da sö
des blede gwicht
zvü hot si zaum trogn
die freid
vor a bor dog
wurd heit
zvü hintafrogt
zaum stehn
wir miassn zaum stehn
schiach
tuans mit die leit
is so zum speibn
wir miassn zaum stehn
es brave vuik
frisst sott und blind
wos an liagn
von eana kimt
zaum regnan
es keat vü mehr zaum gregnet

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Regina Appel im Interview

Du bist eine der Wenigen, die Prosatexte im Dialekt verfassen. Wann entscheidest du dich für den Dialekt?

Der Inhalt des Texts gibt die Sprache vor. Ist der Text näher am Erlebten, verlangt er oftmals Dialekt. Dialekt ist ausdrucksvoller, weil er Gefühle anders bündelt, aber gleichzeitig vieles offen lässt. Dieses Abstrahieren ist das »Gscheite« am Dialekt, dem oft das Einfache zugeordnet wird. 

Du bist im nördlichen Waldviertel aufgewachsen, dann aber nach Wien gegangen. Mittlerweile lebst du wieder im Waldviertel. Hat sich dein Dialekt durch den Ortswechsel verändert?

Meinen Waldviertler Dialekt habe ich nie abgelegt, durch meine Zeit in Wien aber bestimmt etwas abgeschwächt. Durch die gewonnene Distanz und die Rückkehr ins Waldviertel nehme ich die Stärken des Dialekts als Ausdrucksmittel intensiver wahr. 

In deinen Texten geht es oft um die verborgenen Dinge. Um die Einsamkeit, die sich dadurch äußert, dass man sich einen Kellner herbeiwünscht, der einfach nur zuhört. Um den Bürgermeister, der sich zu Hause anders gibt als vor seinen Wähler:innen. Oder auch um Dinge, die bleiben, wenn Menschen gehen.  Wie entstehen deine Texte? 

Wir alle tragen unzählige Geschichten in uns herum. Die Texte sind gut versteckt. Durch Impulse von außen drängen sie an die Oberfläche. Manchmal passiert das in Form einer Explosion. Da unterbreche ich am besten das, was ich gerade tue, und schreibe es sofort auf. Bei manchen Texten weiß ich, wo sie vergraben liegen. Diese muss ich vorsichtig freilegen. Die verwendete Sprache birgt Überraschungen. 

Was liest du besonders gerne? Und liegt auf deinem Nachttischchen manchmal Literatur im Dialekt?

Mein Nachttischchen ist eine Kommode, auf der sich immer (zu) viele Bücher stapeln, die gelesen werden wollen. Da findet sich viel österreichische Literatur, aber ich tauche auch gerne in andere Welten, wie die von Stephen King, ein. Dialekt lese ist nicht besonders viel. Durch einen Artikel in der Wiener Zeitung bin jedoch ich auf Josef Mayer-Limberg gestoßen, den ich immer wieder zur Hand nehme, weil mich sein gebündelter ausdrucksvoller Dialekt beeindruckt. 

Wenn du jemandem, der noch nie dort war, das Waldviertel und seine Menschen beschreiben müsstest – wie würdest du es tun? Gibt es DAS Waldviertel überhaupt?

Im Waldviertel gibt es Naturnähe, aber auch Rauheit. Das beeinflusst die Menschen. Durch die kleinen Orte, eingebettet in weite Felder, entstehen kleine Mikrokosmosse. Diese eröffnen, auch durch das Zusammentreffen sozialer Unterschiede, große Welten.  

Mai 2024
Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner

Das war der Dialekt Salon im Literaturhaus Salzburg

Katharina J. Ferner las Liebes- und Naturlyrik im Dialekt sowie in Hochsprache und ließ das Publikum die unterschiedliche Wirkung erleben.
Katherina Braschel überzeugte mit ihrem Dialekt-Prosatext, der nicht nur stilistisch herausragend, sondern vor allem brisant war.
Anna-Lena Obermoser rockte den Saal mit Spoken Word im Pinzgauer Dialekt.
Nach einer kurzen Pause konnte man dann noch das Lyrik-Album „faschaun- farena – fagee“ von Eva Lugbauer und dem Duo „zoat“ live erleben.

Wir danken Tomas Friedmann und seinem Team vom Literaturhaus Salzburg für die Aufnahme ins Programm, die Organisation und die herzliche Bewirtung sowie Josef Kirchner und seinem Team vom Mosaik für die Bewerbung und den reichhaltigen Büchertisch!


Fotocollage © Literaturhaus Salzburg

Katherina Braschel im Interview

Morgenschtean-Redaktionsmitglied Katherina Braschel im Interview


Katherina Braschel (Foto © Leonhard Pill)

Du bist in Salzburg aufgewachsen und lebst in Wien. Wo würdest du deinen Dialekt verorten?

Irgendwo auf der Westbahnstrecke dazwischen. Manche Ausdrücke habe ich zwischen den Sitzreihen im Zug herausgekletzelt, als man von Wien nach Salzburg noch über drei Stunden gefahren ist, manche hab ich beim Zähneputzen in 1030 gefunden (»Giftschipperl«!) und ein paar hat mir die Salzach beim Biertrinken am Elisabeth Kai angeschwemmt.

Dialekt ist ja nie etwas Statisches, das man ganz genau verorten kann (sorry, Sprachwissenschaft). Sicher hört man manchmal, dass ich aus Salzburg bin, aber »dooni« habe ich sicher von einer Freundin aus Oberösterreich übernommen und andere Dinge von anderen Menschen. Es ist immer ein Konglomerat, das ist ja auch das Schöne daran.

Du schreibst nicht nur, aber auch im Dialekt. Wie kam das?

2013 wurde der AnnoDialektDonnerstag gegründet und da ich damals schon viel beim AnnoLiteraturSonntag war, bin ich auf Dialektliteratur abseits von Heimatgstanzln und so aufmerksam geworden. Das hat dann vielleicht ein bisschen passiv in meinem Hirn dahingeköchelt und irgendwann gab es ein Thema, einen Text (»Hoiz hockn«), der unbedingt heraus musste und das im Dia lekt. Es hat einfach nicht anders gepasst. Danach habe ich mich dann mehr mit Dialektliteratur beschäftigt, meine eigenen Vorurteile ihr gegenüber abgebaut und gesehen, wie vielseitig dieses Feld ist.

Die Auseinandersetzung mit Dialekt(en) fand ich schon immer spannend, manchmal auch einfach lustig und oft erzählen Dialektworte sehr viel mit. Und das kann eine als Schriftstellerin ja nur interessieren.

Außerdem gibt es gewisse Ausdrücke im Standarddeutschen schlicht nicht beziehungsweise keine Äquivalente, die genau dasselbe ausdrücken. »Am Oasch gehn«, zum Beispiel, oder »zach« (beides brauche ich sehr viel).

Deine Texte behandeln meist aktuelle Themen und gehen nahe. Wann entscheidest du dich bei einem Text für den Dialekt?

90 Prozent meiner Texte entstehen im Standarddeutschen, bei den restlichen 10 Prozent, die im Dialekt sind, liegt es oft an einer Formulierung, einem Satz, den ich irgendwo gehört oder gedacht habe, der hängen geblieben ist und von dem ausgehend sich ein ganzer Text (oder zumindest eine Textidee) entfaltet. Manchmal liegt es daran, dass das Standarddeutsche das Vokabular einfach nicht hergibt (wie bei den Beispielen oben), manchmal daran, dass sich eine gewisse Stimmung in meinen Augen besser im Dialekt erzeugen lässt.

Du arbeitest nun schon seit einigen Jahren in der Morgenschtean-Redaktion mit und bist dort unter anderem für die Textauswahl zuständig. Welche Texte sind es, die dich persönlich besonders packen?

Die ohne Pathos, die klug gearbeitet sind. Texte, bei denen man merkt, der*die Schreibende hat seinem*ihrem Text vertraut und muss nichts erklären, sondern lässt den Text die Erzählung tragen. Die Texte, die mit einem feinen Gespür etwas Zwischenmenschliches aufgreifen und die politischen Texte, die ohne plumpe Gemeinplätze auskommen. Und die, wo ich nicht das Gefühl bekomme, der*die Schreibende hat mit Gewalt einen Text zum ausgeschriebenen Thema aus sich herauszwungen oder das Thema im Nachhinein mit einem mittelgut passenden Satz in einen bestehenden Text hineingeworfen, man merkt das ja beim Lesen.

Liest du privat auch viel Dialektliteratur?

Tatsächlich lese ich weniger, aber höre Musik im Dia lekt. Eine Band, ohne die ich nicht mehr kann, ist

Dritte Hand. Es gibt keinen Song, der mich da nicht zuawi fongd, durchbeidld und bessa wieda außalossd. Das kann ich zum Duschen, zum Tanzen, zum Zugfahren, zu allem hören.

Wenn ich mal wieder richtig weinen will, höre ich »zehna« von SarahBernhardt (es gibt aber auch genügend Songs ohne Tränenfunktion, außerdem ist das recht subjektiv, will nur dazu gesagt sein). Wenn ich breit grinsen will, höre ich die Gesangskapelle Hermann.

Literarisch hänge ich an den Texten von Christine Nöstlinger. Und an denen von Redaktionsmitglied Anna Stiegler.

Du engagierst dich in den Redaktionen von Literaturzeitschriften (neben dem Morgenschtean auch bei &Radieschen), auch leitest du diverse Schreibwerkstätten. Sprich: Es ist dir ein Anliegen, neue, noch nicht so bekannte Autor:innen zu fördern. Wie hast du diese Leidenschaft entdeckt und warum ist dir das so wichtig?

Im Grunde ist es recht einfach: Wir fangen alle irgendwo an. Niemand schreibt einen ersten Text und wird groß veröffentlicht. Aber diese ersten Veröffentlichungen und Lesungen geben Zuspruch und ein erstes literarisches Selbstvertrauen.

Würde ich meinen ersten Text, der damals 2012 oder 2013 in & Radieschen erschienen ist, nochmal so schreiben oder veröffentlichen? Nein, sicher nicht. Und das ist völlig okay und gut so, es ist ja schließlich Zeit und Arbeit an meinem Schreiben vergangen. Aber diese Veröffentlichung war wichtig, genau wie meine erste Einzellesung im Café Anno.

Deshalb ist mir auch die Arbeit beim AnnoLiteraturSonntag so wichtig. Ganz viele Schriftsteller*innen machen bei & Radieschen oder im Café Anno ihre ersten Gehversuche. Es muss nicht perfekt sein, man kann sich ausprobieren. Es ist ein wertschätzender Rahmen und die niederschwellige Möglichkeit auf eine abendfüllende Einzellesung.

Und bei den Schreibwerkstätten ist es mir vor allem wichtig, Literatur und Schreiben als ein Gespräch zu vermitteln, als etwas Dynamisches, das wachsen kann. Ich sage immer, jede Person kann schreiben, man muss halt nur dazu finden, was man wie schreiben will und bereit sein, an Texten zu arbeiten.

Mai 2024
Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner


Anna Lena Obermoser im Interview

Anna Lena Obermoser im Interview


Anna-Lena Obermoser, Foto: © Hannah Gehmacher

Auf der Slambühne kennt man dich als Poetin, die den Rhythm and Blues im Blut hat, deine Texte gehen nahe, nicht nur inhaltlich, sondern auch weil du eine begnadete Performerin bist. Hast du schon als Kind geschrieben beziehungsweise warst du immer schon ein Bühnenmensch?

Ich habe in meiner Jugend angefangen zu schreiben. Die Bühne und die Aufmerksamkeit habe ich immer gescheut. Seit etwa 12 Jahren stehe ich jetzt trotzdem regelmäßig vor Mikrofon und Publikum. Ich bin immer noch kein Bühnenmensch. Aber ich mag es durch meine Texte eine Stärke zu finden, die mich trägt, und die andere tragen kann; eine Intimität zu erzeugen, die die Distanz zwischen mir und den Zuhörenden bricht und dadurch eine Verbindung aufbaut, welche sehr viel Kraft und Innigkeit mitbringt. Da geht es nicht um Aufmerksamkeit. Da geht es um Einigkeit. Ich trete nicht mehr oft auf, aber wenn, dann hat es für mich jedes Mal sehr viel Bedeutung.

Du spielst in deinen Texten mit Sprache, Rhythmus und Dialekt, immer wieder fließen ganz natürlich Anglizismen ein, dein Vortrag ist dynamisch und jung, kommt ganz locker rüber und reißt mit. Wie hast du zu dieser ganz speziellen Form gefunden? Gab es da auch Vorbilder?

Ich höre super gerne Musik aller Genres, beschäftige mich mit modernem Lyricism, verfolge zeitgenössischen Spoken-Word, lese Gedichte längst verstorbener Dialektautorinnen – da sind sicher einige Einflüsse, die unterbewusst hängen bleiben und in meinen Sachen mitwirken. Meine „ganz spezielle Form“ habe ich dennoch sehr unspeziell gefunden. Ich will mich nicht bemühen, wenn ich in meinen Texten etwas erzähle. Die Einfachheit der Dinge reicht oft aus, der Dialekt malt genug. Ich will mich nicht verstellen, oder gefallen. Ich will mich fallen lassen. Da habe ich nicht den Anspruch, dass ich perfekt reime, wunderschöne Bilder erzeuge, oder makellose Metaphern, mit denen alle etwas anfangen können. Ich will mich zeigen, mit allem was ich bin. Und ich bin alles. Ich bin laut, singend, summend, leise, zart und brüllend, witzig, oder eben tiefsinnig. Das ist nicht zwingend meine Form, das ist mein Sein.

Deine Texte sind emotional und packen die Zuhörer*innen – was damit zu tun hat, dass du vom Leben erzählst. Man schmunzelt mit dir, man lacht, man trauert aber auch, man verfällt stellenweise in Selbstmitleid, man schöpft wieder Hoffnung. Und wenn du die Bühne verlässt, geht es einem irgendwie besser, trotzdem nimmt man auch etwas zum Grübeln mit. Wie entstehen deine Texte bzw. wie kommst du zu deinen Ideen?

Mein Leben hat sehr viel Fülle. Daraus kann ich schöpfen. Ich arbeite Vollzeit als Sozialarbeiterin in einer Psychiatrie. Ich genieße meine Freizeit, meine Freundschaften, mein Feierabendbier. Da kommen Themen und Ideen oft aus Gesprächen, Begegnungen, Geschehnissen des Alltäglichen. Ich nehme mir nie vor, irgendwelche großen Themen herzunehmen und dazu etwas zu schreiben. Dazu fehlt mir auch Disziplin und Verfassens-Eifer. Der Tiefgang des Gewöhnlichen tröpfelt mich täglich an und das Schöne noch dazu!

Du bist in Mittersill in Salzburg zur Welt gekommen, heute lebst du in Graz. Wie würdest du selbst deinen Dialekt bezeichnen? Lässt er sich einer Region zuordnen oder wurde deine Sprache durch das Leben in unterschiedlichen Regionen geformt?

Genau, in Mittersill geboren und im Alm- und Skidorf Königsleiten auf 1600m unter jeder Menge Tourist*innen großgeworden. Das brachte mir immer den Vorteil, dass ich im Deutschunterricht eines der wenigen Kinder gewesen bin, welches tatsächlich Hochdeutsch reden konnte. Im tiefsten Oberpinzgau tat man sich damit nämlich schwer. Meinen Dialekt würde ich als Pinzgauerisch bezeichnen, mit tiroler Einflüssen und städtischen Abflachungen zur Verständlichkeit der Allgemeinheit. Ich bin aber eher der Meinung, dass jeder Mensch seine ganz eigene Mundart hat. Wie ein Fingerabdruck quasi. Und ich denke, ich hab meine ganz eigene Mundart. Das Pinzgauern durch die Schulbildung und den Freundeskreis, das Tirolerische durch die Mama, Slang und Anglizismen, weil jo mei, ich bin halt doch Teil der Internetgeneration und zeitgleich mag ich aber das Altertümliche und finde Dialektbegriffe zu schön, um sie nicht täglich verwenden zu wollen. Gschtiascht. Griaweg. Herzigrazi. Glanglduttat. Zwidawuschz. Znaxt. Bacheiwoam. Die Liste ist ewig. Das Steirische hab ich nicht wirklich angenommen.

In DUM-Das Ultimative Magazin gibt es in jeder Ausgabe auch deine Kolumne flimmern.fischen zu lesen. Wie bist du auf den Titel gekommen? Welche Bedeutung hat er für dich?

Im Endeffekt ist alles Geschriebene, alles Replizierende ein Bruchteil von dem, was wirklich war und wahr. Ein Flimmern sozusagen. Und davon fische ich.

Beim Niederschreiben bekommen deine Texte nochmals eine andere Form. Da geht es dann auch um Zeilenumbrüche und die Niederschrift des Dialekts. Ist dir das von Anfang an leicht gefallen oder hast du dir deine Schreibweise des Dialekts erst erarbeiten müssen?

Mir fiel das von Anfang an leicht. Mit 13 hab ich mein erstes Handy bekommen und wir haben uns immer im Dialekt gesimst. Ich habe also keine Schreibweise erarbeiten müssen, sie war da. Ich schreibe so, wie ich es sage. Ohne Umlautzeichen, Kringerl, oder was auch immer. Die Form meines Geschriebenen ist mir allerdings nicht wirklich wichtig. Das Sprechen ist für mich wesentlicher. Der geschriebene Dialekt exkludiert. Der gesprochene weniger. Nicht-Dialekt-Sprechende kommen nach Auftritten zu mir und meinen häufig „ich habe nicht alles genau verstanden, aber ich habe es verstanden.“ Das funktioniert beim Geschriebenen weniger, weil die Transportmittel, die Stimme, die Haltung, meine Körpersprache, fehlen.

Du bist auch fixer Teil der Grazer Lesebühne V.O.L.T. Was bedeutet es dir, gemeinsam mit anderen auf einer Bühne zu stehen?

Kollektiv künstlerisch tätig zu sein ist essenziell für den eigenen Wachstum und Perspektiven-Erweiterung. Es kurbelt die Kreativität an, es kann ärgern, es lässt diskutieren, miteinander lachen, jammern und jammen, schreiben, schweigen, es macht Spaß, es distanziert, es vereint. Es ist toll, alleine mit einem Soloprogramm auf der Bühne zu stehen, aber es wird langweilig. Ich will mich doch nicht die ganze Zeit selber hören?! Es ist für michbereichernder den kreativen Raum für Mehrere zu öffnen.

Sich auf eine Slambühne zu wagen ist für viele ein großer Schritt. Immerhin geht es dort nicht nur um die Qualität des Textes, sondern auch um den Vortrag – und man muss sich dem Feedback des Publikums stellen. Wie war dein erste Mal auf einer Slambühne? Und was würdest du jenen Menschen raten, die sich bisher noch nie auf eine Bühne gewagt haben, aber davon träumen?

Ich war 15 und scheiße nervös. Mein Text war (nicht im Dialekt) furchtbar pathetisch und sehr sehr weltverbessernd. Genauso, wie ein erster Text sein muss. Ich bin meinen ersten Schritten, und allen die mich in der Slamszene begleitet haben, sehr sehr dankbar. Heute stehe ich der Kommerzialisierung des Poetry Slams eher kritisch gegenüber. Damals waren es Nerds und Freund*innen, die sich gegenseitig eigensinnige Texte vorgetragen haben und danach zusammen auf ein Bier oder einen Saft gegangen sind. Es ging um die Freude an der Kreativität und die Gaudi danach. Es ging nicht um das Perfekte, um die Erfolge. Ich hab mich so richtig gefühlt, so als hätte ich einen Platz gefunden. Heute stehen da fesche, großteils heteronormative Wohlstandskids, welche aalglatte Texte schreiben, um einem linksliberal-bekehrten Publikum Themen vorzupredigen, welche ohnedies Konsens sind, in einer Metrik und Machart, die sich von den restlichen Beiträgen nicht unterscheidet. Da würde ich mich heute nicht mehr hintrauen. Dort fühle ich mich nicht mehr wohl.

Allen, die sich selbst auf einer Bühne probieren wollen, rate ich es, dass sie Bühnen finden, auf denen sie sein können, wer sie sind. Das können vereinzelt Poetry Slam-Bühnen sein, das können Open-Mics sein, das können irgendwelche Talent-Wettbewerbe in irgendeinem Kaff in Hintertupfing sein, das kann die Regional-Theaterbühne sein, das kann ein Rhetorik-Seminar auf der Uni sein, ihr wisst was ich meine. Es geht niemals um den Applaus oder um das Prestige, das man erntet. Die Leute, die einem applaudieren, bewerten vielleicht deinen Auftritt, starren dich an oder jubeln dir zu. Aber sie leben nicht in deiner Haut. Die müssen nicht zufrieden mit deinem Auftritt sein. Selbstzufriedenheit ist immer ein gutes Ziel. Ehrlich zu sich sein, im Text, im Vortrag, im Umgang mit Freude oder Enttäuschung danach. Perspektiven erweitern. A Gaudi haben. Nicht die Geduld verlieren. Niemand stellt sich auf die Bühne und ist Profi. Es braucht Übung, Erfahrung, Erlebnisse. Grundsätzlich: Sich einfach nix scheissen. Wos soid scho passian?

Mai 2024
Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner

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Scheee – Text und Musik: Anna-Lena Obermoser / Produktion 1. Grazer Lesebühne

Anna-Lena Obermoser (*1996) ist Sozialarbeiterin und Spoken-Word-Poetin. Sie lebt in Graz. Gebürtig aus dem Oberpinzgau. Sie schreibt Texte und Songs im Dialekt. Mit markanter Stimme, Dynamik in der Performance, Energie, Ehrlichkeit, Pathos und verstecktem Witz.

Günther Pilarz
MEI LIABA SCHOLLI!

Ualaub! I hob fost scho glaubt, dos de Hockn vua Weihnochtn goa nimma aufheat. Unsa Oida hot an Tango gmocht wia no nie und so wos vo aupresst, na hawederi. Waunns wenigstns woam gwesn warad, sei Feia unta mein Hintan. Stottdessn hots nua ghaßn: Da Rohbau muass featig varoaht sei, bevuas Christkindl kummt. Kane Fensta auf da Baustö, dafia a festa Zopfn! Söbst aum Heisl woas voi huschi und de Kleweln woan ollawäu eigfruan. Domit is jetz Schluss! Desmoi sitzt mei Popsch ned auf ana tiafkühltn Klobrülln. Deamoi hob i eam in an Fliaga plaziat. In a poa Minutn is soweit, daunn is da Winta vuabei. Austräliaa, aim kaming! Glei siach i mein Spezl wieda, nauch dreißg Joah! Jetz oba schnö duachn Zoi. Kuatl, huhu! Seawas, du oide Hittn. Wo foah madn hi? Glei zu dia ham? Supi! Oba ans is ka Bemmal do da, eicha Mittogshitz kaunns uanlich. Waunns ned gach a koids Bia gibt, hauts mi aus de Bock. Wos? Es is east Siebane in da Fruah? Zmittog is no vü haaßa ois jetz? Marandjosef! Moch kan Schmäh heast. Hauptsoch, du drahst dei Klimaaunlog auf. Hä? Wengan Klimawaundl bleibts ogschoitn? Domit ned zvü Klumpat ausn Auspuff blost? Gott sei Daunk, mia san auf deina Ränsch. Oha, do steaht jo a deitscha Spruch iba da Tia – TRITT EIN BRING GLÜCK HEREIN – no des moch i glott. Oida, in deine via Wänd hots jo genauso a Offnhitz wia in deina Tschesn. Wos sogst? Des gheat zua eichan Mastaplan gengan Klimakollaps? Do gibts ka kuul daun? Is ned woa! Geh, gimma schnö a Hopfnkompott, i vaduascht. Nauchhea? Du host dei Sauna aufdraht? Wia in oide Zeitn? Und unsare Spiagleia mochst auf de haaßn Staana? Aha, Enagiespoan sogt ma dazua. Echt? Jo bist du Moped! Heast, waunnst ma ned auf da Stö a küühls Blondes vaeabst, kaunnst de Eia auf meina Glotzn mochn. Du, Kuatl, mia is heit ned nauch Schweißln. I hob ma des ibalegt, fiah mi zruck zum Äapoat, duat is klimatesiat. In Rest vaschiabn ma aufs nexte Moi. Daunn kummst du ume. Ah, i siach eam scho, in Flughofn. Woa leiwaund, dos ma uns wiedagsegn hobn. Oba jetz haßts auzahn, de dan scho eitscheckn. Bleib sauba und hoit de Uahn steif! Pfiati! Lossts des Gät offn, bin eh glei do! Hallooo! Woats auf mi, i wü mit! 

»Schatzi, woch auf! Du redsd im Schlof. Nix is mit Australien, du bist daham in deina Hapfn. I haß a ned Kuat, i bin dei Fraudi, de Isolde. Host mi? Und jetz ausse, aus de Fedan, sunst moch i da Fiaß!«


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Katharina J. Ferner im Interview

Katharina J. Ferner lebt als Poetin und Performern in Salzburg. Morgenschtean-Leser:innen kennen sie aus der Redaktion, die Mitarbeit bei Ö.D.A. hat sie motiviert, selbst im Dialekt zu schreiben. Derzeit schreibt sie als Writer in Residence in Lettland.

Katharina J. Ferner (Foto: Mark Daniel Prohaska)

Sprache und Sprachklang sind dir wichtig, nicht nur in deiner Lyrik, sondern auch in deiner Prosa. Du bezeichnest dich deswegen auch ganz bewusst nicht als Autorin, sondern als Poetin. Wann hast du die Lyrik für dich entdeckt – als Lesende und auch als Schreibende?

Allerdings, ich glaube jedoch auch dran, dass Sprache und ihr Klang in der Prosa wichtig sind. Mir ist es aber ein Anliegen, durch die Positionierung der Poesie zu bewusster Präsenz zu verhelfen. Gedichte haben mich schon seit der Schulzeit begleitet und interessiert. Ich denke da an Else Lasker-Schüler ebenso wie an Mascha Kaléko oder später Uljana Wolf. Geschrieben habe ich sie damals auch schon, aber ihre Eigenständigkeit haben sie vermutlich erst durch die Arbeit am ersten Lyrikband bekommen.

In einem Essay im Wespennest schreibst du, dass du durch deine Mitarbeit bei der Ö.D.A. und den Kontakt zu Dialektautor:innen auch selbst begonnen hast im Dialekt zu schreiben.

Wie kam das? Kannst du dich da noch an einen zündenden Moment erinnern bzw. an deine ersten Schreibversuche im Dialekt?

Einerseits setzt die ständige Beschäftigung mit verschiedenen Dialekten auf ganz natürliche Weise den Prozess in Gang, dass man die eigene Mehrsprachigkeit genauer unter Beobachtung stellt. Andererseits gab es konkrete Motivationen, wie das beständige Nachhaken von Andreas Plammer, wann ich denn nun einmal etwas im Dialekt schreiben würde. Das stetige Einhören durch die Lesereihe „Anno Dialekt Donnerstag“ und der Besuch unzähliger „Dritte Hand“-Konzerte haben mich auf dem Weg begleitet. Letztendlich wagte ich dann wohl durch die Methode der Gegenüberstellung von Dialekt und Hochdeutsch, wie es Michael Stavarič in seinem Gedichtband „in an schwoazzn kittl gwicklt“ macht, den entscheidenden Schritt.

Mittlerweile hast du neben zwei Romanen auch zwei Lyrikbände veröffentlicht. Im ersten mit dem Titel „Nur einmal Fliegenpilz zum Frühstück“ (Limbus 2019) spielt der Dialekt eine zentrale Rolle, aber auch in deinem zweiten Lyrikband „Krötentage“ (Limbus 2022) finden sich Dialektgedichte. Auch für die Salzburger Krone dichtest du in Hochdeutsch und im Dialekt. Wann entscheidest du dich für den Dialekt und wann für Hochsprache?

Für den Dialekt entscheide ich mich eher unbewusst, außer es ist im Vorhinein klar, dass es zwei Sprachversionen geben soll, wie in den Gedichten für die Salzburger Krone.

Viele junge bzw. neue Dialektautor:innen sehen es als große Herausforderung, den eigenen Dialekt in Schrift zu übersetzen. Wie ging es dir da am Anfang? Bzw. hast du Tipps für Autor:innen, die gerade im Dialekt zu schreiben beginnen, worauf sie achten sollen?

Bei der Verschriftlichung denke ich erst einmal daran, dass ich selbst das Geschriebene wieder lesen oder vorlesen können muss. Später erst achte ich auf Einheitlichkeit oder aber auf bewusste Brüche. Gerade bei häufigen Wörtern wie „oiwei“ oder „ollewei“ variiere ich je nachdem, zu wem ich gedanklich spreche. Außerdem ist handschriftliches Notieren für den Anfang wesentlich einfacher, einfach weil da kein automatisches Wörterbuch eingreift und man verschiedene Versionen schnell visualisieren kann. Möglicherweise bin ich da auch altmodisch.

Du reist gerne. Wie ist das denn, wenn du in Österreich, in der Schweiz oder in Deutschland unterwegs bist? Sind es auf deinen Reisen auch die Dialekte, die dich interessieren?

Ja, es ist eigentlich unwesentlich, in welchem Land ich unterwegs bin. Sprache interessiert mich, Dialekt insbesonders, weil es darin oft noch mal eine tiefere Ebene zu entdecken gibt.

Im Moment bist du gerade als Writer in Residence in Lettland. Wie geht es dir mit der lettischen Sprache? Wird etwas von ihrem Klang in deine Gedichte einfließen – oder ist dir diese Sprache dann doch zu fremd?

Lettisch kann ich zum aktuellen Zeitpunkt noch schwer durchschauen. Dass früher oder später irgendetwas davon in meine Gedichte einfließen wird, ist ziemlich wahrscheinlich.

Mai 2024
Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner


Eva Lugbauer im Interview

Vor einem Jahr erschien Eva Lugbauers Dialektlyrikband »faschaun farena fagee« nicht nur als Buch, sondern auch – vertont vom Mostviertler Duo »zoat« – als CD.

Eva Lugbauer (Mitte) mit dem Duo »zoat« (li: Anna Großberger, re: Viktoria Hofmarcher) Foto: © Julia Wesely

Welche Dialekte haben dich geprägt und wo würdest du deinen Dialekt heute einordnen?

Geprägt hat mich das Mostviertlerische – ein Dialekt, den ich eigentlich nicht besonders schön finde, aber die Muttersprache kann man sich naturgemäß nicht aussuchen. Lautmalerisch hat er allerdings seine Reize und es gibt einzelne Wörter, die mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen sind. Dschamsdara, zum Beispiel, ein Liebhaber – kommt leider gar nicht vor in meinem Gedichtband. Oder hinich, kaputt. Auch sehr gut: baganschgal, leichte Schuhe. Nicht zu verwechseln mit dem bandschal, natürlich, der unverbindlichen Liebschaft. Das schlichte schiach ist kein schönes Wort an sich, aber es sagt so viel und kein hochdeutscher Ausdruck kann alle Facetten dieses Worts abdecken.

Dein Debütroman  »Und am Ende stehlen wir Zitronen« erschien 2018 im Wortreich Verlag,. vor einem Jahr kam dein erster Dialektlyrikband »faschaun farena fagee« in der Literaturedition NÖ heraus. Hast du immer auch schon Lyrik im Dialekt verfasst?

Nein, vor diesem Gedichtband habe ich überhaupt nichts im Dialekt geschrieben, auch keine SMS oder andere Nachrichten, die schreibe ich nach wie vor nicht im Dialekt. Dialekt war für mich zum Sprechen da. Alles hat in einem verzweifelten Moment begonnen: Mir ist nichts eingefallen, über das ich im sogenannten Hochdeutsch schreiben wollte – eine Blockade, wenn man so will. Also habe ich meine Gemütslage im Dialekt aufs Papier gefetzt. Das war das Samenkorn und die Pflanze ist dann gewuchert.

Wann entscheidest du dich für den Dialekt und wann für Hochsprache?

Nach Gefühl und durch Experimentieren. Jedes neue Werk verlangt nach einer neuen Sprache. Die zu finden ist nicht immer einfach, auch Hochdeutsch hat ja viele Sounds und es braucht manchmal Zeit, bis ich den richtigen finde. 

Du arbeitest seit Jahren mit dem Duo »zoat« zusammen, die deine Texte vertonen.Wie hat sich diese Zusammenarbeit ergeben?

Wir haben uns zufällig bei einem Auftritt kennen gelernt. Die gemeinsame Arbeit und die Zeit, die wir zu dritt verbracht haben, um an der Musik und der Performance zu feilen, habe ich sehr genossen. Als Autorin arbeitet man ja sonst oft alleine in der Schreibstube. Hier die Köpfe von drei Künstlerinnen zu verbinden und gemeinsam an einem Werk zu schaffen, war sehr inspirierend und schön.

Morgenschtean-Abonnent:innen haben den Schaffensprozess deines neuen Lyrikbandes ein wenig mitbegleiten dürfen, bereits 2021 gab es erste Kostproben daraus zu lesen. Wie lange hast du an den Gedichten insgesamt gearbeitet? 

Am Anfang sind ein paar Gedichte sehr schnell rausgesprudelt, daraus hat sich das Konzept ergeben. Beim Rest war es, als wäre alles schon da, und ich muss es nur noch freilegen. Das ist schnell gegangen, war in wenigen Wochen getan. Die Feinarbeit, das Abschleifen, Feilen an den Worten und das Anordnen der Gedichte hat dann noch etwas länger gedauert.

Gibt es Dialektliteratur (oder auch -musik), die dich besonders anspricht – oder liegen auf deinem Nachtkästchen hauptsächlich Werke in Standardsprache?

Im Dialekt kann man mehr die Sau rauslassen. Das macht Dialektliteratur aber auch anfällig dafür, zu ordinär oder zu emotional zu werden. Hier das richtige Maß zu finden, ist eine Herausforderung und es gibt nicht viel Dialektliteratur, die ich wirklich gut finde. Aber, wenn ich einen Namen nennen soll, dann H.C. Artmann. Seine Dialektgedichte sind kleine Meisterwerke. Sie liegen zwar meistens nicht auf meinem Nachtkästchen, haben aber einen fixen Platz im Bücherregal.

Du gibst auch Workshops für Dialektlyrik. Welchen Ratschlag würdest du jungen Autor:innen mit auf den Weg geben, die im Dialekt schreiben möchten, aber es noch nie versucht haben?

Egal ob im Dialekt oder nicht im Dialekt: Folg der Lust. Fühl den Sog. Und schreib. Selbstzensur kommt später.

Mai 2024
Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner

Eva Lugbauer:
FASCHAUN FARENA FAGEE
Dialektlyrik,
mit Illustrationen von Katharina Zenger
Literaturedition NÖ, 2023
ISBN: 978-3-902717-69-6
192 S. | € 24,00

Die CD »faschaun farena fagee« – unterlegt mit Melodien des Mostviertler Ensembles »zoat « ist bei der Volkskultur Niederösterreich erschienen. Eine Leseprobe sowie einen QR-Code zur Hörprobe finden Sie in unserer 👉 aktuellen Ausgabe.


Christine Tippelreiter im Interview

Die Mostviertler Lyrikerin Christine Tippelreiter im Interview

Du bist in Melk geboren und im Mostviertel aufgewachsen. Wann hast du im Dialekt zu schreiben begonnen und warum?

Ich habe 1985 in Schriftsprache zu schreiben begonnen. Meinen Bekannten hat das gefallen und sie haben zu mir gesagt: »Schreib auch was in Mundart, wir wollen wissen, wie sich das bei dir anhört.« Mit meinem ersten Mundartgedicht »A guade Nochd« bin ich 1990 in OÖ. die Siegerin beim Wandl-Preis geworden. 

Deine Dialektlyrik ist kurz und prägnant, vor allem aber sprachverspielt. Gab es da Vorbilder bzw. Werke, die dich beeinflusst haben?

Ich habe viele Jahre nach meinem eigenen Stil gesucht, weil mir die üblichen gereimten Mundartgedichte nicht gefallen haben. Was ich suche, ist meine eigene Kreativität. Das Spiel mit der Sprache macht mir einfach Freude und Spaß, weil ich die Sprache liebe. 

In deinem neuen Lyrikband »fliagn kinna« geht es in vielen Gedichten darum, selbstbewusst durchs Leben zu gehen, nicht immer das zu tun, was andere von einem verlangen. Ist diese Thematik immer schon Motor deines Schreibens gewesen?

Mit 30 habe ich beschlossen: »ich will ich sein – lebenslang unterwegs auf der Suche nach mir selbst.« So hat mein erstes Gedicht gelautet, das mir wirklich gefallen hat, und ich habe gedacht: Das soll mein Schreibstil sein. In Mundart habe ich geschrieben: »scho mei gaunz Lebm laung suach i, owa hiazt woaßes, i suach mi«.

Du schreibst auch von der Kriegsgeneration – über das Grauen, das damals viele hinuntergeschluckt haben. Derzeit tobt wieder ein Krieg in Europa, auch die Bilder aus dem Gazastreifen lassen nicht kalt.

Ich erteile mir zeitweise Nachrichtenverbot, weil ich die Neuigkeiten aus den Kriegsgebieten nicht aushalte. Ich bin sprachlos, wütend und ohnmächtig. Viele haben im 2. Weltkrieg ihre Söhne verloren. Wenn ich denke, dass mein Sohn und mein Enkel in den Krieg ziehen müssten, ich würde verrückt werden.

Du hältst Momente nicht nur in Gedichten fest, sondern fotografierst auch. Von deinen Motiven kann man sich in deinen Gedichtbänden ein Bild machen, es gab aber auch schon Ausstellungen. Wann entscheidest du dich für die Kamera und wann für den Stift? 

Mit der Kamera bin ich tagsüber unterwegs. Meine Freundin sagt oft: »Was du alles siehst!« Dichten kann ich besser in der Nacht, da gibt es keine störenden Geräusche, kein Telefonläuten, keinen überraschenden Besuch, etc. Ich bin nachts empfindsamer und blicke nach innen, das Erlebte verdichtet sich dann. Vieles hätte ich nicht geschrieben, wenn ich nicht nachtaktiv wäre. 

Mir gefällt auch das Kleid deines neuen Gedichtbands, das kräftige Rot auf dem weißen Hintergrund. Die Neugier hat mich ins Impressum blicken lassen, wo ich festgestellt habe, dass die Künstlerin des Titelbildes »Brennende Rose« mit dir verwandt ist, oder?

Die brennende Rose ist von meiner Enkelin Selina gemalt, sie war damals vier Jahre alt. Ich mag es, wenn Kinder noch nicht gegenständlich zeichnen können, sie malen aus ihrem Innersten. Die Schneefrau auf der Rückseite ist eine Zeichnung meiner Tochter Manuela, als sie ungefähr genauso alt war. Die Mundart soll an unsere Kinder und Enkel weitergegeben werden, deshalb habe ich die Werke ausgewählt. 

Du bist Leiterin und Gründerin der Autorengruppe »Schriftzug 3250« sowie stellvertretende Vorsitzende der Ö.D.A. In deiner Region hast du schon viele Lesungen initiiert, auch Workshops an Schulen hast du schon abgehalten. Wie wichtig ist dir der Austausch in der Region – anderen Autor:innen, mit der Jugend und auch anderen Kunstschaffenden? 

In der Dichtkunst gibt es kein Alter, nur eine Reife der Persönlichkeit. Beim »Schriftzug 3250« ist eine 80jährige, sie schreibt kraftvoll und ausdrucksstark. Dann wieder schreiben Jugendliche bei meinen Workshops mit einer Lebensweisheit, die mich staunen lässt. Ich habe in Deutschland, Südtirol und in jedem Bundesland in Österreich gelesen. Meine Mostviertler Mundart versteht man überall, ich frage immer bei den Zuhörer:innen nach.

Der Austausch mit Kunstschaffenden ist sehr bereichernd für mich. Ich besuche gerne Gemäldeausstellungen und fahre z.B. nach Wien, Linz oder Salzburg. Vor einiger Zeit wollte ich eine Lesung mit einer Komponistin veranstalten, leider musste unser Auftritt wegen Corona abgesagt werden. Wir werden das aber sicher nachholen.  

Mai 2024
Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner

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