🎧 Veronika Unger
MIAZ UND LUIS

Veronika Unger
MIAZ UND LUIS

I bin hoit higaungan, wois Muas is fia Nochban. Die Miaz howi freuli schua iwa zehn Joah net mea gsegn, hiaz is sie im Oitasheim gstoam. Iwa neinzg is woan. A schens Oita. Bei da Toutnmess owa san meine Gdaunkn bei dem, wos i sunst ollawoi z tuan hob. Vau da letztn Baunk schau i aufd Leit voa mia. Kane Käpf, de tiaf hängan, net amoi in da erschtn Reih. Ma is hoit do, woi si´s gheat.

Aufm Weig vau da Kiachn zum Friedhouf aufi, betn nua weng den Rousnkraunz mit. „Ah, seavas, siacht ma di a amoi!“ heari äfta ois des Ave Maria. Schei ouft, weui da Trauazug is laung. I hob den Vadocht, dass vüi dabei san, de d Miaz goa net kennt hom. Des Umadumschaun gfoit ma, mittn zwischn meine Nochban, de i sunst eh nia, oda sötn siach und gib eana recht, wenns manan:“ Jo, beim Begräbnis siacht ma si gwiss!“ Wia ane vau sei, fühl i mi gach, dann dou wieda net, iagandwia oum driwa. Troutzdem drängl i mi fiari, znächst zua Gruam. Da Pforra faungt mit da Eisegnung au. Auf amol rinnts aus meine Augn, I kau´s net aufhoitn. Es rinnt und rinnt und I vaobschied mi voum letztn Bissl vau meina Kindheit.

I siach, wia d Miaz voa fuchzt Joah woa. Fia mi hot sie imma gleich ausgschaut, mit Koupftuach und Schiazn. wias hoit domois übli woa und an vaschmitztn Grinsn im ruassign Gsicht, wenn s ma mit ihre eadign Händ Oubst, frisch voum Bam broackt, hi ghoitn hot. D Händ hot´s dann owa schnö hintan Ruckn vasteckt und ois ob´s do wos Schwas mitschleppn miasst, is sie in iare Gummistiefl auf´s Föd oda ind´n Stoll davou gschluaft. Jo, Reinlikeit woa net ias. Mia haum imma schei Obstaund ghoitn, dass ma net ihre Fläh eingfaungan haum.

Die Keischn neman Woid am Berg oum, woa klua, a Vurraum und zwa Stum. In da anen hot ia Souhn Felix mit seina Famülie und in da aundan sie mit ian Bruada Luis gwouhnt. Ois klans Kind bin i a-, oda zwamol einigaungan, woi´s klane Hund gem hot, owa sunst bin i draußn bliem.

Ois i um die Zehne woa, is in´d Summaferien d Stiaftouchta vom Felix auf Bsuach kemman. Do bin i äfta zua ia aufi spuin gaungan. Da Sautroug woa dann unsa Planschbeckn. D Miaz hot uns a weng weit weg zuagschaut. Gach hot si do da Felix augschlichn, sei Muata pockt und mitsaumt iahn Gwaund ins Wossa gsetzt. D Miaz hot gschrian wia a Feakel, umadum gschlogn, owa da Felix hot´s festghoitn, dauss net aussi kennan hot. Noch a Weui is´ owa stui woan, hot wia a Hounikuchnpfead gstroit und wia a klans Kind im Wossa plaunscht. Frog mi owa net, wia vui Fläh des as Lebn koust hat.

Jo, d Miaz woa fia gwänli a ruhige Person, de gean kichat hot und mit iare weitn Schlurfschritt iara Orwat nochgaungan is. Laut is nua woan, wenn a Gwitta kemman is, oda da Luis bsouffn voum Wirtshaus.

Beim Erschteren is ´ s mit´n Weihwossakessl iwas gaunze Grundstickl grennt und dabei hot´s gotterbäamli gfluacht: „Kreizdividomini. Sakratirkn, Teifleini…“. Ia Listn woa öllnslaung, zflaung fia mei Gedächtnis.

Beim Zweiten hot´s n Bruada vafluacht, daweul´s voa iahm und sein Stock davaugrennt is und dazwischn „Höfts ma! Höfts ma! “ gschrian hot. Auf des Wetta hauma schua gwoat, waunn ma gsehn hom, wia da Luis mit ana Rücknlog den Berg aufischwaunkt is und haum uns jedsmoi vawundat, dass a dabei net hintiwa gfoiln is.

Iagandwaun ist d Miaz net mea nua, auf iahn Grund herum gwaundat, sundan weita fuat grennt. Etli Moi hot´s dann nimma hoam gfundn. Destawegn hots da Felix ins Oitasheim gem. Duat is erscht amoi gindli bod woan und obs das glaubst oda net, des hot ia gfoin, bis sie boid kan mea dakennt hot.

Da Luis is allan in seina Huam zruckbliem. Hot bei ana neichn Nochbarin Tog fia Tog a Stampal oghuit und ia dafia seine Fläh vaeabt, bis ´s iam sei Stampal nua mea draussn gem hot.

Jetzt owa steht da Soag vau da Miaz iwa dem voum Luis. Nua a Haundfui Eadn trennt´s von anaunda.

I schmeiß mei Bischl Föd- und Goatnbluman drauf. A lausigs Daunkschen fia die Fliedastraiß, de ma d Miaz jeds Fruajoah gschenkt hot.

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Der Text wurde in unserer 3. Ausgabe von DialektSHOG gesendet – und kann – gemeinsam mit allen anderen Texten der Sendung – hier nachgehört werden:


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»Plötzlich hat einfach alles gestimmt«

»Plötzlich hat einfach alles gestimmt«

Ronnie Rohrecker (Foto © privat)

Ronnie Rohrecker ist in Salzburg zur Welt gekommen und verfasst unter anderem Limericks. Im Sommer hat sier das traditionelle walisische Lied »Defaid William Morgan« in den Salzburger Dialekt übertragen und im Zuge unseres Online-Projekts »Österreich Hören« gemeinsam mit siers Freund*innen Liliana und Rave vertont.

Liebe*r Ronnie – Wie bist du eigentlich dazu gekommen, im Dialekt zu schreiben?
Ich glaub, das Erste, was ich im Dialekt geschrieben hab, war eine Reihe von Limericks. Ich war da mit einer sehr lieben Freundin auf einer Alpenüberquerung und hab meinen Reiseführer zu ernst genommen, der behauptet hat, für (weitere) Bücher sei kein Platz im Rucksack und es sei sowieso viel geiler, sich mit den Leuten zu unterhalten, die mensch auf den Hütten trifft. (Spoiler Alert: Das ist was für Leute, deren Hirn pausenlos neue Eindrücke aufnehmen kann, da gehör ich absolut nicht dazu!)
Die Entscheidung, kein Buch mitzunehmen, hab ich spätestens am zweiten Abend bereut und das Einzige, was mir geholfen hat, zwischendurch von den vielen erlebten Dingen ein bisschen runterzukommen, war, selbst was zu schreiben. Ich hab das dann auch während dem Gehen gemacht, da haben sich mit einem kurzen, klaren Rhythmus und dem fürs Merken sehr hilfreichen Endreim schnell Limericks als Wahlform meines Ausdrucks herauskristallisiert. Als kleine Herausforderung hab ich’s nach dem Englischen auch auf Schriftdeutsch versucht – das war ein ziemlicher Reinfall, alles hat irgendwie gestelzt und unnatürlich geklungen … Und dann bin ich auf Dialekt umgeschwenkt und plötzlich hat einfach alles gestimmt. Das hat so gut zusammengepasst, die Leichtigkeit, mit der sich die Wörter verbinden, die Mündlichkeit – Limericks sind ja vor allem da, um vorgetragen oder zumindest vorgelesen zu werden –, stellenweise auch die erforderliche Unverfrorenheit … Mir ist vor kurzem aufgefallen, dass ich auf Hochdeutsch vieles kann, aber glaubhaft schimpfen gehört wirklich nicht dazu! Und während ich so reimend und gelegentlich Obszönitäten von mir gebend über Bergbäche gehüpft bin, ist mir klar geworden, dass manche Texte nur in einer Sprache funktionieren, die einerm tatsächlich als Alltagssprache dient.

Du warst diesen Sommer in Wales, bist dort über ein Lied gestolpert und hast dich entschieden, es in den Salzburger Dialekt zu übertragen. Wie kam es dazu?
Das Lied heißt im Original »Defaid William Morgan« also »Die Schafe des William Morgan« und handelt von einer rebellischen Schafherde, die ihren menschlichen Nachbar_innen in irgendeinem walisischen Ort das Leben schwer macht, weil kein Zaun sie halten und weder Hunde noch Polizisten sie davon abschrecken können, den Leuten ihre Gärten leerzufressen. Besonders schön finde ich, dass den Schafen nichts passiert, sondern die Auflösung des Ganzen ist, dass sie im Sommer ein paar Monate in den Bergen verbringen, wodurch den Menschen eine Verschnaufpause von den frechen Schafen vergönnt ist.
Zwei Dinge für die ich mich sehr begeistern kann, sind revolutionäres Liedgut und Sprachen und jedes Mal, wenn ich länger als ein paar Tage wo zu Besuch bin, wo Leute eine andere Sprache sprechen als Deutsch oder Englisch, versuch ich, sie dazu zu überreden, mir ein neues Lied beizubringen. Diesen Sommer war das eben »Defaid William Morgan«, das eine sehr in die walisischen Sprach- und Befreiungskämpfe involvierte Freundin für mich ausgegraben hat.

Morgan William seine Schafön – Ronnie Rohrecker mit Liliana & Rave

© Ronnie Rohrecker; zum Vergrößern anklicken, Original siehe unten.

Ich hab dann immer das Bedürfnis, die Lieder zu übersetzen, damit andere Menschen sie auch leicht verstehen und singen können. Meist mach ich das auf Standarddeutsch, weil ich da meinen ganzen Arbeiter_innenliederpathos auspacken kann, aber dieses Lied hat mich so sehr an die Hirtaliada meiner Kindheit erinnert, dass mir klar war, das wird nur in einer Dialektversion so richtig gut.
Deswegen ist dann natürlich aus dem Schäfer William Morgan auch der Morgan William geworden.

Hast du Vorbilder?
Ich mag es, wenn literarische Texte sich lesen, als wären sie eigentlich aus einer oralen Erzähltradition. Wenn sie so klingen wie Leute reden und wie Leute es auch verstehen, aber auch so, dass mensch merkt, dass da rhetorische Kniffe verwendet werden, die seit Generationen erprobt und verfeinert worden sind. Ich mag Bücher, bei denen mensch gar nicht anders kann, als sie vorzulesen, und so schreib ich auch gern, mit vielen Wiederholungen, Alliterationen, mit bewusstem Rhythmus …
Eine Autorin, deren Stil ich sehr bewundere ist die Kanadierin Kai Cheng Thom. Letztes Jahr hab ich auch Jean Giono für mich entdeckt, als ich »Regain« gelesen hab. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, eine Person aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, erzählt mir eine Geschichte – und das obwohl das Buch auf Französisch war! Naja und was richtig gute Dialoge angeht, komm ich immer wieder zurück zu A. A. Milne beziehungsweise Harry Rowohlt und ihren jeweiligen Versionen von »Winnie the Pooh« Die Übersetzung war die erste Audiokassette meiner Kindheit und wenn ich heute mal zur Entspannung wieder »Pu der Bär« lese, dann hör ich die Stimmen der Bewohner_innen des Hundertsechzig-Morgen-Walds immer noch so, wie von Harry Rowohlt eingelesen.

Und was liest du jetzt gerade?
Ich hab mir diesen Herbst in einem kleinen Marathon fünf Bücher von Akwaeke Emazi reingeknallt. Dann hab ich alle Jane Austen–Romane wiedergelesen – scheinbar lass ich mich gern auf eine_n Autor_in komplett ein und komm erst wieder raus, wenn ich durch alle Werke durch bin, die mir gerade zur Verfügung stehen – und ein paar lang unveröffentlichte (und deswegen uneditierte) Schnipsel, die allerdings eher linguistisch als literarisch interessant waren … Und zuletzt war »Fun Home« dran, ein Comicband von Alison Bechdel, war allerdings nicht so fun, der Titel bezieht sich auf das Bestattungsunternehmen (Funeral Home) der Familie und es geht vor allem um die heimliche Homosexualität und den frühen Tod Bechdels Vaters. Also keine leichte Kost, aber sehr lesenswert, vor allem für Menschen, die historische und/oder aktuelle politische Comicbücher ähnlich lieben wie ich. Ich glaub, es gibt kaum was, was ich so verschlingen kann, wie gut recherchierte historische Forschung, die möglichst niederschwellig zugänglich gemacht wird – durch Bilder oder wörtlich eingebaute Zeitzeug_innenberichte. Und am schönsten ist es, wenn dabei Leute zu Wort kommen, die sonst oft nicht als Individuen in die Geschichtsbücher eingehen, wie People of Colour, queere Personen, Behinderte, Arbeiter_innen, viele mehr und jede erdenkliche Kombination aus diesen Gruppen.

Andere Frage: An welches Ereignis denkst du besonders gerne zurück?
Ich hab richtig lang über diese Frage nachgedacht, bis mich ein befreundeter Mensch drauf hingewiesen hat, dass es nicht darum geht, die ultimativ beste Erinnerung zu finden, sondern einfach eine, die mir spontan einfällt. Und jetzt im Kontext dieses Interviews denk ich an Wales. Also.
Wie das in Südwales meiner Erfahrung nach immer notwendig ist, haben wir jeden nicht komplett verregneten Tag für einen Ausflug genutzt – meist durch Nebelschwaden und ebenfalls ganz schön frech wirkende Schafherden zu einem Wasserfall, einem sagenumwobenen See, einem Steinkreis oder einem Berggipfel … Aber an einem Tag waren wir stattdessen im Kino. Im Nachbartal in einem kleinen Arbeiter_innenort hat sich der dortige Bergarbeiterverein mit Geld aus den monatlichen Mitgliedsbeiträgen ein eigenes Kino hingestellt. Ein Prunksaal und ein kleinerer Raum, vergoldete Lampen, Stuck, Popcorn und alles, was dazugehört. Und weil es grad Zeit für Barbie war, wir natürlich alle in pink und so offensichtlich trans wie wir nur sein konnten. Irgendwo am Land in einem Bergarbeiterkino. Und dann? Dann war es ein richtig schöner Ausflug. Die Kinomitarbeiter_innen waren herzlich und lieb, wir durften in alle Räume reinschauen und die alte Dame, die die Tickets gezwickt hat, ist am Ende extra vorbeigekommen, um unsere Meinung zum Film zu hören und uns zu sagen, wie schön sie es findet, dass sie uns getroffen hat. Und irgendwie ist das nur eine kleine Sache, aber wenn Leute aus verschiedenen marginalisierten Gruppen aufeinander treffen und gemeinsam eine schöne Zeit haben, dann geht mir jedes Mal das Herz auf und alles wirkt plötzlich viel machbarer.

Woran arbeitest du derzeit?
An einer Reihe von lebensgeschichtlichen Interviews zum Thema Geschlechtervielfalt – ich interviewe im Rahmen des Oral History Projekts MenschenLeben inter_ trans_non-binary Personen über ihr Leben. Die Interviews, bei denen die Interviewpartner_innen dem zugestimmt haben, werden voraussichtlich nächstes Jahr auch auf der MenschenLeben–Website veröffentlicht.
Und an dieser Liedersammlung – also der Sammlung von Übersetzungen revolutionärer Lieder aus allen Gegenden, in denen ich bis jetzt unterwegs war. Bis das genug Lieder sind, um was draus zu machen, wird es allerdings wahrscheinlich noch etwas dauern.

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Dieser Artikel erschien in der >Gratisbeilage zum U78-79/ Nov. 2023
Fragen: mpk

Porträt: Gerlinde Allmayer

Foto: Gerlinde Allmayer während der IDI-Tagung 2023
(© Gerd Allmayer)

Gerlinde Allmayer im Porträt

Gerlinde Allmayer zählt in ihrer Region zu den bekanntesten Dialektautor:innen, was nicht nur daran liegt, dass ihre Texte von hoher Qualität sind und beim Publikum gut ankommen, sondern auch daran, dass sie sich für ihre Region und den Dialekt unermüdlich einsetzt. Dabei hat sie selbst erst spät begonnen, im Dialekt zu schreiben.

Die Autorin kam 1958 in Niedernsill zur Welt, wo sie auch heute noch lebt. In ihrer Kindheit war der Dialekt die vorherrschende beziehungsweise einzige Sprache, erst durch den Eintritt in die Volksschule kam Allmayer mit der Hochsprache in Berührung. Die Zweisprachigkeit empfindet sie als Vorteil. Sie selbst habe mit dem Erlernen der hochdeutschen Sprache keine Probleme gehabt, weniger sogar als jene Kinder, die in einem Mischmasch aus Dialekt und Hochsprache erzogen wurden. „Als Kind ist es wichtig, dass du eine Sprache ordentlich beherrscht, dann sind die Wurzeln für jede weitere Sprache gelegt“, meint sie.

Mit dem Schreiben hat Gerlinde Allmayer bereits als junge Erwachsene begonnen. Der Dialekt kam in ihrer Literatur allerdings erst 1997 dazu, als die Dialektautorin Barbara Rettenbacher-Höllwerth († 29.8.2023), einst Allmayers Volksschullehrerin, vom literarischen Schaffen ihrer ehemaligen Schülerin erfuhr und sie ermunterte, für die Niedernsiller Stund Dialekttexte zu verfassen.
„Ich wollte eigentlich nie Dialektautorin werden“, gesteht Allmayer. „Für mich hatten Dialektgedichte damals noch den Beigeschmack: zu brav, zu verstaubt, zu heimattümelnd. Ich kannte bis dahin fast ausschließlich gereimte Dialektgedichte, in denen es um Wald, Blumen und Alm ging.“
Bei der Niedernsiller Stund stachen die Texte Allmayers heraus. Dass erkannte auch Max Faistauer, der damalige Leiter des Arbeitskreises Regionale Sprache und Literatur im Salzburger Bildungswerk. Er ermunterte die Autorin, weiterhin im Dialekt zu schreiben – und Allmayer blieb dabei.
„Anfangs war meine Niederschrift fürchterlich! Gerade die verschiedenen E-Laute des Pinzgauerischen kann man nicht eins zu eins abbilden. Von Max Faistauer lernte ich dann, wie wichtig es ist, dass sich die Schreibweise der Wörter einheitlich durch den Text zieht. Am Ende soll der Dialekt nachvollziehbar, aber auch lesbar sein.“
Durch die Teilnahme an Seminaren und Schreibwerkstätten tauchte Allmayer schließlich immer tiefer in die Dialektliteratur ein. Über Barbara Rettenbacher-Höllwerth lernte sie auch die Ö.D.A. und den Morgenschtean kennen und stellte schließlich fest: In der Dialektliteratur gibt es durchaus viele gute, kritische Texte.
„Und so bin ich dann immer tiefer in diesen `Sumpf´ hineingerutscht und seither nicht mehr wieder herausgekommen“, gesteht die Autorin lachend.

Mittlerweile ist Allmayer nicht mehr „nur“ Autorin, sondern außerdem Organisatorin zahlreicher Veranstaltungen und Schreibwerkstätten. 2008 übernahm sie selbst die Organisation der Niedernsiller Stund, die jedes Jahr Ende September stattfindet – 2023 fand das Event bereits zum 36. Mal statt. Lasen in den Anfängen noch ausschließlich Autor:innen aus dem Oberpinzgau, weitete bereits Rettenbacher-Höllwerth die Einladungen auf andere Gaue aus. Allmayer veränderte die Veranstaltung nochmals. Statt wie früher sechs, sieben oder acht Autor:innen, werden jetzt nur mehr vier eingeladen, damit sich das Publikum besser auf die Lesenden und ihre Texte einstellen kann. Eine:r der vier kommt aus dem internationalen Raum – meist über das Internationale Dialektinstitut IDI, dessen Vizepräsidentin Allmayer mittlerweile ist. Auch der Veranstaltungsort wurde geändert – statt im Gasthaus werden die Texte nun im Kulturzentrum Samerstall Niedernsill vorgetragen.
„Wir haben dort einen schönen Veranstaltungssaal und außerdem, in einem angeschlossenen Raum, das Tauriska Mundartarchiv, in dem wir Mundartschriften und -Publikationen aus dem Land Salzburg sammeln. Die ältesten sind aus dem neunzehnten Jahrhundert. Das Ambiente im Samerstall bietet dem Publikum die Möglichkeit, sich konzentriert auf die Texte einzulassen – und ich habe das Gefühl, dass die Veranstaltung dadurch sehr gewonnen hat.“
Seit 2011 wird die Niedernsiller Stund auch auf Radio Salzburg ausgestrahlt, sodass auch Menschen von außerhalb die Texte hören können. Aber auch im restlichen Jahr setzt sich Allmayer für die Dialektliteratur ihrer Region sowie die Literatur im Allgemeinen ein. Sie ist mittlerweile Leiterin des Arbeitskreis Regionale Sprache und Literatur, leitet das vorhin erwähnte Tauriska Mundartarchiv und als Vizepräsidentin des IDI (Internationales Dialekt Institut) ist sie auch international mit der Mundart vernetzt. Darüber hinaus bietet sie Schreibwerkstätten in hochdeutscher Sprache und im Dialekt an, nicht nur an Schulen, sondern unter anderem auch an der VHS Zell am See.
Während der Pandemie rief Allmayer eine Online-Schreibwerkstatt ins Leben, die sich schließlich WmW (Weiwaleit mit Weitblick) nannte und im Frühjahr 2022 gesammelt Texte an den Morgenschtean sandte, von denen einige in der Ausgabe U72-73 abgedruckt wurden. Auch heute noch treffen sich die Mitglieder einmal im Jahr bei einer Online-Schreibwerkstatt, was den Vorteil hat, dass auch jene, die nicht im Pinzgau wohnen, problemlos mit dabei sein können.
Um andere Autor:innen zu fördern, gründete Allmayer schließlich auch den manggei-Verlag. Dort sind zahlreiche Publikationen im Pinzgauer sowie auch im Tennengauer Dialekt erschienen, nicht nur von Gerlinde Allmayer selbst, sondern auch von Max Faistauer, Gundi Egger, Maria Junger, Erika Rettenbacher, Lisbeth Ebner, Anna Nindl, Theresia Oblasser und Ursula Pernhofer (siehe Infobox unten).

2017 erhielt Allmayer für ihr literarisches Werk und ihre Verdienste zur Förderung des Dialekts den Walter Kraus Mundartpreis.
„Das war schon ein schönes Gefühl. Den Preis erhält man ja nicht bloß für ein Gedicht sondern für ein umfangreiches Schaffen.“
Ob sie selbst auch manchmal Texte in hochdeutscher Sprache verfasse?
„Natürlich. Nicht jeder Text will im Dialekt niedergeschrieben werden. Manche Texte kommen gleich im Dialekt heraus, andere wollen lieber auf Hochdeutsch niedergeschrieben werden.“
Autor:innen, die gerade beginnen, im Dialekt zu schreiben, rät Allmayer, sich ein Wortregister für den eigenen Dialekt anzulegen.
„So fällt es leichter, sich eine einheitliche Schreibweise anzugewöhnen – und erleichtert auch die Zusammenarbeit mit einer Lektor:in.“
Durch ihre Verlagsarbeit und die vielen Zusammenkünfte mit Dialektautor:innen aus diversen deutschsprachigen Regionen, wurden auch andere Dialekte immer vertrauter für Allmayer.
Die Liebe zur Literatur und zum Dialekt hat Gerlinde Allmayer an ihre Tochter weitergegeben. Trotz Übersiedelung nach Vorarlberg schreibt Cornelia Allmayer-Krieg im Dialekt ihrer Kindheit und Jugend. Dass das Talent weitervererbt wurde, davon kann man sich im neuen Morgenschtean (U76-77) überzeugen!

Text: Margarita Puntigam Kinstner
Dieser Artikel erschien in der PDF-Beilage zum Morgenschtean U78-79/ Nov. 2023

Ausgabe U78–79 / Nov. 2023

Ausgabe U78–79 / Nov. 2023

Interview: Andyman
Dialektliteratur zum Thema: „sudan, keppln und juchazn“ mit Texten von: Laura Nußbaumer, Claudia Andersag, Elisabeth Hafner, Anna Maria Lippitz, Helene Steger-Holzknecht, Silke Gruber, Bianca M. Klein, Julia Schneidhofer, Harald Letonja, Mario Huber, Traude Veran, Renate Schiansky, Regina Appel, Stefan Winterstein, Rudolf Jelinek und Johannes Lerch
Dialektliteratur aus SALZBURG von:  Maria Junger, Gundi Egger, Max Faistauer, Katherina Braschel, Katharina J. Ferner, Cornelia Allmayer-Krieg, Brigitte Menne, Gerlinde Allmayer und Stefanie Steiner

mit QR-Codes zu Hörtexten sowie einen Link zur PDF-Beilage mit vielen weiteren literarischen Texten sowie Rezensionen und anderen Beiträgen

€ 4,50
Preis exkl. Versandkosten
(siehe AGB)


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HEINZ REINISCH
DA WIND IS A HUND

HEINZ REINISCH
DA WIND IS A HUND

a lüfterl is guat
owa da wind is a hund
der draht ma olls über
der deckt ma olls o
der schmeißt ma olls um
der zaht ma olls fuat
und jeda fetzn fliagt durch die gegend
er foahrt ma in d hoar
und gegen den wind
trau di liawa ned brunzn
da wind is a sau

aus: Heinz Reinisch:
„IS MA OLLAS UNTAKUMMAN – texte in dialekt und umgangssprache“
Eigenverlag, 2023
192 Seiten
Bestellung direkt beim Autor unter heinz.reinisch@gmx.at


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Andersag, Claudia

©Lisa Resatz

Claudia Andersag

Die gebürtige Lustenauerin hat nach einigen Stationen im Ausland ihren Weg zurück in die Heimat gefunden und lebt nun als Wahl-Wienerin in der größten Stadt Vorarlbergs. Sie liebt es, ihre verschiedensprachigen Texte zu teilen und liest nicht nur im Dialekt mit dem Herz auf der Zunge. Als Teil der Theatergruppe „Playbackerei“ hört sie Geschichten aus dem Publikum zu und spielt diese improvisiert zurück. Claudia ist Focusing-Trainerin, führt achtsam durch Kunstwege und leitet Workshops für heilsames Schreiben. Was ihre Texte und Projekte miteinander verbindet, sind die Wertschätzung von Prozessen und die Feinfühligkeit ihrer Fragen nach interpersönlichem Verständnis und zwischenmenschlicher Kommunikation.

Links:
www.instagram.com/andersagt
facebook.com/claudia.maria.9615

zuletzt aktualisiert 2024

Literarische Beiträge von Claudia Andersag finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U78-79/2023

Klein, Bianca M.

Bianca M. Klein

geboren 1983, wächst in Österreich und in der Schweiz auf, das Erlernen ihrer Muttersprache erfährt sie somit unter verschärften Bedingungen. Seit Jahren stürzt sie sich als Improtheater-Spielerin und Kabarettistin in das gesamte Spektrum menschlichen Verhaltens. Das Beobachten und Ausleben von Charakteren im Alltag und auf der Bühne nutzt Bianca für die Entwicklung ihrer Romanfiguren und Geschichten. Sie lebt seit einigen Jahren in Wien.
Diverse Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien

Literarische Beiträge von Bianca M. Klein finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U76-77/ 2023
U78-79/2023
U86–87/2025

Egger, Gundi

Edelgunde (Gundi) Egger

lebt mit ihrer Familie in Stuhlfelden, einer kleinen Gemeinde im Oberpinzgau. Bis zu ihrer Pensionierung vor 2 Jahren war sie als Amtsleiterin der Gemeinde beschäftigt. Nun baut sie in ihrer Freizeit das Gemeindearchiv Stuhlfelden auf, auch eine Chronik ist geplant. Die Autorin schreibt seit ca. 30 Jahren, davon seit ca. 20 Jahren auch im Dialekt. Gerne besucht sie Schreibwerkstätten und Seminare.

Veröffentlichungen:
2018 erschien „Wasser Wünsche Wolkenreiter“– Geschichten und Gedichtein Pinzgauer Mundart und Schriftsprache.
Außerdem erschienen Texte der Autorin in den Anthologien „Achtstimmig“ und der „Der Pinzgau is a Gfüh“ sowie in diverse Kalendern und Zeitungen und bei ORF Salzburg.

Die Autorin ist Mitglied der Schreibgruppe WmW

zuletzt aktualisiert im April 2022

Literarische Beiträge von Gundi Egger finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U72-73/2022
U76-77/2023

Harald Letonja im Interview

Der Grazer Autor Harald Letonja zu Gast in der zweiten Folge von DialektSHOG – und darin geht es diesmal um die Motivationen, warum Autor:innen überhaupt im Dialekt schreiben.

Lieber Harald, du schreibst deine Gedichte im Grazer Dialekt und übersetzt auch englischsprachige Songs. Wie bist du zum Dialekt gekommen?

Meine Beziehung zum Dialekt ist schnell geschildert: Als Kind habe ich mich nicht für Dialekt interessiert — weil ich ganz selbstverständlich damit aufgewachsen bin. Es war meine Sprache. Die habe ich von Anfang an im Hals gehabt. Die Geschwister, die Nachbarn, die ganze Vorstadt-Umgebung, die Spiel- und Schulkameraden, das alles zusammen hat mein Sprechen geprägt. Alle um mich herum haben im Dialekt gesprochen. Die einzige Ausnahme war meine Mutter. Im Gegensatz zu meinem Vater, der ein Grazer war, stammte sie aus Danzig, das war zur Zeit ihrer Kindheit noch eine deutschsprachige Freie Stadt. 1945 musste sie von dort flüchten. Sie hat, bis zu ihrem Tod vor einigen Jahren, mit über 90, immer ihre klare und sprachlich korrekte norddeutsche, leicht preußische Ausdrucksweise und Sprachfärbung beibehalten. Das haben wir Kinder nicht übernommen, das wäre absurd gewesen, dann dazu war der Eindruck, der sprachliche Druck der Dialektumgebung zu dominant. Wir haben diese klare Sprache unserer Mutter aber immer im Ohr gehabt. Das hat dazu geführt, dass wir zum Beispiel keine Probleme hatten, den 3. vom 4. Fall zu unterscheiden. Außerdem hat uns unsere Mutter schon ganz früh so exotisch klingende Wörter wie Kolon oder Semikolon nahegebracht, als die LehrerInnen immer nur von Doppelpunkt und Strichpunkt gesprochen haben.

Gibt es Vorbilder – bzw. wer hat dich geprägt?

Als Kind war für mich die Nachbarschaft prägend. Die Grazer Moserhofgasse, in der ich aufgewachsen bin, hatte in meiner Kindheit und Jugend noch den Beinamen „Windische Herrengasse“. Die abschätzige Bezeichnung „windisch“ bezog sich auf die vielen Menschen in der Gasse, die wie mein Vater slowenische Wurzeln hatten. Der Vergleich mit der prunkvollen Herrengasse im Zentrum war eine ironische Bezeichnung. Damit war gemeint, dass die Moserhofgasse eleganter sein wollte, als sie tatsächlich war.

Viele Nachbarinnen und Nachbarn hatten einen starken slowenischen Einschlag in ihrem Dialekt, der uns erst mit der Zeit alles verstehen ließ, was sie uns in ihrer melodisch auf- und absteigenden Sprachmelodie sagen wollten.

Der Dialekt mit seinem besonderen Sprachklang wurde für mich zur Selbstverständlichkeit. Ich schreibe sowohl in Hochsprache als auch im Dialekt. Beim Dialekt hat man zwar nicht mehr Möglichkeiten als in der Hochsprache, aber der Dialekt hat andere Möglichkeiten, die die Hochsprache nicht kennt.

Frühe Einflüsse in meiner späteren Jugend waren, wie bei so vielen Dialekt-SchriftstellerInnen, der Sprachgott H. C. Artmann mit seiner „schwoazzn dintn“ — damals für mich ein Erweckungserlebnis, vor allem, was die Transkription, das Umsetzen von Sprache in sichtbar gewordene Sprache, also Schrift betrifft. Weiters auch Christine Nöstlinger mit ihren großartigen Dialektgedichten in dem Gedichtband „iba de gaunz oamen leit“. Dann selbstverständlich die unendlich große Austropop-Szene mit Ambros, Danzer und vielen anderen. Sehr beeindruckt hat mich auch Arik Brauer, der die Szene um den jiddischen Einfluss bereichert hat und eine ganz raffinierte Art zu reimen hatte. In der Steiermark waren und sind wir ohnehin bis heute gesegnet mit STS, EAV und vielen, vielen anderen.

Was bietet dir der Dialekt für deine Literatur, was die Hochsprache nicht bietet?

Wie hier schon mehrfach und übereinstimmend gesagt wurde, herrscht Einigkeit darüber, dass jeder Dialekt seine eigene Melodie hat, dass der Dialekt viel mit Gefühlen, Emotionen zu tun hat und dass er im Gegensatz zur Hochsprache eine sehr direkte Form des Ausdrucks ist.

Weil das so ist, schreibe ich Gedichte und Songtexte oft im Dialekt. Der Dialekt ist bildhafter, saftiger. Und sein Vokabular ist sinnlicher als das der Hochsprache.

Daraus ergibt sich eine bestimmte Weichheit, wurde in einem Interview* gesagt. Das ist bei einigen Dialekten so. Aber in meinem Fall, im Grazer Dialekt, gibt es viele kurz und hart ausgesprochenen Wörter, die nicht durch Dehnen in eine weiche Form gezwungen werden, wie das zum Beispiel im Wienerischen oft zu hören ist.

Im Dialekt sind die Selbstlaute, die Umlaute und vor allem die Doppellaute bestimmender als in der Hochsprache. Wahrscheinlich sind unsere Emotionen seit Urzeiten von diesen Lauten begleitet. Sei es der Angstschrei bei der Begegnung mit einem gefährlichen Tier, ein Freudenschrei über endlich gelungenes Feuermachen bis hin zu den intimsten Begegnungen. Solche Ereignisse wurden und werden damals wie auch heute noch intensiv von ausgesprochenen oder auch ausgerufenen Selbstlauten, Umlauten oder Doppellauten begleitet.

Der Dialekt hat aber auch eigene Doppellaute, die in der Hochsprache nicht zu finden sind, wie ea, ou, oi, ia, ua, oa, und viel öfter als in der Hochsprache auch das ui. (Also zum Beispiel heast as net, seavas, gean, sou houch oubn, woid, koit, zoit, Hiatamadl, ziang, miassn, fui, ghuit, schuid, zua, gnua, schua, hean, plean, schtean, haot, boat, woat).

Interessanterweise gibt es im Englischen nicht wie bei uns nur drei oder vier, sondern gleich acht Doppellaute:

ou (low, go),
au (loud, mouse)
ai (light, bike)
ei (lay, face)
oi (boy, oil)
ia (steer, clear)
ea (air, chair)
ua (tour, poor)

Vielleicht ist diese Ähnlichkeit und das häufigere Vorkommen von Doppellauten, die im Englischen und in unserem Dialekt zu finden sind, dafür verantwortlich, dass englischsprachige Songs sich leichter in den Dialekt übersetzen lassen als in die dafür doch oft sperrige Hochsprache.

Wie bereits erwähnt, schreibst du nicht nur eigene Texte im Dialekt, sondern übersetzt auch Lieder wie etwa die von Leonard Cohen. Worauf legst du bei der Übersetzung bzw. Übertragung dein Augenmerk?

„Sprachen sind nicht kompatibel“, hat einmal der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott gesagt.

Und die große Schriftstellerin Maja Haderlap hat nicht nur den wunderbaren, erschütternden Roman „Der Engel des Vergessens“ geschrieben, sondern auch den Gedichtband „Langsamer Transit“. Sie sagt in einem Gedicht, dass die Wörter, die den Fluss durchqueren, nur ja nicht glauben sollen, dass sie unversehrt, so wie sie waren, am Ufer der anderen Sprache aus dem Fluss steigen könnten.

Und Wolfgang Ambros, der Bob Dylan und auch Tom Waits übersetzt hat, meinte vor kurzem in einem Interview, dass man Tom Waits nicht übersetzen oder übertragen, also in den Dialekt hinübertragen kann. Und dann hat er den entscheidenden Satz gesagt: „Man muss versuchen, das zu sagen, was der Tom Waits versucht hat zu sagen. Und wenn das 1:1 in Worten nicht geht, dann muss man andere Worte finden, die das versuchen.“

Das Thema „Übersetzen“ ist zu groß, um es hier auszuführen. Aber an einem kurzen Beispiel kann man sehen, was der Dialekt bei einem aus dem Englischen übersetzten Text vermag:

Es gibt in dem Song „America“ von Paul Simon, noch gesungen von Simon & Garfunkel, die wunderbare Zeile:

And the moon rows over an open field. (der englische Doppellaut „ou“ kommt drei Mal vor)

In die Hochsprache übersetzt, könnte man das etwa so formulieren:
Und der Mond steigt auf über offnem Feld/
oder: Und der Mond hoch über dem offnen Feld.
oder: Und der Mond hoch ober dem offnen Feld

Im Dialekt (wo es das „ou“ im Gegensatz zur Hochsprache ja auch gibt) könnte man das „And the moon rows over an open field“ dann so übersetzen:
und da mond houch ouwa an oufnan fööd. — („sou houch oum, da mond“)

In der zweiten Sendung von DialektSHOG, bei der du Gast sein wirst, steht unter anderem auch die Frage im Raum, ob gute Dialektliteratur von Menschen geschrieben werden kann, die selbst nicht im Dialekt sozialisiert wurden. Wie stehst du zu dem Thema?

Warum nicht? Karl Merkatz, der „Mundl“, war ein geborener Wiener Neustädter, das geht bei Wienern vielleicht noch durch. Wolfgang Böck ist in Linz geboren, hat in Salzburg und Graz studiert und hier Erfolge am Schauspielhaus und in der Oper gehabt. Soviel ich weiß, ist er erst mit über 30 in Wien als „typischer Wiener“, wie später in der Rolle des „Trautmann“ bekannt geworden. Adi Hirschal ist geborener Innsbrucker und auch erfolgreicher Schauspieler auf deutschen und österreichischen Bühnen. Böck und Hirschal singen gemeinsam die typischen Wiener „Strizzilieder“. Allen dreien ist gemeinsam, dass sie Schauspieler sind und neben den Rollen, die dem Fernsehpublkum bekannt sind, viele Engagements und Erfolge an großen deutschsprachigen Bühnen gehabt haben. In Hochsprache selbstverständlich. Den Dialekt haben sie sich für ihre Rollen „angeeignet“. Wer Karl Merkatz einmal privat oder in Interviews gehört hat, der hat einen Menschen mit sehr gewählter, fast vornehmer Stimme, Wortwahl und Formulierung gehört. Der „Mundl“ war eine Rolle.

Bei Gedichten, bei emotionaler Lyrik, kann es auch eine Rolle sein, in die man schlüpft, auch im Dialekt. Die Literatur und ihre Präsentation ist vielfältig geworden. Rap, Poetry Slam und kunstvolle Lesungen sind oft mit „Rollenspielen“ verbunden. Wenn dadurch heute, auch mit Dialekt, andere, neue Zuhörergruppen angesprochen werden, sollte man das als Bereicherung sehen. Am Ende steht immer die entscheidende Frage: Ist es gut gemacht oder nicht?

Die Fragen stellte Margarita Puntigam-Kinstner

Die 1. Grazer Lesebühne setzt ihr Publikum unter Strom – und das schon seit 10 Jahren

V.O.L.T

Die 1. Grazer Lesebühne setzt ihr Publikum unter Strom – und das schon seit 10 Jahren

von Margarita Puntigam-Kinstner

Es ist der 18. Mai – VOLT-Abend im Postgaragen-Cafe. Kurz vor Beginn plaudert man noch ein paar Töne, erzählt sich das Neueste und wartet auf jene, die noch das Kleinkind schlafen legen. Die lockere, gemütliche Stimmung ist Teil des Lesebühnenflairs, das gilt für Berlin genauso wie für Graz. In erster Linie geht darum, in entspannter Atmosphäre Zeit miteinander zu verbringen. Vor allem aber soll das Publikum gerockt – bzw. unter Strom gesetzt werden. Dass das regelmäßig gelingt, erkennt man daran, dass sich der Raum im Postgaragen-Café schnell füllt. Trotz der eilig herbeigebrachten, zusätzlichen Sitzmöglichkeiten, muss am Ende etwa ein Dutzend Gäste mit einem Stehplatz Vorlieb nehmen, doch das scheint der Vorfreude keinen Abbruch zu tun.

1. Grazer Lesebühne in neuem Gewand

Die elektrisierende Formation namens V.O.L.T – bestehend aus den Slam-Poet:innen da Wastl (V), Anna-Lena Obermoser (O), Klaus Lederwasch (L) und Mario Tomić (T) – tritt zwar erst seit etwas mehr als einem Jahr in dieser Kombination auf, die Lesebühne selbst gibt es jedoch schon seit 2013. Auf sage und schreibe 75 Auftritte konnte das Kollektiv – damals noch unter dem Namen „Gewalt ist keine Lesung“ – zurückblicken, bevor der Lockdown den Auftrittsmöglichkeiten vorerst einen Riegel vorschob.
Ohnehin aber war zu dieser Zeit schon ein bisschen die Luft draußen. Das Team befand sich im Umbruch, manche waren weggezogen andere hinzugekommen, auch passte die Chemie nicht mehr ganz so gut wie zu Beginn. 2021 kam man zwar noch einmal zusammen, um gemeinsam ein Corona-Projekt zu verwirklichen (siehe Infokasten), ansonsten sah man in der Ruhe die Chance, sich zu überlegen, wie es weitergehen soll.

Das „Corona-Projekt“ der 1. Grazer Lesebühne: ein breite Holz-USB-Stick mit Texten von Mario Tomić, Klaus Lederwasch, Wittrich, Anna-Lena Obermoser, Kuno Kosmos und anderen Poet:innen. Die Texte werden musikalisch von Niki Waltersdorfer begleitet – Hörproben finden Sie im neuen Morgenschtean über die QR Codes.
Der Stick ist nach wie vor bei den Veranstaltungen von V.O.L.T. erhältlich!

Im Mai 2022 konnte man die Lesebühne schließlich erstmals in neuer Formation im Postgaragen-Café erleben. Mit Mario Tomić und Klaus Lederwasch waren zwar auch zwei Gründungsmitglieder im Team – das Format aber war nun ein anderes. Freier für jede:n einzelne:n Poet:in sollte es werden, vor allem wollte man den Organisationsaufwand ein wenig reduzieren ohne dass dabei die Qualität verlorengeht.
„Bis zum Lockdown, haben wir noch für jeden Abend eigens ein Theaterstück verfasst“, erinnert sich Lederwasch. „Das war zwar eine echt coole Sache, aber halt auch ein enormer Aufwand, wenn man bedenkt, dass ja jedes Stück nur einmal zur Aufführung kam.“

Um – neben dem jeweils eingeladenen Stargast – auch im eigenen Programm ein besonderes „Herzstück“ zu bieten, gibt es nun die Challenge. Welcher Art diese sein soll, wird immer durch zwei Würfel entschieden. Der eine gibt die Art der Challenge vor, der andere, wer sich dieser Challenge das nächste Mal stellen muss. Möglich sind neben den Formaten Rap und Team-Text z.B. Stand-Up, ein Song oder sogar ein ganzes Musical. Damit es nicht zu einfach wird, müssen die Stichworte eingebaut werden, die vom Publikum vorab gesammelt und gezogen wurden.

„Die Challenges sorgen dafür, dass wir unsere gewohnte Spielwiese verlassen und uns auch mal an neue Formate wagen. Ich selbst wäre zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, einen Rap zu schreiben“, gesteht Anna-Lena Obermoser, die mit ihrer souligen Stimme und ihren eindringlichen, im Salzburger Dialekt deklamierten Texten das Publikum mitreißt.

oben v.l.n.r.: da Wastl (V.), Anna-Lena Obermoser (O), Klaus Lederwasch (L.); unten: Mario Tomic (T.); Foto © V.O.L.T

Maximale Freiheit – maximaler Respekt

Abgesehen von der Challenge, gibt es für die Poet:innen seit 2022 keine Vorgaben mehr. Jede:r bereitet Bühnentexte vor, die seinem bzw. ihrem Stil entsprechen, auch von einem Thema möchte man sich nicht mehr einschränken lassen.
„Wir sind alle sehr unterschiedlich in dem, was wir tun“, meint Obermoser. „Das ist auch der Grund, warum ich gerne bei VOLT bin. Wir lassen einander die maximale Freiheit, arbeiten aber andererseits sehr eng zusammen. Das geht nur, wenn die Chemie stimmt, und das ist bei uns jetzt wieder zu 100 Prozent der Fall.“

Gerade die markanten Stilunterschiede machen den Charme der 1. Grazer Lesebühne aus – kein Vortrag ähnelt auch nur annähernd dem anderen.
Während der Wastl mit viel Wortwitz im Rap-Rhythmus slammt, erinnern Anna Lena Obermosers Gänsehaut erzeugende Auftritte an die des legendären Beatniks Allen Ginsberg.
Lederwasch wiederum ist seinen Tiergeschichten treu geblieben, die einem das Lachen regelrecht im Halse stecken bleiben lassen.
Wer „den bunten Haufen“ mit seiner absolut liebenswert-schrägen Moderation zusammenhält, ist – nicht nur an diesem Abend – Mario Tomić.
„Und? Was habt ihr euch gemerkt?“, fragt er in die Runde. Als alle im Publikum verlegen zu kichern beginnen, streichelt er mit gespielt-enttäuschtem Blick die Wassermelone, die er den halben Abend über in seinen Armen hält, als müsse er bei ihr Trost suchen.

Tomić kennt man in Graz schon lange. Man könnte sagen, was Markus Köhle und Mieze Medusa für die gesamtösterreichische Slamszene sind, ist Mario Tomić für Graz. Jahrelang hat er unter anderem den Kombüsen-Slam moderiert und den PoetySlam mit viel Elan und vor allem seinem ganz eigenen schrägen Humor in der steirischen Landeshauptstadt bekannt gemacht.
An diesem Abend nimmt der Poet – der sich selbst in seinen Texten oft mit dem Thema Migration beschäftigt – zurück. „Damit der Abend nicht zu lange dauert“, wie er verrät. Immerhin warten doch alle gespannt auf den Stargast und die anschließende Challenge – denn diesmal wird tatsächlich ein Musical geboten.

In Spaß verpackte Gesellschaftskritik

Was nach der Pause folgt, ist eine an Lachkrampf-Potential kaum zu überbietende Darstellung. Wastl spielt den Zwergkaninchen jagenden Sonnenkönig – in Hawaiihemd, Bermudashorts und und Turnschuhen, auf die Stofftiere gebunden sind. Sein buckelnder Diener Lederklaus singt im Sado-Maso-Fledermauskostüm; Tomić und Obermoser geben die Einbrecher, die den goldenen Schuh stehlen und im Anschuss darüber streiten, wer die Putzarbeit zu übernehmen hat.
Das klingt nach einer herrlichen Blödelei, und tatsächlich stehen den meisten Besucher:innen Tränen in den Augen. In ihren schrägen, fast durchwegs gesungenen Texten üben die Poet:innen jedoch Kritik am Kapitalismus; es geht um Machtstrukturen und Ungleichbehandlung, und auch die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau wird in das bizarre Setting gepackt.
„Ursprünglich hatten wir sogar einen queren König. Ich hatte schon einen Text dazu geschrieben, aber dann sind wir draufgekommen, dass das doch zu viel Themen geworden wären“, gesteht Obermoser ein paar Minuten nach dem tosenden Schlussapplaus, als alle wieder gemütlich bei Bier und Makava beisammenstehen.
Auch das gehört zum Erlebnis dazu. Dass man im Anschluss – um einen Tisch stehend – mit den Mitgliedern der Lesebühne über das Gesehene bzw. Gehörte diskutieren kann und auch einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Texte gewährt bekommt. Das ist schon ein ganz anderes Erlebnis, als wenn man man in einer Stuhlreihe sitzt und auf ein erhobenes Podium emporblickt.

Hinweis: V.O.L.T tritt das nächste Mal am 14. Juli 2023 auf – bei Gatto im Museum
Alle Infos zu den Auftritten findet man auf Facebook unter: https://www.facebook.com/daWastl.Obermoser.Lederwasch.Tomic

Ulrike Düregger im Interview

„Das ist wie ein Auftrag, den ich mir spüre, gegen Unrecht den Mund aufzumachen“

Die steirische Regisseurin und Liedermacherin Ulrike Düregger lebt seit 30 Jahren in Berlin. Isabella Krainer hat die Künstlerin gefragt, warum sie Graz verlassen hat und wie es ihr mit ihren Dialektliedern in Berlin geht.

ISABELLA KRAINER: Du bist in Graz geboren und lebst seit 1993 als Regisseurin, Performing Artist, Sängerin und Liedermacherin in Berlin. Was hat dich als Künstlerin dazu bewogen, die Steiermark hinter dir zu lassen?
ULRIKE DÜREGGER: Ich bin wohl so eine typische Schütze-Frau, die es früh in die weite Welt hinausgezogen hat. Übrigens bin ich zwar in Graz geboren, aber in Neumarkt/Stmk., einem Ort mit 2000 Einwohner*innen, aufgewachsen. Ich war neugierig auf Menschen, auf Lebensmodelle, auf Kunst. Und da war mir die Steiermark etwas zu eng. Andererseits hat mich als junge Frau das „Motschgan“, das Meckern und Alles-Negativ-Sehen als Lebensgefühl, ziemlich g‘stört. Ich wollte ein Gegenbeispiel sehen und spüren. Die Verbundenheit zu meiner Heimat, die trotz der kritischen Perspektive immer da war und ist, kann ich vielleicht einfach besser aus der geografischen Ferne genießen und so im Herzen tragen.

ISABELLA KRAINER: Auf POSTTRAUM(A), deiner 2022 erschienenen CD, finden sich Folk, Pop und Jazz-Elemente. Ein musikalischer World-Mix. Sprachlich hast du dich bei fast allen Songs für steirischen Dialekt entscheiden. Warum?
ULRIKE DÜREGGER: Die Leute hören ja heutzutage Rap auf Kisuaheli und Chansons im Obertongesang, aber als ich in Berlin etwas mit Dialekt und auch noch in Zusammenhang mit Jazz machen wollte, da waren viele irritiert. Meinen Dialekt bezeichne ich als meine Muttersprache. Ich kann einfach anders singen und mich anders im Dialekt ausdrücken. Ich spüre mich im Dialekt mehr. Und alles immer auf Englisch zu singen, das nervt mich etwas. Das soll dann international klingen, tut es aber meiner Meinung nach nicht. Dialekt ist Identität, deswegen hab ich mich dafür entschieden. Und singen hat ja auch viel mit Seele und auch Heilung zu tun.

ISABELLA KRAINER: In Songs wie „A oida Moun“ oder „Wia woan Kinda“ geht es nicht zuletzt auch darum, das Leben Revue passieren zu lassen. Ist das in der Sprache der eigenen Kindheit einfacher? Oder vielleicht sogar schwieriger?
ULRIKE DÜREGGER: „A oida Moun“ ist tatsächlich ein Song, der zuerst aus englischen Phrasen entstanden ist. Aber ich wollte ihn unbedingt im Dialekt machen, weil ich festgestellt habe, dass diese Vater-Sohn-Geschichte überall stattfinden kann. Und „Wia woan Kinda“, ja, da verarbeite ich starke Kindheitserinnerungen. Mit meinen Geschwistern und Nachbarskindern waren wir oft alleine im Wald oder auf weiten Wiesen unterwegs. Manchmal gar nicht ungefährlich, wenn ich so zurückblicke. Aber dieses starke Band, diese Magie verändert sich, sobald man erwachsen wird.

ISABELLA KRAINER: Deine Texte, Performances, Theater- und Musikproduktionen sind von Themen wie Gewalt, Diversität, Identität und Feminismus geprägt. Nachhaltigkeit ist dir wichtig. Außerdem setzt du dich stark für Anti-Diskriminierung in Kunst/Kultur ein. Was gibt dir die Kraft, die eigene Stimme zu erheben?
ULRIKE DÜREGGER: Ja, das war mir eine Zeitlang selbst nicht so bewusst, weil ich das recht intuitiv gemacht habe. Ich hatte das Gefühl, ich kann einfach nicht anders. Es muss einfach raus. Aber dann wurde mir bewusst, in meiner Familie gab es unterschiedliche gewaltvolle Familiengeschichten, private und politische. Eine davon ist, dass meine Großeltern mütterlicherseits wegen „verbotener Liebesbeziehung“ – sie Österreicherin, er polnischer Zwangsarbeiter – ins KZ kamen und nur unsere Großmutter es überlebt hat. Ich denke, das ist wie ein Auftrag, den ich mir spüre, gegen Unrecht den Mund aufzumachen. Ich habe mich immer für Nachbarschafts-Aktivitäten interessiert, für gesellschaftliche, politische Vorgänge, mich gefragt, warum Menschen machen, was sie machen. Das fing schon in der Schule in Murau an und hat bis heute nicht aufg‘hert. Kraft gibt mir, dass ich weiß, dass ich das Richtige tue, indem ich Aktivitäten organisiere, Artikel schreibe oder es mit meiner Kunst verarbeite.

ISABELLA KRAINER: Wenn du dich im Alltag über etwas ärgerst. Schimpfst du dann auf Steirisch oder hörst du dann die Berlinerin?
ULRIKE DÜREGGER: Ah ja, doch, da kommt schon die Steirerin in mir raus. Letztens hat mich einer um halb neun in der Früh auf dem „Kampfplatz Fahrradweg“ von hinten etwas aggressiv angeklingelt. Ich sollte wohl schneller fahren – oder fliegen, keine Ahnung. Den hab ich ziemlich z’ammen g’staucht im Dialekt. Ich glaub, er hat nur die Vibes verstanden.

ISABELLA KRAINER: Du spielst mit deiner Band oft live vor Publikum. Wie werden deine steirischen Texte in Deutschland aufgenommen?
ULRIKE DÜREGGER: Es ist für mich nach wie vor auch oft überraschend, aber die Leute verstehen echt nix. Ich lass sie so aus Scherz manchmal nach einem Song raten, welche Sprache das war. Da kam sogar u.a. Irisch und Niederländisch. Einzelne Wörter werden oft verstanden, aber keine ganzen Sätze. Das ist echt Wahnsinn. Aber viele finden es einfach spannend. Und stimmig, also Dialekt und die Musik, das hab ich oft gehört und das freut mich dann.

ISABELLA KRAINER: Gibt es aktuell ein Projekt, von dem du unseren Leser:innen gerne erzählen würdest?
ULRIKE DÜREGGER: Ich hab schon lange ein Theaterstück im Kopf, in dem ich meinen österreichischen Background verarbeiten will. Denn ich bin doch a bißl kritisch mit diesem Bild der Heimatidylle. Es kann für manche auch ein Alptraum und eben keine heile Welt sein. Und natürlich bastel ich schon wieder an der nächsten CD, wieder mit steirischen Jazz-Songs und versuche unter #neodialect ein Bewusstsein dafür zu schaffen.

ISABELLA KRAINER: Zuletzt wie immer die Frage nach dem Lieblingsdialektwort. Wie lautet deines?
ULRIKE DÜREGGER: Boah, des is schwea! Nua ans? Rammlert, für unsauber.

Kosmos, Kuno

Kuno Kosmos

Mitglied des Grazer Autorinnen und Autoren Kollektivs GRAUKO,
Mitbegründer der 1. Grazer Lesebühne,
steirischer Landesmeister im Poetry Slam 2012
Redaktion und Moderation des DialektSHOG

Mit dem Schreiben ist es ähnlich wie mit dem Lernen von Fremdsprachen: kann man erst einmal eine, lassen sich die nächsten immer schneller lernen.

Meine ersten Texte schrieb ich mit 4, in einer selbst erhorchten Lautschrift. Mit 7 lernte ich das „echte“ Schreiben, genierte mich für mein bisheriges Gekritzel und feierte erste Erfolge mit Schulaufsätzen. Mit 12 erfasste mich eine breit gestreute Schreibwut. Es begann mit geheimen Drohbotschaften an eine verehrte Klassenkollegin, dann kamen Gstanzln, Kurzgedichte und Liedtexte hinzu. Ein Jahr später entstand mein erster „Roman“, stolze 27 Seiten lang. Gedichte ereilten mich in Folge regelmäßig und wurden auch zum Gaudium von Freunden vorgetragen. Kurzgeschichten schlossen sich an, eine Novelle mit latinisierten Turmsätzen, mehrere Szenen eines Theaterstücks, Übersetzungen von englischen Liedtexten.

Mit 26 begann meine Prosa-Phase mit den Schwerpunkten Sozialutopie, Neurobiologie und Philosophie (oder was davon noch übrig blieb). Berufsbedingt erlernte ich auch das didaktische und wissenschaftliche Schreiben. Eine umfangreiche Phantasiegeschichte erbrachte ein Epos mit 5000 Versen, aufgeteilt in 99 Kapitel und mit 1111 Fußnoten garniert; fünf Jahre dauerte dieses Vergnügen.

Ich nehme gerne Bezug auf das Hier und Heute. Meine Wahrnehmung ist zoomish, meine Verarbeitung rauschhaft. This is my Revier, is ein Teil von mir, my imperium, regno ergo sum. Die am meisten überraschenden Einfälle habe ich knapp vor dem Einschlafen, kurz nach dem Aufwachen und während des Überfahrens einer roten Ampel. Sind es Gedichte, so sind sie melodisch verknüpft. Ich trage sie daher auch singend vor.

Derzeit beschäftige ich mich mit 419-Scam, einer, wie es aussieht, literarisch unterschätzten und alles andere als brotlosen Schreibkunst.Meine ersten Texte schrieb ich mit 4, in einer selbst erhorchten Lautschrift. Mit 7 lernte ich das „echte“ Schreiben, genierte mich für mein bisheriges Gekritzel und feierte erste Erfolge mit Schulaufsätzen. Mit 12 erfasste mich eine breit gestreute Schreibwut. Es begann mit geheimen Drohbotschaften an eine verehrte Klassenkollegin, dann kamen Gstanzln, Kurzgedichte und Liedtexte hinzu. Ein Jahr später entstand mein erster „Roman“, stolze 27 Seiten lang. Gedichte ereilten mich in Folge regelmäßig und wurden auch zum Gaudium von Freunden vorgetragen. Kurzgeschichten schlossen sich an, eine Novelle mit latinisierten Turmsätzen, mehrere Szenen eines Theaterstücks, Übersetzungen von englischen Liedtexten.

Mit 26 begann meine Prosa-Phase mit den Schwerpunkten Sozialutopie, Neurobiologie und Philosophie (oder was davon noch übrig blieb). Berufsbedingt erlernte ich auch das didaktische und wissenschaftliche Schreiben. Eine umfangreiche Phantasiegeschichte erbrachte ein Epos mit 5000 Versen, aufgeteilt in 99 Kapitel und mit 1111 Fußnoten garniert; fünf Jahre dauerte dieses Vergnügen.

Ich nehme gerne Bezug auf das Hier und Heute. Meine Wahrnehmung ist zoomish, meine Verarbeitung rauschhaft. This is my Revier, is ein Teil von mir, my imperium, regno ergo sum. Die am meisten überraschenden Einfälle habe ich knapp vor dem Einschlafen, kurz nach dem Aufwachen und während des Überfahrens einer roten Ampel. Sind es Gedichte, so sind sie melodisch verknüpft. Ich trage sie daher auch singend vor.

Literarische Beiträge von Kuno Kosmos finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U76-77 / 2023

6 Fragen an: HEINZ REINISCH


HEINZ REINISCH; privat

Warum Literatur?
Begonnen hat es schon in früher Kindheit mit den Märchen, später mit den Volkssagen aus Österreich. Zum neunten Geburtstag kam „Robinson Crusoe“ dazu, in der Folge „Der Lederstrumpf“ und „Die Schatzinsel“. Im humanistischen Gymnasium war es der Deutschprofessor, der vielen von uns Schülern und so auch mir den Wert von Literatur zu vermitteln wusste und in uns die Freude am Lesen weckte. Es ist nicht bei der deutschen, österreichischen und englischen Literatur geblieben. Im Laufe eines mehr als 70jährigen Leserlebens lernte ich Werke von Literaten aus aller Herren Länder kennen. Ich kann mir nicht vorstellen, nicht mehr zu lesen!

Warum Dialektliteratur?
Selbst in ländlicher Gegend mit lokalgefärbter und vom Dialekt durchmischter Umgangssprache aufgewachsen, brauchte es seine Zeit, um im Umgang mit der Schriftsprache sattelfest zu werden. Und später als Volksschullehrer im selben Ort sah ich oft, wie schwer sich manche Kinder taten, wenn sie in der ersten Schulklasse die für sie erste Fremdsprache, nämlich Deutsch, erlernen mussten. Der Dialekt bleibt aber für mich die Sprache, die uns mit wenigen Worten Bilder zu vermitteln mag, wofür die
Schriftsprache Zeilen benötigt.
Der Dialekt als regionales Kulturgut darf uns nicht abhandenkommen!

Gibt es Vorbilder?
Vorbildwirkung haben für mich all jene, die ihr Können, ihre Kraft und ihre Zeit selbstlos Menschen in Notlagen zur Verfügung stellen. Ich denke da an Rettungskräfte, Suchtrupps,
Feuerwehrleute, Ärzte ohne Grenzen, Spender und Menschen, die zu Hause oft jahrelang Kranke oder Alte pflegen. Nicht vergessen möchte ich all jene, die sich in unseren Gemeinden in den Dienst der Öffentlichkeit stellen!

Was liest du gerade?
Kürzlich schenkte mir ein Freund „Entspannt euch!“ von Michael Schmidt-Salomon, eine Philosophie der Gelassenheit. Peter Handkes „Das Gewicht der Welt“ lese ich in kleinen Schritten und der Doppelmord im Urlaubskrimi steht kurz vor der Lösung.

An welches Ereignis erinnerst du dich besonders gerne?
Ich wähle hier drei. Als ich das erstmal als Volksschullehrer vor meinen Kindern in der
Klasse stand. Gerne denke ich an die Reise zurück, die mich per Auto von hier über die Türkei, den Iran und Pakistan nach Kabul in Afghanistan führte. Das war 1971. Und als ich im Vorjahr mit fast 78 Jahren meine kleine Enkeltochter Ronja das erste Mal hochheben konnte.

Woran arbeitest du gerade?
Auf meinem Schreibtisch liegen ein A4-Block und ein Stift. Fast täglich schreibe ich ein paar Zeilen nieder auch über oft banalste Dinge oder Geschehnisse, die mir während des Tages oder auch in der Nacht auffallen oder durch den Kopf gehen. Ob was daraus wird steht noch in den Sternen.

Lesen Sie auch unsere Printausgabe!

PDF Beilage zur Ausgabe U78–79

PDF Beilage zur Ausgabe U78–79

In unserer PDF-Beilage, die Sie herunterladen und auf dem Tablet lesen oder ausdrucken können, finden Sie weitere literarische Beiträge zum Thema Jubel & Jammer sowie insgesamt 7 Interviews bzw Porträts von und mit Dialektautor:innen aus Salzburg, Tirol und der Steiermark.
Außerdem berichten wir von der IDI Tagung im Bregenzer Wald sowie dem Alpen Adria Symposium des Kärntner Schrifsteller:innenverbandes, bei dem es diesmal um die Sprachenvielfalt ging.

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Franziska Pronneg im Interview

„Dialekt ist im Prinzip immer eine Bereicherung!“

Franziska Pronneg kennt man als Poetry Slammerin. Dabei steht sie eigentlich nicht gerne im Mittelpunkt. „Mir ist es beim Slammen immer ums Schreiben gegangen“, meint die Siebenundzwanzigjährige, die vorwiegend Kurzprosa und Lyrik schreibt. 2021 erschien ihr Erzählband „Urbane Nackerpatzerl“. Margarita Puntigam-Kinstner hat sich mit Franziska Pronneg in Graz auf einen Tee getroffen.


Franziska Pronneg.; Foto © privat

Wann hast du mit dem Schreiben begonnen?
Wenn man das Tagebuch dazuzählt, dann mit neun. Mit dem kreativen Schreiben habe ich mit etwa 16 Jahren begonnen. Damals habe ich auch erstmals etwas auf eine Lyrikplattform gestellt, aber dort bin schon lange nicht mehr aktiv. Ich habe meine Gedichte von damals sogar gelöscht, weil sie mir später dann doch ein bisschen peinlich waren.

Man kennt dich von diversen Poetry-Slam-Bühnen, auch beim Anno Dialekt Donnerstag warst du schon eingeladen, und dieses Jahr hast du die Ö.D.A. bei der jährlichen LiteraTour vertreten. Wann standest du das erste Mal auf der Bühne – und hast du gleich mit Texten im Dialekt begonnen?
Das erste Mal auf einer Poetry Slam-Bühne stand ich mit 20 oder 21. Anfangs bin ich noch mit hochdeutschen Texten angetreten, aber schon mein vierter Slam war dann ein Dialekttext. Das war in der Cuntra la Cultra am Grießplatz, an den Abend kann ich mich noch gut erinnern. Von dem Moment an habe ich fast nur noch im Dialekt geslammt. Ich habe nämlich schnell gemerkt, dass ich mich mit Dialekttexten am wohlsten fühle, und das spürt natürlich auch das Publikum. Vorteil des Dialekts ist ja, dass die Vortragsweise viel natürlicher ist. Man fühlt sich nun mal in der Sprache am wohlsten, die am wenigsten inszeniert ist. Wenn man quasi afoch nur redt, wie an da Schnobl gwoxn is.

Dabei hattest du nicht immer eine gute Beziehung zum Dialekt, oder?
Nein, tatsächlich nicht. Ich komme vom Land, mit Dialekt habe ich lange nur das ländlich-konservative Lebensbild verbunden. Mich in Hochdeutsch auszudrücken war anfangs ein Mittel, um mich abzugrenzen. Erst später habe ich dann festgestellt, dass ich mich im Dialekt einfach irrsinnig wohl fühle. Mittlerweile ist der Dialekt meine liebste Form, sei es in Gesprächen oder auch auf der Bühne. Das hat nicht nur damit zu tun, dass ich im Dialekt aufgewachsen bin und mich in ihm zu Hause fühle, sondern auch damit, dass der Dialekt viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten als Schriftsprache bietet. Spannend ist ja auch, wie viele Dialektformen es allein in der Steiermark gibt. Wer zum Beispiel in Sinabelkirchen aufgewachsen ist, spricht ganz anders als jemand, der aus Deutschlandsberg kommt, von wo ich her bin.

Sprichst du also Weststeirisch?
Hm. Mittlerweile hat sich mein Dialekt sehr gewandelt, allein schon dadurch, dass ich schon so lange in Graz wohne. Mein Dialekt ist wohl eine Mischung aus allem, was ich täglich höre.

Slammst du noch regelmäßig?
Im Moment fehlt mir ein bisschen die Zeit dafür, da ich eine neue Arbeit angenommen habe. Aber das ist vielleicht auch nur eine Ausrede. Wahrscheinlich ist es eher so, dass es nach der Corona-Pause für mich wieder mehr Überwindung braucht, um auf eine Slambühne zu treten. Ich bin nämlich eigentlich kein Mensch, der gerne auf einer Bühne oder überhaupt im Mittelpunkt steht. Mir ist es beim Slammen immer ums Schreiben gegangen. Poetry Slam hat mir vor allem deswegen immer viel bedeutet, weil das Format viel erlaubt. Du kannst unterschiedliche Textsorten, Themen und Vortragsweisen ausprobieren und bekommst direktes Feedback vom Publikum, das ist toll. Außerdem ist die Slam-Community eine wirklich coole Community.

Also standest du sehr oft mit Lampenfieber auf der Bühne?
Am Anfang war ich oft extrem nervös, mit der Zeit ist es dann ein bisschen besser geworden. Wie wohl man sich auf der Bühne fühlt, hat ja auch viel mit der momentanen psychischen Verfassung zu tun. Wenn man sich gerade in einer Phase des Umbruchs befindet, sich im Privat- oder Berufsleben gerade unsicher fühlt, dann vergeht einem auch ein bisschen die Lust auf die Bühne. Zumindest mir geht es so.

Hörtext: Dei Haut, mei Haut, gelesen von der Autorin

Holst du dir auch abseits der Poetry-Slam Bühne Feedback für deine Texte?
Ja. Ich bin Mitglied auf StoryOne. Das Portal mag ich sehr, da es viele Austauschmöglichkeiten mit anderen Schreibenden bietet und auch dann motiviert, wenn gerade wenig Zeit zum Schreiben bleibt.
Ich schreibe im Moment hauptsächlich Gedichte und Kurzprosa, auch dadurch bedingt, dass die Texte auf StoryOne nur maximal 2.500 Zeichen haben dürfen. Wenn man mal einen längeren Text veröffentlichen möchte, dann muss man ihn als Fortsetzungsgeschichte anlegen. Ich sehe die Zeichenbeschränkung aber als gute Übung, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und unnötige Wörter zu eliminieren. Wenn ich mal etwas ausführlicher beschreiben will, dann geht sich das auf 2.500 Zeichen aber natürlich nicht aus.

Du sagtest, die Plattform wirkt sich motivierend auf dich aus. Inwiefern?
Ich mag sie wegen der Niederschwelligkeit. Jeder Mensch hat dort die Möglichkeit, eigene Kurzgeschichten oder Gedichte zu veröffentlichen und sich Feedback durch andere zu holen.
Die Themenwahl ist frei, Hauptsache der Text überschreitet die maximale Zeichenanzahl nicht. Außerdem gibt es auch immer wieder spannende Challenges zu verschiedenen Themen. Ich kann mich z.B. an eine LGBTIQ-Challenge erinnern, ein anders Mal gab es das Thema „bed time stories“, dann wieder „Der Moment, der mein Leben verändert hat“.
Bei diesen Challenges werden am Schluss die besten Geschichten ausgewählt und in einer Anthologie abgedruckt. Außerdem gibt es jährlich den Young Storyteller Award. Ab zwölf Geschichten kann jede:r sich um eine eigene Buchveröffentlichung bewerben. Es gibt zwar auch abseits des Preises die Möglichkeit, eigene Kurzgeschichtenbände über StoryOne zu veröffentlichen, aber das macht für mich keinen Sinn, da dann die Aufmerksamkeit fehlt. Die Gewinner des Wettbewerbs bekommen aber sehr viel Aufmerksamkeit; allein dort auf die Shortlist zu kommen, bringt schon sehr viel.
Und wie gesagt, ich finde es cool, dass man sich dort mit anderen Schreibenden aus diversen Teilen Österreichs und Deutschlands austauschen kann.

Veröffentlichst du auf StoryOne auch Dialekttexte?
Ja, manchmal. Wenngleich Dialekt meiner Erfahrung nach auf einer Bühne viel leichter umzusetzen ist. Die Niederschrift ist für mich noch schwierig, ich bin da erst am Herumexperimentieren. Gerade bei den Vokalen a und o bin ich am Überlegen, das Steirische ist da schon eine Herausforderung. Generell finde ich es ziemlich schwer, die Vokale schriftlich so abzubilden, wie ich sie ausspreche.
Wahrscheinlich haben meine Schwierigkeiten zusätzlich auch damit zu tun, dass ich früher Deutsch als Fremdsprache unterrichtet habe – da musste ich die Texte so korrigieren, dass sie der Standardschreibweise entsprechen. Ich muss mich also selbst noch an das Aussehen meiner eigenen Dialektniederschrift gewöhnen, denn für mich sieht ein –a am Ende statt des gewohnten –er auf den ersten Blick noch immer falsch aus.

Wie reagiert das Publikum aus Deutschland auf deine Dialekttexte?
An und für sich sehr positiv. Einmal bekam ich eine lustige Rückmeldung von jemandem, dem mein Text sehr gut gefallen hat, der sich aber an einigen Stellen schwertat, ihn zu verstehen. Aber es zahlt sich aus, auch auf Plattformen wie StoryOne im Dialekt zu veröffentlichen. Dialekttexte sind dort eine Bereicherung. Dialekt ist prinzipiell immer eine Bereicherung!

Das ist ein schöner Schlusssatz! Verrätst du uns noch dein Lieblingswort?
Das ist eindeutig das Oamutschgal.

*****

Franziska Pronneg, geboren 1995 in Deutschlandsberg, 2015 nach Graz emigriert.
Poetry-Slammerin, Studentin und Dialektliebhaberin; erzählt vor allem Grazer Stadt-, Wald- und Lebensgeschichten.
2021 erschien ihr erster Erzählband „Urbane Nackerpatzerl“
Auf Story One findet man die Autorin unter:

https://www.story.one/u/franziska-pronneg-22178

Weinlechner, Wolfgang

wolfgang weinlechner © RGB

Wolfgang Weinlechner

geboren am 15.9.1963 in Linz
aufgewachsen in Kirchberg-Thening
1982 Matura in Linz
seit 1982 in Wien
Verheiratet. Ein Sohn.
Studium der Germanistik und Geschichte.
Schwarzplakatierer, Nachtwächter, Kellner, Müllwerker, Statist, Entwicklungszusammenarbeitswanderausstellungschauffeur, Fahrlehrer,
Charterskipper (Karibik, Mittelmeer)
Seit 2000 selbständig.
Schreiber von Geschichten, Gedichten und Romanen.
Amateur in vielen Dingen.

Veröffentlichungen
– 2023 Es kommt der Tag des Gerichts wird im #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin #kkl36 „Anarchie“ veröffentlicht. ISSN 2751-4188
– 2023 Der Essay über Künstliche Intelligenz Fragen und Antworten erscheint in der Anthologie „Die letzten Tage des menschlichen Denkens“, Wiener Verlag für Sozialforschung;
ISBN 978-3-99061-029-9
– 2022 Nun musst du dich entscheiden ist Preisträger des Literaturwettbewerbes „In Teufels Küche“ der Stadt Feldbach 2022 und erscheint in der gleichnamigen Anthologie.
– 2021 Judge Dreadnought erscheint im der „AnXt“-Anthologie des gleichnamigen Literaturwettbewerbes des muc Verlages, München; ISBN 978-3-9820886-2-4
– 2021 Die gute Stunde in der Anthologie „Mensch sein, Herz haben, sich empören!“ zu den 8. Berner Bücherwochen; Gesst-Verlag (D); ISBN 978-3-86685-861-9
– 2021 Stayin´ Alive erscheint in der Anthologie „Spiegel“ des gleichnamigen Schreibwettbewerbes des Schweizer Litac Verlages. ISBN 978 3 9524849 4 4
– 2021 Extreme Maßnahmen  ist der Siegertext März des Schreibwettbewerbs «Die Grossen Zwölf» des Literaturhaus Zürich und erscheint Ende des Jahres in der Anthologie zum Wettbewerb.
– 2021 Das Irving-Projekt (Auszug aus einem Roman, an dem ich arbeite) schafft es ins Best of Literatur zwischen den Hasen 2021 von Radio 889 FM Kultur, Berlin.
– 2021 Pietät Salut Geleitcorp.com schafft es in die freie Ausgabe „SPAM!“ der Literaturzeitschrift HALLER 17. ISBN 978 3 95765 249 2;
ISBN 978 3 95765 848 7 – E-Book
– 2021 Anton und Pünktchen erscheint in der Anthologie zum Literaturwettbewerb „Mein Hund… und ich“ im Papierfresserchen + MTM Verlag, Winnert (D).
– ISBN: 978-3-99051-028-5 – Taschenbuch, ISBN: 978-3-99051-029-2 – E-Book
– 2020 Backdoor Man reiht sich in die Shortlist der Sparte Krimi der Berliner Wortrandale von Radio 889 FM Kultur, Berlin und erscheint 2021 in der Anthologie des Wettbewerbes.
– 2020 Lohengrin schafft es in der Sparte Queer auf die Longlist der Berliner Wortrandale von Radio 889 FM Kultur, Berlin.
– 2020 Die Geschichte Wer ist die Schönste im ganzen Land wird in der Anthologie ‚Märchen für Erwachsene‘ des Verlages Textgemeinschaft veröffentlicht.
– Textgemeinschaft (Hrsg.): Frühlingserwachen im Märchenland: Märchen für Erwachsene. Anthologie; Wiesbaden 2020. ISBN/EAN 978-3-7502-7054-1
– 2019 Die Geschichte Rätsel erreicht das Finale des Badener Literaturwettbewerbes ‚Zeilenlauf‘, wird mit dem dritten Platz preisgekrönt und erscheint 2020 in der Anthologie des Wettbewerbes.
– Vision 05 (Hrsg.): Sammelband 2019. Baden 2019
– 2019 Die Literaturzeitschrift &Radieschen druckt die Kurzgeschichte Sie haben ihr Ziel erreicht in ihrer offenen Ausgabe.
– Radieschen. Zeitschrift für Literatur (Hrsg.): Räuber und Gendarm. Wien 2019
– 2019 Geträumt wird beim OKAY-Literaturwettbewerb „3. Ybbser Schreibfeder“ preisgekrönt. www.okay-ybbs.at
– 2017 Aufnahme der Geschichte Löschen in die Anthologie des Literaturwettbewerbs Forum Land.
– Forum Land (Hrsg.): Durst. Literatur aus Österreich. Wien; Österreichischer Agrarverlag; 2017. ISBN 978-370402501-2

Literarische Beiträge von Wolfgang Weinlechner finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U80-81/2023





Ausgabe U76-77 / Mai 2023

Ausgabe U76–77 / Mai 2023

Interview: Christine Teichmann
Dialektliteratur zum Thema: „Lichtalputza, Bänklsänga und Compjutafuzzi mit Texten von: Regina Appel, Dieter Berdel, Karin Endler, Silke Gruber , Elisabeth Hafner, Bianca M. Klein, Wolfgang Kühn, Anna Maria Lippitz, Christine Rainer, Annemarie Regensburger, Birgit Rietzler, Ronnie Rohrecker, Simon Scharinger, Ulrike Titelbach und Claudia Winkler
Dialektliteratur aus der STEIERMARK von:  Josef Graßmugg, Isabella Krainer, Harald Letonja, Anna-Lena Obermoser, Franziska Pronneg, Heinz Reinisch, Daniel Stögerer, Veronika Unger und Wittrich

mit QR-Codes zu Hörtexten sowie einen Link zur PDF-Beilage mit vielen weiteren literarischen Texten sowie Rezensionen und anderen Beiträgen

€ 4,50
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(siehe AGB)


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Josef Graßmugg: Literaturaktivist aus Leidenschaft

Josef Graßmugg:
Literaturaktivist aus Leidenschaft

»Das Schreiben hat mir schon früh Spaß gemacht«, erinnert sich Josef (Sepp) Graßmugg, der als Sohn einer kinderreichen Bauernfamilie im steirischen Edelstauden aufwuchs und heute unter anderem Vorstandsmitglied er Ö.D.A. ist.. Sein erster Besuch auf der Frankfurter Buchmesse erfolgte schon früh; der Schüler, dessen Lieblingsfach Deutsch war, half in der örtlichen Bücherei aus, zur Buchmesse fuhr man gemeinsam mit dem Bus aus der Steiermark an.

Die Liebe führte ihn als junger Mann schließlich nach Kapfenberg. »Hier war es anders als in Edelstauden oder Kirchbach«, erinnert sich Graßmugg. »Kapfenberg war ideal für mich, es ist nicht ganz so ländlich wie in meinem Heimatort, nicht ganz so klein, hier kann man wirklich etwas auf die Beine stellen. Und trotzdem ist Kapfenberg keine Großstadt, wenn man etwas tut, dann wird es wahrgenommen und sehr geschätzt, weil das Angebot nicht so groß ist.«

Kapfenberg hat einiges zu bieten. Neben dem Kulturzentrum, in dessen Räumlichkeiten nicht nur die Stadtbibliothek, sondern auch der Europa-Literaturkreis Kapfenberg beheimatet ist, gibt es z.B. auch den Filmklub Kapfenberg.

Der Europa-Literaturkreis, dessen Obmann Graßmugg heute ist, entstand nach einen Volkshochschulkurs. »Ich war Mitte zwanzig, als ich hierherkam. An der Volkshochschule wurde damals ein Literaturkurs angeboten. Das schaust du dir an, habe ich mir gesagt, und wenn es dir nicht gefällt, dann gehst du einfach nicht mehr hin. Dadurch, dass mich hier niemand kannte, hatte ich mehr Freiheiten, mich auszuprobieren.«

Nach Beendigung des Kurses blieben die Teilnehmer:innen in Kontakt. »Um gemeinsam zu schreiben und uns übers Schreiben auszutauschen«, erzählt Graßmugg. »Wir haben uns damals im Kaffeehaus getroffen. Gemeinsam haben wir dann begonnen, die Literaturzeitschrift ›Reibeisen‹ herauszugeben.«

Das »Reibeisen« gibt es noch heute, dieses Jahr feiert das schwergewichtige Kultur-und Literaturmagazin, das einmal im Jahr erscheint, seinen vierzigsten Geburtstag. »Wir sind gut gefördert, dadurch ist es möglich, dass das Reibeisen viel Inhalt bietet. Und natürlich auch und vor allem, weil die Menschen in unserem Verein viel ehrenamtliche Arbeit leisten.«

Einer von ihnen ist Graßmugg selbst. Er ist nicht nur Obmann des Vereins, sondern zudem Organisator diverser Lesungen, Website-Betreuer und Leiter der »Reibeisen«-Redaktion. Auch in anderen Bereichen setzt sich Graßmugg für die Literatur ein. – z.B. als Redaktionsmitglied des Pfarrblatts, wo er sich um den Literaturteil kümmert.

Schade findet es der Dialektlyriker, dass immer weniger Dialektliteratur geschrieben werde. »Früher haben wir beim ›Reibeisen‹ ein eigenes Jury-Team nur für die Dialektliteratur gehabt. Jetzt, da nur noch wenige Texte im Dialekt kommen, werden diese gemeinsam mit den anderen Texten bewertet.«

Auch der Verein habe nur noch wenig Zuwachs durch junge Menschen. »Viele, die in jungen Jahren literarisch tätig sind, hören zu schreiben auf, wenn der Alltagsstress kommt. Oder sie ziehen aus Kapfenberg weg.«

Nicht wenige Mitglieder des Europa-Literaturkreises wohnen nicht in Kapfenberg. So wie etwa die Autorin und Schauspielerin Christine Teichmann, die in Graz lebt und Vorstandsmitglied des Vereins ist. Andere Mitglieder leben in Deutschland. Auch aus diesem Grund veranstaltet der Verein die »LiteraturBiennale Kapfenberg« – ein Lesefestival, bei dem die Mitglieder zusammenkommen, um sich auszutauschen und ihre Neuerscheinungen vorzustellen. »Die Biennale ist das Herzstück des Vereinsjahrs. Wir organisieren immer einen gemeinsamen Ausflug – und ein Tag ist allein für die Lesungen reserviert.«

Die LiteraturBiennale ist jedoch nur eine von vielen Veranstaltungen, die der Verein im Ort anbietet. Neben diversen Lesungen der Mitglieder – darunter auch Dialektlesungen – gibt es z.B. das monatliche Literaturcafé, in dem jedes Mal über Leben und Werk eines bzw. einer ausgewählten Autor:in gesprochen wird. Zudem kümmert sich der Verein auch darum, Autor:innen von außerhalb nach Kapfenberg zu holen. Eingeladen wurden bisher nicht nur Autor:innen aus ganz Österreich und Deutschland, sondern etwa auch aus dem osteuropäischen Raum. Auch die Leseförderung liegt dem Verein am Herzen, einmal im Jahr lädt der Europa-Literaturkreis Kapfenberg die Kleinsten zum Vorlesetag. Selbst die Gassennamen Kapfenbergs wurden schon durch Lesespaziergänge erschlossen. »Bei uns tragen nicht wenige Gassen Namen von Schriftstellern. Was uns bei dem Projekt damals auffiel: Kapfenbergs Straßennetz fehlen die Schriftstellerinnen. Auch das versuchen wir nun zu ändern.«

Diesen Herbst ist das Lesefestival »überBRÜCKEN« geplant. Etwa drei, vier Tage lang soll an diversen Brücken gelesen und die Bedeutung von Brücken auch im übertragenen Sinn hervorgehoben werden.

Hauptberuflich ist Graßmugg mittlerweile im Verwaltungsdienst der Polizei tätig. »Früher war ich bei der Post angestellt. Nicht am Postschalter. Ich bin die Handymasten hochgeklettert, das war für die Figur und die Fitness besser. Heute sitze ich nicht nur für den Verein, sondern auch hauptberuflich viel am Computer. Das ist gemütlich für mich, so kann ich jetzt auch zwischendurch mal meine Mails checken.«

Die Kulturarbeit, die Graßmugg ehrenamtlich für den Verein leistet, frisst freilich einen großen Teil seiner Freizeit. »So was kannst du nur machen, wenn du eine Partnerin hast, die das akzeptiert. Meine Frau hat früher im Pflegebereich gearbeitet. Während sie Nacht- und Wochenenddienste schob, habe ich mich um die Vereinsarbeit gekümmert. Seit sie zu Hause ist, wünscht sie sich, dass ich nicht mehr so viel allein mache und mehr delegiere. Aber das dauert manchmal länger, als wenn ich es gleich selbst mache. Heute ist es nicht mehr so leicht, ehrenamtliche Mitarbeiter:innen zu finden.«

Ob er selbst noch zum Schreiben komme? Graßmugg lacht. »Ich schreibe Dialektlyrik und Kurzgeschichten, ein Roman wäre gar nicht möglich. Manchmal, wenn ein Lesungstermin naht, bekomme ich die Panik, dass ich es nicht mehr rechtzeitig schaffe, einen passenden Text zu verfassen. Aber am Ende fällt mir immer was ein.« Die Ideen kommen manchmal auch beim Warten. »Wenn ich zum Beispiel am Bahnhof stehe, um einen Autor oder eine Autorin abzuholen, dann kann es schon vorkommen, dass ein Limerick entsteht. Beim Warten kann man auch gut die Silben für ein Haiku zählen.«

Vom Schreiben leben zu müssen, stelle er sich nicht sehr inspirierend vor. »Ich bin froh, dass ich durch meinen Job finanzielle Sicherheit habe. Wenn ich schreiben müsste, würde mir wahrscheinlich schnell die Lust vergehen, vor allem, wenn der Druck dazukäme, damit mein Auskommen verdienen zu müssen.«

Neben seiner Tätigkeit als Vereinsobmann steht Graßmugg auch als Laienschauspieler auf der Bühne, gerade finden wieder Proben statt. »Zum Glück dürfen wir diesmal bis zum Schluss mit dem Textheft auf der Bühne stehen. Das ist nicht bei jedem Regisseur so. Beim Textlernen merke ich nun doch langsam, dass ich älter werde«, gesteht Graßmugg.

Nach unserem Gespräch besuchen wir das Sporthotel. Um ein Bier (bzw. ein Glas Saft) zu trinken – aber nicht nur. Am kommenden Tag findet die »Reibeisen«-Redaktionssitzung statt, dafür müssen noch die Brötchen organisiert werden.

Als wir das Café mit Blick auf den Sportplatz betreten, wird Graßmugg von allen Seiten freundlich gegrüßt. Man kennt ihn in Kapfenberg – nicht nur als Dialektlyriker und Organisator diverser Veranstaltungen, sondern auch als Nikolo und Menschen, mit dem man gern ein Bier trinkt.

Das Telefon klingelt. Graßmugg sieht auf die Nummernanzeige. »Da rufe ich später zurück. Bestimmt geht es um den Pfarrball«, meint er. Dort plane man ihn für die Mitternachtseinlage ein, und davor helfe er bei der Ausschank.

PDF Beilage zur Ausgabe U76–77

In der PDF-Beilage zur Ausgabe U76–77 (Mai 2023) finden Sie ein Porträt zu Annemarie Regenburgers 75. Geburtstag sowie viele Interviews mit steirischen Autor:innen und Musiker:innen (u.a. mit dem Leadsänger von „Pandoras kleine Schwester“ oder auch der 1. Grazer Lesebühne), ein Interview mit Stephan Roiss und den Essay „Seid Deutsch, bleibt einig“, in dem es um die Assimilierungspolitik im 20. Jahrhundert und ihre Auswirkung auf die Slowen:innen in der Steiermark geht.

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Äffchen & Craigs

„Hochsprache ist Geröll und Felsenformation, Dialekt ist tröpfelndes, rauschendes, reißendes Wasser“

Stephan Roiss (Äffchen & Craigs) im Interview


Christoph „Craigs“ Hehn & Stephan „Äffchen“ Roiss ; Foto © Zoe Goldstein

Den Namen Stephan Roiss kennen Literaturbegeisterte allerspätestens seit seinem Roman Triceratops (2020), der es direkt auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Unter den Namen „Äffchen“ rappt und singt der Autor und Musiker im oberösterreichischen Dialekt – zu den elektronisch gepimpten Drumbeats von Christoph „Craigs“ Hehn .
Margarita Puntigam-Kinstner hat sich das neue Album „Extremliab“ von „Äffchen & Craigs“ angehört und Stephan Roiss ein paar Fragen gestellt.

Fans der heimischen Hip Hop Szene kennen dich schon länger als „Äffchen“. Wie hat eure Karriere als Duo gestartet? Und gab es eure Namen „Äffchen“ und „Craigs“ schon davor?
Vorab: Unsere Musik hat sicherlich starken Hip Hop-Einfluss, aber wir nehmen uns selbst nicht als Hip Hop-Act wahr. Auf Ö1 wurden wir einmal im Dreieck von Attwenger, Texta und König Leopold verortet – was ich bis heute recht passend finde, auch wenn unsere Affinität zu 80s-Pop-Ästhetik und härterer Gitarrenmucke dabei ein wenig unter den Tisch fällt.
Ursprünglich war „Äffchen & Craigs“ bloß ein vergnügliches Nebenprojekt zu „Fang den Berg“ – einem Noiserock-Impro-Quartett, bei dem wir beide schon seit 2007 aktiv sind. Sowohl das Grundkonzept als auch die Namen sind während einer Probenpause dieser Band entstanden. Bis 2016 ist dann auch nur wenig mehr passiert, als dass wir uns ab und an zu einer Studiosession getroffen haben und ge-meinsam eine lustige Zeit hatten. Als wir aber bemerkten, dass sich über die Jahre genügend Tracks für ein Album angesammelt hatten, begannen wir es ernst zu nehmen. Unsere Debütplatte „Hop Hop“ erschien 2017 und seither professionalisie-ren wir uns zunehmend.

Du rappst im Oberösterreichischen Dialekt. Was kann Dialekt für dich, was Hochsprache nicht bietet?
Beides bietet Vor- und Nachteile. Hochsprache ist Geröll und Felsenformation, Dialekt ist tröpfelndes, rauschendes, reißendes Wasser. Dialekt tendiert zu weicheren Klängen, er scheint mir anschmiegsamer und flexibler, aber nicht weniger kraftvoll. Zudem pflegt er für mich eine innigere Beziehung zu Humor. Ich laufe beim Texten oft Gefahr, pathetisch zu werden und dann mitunter in eine übertriebene Bedeutungsschwere zu kippen. Wenn ich im Dialekt schreibe, kann mir das kaum passieren. Er zwingt mich förmlich dazu, mich nicht zu ernst zu nehmen.

Wie entstehen die Ideen zu den Texten?
Auf sehr unterschiedliche Weisen. Manchmal gibt es zuerst einen Beat und ich lasse mich von der Stimmung der Musik zu den Inhalten leiten. Manchmal schnappe ich auf der Straße einen Ausdruck auf, der mich begeistert und der zum Ausgangspunkt eines Textes wird. Manchmal beschäftigt mich einfach ein Thema und ich schreibe einen Song darüber – in „Äffchen & Craigs“-Manier, wenn ich es passend für das Projekt finde.

In den Texten spielst du zum Teil mit typisch österreichischen Ausdrücken, insgesamt gibt es viel schräge Reime. Die Songtexte, so könnte man sagen, bewegen sich quasi zwischen Spaß & Dada, enthalten aber auch eine große Portion Gesellschaftskritik. Gibt es literarische/ musikalische Vorbilder, die dich als Musiker/ Texter beeinflussen?
Die „schrägen Reime“ sind – falls ich dich richtig verstehe – kein besonderes Merkmal für uns, sondern allgemein sehr gängig im Hip Hop und im zeitgenössischen Pop geworden. Gerne mehrsilbig, gerne unrein. „Haus“ aus „Maus“ und „gehen“ auf stehen“ kann man machen, lieber aber „Minidisc“ auf „widerlich“ oder „(für sein) Audi ned zoihn“ auf „(in Bill) Kaulitz verknoit“. Wobei ich kein Reimfetischist bin und gerne einfache Lösungen bevorzuge, wenn sie dem Song besser dienen.
Wir haben nach wie vor viel Spaß an bloßen Blödeleien, aber versuchen bei den Lyrics unser Augenmerk mehr und mehr auf Nachvollziehbarkeit, Konkretheit und das Sichtbarmachen politischer Haltungen zu legen – ohne ins Schmettern von Parolen zu verfallen.
Vorbilder im engeren Sinn gibt es nicht, aber freilich gibt es Künstler:innen, die mich beeinflusst haben. Um nur einige Namen zu nennen, die im Zusammenhang mit „Äffchen & Craigs“ vielleicht bedeutsam sind: H.C. Artmann, Lauryn Hill, Surro-gat, Fiva, Attwenger, Peaches, Danger Dan, Sookee, Austrofred, M.I.A., Kummer, Musheen, Kamp, Fuckhead, Valina, Hildegard Knef, Hgich.T, Cr7z, Texta, Markante Handlungen.

Wie darf man sich die Entstehung eines neuen Tracks vorstellen. Kommst du mit dem bereits fertigen Texten zu Craigs, der ja für die Drumbeats verantwortlich ist, oder wird da dann noch viel herumexperimentiert?
Die Ressorts sind bei uns recht klar verteilt. Craigs komponiert die Musik und entwickelt den Schlagzeug-Groove, ich texte, rappe, singe. In unserer Anfangszeit war so gut wie immer der Beat zuerst da. Heutzutage arbeiten wir enger und früher zu-sammen, kritisieren einander mehr und der Text entsteht nun häufig vor der Musik oder zeitgleich mit ihr. Den Feinschliff besorgen wir jedenfalls gemeinsam.

Ihr seid unter anderem auch schon in Berlin aufgetreten. Wie geht es euren Fans in Deutschland? Verstehen sie alles oder kommen da oft Fragen?
Klar verstehen sie nicht alles, aber mehr als wir vorab erwartet hätten. Und dass nicht jede Wortbedeutung sofort erfasst wird, ist auch nicht schlimm. Erstens entstehen durch die Nachfragen oft gute und amüsante Gespräche und zweitens punktet unser Dialekt auch jenseits des Inhalts: Meiner Erfahrung nach stößt der österreichische Sprachklang auch nördlich von Bayern vorwiegend auf Sympathie und wird schöner als so manch deutscher Dialekt empfunden. Dabei ist Sächsisch doch so sexy.

Was war euer lustigstes Erlebnis als „Äffchen & Craigs“?
Derer sind zu viele.

Gibt es schon nächste Konzerttermine, die ihr uns verraten könnt?
Am 7.6. spielen wir im Chelsea in Wien. Am 1.9. in Schlierbach (OÖ) – im Rahmen eines Literaturfestivals.

Vielen Dank. Zuletzt wie immer die Frage nach dem Lieblingsdialektwort. Wie lautet deines?
Im Moment: „vawoadagelt“.

Äffchen & Craigs: EXTREMLIAB

Laut dem Duden bedeutet EXTREM: „äußerst…, bis an die äußerste Grenze gehend“. LIAB steht nicht drin.
Beides passt hervorragend. Denn erstens helfen ÄFFCHEN & CRAIGS dem Universum beim Ausdehnen, und zweitens benötigt die Welt so viel Liebe, dass die Sprache versagt. Das oberösterreichische Duo ist äußerst dreist, äußerst elegant, äußerst puristisch: Schlagzeug plus Synthiesounds plus Stimme. Mehr brauchen die beiden nicht, um ihren Tracks Gestalt zu verleihen. Ob 80er-Pop oder schelmischer Hip Hop, Spoken Word-Komödie oder Digitalrockbanger: es ist kompakt und energetisch, widerspenstig und charmant. Die Texte bergen viel Schalk, viel Schock, viel Schönheit, sie sind renitent und ironisch, Dada mit Deepness. Das neue Album EXTREMLIAB versammelt wuchtige Bretter, Ohrwürmer, helle Hymnen.

„Ein Song nach dem anderen ein überzeugender Kopfnicker … 9/10“
(The Gap)

Das Album kann als Vinyl oder Downloadlink bei O-Ton bestellt werden
https://oton-agentur.at/produkt/aeffchen-craigs-extremliab-vinyl

Inofs zur Band, zu allen Platten und allen Konzertterminen finden Sie auf:
https://aeffchenundcraigs.at/

Appel, Regina

Regina Appel, Foto © Hans Klestorfer

Regina Appel

Regina Appel, geboren 1987 im nördlichen Waldviertel, absolvierte das Studium der Medieninformatik an der TU Wien, arbeitet als Webentwicklerin in Wien und unterrichtet an einer BHS. Lebt im Waldviertel. Veröffentlichungen in zahlreichen Literaturzeitschriften, sowie in Anthologien. Mitglied im ÖDA und Podium.

zuletzt aktualisiert am 8.4.2023

Literarische Beiträge von Regina Appel finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U74-75/ 2022
U76–77/ 2023
U78-79/2023
U80-81/2024
U86–87/2025

Der Grazer Liedermacher Franz K. im Interview

Jeder Dialekt hat seine ureigene Melodie“

Der Grazer Liedermacher Franz K. singt Cohen-Lieder im Dialekt. Am 14. April spielt er mit seiner Band im Technologiezentrum Perg.
Margarita Puntigam-Kinstner hat sich mit ihm in seinem Proberaum oberhalb des Babenberger Hofs zum Interview getroffen.


Liedermacher Franz K.; Foto © August Buchmann

Deine Karriere als Musiker hat erst relativ spät begonnen. Wie kam es dazu?
Das war circa Mitte der 90er-Jahre. Ich habe mich damals von einem Praktikanten bei der Lebenshilfe inspirieren lassen, der Musiker war, beziehungsweise noch immer ist. Das Gitarrenspiel habe ich mir dann selbst beigebracht.
Meine erste CD entstand schließlich 1998. Auslöser waren damals zwei Ereignisse. Erstens, dass ein lieber Arbeitskollege von mir gestorben ist und zweitens, dass meine damalige Beziehung in die Brüche gegangen ist. Das Texten der Songs hat mir geholfen, mit der Situation umzugehen. Die CD „MIKE“ war ein Benefiz-Projekt, der Erlös der Verkäufe ging an die Witwe meines Arbeitskollegen, sie war Mutter von drei kleinen Kindern und stand plötzlich allein da – in einer Phase, in der sie und ihr Mann eigentlich gerade etwas aufbauen wollten.

Hast du damals schon im Dialekt getextet?
Bei der ersten CD? Ja, zum Teil. Anfangs habe ich noch mehr auf Englisch gemacht, später kamen dann auch andere Sprachen, wie etwa das Kroatische, dazu. Aber der Dialekt hat sich dann als meine Sprache herausgestellt.

Du bist Sozialarbeiter und hast dich auch in deinem Job als Musiker und Texter eingebracht.
Ja, das hat sich so ergeben. Als ich zur Jugendhilfe gewechselt bin, war mein erstes Projekt ein Musikprojekt. Aufgebaut war das so, dass die Jugendlichen mir erzählt haben, was sie bewegt, und ich habe daraus Songtexte im Dialekt geschrieben. Entstanden sind sehr gesellschaftskritische Nummern, am Ende wurde dann eine CD produziert und es gab 2001 – gemeinsam mit den Jugendlichen – ein Konzert in Kapfenberg. Das könnte man als Startpunkt meiner Karriere bezeichnen, von da an habe ich regelmäßig Songs geschrieben und bin damit auch aufgetreten.
2002 erschien dann wieder eine Benefiz-CD von mir, diesmal für Licht ins Dunkel. Der Titel lautete „Wohin“, gewidmet habe ich sie dem Verein Rainbows. Auf der CD war auch mein erster so genannter Hit, die „Klane Quölln“. Das war zu einer Zeit, in der ich schon abendfüllende Konzerte gegeben habe, oft auch schon mit Band. Im Publikum saßen meist so an die 50 bis 100 Leute.
2003 habe ich dann den Franz Hofer kennengelernt, von da an habe ich den Literarischen Flohmarkt mit meinen Kompositionen begleitet. Diese Auftritte habe ich immer sehr genossen. Wenn du Schreibende als Zuhörerschaft hast, dann merkst du, dass sie besonders auf die Texte achten. Da kam dann auch immer gutes Feedback, ich hatte ja fast ausschließlich gesellschaftskritische Nummern im Dialekt.
Vor allem der Franz Hofer mochte meine Sachen. Er sagte immer zu mir: „Du bist noch sehr leise, aber irgendwann wirst du sehr laut sein.“

Du hast dann auch einen Text von Franz Hofer vertont.
Genau. Das war nach seinem Tod, der mir sehr nahe ging. Ich habe einen Ausschnitt aus seinem Buch „Einen Tunnel ins Herz graben“ vertont, nämlich den „Liebesbrief“. Das Projekt habe ich gemeinsam mit meinem jüngeren Sohn Luka umgesetzt, der als Rapper aktiv ist.

Deine Söhne machen beide Musik – sind sie quasi in deine Fußstapfen getreten?
Mein Jüngerer, der Luka, ist wie gesagt Rapper. Man findet ihn als »ONETAKE666« auf Soundcloud.
Daniel ist Singer-Songwriter. Er tritt unter dem Namen »FEEL« auf und macht Grunge-Musik. Er war damit sogar schon im Radio zu hören. Manche vergleichen seinen Stil mit dem von Curd Cobain. Beide machen also etwas ganz anderes als ich, sowohl vom Musikstil her als auch sprachlich. Ich selbst sehe mich als Dialekt-Liedermacher.

Wieso hast du dich – nach anfänglichen englischen Texten – ganz für den Dialekt entschieden?
Ich bin im Grazer Slang aufgewachsen und habe mich schon als Kind für Dialekte interessiert. Mit meinen Eltern kam ich viel in Österreich herum, später dann auch beruflich. Schon als Jugendlicher fand ich es faszinierend, dass in Bad Aussee ein anderer Dialekt zu hören ist als etwa in der Weststeiermark. Und in der Oststeiermark klingt er ja dann wieder ganz anders.
Als ich Kind war, haben wir in Salzburg Skiurlaub gemacht. Der Dialekt dort hat mir besonders gut gefallen. Noch heute faszinieren mich diese kleinen Unterschiede. In der Sprache einer oberösterreichischen Freundin heißen die Erdäpfel „Erdöpfe“, in Kärnten sind es die „Erdapfalan“. Ich liebe diese Vielfalt. Und ich weiß, dass ich auch als Musiker meine Inhalte im Dialekt viel besser vermitteln kann. Ich möchte mich auch nicht strikt auf einen einzigen Dialekt einschränken lassen, ich trage mittlerweile ja viele Dialekte in mir. Mein Grazer Slang ist von allen möglichen anderen Dialekten beeinflusst – in der Landeshauptstadt kommen schließlich viele Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen zusammen. Manchmal passt ein Ausdruck aus dem Ausseerischen oder Wienerischen einfach besser zu dem, was ich ausdrücken möchte, dann nehme ich mir die Freiheit und verwende ihn auch. In meinen Liedern finden also manchmal Sätze, die mit einem Wiener Ausdruck beginnen und etwa mit einem Wort im Kärntner Dialekt enden.

Wie schreibst du deine Songs? Ist bei dir zuerst eine Textzeile da, oder doch die Melodie?
Hm. Eigentlich lässt sich das nicht so trennen. Wörter sind Musik. Sprich, die Sprache gibt mir automatisch immer eine Melodie vor. Vor allem im Dialekt ist ja viel Melodie drinnen. Jeder Dialekt hat seine ureigene Melodie.

Seit einigen Jahren trittst du mit Cohen-Liedern auf, die du in den Dialekt übersetzt hast. Wie kam es zu dem Projekt?
Das ist eine spannende Geschichte. 2017, im dem Jahr nachdem Cohen gestorben ist, habe ich den Sommer in einem kroatischen Fischerdorf verbracht. Eines Abends bin ich dort auf der Terrasse gesessen und habe die Nummer „Suzanne“ rein akustisch auf meiner Gitarre gespielt. Eine Gruppe Pensionisten, die vorüber geschlendert ist, blieb stehen, um mir zuzuhören. Es hat sich dann ein Gespräch ergeben, bei dem ich erwähnt habe, dass ich mit Dialektliedern auftrete. Daraufhin wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, „Suzanne“ im Dialekt zu singen. Das war quasi der Startpunkt, ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen. Ich habe Leonard Cohen immer schon sehr verehrt, ich liebe die Mischung aus seiner dunkelgrauen Stimme und dem hellen, weiblichen Background-Chor, auch gefällt mir, dass die Instrumentalisierung sehr reduziert ist.
Nach dem Urlaub habe ich „Suzanne“ dann tatsächlich in den Dialekt übertragen. Und dann bin ich einfach weiter gegangen und habe begonnen, auch andere Lieder von ihm zu übersetzen. Das war – und ist noch immer – eine enorme Herausforderung für mich, da Cohen ein unheimlich großer Poet war. Mir ist es wichtig, seine Texte nicht Wort für Wort zu übersetzen, sondern den Sinn dahinter einzufangen.

Franz K. singt Leonard Cohens „Suzanne“ – „sSussal“– im steirischen Dialekt. . Das Video ist ein Live- Mitschnitt aus dem „ARTists“, Franz K wird von mit Petra Preiss (Gesang) und Sigrid Wollinger (Bratsche) begleitet

Du musstest dann ja auch die passenden Musiker*innen finden, um das Projekt für die Bühne zu realisieren. Wie bist du da vorgegangen?
Das war tatsächlich ein sehr langer Prozess. In meinem Kopf ist alles schon fix, fertig gestanden, ich musste also herausfinden, wer den Part für mich am besten erfüllt und wer auch menschlich gut zusammenpasst. Ich habe dann aber wirklich großartige Musiker und Musikerinnen für dieses Projekt gewinnen können, wie zum Beispiel den Christoph Pichler, der für mich einer der besten Jazz- und Blues-Gitarristen Österreichs ist. Petra Preiss hat mich von Beginn an als Background-Sängerin begleitet. Dann kam Alfred Valta am Kontrabass dazu, anfangs war auch noch Boris Mihaljčić an der Geige dabei, später hat Sigrid Wollinger den Part an der Geige beziehungsweise Bratsche übernommen.
Mittlerweile haben wir auch Bettina Kollmann dabei – eine großartige Jazzsängerin mit einer wahnsinnig souligen Stimme, die ich vor vielen Jahren im Babenberger Hof gehört und dann aus den Augen verloren hatte. Der Zufall hat uns wieder zusammengeführt und zu meinem Glück hat sie sich gleich für das Projekt begeistert.
Wenn wir heute auftreten, geben wir ja nicht nur die Cohen-Nummern zum Besten, wenngleich sie natürlich der Aufhänger sind. Wir haben auch Jazz-Nummern im Programm, wie etwa die Autumn Leaves, die bei uns „Heabstblattln fliagn“ heißen. Und auch meine Eigenkompositionen spielen wir, wie etwa die „Pepica“ – ein Lied, das ich einer verstorbenen Bekannten aus Kroatien gewidmet habe–, oder auch meine zwei Hits „On the Mountains“ und die „Klane Qullön“. Diese Lieder braucht es, um das Publikum aufzulockern, danach kehren wir wieder zu Cohen zurück.

Du suchst dir für jedes Projekt neue Musiker*innen. Wie begibst du dich da auf die Suche? Kennst du die Leute schon oder ergeben sich da spontane Zusammenarbeiten?
Die Grazer Szene ist ja recht überschaubar. Wenn man da mal eine Zeitlang dabei ist, kennt man die Leute. Oder man kennt wen, der wieder jemanden fragen kann. So habe ich zum Beispiel auch den Florian Randacher kennengelernt, der mir wiederum einen Produzenten vorgestellt hat, und so weiter.
Alfred Valta wurde mir sogar von einem Zuhörer empfohlen, der mich im Humboldt Keller gehört hat. Dass der gut zu mir passen könnte, meinte er.


v.l.n.r.: Sigrid Wollinger, Alfred Valta, Franz K., Petra Preiss, Christoph Pichler, Bettina Kollmann; Foto: © August Puchmann

Eines von Leonard Cohens bekanntesten und am öftesten gecoverten Liedern ist „Hallelujah“. Hast du dich da auch schon drüber gewagt?
Das war tatsächlich ein Lied, das ich nie vorhatte, in den Dialekt zu übertragen. Erstens, weil sich Cohen gewünscht hat, dass es keine weiteren Cover-Versionen geben soll, zweitens, weil ich ziemlich lange gesessen bin, als ich tatsächlich einmal versucht habe, dieses Lied in den Dialekt zu übertragen. Ich habe dann aber eine gänzlich neue, zweite Version von Cohen entdeckt. Sie ist auf dem Album „Cohen Live“ von 1994 zu hören. Auf YouTube findet man das Lied als Original Best Version. Hier ist der Text ganz anders. Weil Cohens Kommunikation mit Gott irgendwann abgebrochen ist und er nicht mehr bekommen hat, was er gebraucht hätte. Diese Version ist ein gebrochenes, ein einsames Hallelujah. Und diesen Text habe ich dann auch viel besser verstanden als die ursprüngliche Version, die ja sehr ans alte Testament angelehnt ist. Ich habe dann ziemlich genau eine Stunde gebraucht, um Cohens 2. Version in den Dialekt zu übertragen. Diese Übersetzung spielen wir live, und die wollen wir dann auch aufnehmen.

Das heißt, es es wird bald eine neue „Franz K. singt Cohen“-CD geben?
Da sind wir dran, ja. Wir haben ja schon 2018 eine CD aufgenommen, aber da die Rechte mit Sony Music noch immer nicht geklärt sind, dürfen wir sie nach wie vor nur zu Werbezwecken verschenken. Ich habe gehofft, dass dieser rechtliche Prozess schneller geht, aber leider ist es ziemlich mühsam, da weiterzukommen. Ich muss Dialekt-Übertragungen auch immer ins Hochdeutsche übersetzen, weil die dort prüfen wollen, ob ich den Sinn richtig erfasst habe. Es hat sich aber herausgestellt, dass ich Live-Aufnahmen mitschneiden und auf CD pressen darf. Also machen wir das demnächst.

Gibt es auch schon Ideen für nächste Projekte?
Ich bin an einer Sache mit meinen beiden Söhnen dran, aber das wird noch dauern. Nach der Cohen-Geschichte würde es mich reizen, auch andere Liedermacher zu übersetzen. Paolo Conte ist eine Idee von mir, auch Zuchhero würde ich sehr gerne in den Dialekt übertragen. Aber ich bin noch lange nicht soweit, ich muss erst die Sprache lernen, damit ich mich nicht auf Übersetzungen anderer verlassen muss. Das wird also wahrscheinlich ein paar Jahre dauern. Im Moment bin ich aber sowieso noch am Übersetzen neuer Cohen-Songs und am Perfektionieren der älteren. Und natürlich gibt es dazwischen auch eigene Kompositionen.

Apropos. Wann ist eigentlich euer nächstes Konzert? Und wo finden Interessierte deine Ankündigungen?
Wir spielen am 14. April in Perg im Marchland. Um zu sehen, was sich bei mir so tut, schaut man am besten auf Facebook vorbei, dort findet man mich unter FranzK. Liedermacher.

Zum Schluss noch eine Frage, die wir beim MORGENSCHTEAN besonders gerne stellen: Was ist dein Lieblings-Dialeketwort?
Puh … Da muss ich überlegen. Es gibt viele Sprüche, die ich mag, wie etwa „In der Ruhe liegt die Kraft“. Die Ruhe ist überhaupt meins. Insofern passt vielleicht „gmiatlich“. Ja, „gmiatlich“, das passt zu mir. Außer in der Musik. Die sollte auf gut Steirisch dann schon auch „spaunnend“ sein.


Franz K. mit Band, © August Puchmann

Rotter, Ellis

Ellis Rotter

Literarische Beiträge von Ellis Rotter finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
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Annemarie Regensburger im Porträt

Ein Schreiben, das befreit

Annemarie Regensburger feiert als Vorkämpferin der Tiroler Dialektlyrik ihren 75. Geburtstag

Saftige Almwiesen, glückliche Kühe, das Lächeln in Lederhosen – und dazwischen das Elend der Anderen, die einzementierte Ungerechtigkeit, das eiserne Schweigen: Dass Dialektliteratur die kleine, große Welt in Tirol heute nicht länger nur in schöne, heimatlich-herzanrührende Worte hüllt, ist zu einem wesentlichen Teil der Schriftstellerin Annemarie Regensburger zu verdanken. Sie feiert heute ihren 75. Geburtstag – und bleibt eine Ikone mit Biss.

Wenn sich g’standene Tiroler im Knödelessen messen, bleibt nichts zurück – kein Sinn, kein Zweck und erst recht kein Krümchen für die knurrenden Mägen im Abseits. Die Allermeisten zucken da landesüblich mit den Schultern. Andere aber, die zücken die Feder: So wie Annemarie Regensburger, deren Gedicht über dieses Fressen weit vor jeglicher Moral am 6. November 1980 allerorts aneckt, aufregt und aufweckt – im verschlafenen Städtchen Imst, wo die Schemen einst zu laufen gelernt haben und der Schatten seit jeher verbirgt, wie wir wirklich sind.

Gesprengte Ketten im stillen Kämmerlein

Für einen Moment ans Licht gezerrt hat‘s diese allererste Veröffentlichung einer 32-Jährigen. „Schon noch ein wenig holprig“, sagt sie und schmunzelt heute über diese ersten Verse, diese ersten Schritte, die rund 40 Jahre später zum renommierten Otto-Grünmandl-Preis führen werden.

Davor stehen aber allerlei weitere Preise, zahllose Veröffentlichungen und mehrere Bücher, rund 800 Lesungen und überhaupt eben ein ganzes Leben, von dem Annemarie Regensburger in ihrer Autobiographie erzählt. „Gewachsen im Schatten“ ist dabei nicht nur gewählter Titel, sondern auferlegtes Schicksal – auch für eine ganze Generation an Frauen, für die Regensburger in Tirol zur Stimme geworden hat. Die Schriftstellerin ist eine unter ihnen, gerade zu Beginn ihres Schaffens, das 1980 dort beginnt, wo niemand hinsieht: zuhause, bei den Kindern.

Um bei ihnen zu sein, gibt Regensburger weniger aus Erwartung, mehr aus der Notwendigkeit heraus ihren Beruf, ihre Stelle als Chefköchin, auf. „Zumindest so lange, bis die Kinder groß sind“, sagt sie sich damals, so wie viele Frauen. Die beginnende Erkrankung an Polyarthritis aber lässt die Rückkehr ins bisherige Berufsleben dann plötzlich in weite Ferne rücken, während die Wände näherkommen, der Nachwuchs größer und das Leben allmählich still wird.

Mit jedem Tag scheinen die Wasser der Seele so dunkler, tiefer zu werden, die Oberfläche dieses Sees kaum noch von Wellen, diesen konzentrischen Kreisen gezeichnet zu sein – bis es zu brodeln beginnt und dieses Knödel-Wettessen als Geschmacklosigkeit wieder wachruft, was da schon immer war. Diesen Zorn, dieses Aufbegehren gegen das Falsche, das selbstverständlich geworden ist, bringt die Schriftstellerin zu Papier – und bis heute hat sie nicht damit aufgehört, schreibt noch immer drei, vier Texte pro Tag. „Das Schreiben hat mir nicht nur aus dem Schatten, aus der Stille geholfen“, sagt Regensburger: „Es hat mich befreit.“

Eine Ballade bricht das Schweigen

Das hat es schon einmal, viele Jahrzehnte zuvor, als ein kleines Mädchen wortlos vor dem Grab ihrer Mutter steht. Jahrelang hatte sie zuvor als Oberhaupt der Familie mit vier Kindern einen Bauernhof am Dorfrand von Stams geführt, nachdem der Vater in die Psychiatrie gekommen ist. Sie könne sich noch genau erinnern, wie das damals war, als der Wagen vorgefahren ist und den „Tate“ mitgenommen hat, sagt Regensburger leise.

Mit Klauen und Zähnen hätte sich die Mutter danach gegen die angedrohte Pachtauflösung gewehrt, umso härter gearbeitet, die Schwielen an den Händen hinter einem Lächeln, hinter fröhlichen Witzen versteckt – bis eine Lungenembolie ihre Kinder eines Tages zu Halbwaisen machte.

Die neunjährige Annemarie wächst daraufhin bei Verwandten auf, wird im Dorf wegen der Erkrankung des Vaters als „Tochter eines Verrückten“ zur Außenseiterin, während sie versucht, das Gesicht der Mutter, ihre Güte, ihren Humor, ihren Mut im Herzen zu behalten. In der Schule fällt sie durch Scharfsinn, ihre rebellische Natur auf. Mit ihrem Schmerz aber bleibt sie allein: „Niemand wollte mit mir darüber reden – nicht über die Mutter, nicht über den Vater“, sagt Regensburger. „Ich sollte vergessen. Das habe ich aber nie.“

Deshalb steht sie als Zwölfjährige vor dem Grab ihrer Mutter: wortlos, aber nicht mit leeren Händen. Auf das Grab legt sie ihre erste, selbstgeschriebene Ballade als Erinnerung an die Mutter – und an die Wärme in ihrer Umarmung nach jedem Gedicht, das ihre Tochter ihr präsentiert hat, als sie noch am Leben war.

Weil genug für alle da ist

Vielleicht ist diese erfahrene Liebe der Grund, warum Annemarie Regensburger – heute die Grande Dame der Tiroler Dialektdichtung – nicht nur schreibt, sondern auch andere dazu ermutigt: in Schulen, in Textwerkstätten und über den „Wortraum“, den sie als Plattform für Schreibende im Tiroler Oberland gegründet hat. Heranwachsende Konkurrenz fürchte sie nicht, sagt sie und lächelt: „Weil ja genug für alle da ist, für jede und jeden.“

Diese Wahrheit treibt Regensburger wohl auch bis heute an, ihre Verse für Gerechtigkeit und Gleichheit, für Offenheit und Akzeptanz sprechen zu lassen – nicht nur, aber am liebsten im Dialekt, „weil’s die Sprache meines Herzens, meine eigentliche Muttersprache ist“, sagt sie.

Neben ihrem literarischen Schaffen hat sich Regensburger übrigens auch ins Berufsleben zurückgekämpft: nicht als Chefköchin, sondern als Erwachsenenbildnerin, um anderen – speziell Frauen – den Rücken zu stärken, ihnen Mut zu machen. Ganz ähnlich, wie ihr Ehemann Blasius im ganzen literarischen Anecken stets ihr „Fels in der Brandung“ gewesen sei: „Mit meinem wunderbaren Mann hatte ich großes Glück. Von einem solchen Glück sollte aber keine Frau, kein Mensch jemals abhängig sein“, sagt die Tiroler Dichterfürstin und Vorkämpferin für Frauenrechte, die heute ihren 75. Geburtstag feiert.

„Am Anfang hat’s mich g’rissen, auch der Gedanke an die Sterblichkeit“, sagt Annemarie Regensburger, umringt von sechs Enkelkindern, und lacht: „Langsam lerne ich aber, Ja zum Alter zu sagen. Ich bin sogar ein wenig milder geworden.“ Das sei einer streitbaren Poetin wohl ruhig vergönnt, obwohl Tirol und die Welt gewiss noch lange auf ihr Nein angewiesen wäre – damit so mancher Knödel im Hals stecken bleibt, wie er sollte.

Manuel Matt


Annemarie Regensburger wurde am 20.3. 1948 in Stams geboren und lebt heute in Imst. Sie ist seit mehr als 30 Jahren Mitglied bei Ö.D.A. Ihre Texte sind in zahlreichen Ausgaben des Morgenschtean zu lesen – auch in der kommenden, im Mai erscheinenden Nummer ist die Autorin wieder mit zwei Gedichten vertreten. Damit beweist sie, dass sie auch heute noch die Redaktionsmitglieder aller Generationen mit ihren kritischen Texten überzeugt.

Sieht man sich Regensburgers Publikationsliste an, so erkennt man schnell, dass die Autorin nicht nur eine der produktivsten, sondern auch eine der vielfältigsten Literat:innen unseres Vereins ist. Ob Hochdeutsch oder Dialekt, ob Prosa oder Lyrik, ob Biografie oder Psalm – eines ist bei Annemarie Regensburger immer Programm: die Qualität.

Dass sie trotz ihres vielfältigen Schaffens keineswegs zu jenen zählt, denen es ausschließlich um die eigenen Texte geht, davon zeugen nicht nur die Anthologien zur Förderung der Tiroler Dialektliteratur, die von Annemarie Regensburger herausgegeben wurden und zur Plattform für jüngere Generationen wurden, sondern auch die vielen Zusammenarbeiten mit Tiroler Künstler:innen diverser Sparten sowie die Mitbegründung des „wortraum plattform für oberländer autorInnen“, dessen Obfrau sie lange war.

Mehr Information zur Autorin finden Sie unter: annemarieregensburger.at

30 Jahre DUM – Das Interview

30 Jahre DUM – Das Interview

Etwa 1000 Texteinsendungen landen jährlich im virtuellen Posteingang der Literaturzeitschrift DUM – Das Ultimative Magazin, die vierteljährlich erscheint und Leser:innen im gesamten deutschsprachigen Raum erreicht. Dieses Jahr feierte die Zeitschrift ihr dreißigjähriges Bestehen.

Margarita Puntigam-Kinstner hat sich mit dem Gründer Wolfgang Kühn über 3 Jahrzehnte DUM unterhalten.

v.re.n.l: Martin Heidl, Wolfgang Kühn, Markus Köhle (Foto © Ulli Paur)

Die Idee zum DUM wurde an einem Freitagmorgen, nämlich am 23. Oktober 1992, in der Bahn geboren. Wie kam es dazu?
Wir waren damals auf dem Weg von nach Wien, ich musste zur Arbeit, Reinhard [Anm. Paschinger] hat in Wien studiert. Am Vortag hatten wir beide ziemlich viel getrunken, deswegen haben wir uns etwa auf der Höhe von Tulln überlegt, was wir gemeinsam tun könnten, außer durch die Lokale zu ziehen. Und so kamen wir auf die Idee, eine Zeitung zu machen. Am Abend haben wir dann noch einen Freund [Anm. Erich Engelbrecht] angerufen, und gleich am nächsten Tag fand dann die konstituierende Sitzung statt, bei der wir beschlossen haben, dass die Nullnummer zu Weihnachten erscheinen soll.

Das habt ihr dann ja auch geschafft. Wie sah das erste DUM aus und wer waren die ersten Leser:innen?
Die erste Ausgabe hatte 32 Seiten in A4-Größe und sah ziemlich dilettantisch aus. Die Fotos und Texte haben wir zusammengestückelt, die Seiten hat uns Reinhards Vater 50 Mal in seinem Büro kopiert. Anschließend haben wir uns in Reinhards Wohnung zusammengesetzt – einfach weil seine die größte war – und die Seiten mit einem Tacker zusammengeheftet. Als wir endlich fertig waren, haben wir uns mit einer Flasche Wodka belohnt.
Unter die Leute gebracht haben wir das DUM dann nach der Christmette in Langenlois, dort haben wir das Heft vor der Kirche als Weihnachtsgeschenk verteilt.

Ausgabe U1 / Foto © DUM

War das allererste DUM schon eine Literaturzeitschrift?
Eigentlich nicht. Ich habe in den ersten Ausgaben meine Kubareise aus dem Jahr 1988 aufgearbeitet und den Text mit Fotos bestückt. Außerdem gab es Rätsel und einige Konzertbesprechungen, ich selbst habe zum Beispiel über ein Konzert von Ostbahn-Kurti berichtet. Um Urheberrechte haben wir uns damals noch nicht gekümmert, wir haben da recht unbeschwert gefladert, indem wir Fotografien aus anderen Magazinen für unser Cover verwendet haben.
Aber wir waren wahnsinnig motiviert. In den ersten sechs Monaten sind sechs Ausgaben entstanden. Die haben wir dann den Leuten auf der Straße in die Hand gedrückt und zu jedem Treffen mit Bekannten und Freund:innen mitgenommen.
Nach vier Ausgaben sind wir dann erstmals von Leser:innen gefragt worden, ob sie sich auch mit Texten beteiligen können.

Irgendwann war dann aber trotzdem die Luft draußen.
Ja, die Motivation war nach sechzehn Untergrundnummern weg. Ich selbst bin damals ein halbes Jahr in England gewesen. Nach meiner Rückkehr haben wir uns zusammengesetzt und uns gefragt, ob wir weitermachen oder aufhören sollen. Aber es gab bereits genügend Interesse, es haben sich Leute gemeldet, die mitmachen wollten und plötzlich waren wir ein Team von sieben Redakteur:innen. Wir haben dann den Verein DUM gegründet, um leichter um Förderungen ansuchen zu können.


die erste offizielle Ausgabe erschien 4 Jahre nach der ersten Untergrund-Ausgabe, Foto©DUM

1996 erschien die erste offizielle Nummer. Die trug dann wieder die Nummer eins. Wie sah das neue DUM aus?
Wir sind damals auf A5-Format umgestiegen. Außerdem hatten wir jetzt endlich einen Computer, dadurch hat das Ganze schon besser ausgesehen, auch mit buntem Cover. Kopiert haben wir in einem Copyshop, die Auflage lag bald schon bei 500 Stück. Wir bekamen auch schon ziemlich viele Einsendungen aus ganz Österreich, auch aus Deutschland. An manchen Tagen sind sieben Textpakete bei mir angekommen, dann war der Postkasten mehr als voll.

Textbeiträge per Briefsendung – das heißt, ihr musstet die ausgewählten Texte abtippen?
Klar, Internet gab es damals ja noch keines in den Haushalten. Die Texte kamen entweder in Papierform, manche auch schon auf Diskette. Selbst später, als wir schon eine Mailadresse hatten, bekamen wir noch lange Einsendungen mit der Post. Ab Nummer 17 haben wir auch Fotos angefordert, anfangs kamen diese noch als Passfoto zu uns, das dann eingescannt wurde.

Und wie sah eure Auslieferung aus?
Die Abonnent:innen in der näheren Umgebung habe ich selbst mit dem Fahrrad beliefert, den Rest habe ich zur Post getragen. Mittlerweile machen wir die Auslieferung nicht mehr selbst, das Versenden der Abos übernimmt heute unsere Druckerei, die ihren Sitz im Waldviertel hat. Nur die Bestellungen, die dazwischen reinkommen, trage ich noch selbst zur Post.

Wie viele Texteinsendungen bekommt das DUM heute im Schnitt?
Das variiert. Wenn zum Beispiel ein großes Forum in Deutschland die Ausschreibung teilt, kann es sein, dass die Einsendungen plötzlich rasant zunehmen. Im Schnitt aber sind es 250 Texte pro Ausgabe. Bei den Dialektausgaben sind es weniger, da kommen 120 bis 150 Texteinsendungen. Der Rekord lag bisher bei 352 Texten.


Bei DUM werden die Texte anonym bewertet. Wie genau darf man sich das vorstellen?
Wenn die Einsendungen bei mir ankommen, kopiere ich die Texte ohne Namen, nur mit fortlaufender Nummer in eine Word-Datei, die ich am Schluss für uns drei im Copyshop ausdrucke. Wir bewerten mittels eines neunstufigen Systems, das hat sich seit den Neunzigerjahren gut bewährt.

Du beantwortest nach wie vor jedes Mail persönlich und auch sehr flott, das weiß ich, weil ich selbst schon bei DUM eingereicht habe. Das ist ein Service, das nicht viele Zeitschriften anbieten.
Wahrscheinlich übertreibe ich da. Aber ja, mir ist das wichtig. Die Autor:innen vertrauen uns ihre Texte an, ich möchte nicht, dass sie lange auf Antwort warten müssen. Auch habe ich es gern persönlich. Deswegen achte in den Tagen vor Einsendeschluss darauf, dass ich mir wenig Arbeit einteile.

Liest und bewertest du selbst immer mit?
Ja. Ich habe in den gesamten dreißig Jahren tatsächlich jeden einzelnen Text, der uns geschickt wurde, von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen. Darauf bin ich auch stolz. Manchmal ahne ich zwar schon nach zehn Zeilen, dass es der Text wahrscheinlich nicht in die Auswahl schaffen wird, dennoch sehe ich es als meine Pflicht, allen Texten dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken.

aktuelle Ausgabe (#104, 11/2022), Foto©DUM

Haben sich die Texte im Lauf der Zeit verändert – bzw. gab es in den 30 Jahren so etwas wie Trends?
Das hängt immer von den jeweiligen Themen ab. Die aktuelle Ausgabe trägt gerade den Titel „Divers“. Das wäre vor 20 Jahren noch nicht möglich gewesen, schon gar nicht wären Autor:innen zur Lesung kommen, die sich selbst als divers bezeichnen. Heute ist man da wesentlich offener.

Auch merkt man den Texten der letzten Jahre den Einfluss der sozialen Medien an. Zum Beispiel gibt es in der aktuellen Ausgabe ein Interview mit Silke Gruber, Teile ihrer Textprobe bestehen aus Instagram-Einträgen. Auch diese Textform ist noch relativ neu.

Das DUM ist für seine kreativen Themen bekannt. Wie entstehen diese?
Für die Themenfindung treffen wir uns gerne im Café Oben am Dach der Hauptbücherei am Urban Loritz Platz. Diesmal sind die Themen allerdings nach am Nachhauseweg vom 30-Jahre-DUM-Fest entstanden. Da gab es am Weg zum Westbahnhof eine Open Air-Bierausschank, also haben wir uns spontan noch ein Bier gegönnt und gleich die nächsten Themen besprochen. Da es 2023 im Zuge des Viertelfestivals einen Kulturzug durch Langenlois geben soll, habe ich mir gewünscht, dass wir das Thema „Zug“ aufgreifen. Markus [Anm. Köhle] hatte dann die Idee, Mobilität als Jahresschwerpunkt zu nehmen und hat sich dann auch die einzelnen Untertitel ausgedacht.

DUM erreicht mit einer Auflage von 1000 Stück Abonnent:innen in ganz Österreich, Deutschland und der Schweiz. Selbst manche Verlage haben da eine wesentlich geringere Reichweite. Worin liegt euer Geheimnis?
Es gab natürlich immer wieder Tiefschläge. Aber nach jedem Tiefpunkt kam auch wieder eine Neuorientierung. Seit 2000 hat das DUM wieder A4-Größe und ein professionelles Layout, das hat der Wolfgang Hametner damals übernommen, und ich bin sehr froh und dankbar, dass er nach zwanzig Jahren immer noch bei uns ist.
Ein Erfolg von DUM ist aber sicher auch, dass wir als Verein im Kulturleben mitmischen. Wir haben immer schon Lesungen initiiert und organisiert. Nicht nur die DUM-Präsentationen in Wien und Niederösterreich, auch in Imst und Berlin waren wir schon, sondern etwa auch das Festival Literatur & Wein, das DUM gemeinsam mit dem Verein kimnaras ins Leben gerufen hat und das dann vom Literaturhaus Niederösterreich übernommen wurde. Auch die Veranstaltung Literatur in der Kellergasse, die 9 Jahre in Schiltern stattfand sowie die Reihe verlesen, die ebenfalls neun Jahre lang existierte und in einem Winzerstüberl Lesungen und Musk anbot, wurden von DUM mitorganisiert,
Seit 2011 gibt es Literatur im Kino, eine reine DUM-Veranstaltung, die 4-5x im Jahr in Langenlois stattfindet und Film und Literatur verbindet.
Abseits von den DUM-Veranstaltungen und -Projekten nehmen wir die Zeitschrift aber auch auf diverse andere Bühnen mit. Markus Köhle, der seit 2010 bei uns in der Redaktion mitarbeitet, ist ja als Poetry Slammer und Veranstalter, vor allem im Westen Österreichs, sehr aktiv. Auch Martin Heidl, der dritte in unserer Redaktion, nimmt das DUM auf all seinen Wegen mit.

Das DUM ist ist für viele Autor:innen Sprungbrett, nicht wenige, die heute in der Literaturszene bekannt sind – wie etwa Marjana Gaponenko, Robert Prosser, Magda Woitzuck, Vea Kaiser oder Martin Peichl – hatten ihre erste oder zumindest eine ihrer ersten Veröffentlichungen im DUM. An welche Erfolgsstorys erinnerst du dich besonders gern?
Robert Prosser, ja, der war mit seinem Roman „Phantome“ sogar für den deutschen Buchpreis nominiert. Ein besonders schönes Erlebnis für uns war auch, als sich der Residenz Verlag in unserer Redaktion gemeldet hat, weil ihnen der Text von Verena Mermer so gut gefiel. Die Autorin wurde von Residenz dann unter Vertrag genommen. Auch der erste Plattenvertrag für den Nino aus Wien kam nach einer DUM-Präsentation zustande. Ich habe den Nino damals auf einem Poetry Slam gehört und ihn um seinen Text gebeten, den ich dann auch in den Textpool aufgenommen habe, um zu sehen, wie er den anderen Redaktionsmitgliedern gefällt. Bei der Präsentation der Ausgabe im Café Anno hat mich Nino dann gefragt, ob er den Text aus dem DUM lesen muss, oder ob er auch etwas singen darf. Zufälligerweise saß an jenem Abend der Produzent von Problembär Records im Publikum.

Immer mehr Zeitschriften existieren nur mehr als PDF-Ausgabe, viele Literaturprojekte gibt es nur in Blogform. Gleichzeitig wird Papier immer teurer. Wie siehst du die Zukunft von Literaturzeitschriften?
Ich bin der festen Überzeugung, dass die Menschen auch heute noch das haptische Erlebnis schätzen, und das bietet nur eine gedruckte Zeitschrift.
Aber ja, die Druckkosten steigen, das spüren wir natürlich, wenn auch zur Zeit noch nicht ganz so stark. Eine wesentlich größere Herausforderung sind die gestiegenen Portokosten. Vor allem die Sendungen nach Deutschland sind teuer, das Porto allein kostet 6,50 Euro, bei einem Heftpreis von 4 Euro ist das enorm.
Hier liegt die eigentliche Herausforderung. Sehr lange haben wir den Preis nicht angehoben, von den Untergrundnummern bis zur Ausgabe 88 kostete ein DUM konstant 45 Schillinge bzw. 3,30 Euro. Mittlerweile haben wir auf 4 Euro erhöht.

30 Jahre Herausgabe einer Zeitschrift, Organisation diverser Veranstaltungen, Ausfüllen verschiedener Förderanträge, Pflege der Website … Du bist ja selbst Autor, dieses Jahr ist dein Roman „Kurzenbach“ erschienen, auch schreibst du Dialektlyrik, die du gemeinsam mit den Musikern Michael Bruckner und Fabian Pollack im Projekt „Zur Wachauerin“ umsetzt oder auch gemeinsam mit der Sängerin Irmie Vesselsky. Gab es Momente, in denen dir die Organisationsarbeit zuviel wurde und du das Gefühl hattest, dass für eigene Projekte kaum noch Zeit bleibt?

Hm. Nein. Eigentlich nicht. Stressig ist es hauptsächlich bei Redaktionsschluss. Kaum hat man ein paar Mails beantwortet, kommt gefühlt schon wieder das nächste herein. Aber das sind nur ein paar Tage. Die Website aktualisiere ich hauptsächlich in den Wintermonaten, da ist weniger los.
Was das Lesen der Einsendungen betrifft: Wir fahren ja alle recht viel mit dem Zug, da ist man teilweise froh, wenn man etwas zu lesen hat. In einer Stunde Zugfahrt geht ja auch einiges weiter. Manchmal lese ich die Texteinsendungen auch in meiner Hängematte. Das ist dann sogar entspannend.

Danke für das Interview!

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Für seine Tätigkeit hat der Verein DUM bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. 2007 war DUM für den V.O. Stomps-Preis für außergewöhnliche kleinverlegerische oder für besondere buchgraphische/literarische Leistungen nominiert. 2012 durfte DUM den Anerkennungspreis des Landes NÖ für Volkskultur und Kulturinitiativen in Empfang nehmen. Für die Veranstaltungsreihe Literatur im Kino erhielt DUM den Förderpreis der Kremer Bank, speziell für die Veranstaltung „Nöstlinger für jung und alt“ wurde dem Verein außerdem der Preis 150 Jahre Sparkasse Langenlois zugesprochen.
Ende 2020 erhielt DUM nochmals den Förderpreis der Kremer Bank – diesmal für die Idee, die acht Kremser Schulen ein Jahr lang gratis mit je 50 DUM-Ausgaben zu beschenken. Das Projekt wurde dieses Jahr umgesetzt.
Die Website von DUM mit allen Infos zur Zeitschrift, zum Verein und auch zu Literatur im Kino finden Sie auf www.dum.at


Das DUM-Team heute: Martin Heidl, Wolfgang Kühn & Markus Köhle (Foto © DUM)

im Interview: Nadia Rungger

Nadia Rungger, geboren 1998, lebt in Gröden/Südtirol. Ihr Debüt „Das Blatt mit den Lösungen“ – Erzählungen und Gedichte erschien 2020 im Verlag A. Weger. Die Autorin erhielt bisher mehrere Auszeichnungen für deutsch- und ladinischsprachige Prosa und Lyrik, u. a. den Internationalen Literaturpreis
Im aktuellen Morgenschtean finden Sie ein Gedicht von Nadia Rungger in ladinischer Sprache.


Nadia Rúngger, Foto: © Miriam Raneburger

Deine Muttersprache ist ja tatsächlich das Ladinische. Wie war das so als Kind? Wann warst du das erste Mal mit der italienischen Sprache konfrontiert und wann hast du Deutsch gelernt?
Meine Muttersprache ist Ladinisch, meine Eltern haben immer Ladinisch mit mir gesprochen und auch heute reden wir zu Hause nur Ladinisch. Mit Deutsch und Italienisch war ich durch das Schulsystem bereits im Kindergarten konfrontiert.
Es ist eine eigenartige Erfahrung, aufzuwachsen und irgendwann zu merken, dass die eigene Sprache bereits wenige Kilometer von zu Hause „aufhört“. Natürlich hat jede Sprache ihre Grenzen, aber der Radius der ladinischen Sprache ist ein besonderer; für mich schien er zunächst eng und wurde dann doch weit. Da die ladinische Sprache aus mehreren Idiomen besteht, beläuft sich die Anzahl der Sprecher:innen, die „mein“ Ladinisch sprechen, auf mehr oder weniger drei Dörfer. Zu den anderen Idiomen habe ich durch die Literatur Kontakte knüpfen können; ebenso zum Rätoromanisch der Schweiz. Ich beschäftige mich im Moment näher mit der ladinischen Sprache und ihren mehr oder weniger entfernten Nachbarinnen, für mich ein Prozess, die Möglichkeiten meiner Muttersprache neu zu definieren und ihre Bedeutung für mich und für mein Schreiben zu erfassen.

In welcher / welchen Sprache(n) wurdest du in den ersten Jahren unterrichtet?
Deutsch und Italienisch sind gleichgestellte Unterrichtssprachen, dazu kommen zwei Ladinischstunden pro Woche.

Ladinisch ist ja auch Amtssprache. Wie sieht es mit der ladinischen Rechtschreibung aus? Gibt es hier allgemein gültige Regeln? Und hält sich da jeder dran, oder gibt es bei privaten Notizen/ Korrespondenzen doch noch große Unterschiede?
Es gibt Grammatiken, Wörterbücher, Sprachprüfungen und Sprachzertifizierungen und somit auch allgemein gültige Regeln. Bei den wenigen Ladinischstunden in der Schule darf es einen aber nicht wundern, wenn die italienische oder deutsche Grammatik und Rechtschreibung besser gelernt werden als die ladinische. Ich zum Beispiel hatte ab der Mittelschule keinen Unterricht mehr in meiner Muttersprache, da ich eine Oberschule außerhalb der ladinischen Täler besucht habe. Nach einem Germanistikstudium kenne und beherrsche ich die deutsche Grammatik und Rechtschreibung besser als die ladinische.

In welcher/ welchen Sprache(n) schreibst du vorrangig?
Ich schreibe auf Deutsch und einiges auch auf Ladinisch. Aber die Frage, inwiefern sich das trennen lässt, beschäftigt mich. Ich denke, dass Mehrsprachigkeit mein Spiel mit Sprache sehr beeinflusst. Auch wenn ein Gedicht sich an der Oberfläche deutsch liest, waren andere Sprachen an seinem Entstehen beteiligt.
Abseits vom literarischen Schreiben verwende ich die Sprachen je nach Kontext. Einkaufsliste auf Ladinisch, Tagebuch auf Deutsch. Vielleicht für mich auch eine Möglichkeit, das Geschehene mit einer Distanz zu reflektieren.

Du hast 2014 an einem Ladinischen Literaturwettbewerb teilgenommen und auch gewonnen. Wie kamst du auf die Idee, dort mitzumachen?
Eine Freundin meiner Mutter, eine Ladinisch-Lehrerin, hat mich auf den Literaturwettbewerb aufmerksam gemacht. Das Thema war Vester ladins te n mond che muda (Ladiner:innen sein in einer Welt, die sich verändert). Ich habe zunächst einen Text über zwei Frauen geschrieben N di de plueia / Ein Regentag. Die junge Frau will auf Reisen gehen, während die andere zurück nach Hause fährt. Dann habe ich noch einen zweiten Text geschrieben, der sich kritischer mit dem Thema auseinandergesetzt hat, in der Form eines Dialogs zwischen zwei Freunden. Der Ladinische Literaturwettbewerb 2014 war mein erster Literaturpreis, eine schöne Erfahrung und ein wichtiger Schritt für mein weiteres Schreiben.
Besonders für eine kleine Sprache sind Literaturpreise sehr wichtig. Doch wir brauchen einen Diskurs, eine Rezeption. Eine Literatur lebt von ihren Texten, von ihren Autor:innen und vor allem auch vom Austausch mit anderen Literaturen. Ich bin davon überzeugt, dass Interesse da ist und wünsche mir für die junge ladinische Literatur, dass Möglichkeiten der Übersetzung geschaffen werden, damit sie über ihre sprachlichen Grenzen hinaus in einen Dialog treten kann.

Du hast bereits einige andere Literaturpreise verliehen bekommen, mittlerweile studierst du Angewandte Linguistik an der Freien Universität Bozen, davor hast du Germanistik in Graz studiert. Wie sehen deine weiteren Pläne aus? Bleibst du nun in Südtirol – oder ist das noch nicht sicher?
Für den Moment fühle ich mich hier sehr wohl, das Schreiben in dieser Umgebung, das Studium und die Beschäftigung mit der ladinischen Sprache gefallen mir und greifen gut ineinander.
Was danach kommt, kann ich noch nicht sagen.

Vor zwei Jahren erschien dein Debüt „Das Blatt mit den Lösungen“, ein Band mit Gedichten und Erzählungen. Wirst du bei der kurzen Form bleiben? Bzw. hast du vielleicht schon ein neues Projekt in Planung?
Ich schließe gerade ein Lyrikmanuskript ab, und wenn ich soweit bin, suche ich nach Möglichkeiten einer Veröffentlichung. Im Moment schreibe ich auch an einem längeren mehrsprachigen Prosatext, es gibt einige Projekte im Bereich der Lyrik und Lesungen. Im nächsten Jahr nehme ich an zwei Literaturfestivals statt. Die Einladungen haben mich geehrt und ich freue mich schon sehr auf den Austausch.

Vielen herzlichen Dank für deine Antworten!

Hinweis: Ein Porträt der Autorin in ladinischer Sprache finden Sie HIER

paroles sutes y moles von Nadia Rungger

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Gedichte von Nadia Rungger,
(Hinweis: „paroles sutes y moles“ hören Sie ab min 5:20)

Graßmugg, Josef

Josef Graßmugg

*1962 in Graz,
aufgewachsen in Edelstauden/SO-Stmk, lebt in Kapfenberg /Stmk.; schreibt Lyrik und Prosa in Hochsprache und Mundart; seit 2003 Vorsitzender des ›Europa-Literaturkreis Kapfenberg‹, seit 2005 Herausgeber von ›Reibeisen. Kulturmagazin aus Kapfenberg‹, seit 2007 Vorstandsmitglied der Ö.D.A. und des ›FDA – Landesverband Berlin‹. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften; 2003 erschien der Lyrikband »Auch Realisten Träumen«.

Marcus Fischer im Interview

Der Roman „Die Rotte“ des 1965 in Wien geborenen Autors Marcus Fischer erschien Ende August im Buchverlag Leykam und gehört ganz eindeutig zu den Highlights des diesjährigen Herbstprogramms. Margarita Puntigam Kinstner hat dem Autor Ende Oktober ein paar Fragen gestellt.

Für deinen Roman „Die Rotte“ hast du eine ganz eigene, sehr österreichische Form der Erzählsprache gewählt, die einerseits durch die Verwendung des Perfekt an eine mündliche Erzählung erinnert, auf der anderen Seite jedoch viel bildreicher und dichter ist und vor allem wunderbar atmosphärisch.
Wieso hast du dich dafür entschieden, deinen Roman in diesem Ton zu erzählen?
Weil es für mich die einzig stimmige Form war, mich dieser Zeit und dieser abgeschiedenen Siedlung anzunähern. Die Erzählstimme bleibt zwar anonym, stammt aber von dort. Das Präteritum hat einfach falsch geklungen, nach Schriftsprache und nach einer Erzählinstanz, die von außen über das Geschehen redet. Das durchgehende Perfekt hat natürlich mit den vielen Hilfsverben auch Probleme geschaffen, ich musste irgendwie diese Überfülle an „haben/sein/hat/ist/haben gehabt/sind gewesen“ etc. schlichten, da ist mir die recht freie Wortstellung, die der Dialekt erlaubt, sehr gelegen gekommen. Spannend war es aber auch, mit einem begrenzten Wortschatz (es gibt in dieser Sprache z.B. kein „blicken“, „betrachten“, „beobachten“ etc., sondern einfach nur „schauen“) die seelischen Zustände der Figuren, vor allem der Protagonistin zu beschreiben. Im Übrigen war die Sprache schon lange vor der eigentlichen Handlung da, ich hab mit der Erzählstimme experimentiert, ohne noch zu wissen, was ich im Detail erzählen möchte.


Die Handlung deines Romans spielt in der Rotte Ferchkogel am See, die aus nur wenigen Höfen besteht. Wie entstand die Idee, über eine abgeschiedene ländliche Gemeinschaft Anfang der 70er zu schreiben? Hast du zu dem beschriebenen Landstrich persönliche Bezugspunkte?
Ja, ich hab meine halbe Kindheit in einem sehr kleinen, abgelegenen Dorf im südlichen Niederösterreich verbracht. Und weil es dort keinen See gibt, hab ich den Ort weiter nach Westen gerückt, irgendwo zwischen Hochschwab und Ötscher.


Was mich an deinem Roman besonders berührt hat, war die Beschreibung von Elfis Depression, die du so authentisch zeichnest, dass man sie direkt spürt. Hast du deine Hauptfigur von Anfang an so intensiv gespürt oder hat sich das während des Schreibprozesses nach und nach ergeben?
Elfi war sehr früh da, vor allem ihre „dunklen“ Zustände. Da konnte ich mich zum einen gut hineinversetzen, zum anderen sind aber auch Gespräche und Interviews eingeflossen, die ich geführt habe. Unter anderem mit einer Bäuerin, die in den 80er Jahren von einem Tag auf den anderen schwer depressiv wurde. Ihr erster Gedanke nach dem Aufwachen bestand darin, sich Szenarien zu überlegen, wie sie sich so umbringen könnte, dass es nach einem Unfalltod ausschaut. Wenn man sich dann noch vorstellt, dass Depression damals nicht als Krankheit erkannt wurde, kann man sich vorstellen, wie aussichtslos so eine Situation ist. Man hat ja damals vom Arzt nur Schlaftabletten verschrieben bekommen und gute Ratschläge in Richtung, man soll sich zusammenreißen und nicht so gehen lassen.

Trotz des schweren Themas liest sich der Roman sehr flüssig und vor allem spannend. Mit dem angeblichen Selbstmord von Elfis Vater scheint ja etwas nicht zu stimmen, und auch die Beschreibung der einzelnen Dorfbewohner hat bei mir dazu geführt, dass es mich stellenweise so richtig gegruselt hat beim Lesen. Dass man da so intensiv mitlebt, liegt vor allem daran, dass du Klischees vermeidest und genau beobachtest, ohne selbst zu werten. Wie hast du dich deinen Figuren genähert? Ich nehme an, dahinter stecken viele Gespräche, viel Recherchearbeit?
Elfi und ihre Gegenspieler, der Firnbichler und seine Frau, waren für mich der Ausgangspunkt. Zum Teil sind diese Figuren von realen Menschen beeinflusst, zumindest in ihrem Grundcharakter. Dass der Firnbichler und die Martha so übermächtig erscheinen, liegt auch an Elfis Wahrnehmung, weil wir die beiden ja sehr stark aus ihren Augen sehen. Zum anderen war der soziale Umgang miteinander damals einfach härter als heute. Ein älterer Herr aus der Steiermark hat das in einem Gespräch einmal achselzuckend als „harten Spaß“ bezeichnet, was wir heute als Mobbing und seelische Gewalt erkennen und beim Namen nennen können. Vieles von dieser Brutalität macht natürlich auch die Spannung im Roman aus, weil es Konflikte nährt.


Dein Roman ist durchaus ein feministischer Roman. Es geht um männliche Bevormundung und sexuelle Gewalt, es geht aber auch und vor allem um den Zusammenhalt zwischen den Frauen in der Rotte, der sich erst entwickeln muss. War dir das ein Anliegen? Zu zeigen, dass man mit vereinten Kräften durchaus die Möglichkeit hat, traditionellen Strukturen zu trotzen?
Ich habe versucht, das Machtgefüge in dieser Rotte zu beschreiben – und das möglichst vielschichtig. Da gibt es die patriarchale Öffentlichkeit, in der Frauen weitgehend rechtlos sind, in der sexuelle Belästigung und Gewalt geduldet werden. Zugleich gibt es die Gewalt von Frauen gegen Frauen – Elfis Mutter Lisbeth missbraucht ihre Tochter körperlich und seelisch, Martha Firnbichler spielt ihre soziale Macht der Kleinbäuerin Elfi gegenüber auf jede erdenkliche Weise aus. Und natürlich üben auch die Männer untereinander Gewalt aus – wie die seelische Brutalität des „Alphatiers“ Firnbichler gegenüber dem „Schwächling“ Gernot. Elfi aus diesem Machtgefüge zu befreien, hier eine Lösung zu finden, die nicht aufgesetzt wirkt, hat gedauert, weil es innerhalb des Dorfes fast aussichtslos erschien. Letztlich führt die Unterstützung der gut ausgebildeten, selbstbewussten, von außen kommenden Eva die Wende herbei. Insofern war es weniger der Wunsch zu zeigen: „So geht’s!“ als der einzig plausible Ausweg in dieser Situation. Aber wahrscheinlich ist es unter solchen Umständen auch in der Realität der einzig mögliche Weg.


Wenn ich an manche Gemeinden in der Steiermark denke, in denen noch immer um den Grund gestritten und gedroht wird, wenn jemand stirbt, in denen Frauen noch immer vom Geld des Mannes abhängig sind und sexuelle Belästigung nach wie vor als etwas angesehen wird, das völlig normal ist und das man als Frau lächelnd erdulden soll, habe ich das Gefühl, dass sich noch immer viel zu wenig verändert hat. Wahrscheinlich hat mich dein Roman deswegen so angesprochen. Wie siehst du das? Wie würde es Elfi im Jahr 2022 ergehen?
Ja, manches hat sich verändert. Es gibt natürlich Ausnahmen – Frauen, die es schaffen, dank Erziehung, Beruf oder Bildung ihren eigenen Weg zu gehen. Und Männer, die sich den väterlichen und dörflichen Hierarchien und Rollenbildern entziehen. Aber es ist schwer, gerade wenn ein Hof dranhängt. Wenn diese Schritte nach vorn fehlen, kann sich diese Geschichte vielleicht wirklich auch heute noch so zutragen.


Und zu guter Letzt: Gibt es schon ein neues Projekt – und falls ja, dürfen wir schon etwas darüber erfahren?
Ja, es gibt ein neues Projekt. Es wird um einen Mann gehen, der das Gefühl hat, sein Leben hätte auch ohne ihn passieren können. Während bei der Elfi eher die weibliche „Zurichtung“ in der Dorfgemeinschaft im Vordergrund stand, wird es hier mehr um die männliche „Zurichtung“ durch Arbeit gehen. Aber wie bei der Rotte bin ich hier zunächst einmal auf der Suche nach der stimmigen Sprache. Und das dauert.

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Eine Rezension können Sie in der 👉 neuen Ausgabe lesen.


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Informationen zum Buch: Elfi Reisinger, eine junge Bäuerin, lebt Anfang der 1970er Jahre mit ihren Eltern auf einem kleinen Hof in der Rotte Ferchkogel, einer abgelegenen Siedlung im Voralpenland. Ihr Vater verschwindet eines Nachts, die Gendarmerie geht von Selbstmord aus. Durch den Tod des Bauern verschiebt sich das Gefüge in der Rotte. Die anderen im Dorf trauen den beiden Frauen nicht zu, den ärmlichen Hof weiterzuführen. Der Nachbar will den Grund für einen Spottpreis kaufen und setzt die Frauen immer mehr unter Druck. Als mit Elfis Hochzeit endlich wieder ein Mann an den Hof kommt, spitzt sich die Lage weiter zu und Elfi muss einen Weg finden, um sich aus diesem Machtgefüge zu befreien.
Es ist der unvergleichliche Sound von Marcus Fischer, der die Abgründe eines Provinzdorfes in seiner beiläufigen Brutalität zutage bringt. Die Erzählstimme ist mal einfühlsam, fast liebevoll, dann wieder spitzzüngig, immer dicht an ihren Figuren: fesselnd und berührend.

Marcus Fischer
Die Rotte
Leykam, 2022
ISBN 978-3-7011-8251-0
€ 23,50 | 304 Seiten

> weitere Infos / Leseprobe

Marcus Fischer, 1965 in Wien geboren, lebt als selbstständiger Texter und Autor in Wien. Er studierte Germanistik in Berlin und arbeitete einige Jahre als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache, außerdem als Texter in Berlin und Wien. 2015 gewann er mit »Wild-Campen« den FM4- Kurzgeschichtenwettbewerb.

Ausgabe 74-75 / Nov. 2022

Ausgabe U74–75 / Nov 2022

Interview: Christine Teichmann
Dialektliteratur zum Thema: „Wadlbeissn, buggln und aundare Varrenkungen mit Texten von: Regina Appel, Dieter Berdel, Daniel Böswirth, Manuel Girisch, Georg Großmann, Silke Gruber, Elisabeth Hafner, Margit Heumann, Claudia Kirchmeyer, Isabella Krainer, Hubert Maria Moran, Gabriele Müller, ChristiAna Pucher, Johann Pumhösl, Birgit Rietzler, Günther Schwarzbauer, Stefanie Steiner, Ulrike Titelbach
Dialektliteratur aus der TIROL von:  Lea Jehle, Angelika Polak-Pollhammer, ChristiAna Pucher,  Annemarie Regensburger, Siljarosa Schletterer und einem Hörtext von Silke Gruber
sowie aus SÜDTIROL von Nadia Rungger

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Ludwig Roman Fleischer im Interview


Ludwig R. Fleischer Foto © sisyphus

Ludwig Roman Fleischer im Interview

An deinem 70. Geburtstag ist dein Roman „Partnerlook“ erschienen. Das wievielte Buch von dir ist das jetzt – weißt du das?
Ich glaube, das achtunddreißigste.

In deinem Roman geht es um ein Ehepaar, das bei dem titelgebenden Partnervermittlungsinstitut „Partnerlook“ anheuert, um einander beim Flirt mit Fremden zu beobachten. Dabei lässt du die Frauen in Monologen zu Wort kommen. Wie bist du auf die Idee gekommen?
Ich liebe Akzente, Idiolekte und Soziolekte, und finde zeitgenössische Sprachverschandelung zumindest unterhaltsam. In Monologen sind Romanfiguren leichter darstellbar als in auktorialen Kommentaren und selbst in erlebter Rede. Im besten Fall entsteht die Illusion, dass der Autor/die Autorin gar nichts tut.

Dein Werk ist nicht nur sehr umfangreich, sondern vor allem sehr vielseitig. Voriges Jahr erschien „100 Jahre Seewinkel“, in dem du Anekdoten erzählst, Mythen auf den Grund gehst, Kultur- und Zeitgeschichtliches festhältst und vom alltäglichen Leben berichtest. Diesen Sommer wiederum erschien der zweite Band von „Weana Gschicht und Weana Gschichtln“. Da kommt die Frage auf: Schreibst du immer an mehreren Manuskripten parallel?
Eigentlich nicht. Ich schreib nur zwischendurch Kurzgeschichten, wenn mir was ein- oder auffällt. Mittlerweile hab ich gut 150 unveröffentlichte auf Lager.

Auch mit deiner Wahlheimat Kärnten hast du dich auseinandergesetzt – 2014 erschien „Dorf der Seele – Geschichten aus der Kärntner Umgebung“. Wie näherst du dich als Wiener Schriftsteller deiner Wahlheimat?
Mit der in jeder aufrichtigen Liebesbeziehung unentbehrlichen Ambivalenz.

Diesen Sommer erschien der zweite Band von „Weana Gschicht und Weana Gschichtln“. Du startest mit dem Ende der Monarchie und berichtest bis zur Gegenwart, Band 1 beginnt sogar schon in der Steinzeit. Wie ist es dir gelungen, diesen gewaltigen Stoff in dieser Kürze darzustellen?
Wenn ich im Dialekt spreche oder schreibe, bin ich nicht so umständlich wie in der sogenannten Hochsprache. Ich hab auch als Lehrer immer wieder meinen Wiener Dialekt benutzt, wenn ich was einfach und saftig ausdrücken wollte.

Wer schon einmal das Vergnügen hatte, dir zuzuhören, weiß, dass du ein begnadeter Geschichtenerzähler bist, mit einer Stimme, der man einfach gern lauscht, und einem Wiener Dialekt, den man heute kaum noch hört. Hast du einmal eine Sprecherausbildung genossen oder bist du ein Naturtalent?
Ich hab keine Sprecherausbildung genossen, war aber immer ein passionierter Hinhörer, „Auditeur“ könnte man in Anlehnung an „Voyeur“ sagen.

Bist du als Kind mit dem Dialekt aufgewachsen, in dem du erzählst?
Ja, ich bin mit diesem Dialekt aufgewachsen. Nur, wenn wir die Innenstadt betraten, sagte meine Mutter „Jetzt wird Hochdeitsch gredt“. Hochdeutsch habe ich schon als kleiner Bub durch häufiges Radiohören gelernt, als erste Fremdsprache quasi. Der Apparat war der schwarze Volksempfänger meiner südsteirischen Großmutter. Übrigens hat es weder in meiner mütterlichen noch in meiner väterlichen Verwandtschaft einen Nazi gegeben. Die konnten – Arbeiterklasse auf der einen, Handwerker-Meisterklasse auf der anderen Seite – den Nationalsozialismus nicht ausstehen.

Nun ist ja gerade das alte Wienerisch im heutigen Sinne alles andere als politisch korrekt. Die Frauen werden als „Wähwalähd“ bezeichnet, die Italiener als „Katzlmåcha“ und die Deutschen als „Mammelaadiŋnga“.
Kannst du unseren jungen Leser:innen erklären, was es mit den Ausdrücken auf sich hat und wieso du dich dafür entschieden hast, sie in deinen ersten Lektionen zu verwenden?
Ich habe die Stimme und die Sprache eines Wiener Altspatzen verwendet (der ich ja auch bin). Wenn ein Altwiener „Wähwalähd“ sagt, ist es wie wenn ein alter Tiroler „Wähwa“ (oder zu Mädchen „Gitschale“) sagt, oder eine Frau „Maŋnnsbühda“. Wertungsfrei. Die Katzlmåcha waren eigentlich Südtiroler „Gazzomacher“, als Hersteller erstklassiger Schöpflöffeln aus Holz, die sie in Österreich verkauften. Ich kann ganz gut Italienisch und bin in hohem Maß italophil, daher darf ich die Italienerinnen und -ener so nennen – alle Betroffenen, denen ich die Katzlmacheranekdote erzählt habe, haben gelacht. Ja, und ich bin ein wirklicher Liebhaber Deutschlands (und seiner Dialekte!). Ich betrachte die Deutschen als unsere Geschwister und mag sie sehr. Marmelade hab ich auch sehr gern, ich koch sie selber ein. Mit unserer beidseitigen Neigung zum Pallawatsch spiegeln wir oft einander. Über allem steht die Ambivalenz: Was sich liebt, das neckt sich.

Man merkt: Das arme Opfer Österreich geht dem Wickadl (der ja dein Alter Ego ist) mit der Zeit ganz schön auf die Nerven. In deinem Buch/Hörbuch erinnerst du unter anderem an die Anfänge der FPÖ, an die Waldheim-Affäre, und – ein paar Lektionen davor – auch an das Ende der ersten Demokratie unter Dollfuß und sagst: „Maŋnche Lähd tehdn eam woaschähnlich aa häht noo hochlleem låssn. Des san dee, wås iewa die EU und is Padlament måtschgan und sågŋ, dass a schtoaka Maŋ heagherad. Lähda is mit de schtoakŋ Manŋar a so, dass imma rechthaŋm miassn und kaan Widaschpruch nehd duidn. Fräulich gehd daŋnn schnölla wås wähda wiar in da füh kompliziartaran Demogratie, wo d’Lähd hoid glähchberechticht mitanaŋnda redn miaasn.“
War das mit ein Grund für dein Projekt? Daran zu erinnern, dass der Wunsch nach schneller Veränderung und einem starken Mann recht schnell wieder in düstere Zeiten führen kann?
Ja. In Österreich sind mehr als 6o Prozent mit der Demokratie unzufrieden, 18 Prozent würden sie gern abschaffen. Ich fürchte, die Tendenz könnte angesichts der Pandemie, der Inflation und des Ukrainekriegs und seiner für uns spürbaren Folgen steigen.

Verrätst du uns vielleicht schon, was als Nächstes von dir kommt – oder ist das noch geheim?
Ich würde gerne eine Anthologie eines Teils meiner 150 unveröffentlichten Kurzgeschichten herausbringen, muss das aber noch mit dem Winfried Gindl besprechen.

Dann wünschen wir, dass da bald etwas Schönes entsteht! Vielen Dank für deine Antworten.

Oktober 2022; Fragen: mpk

Schletterer, Siljarosa

Siljarosa Schletterer

ist Autorin und Kulturvermittlerin. Das Zusammenspiel von Musik und Sprache und Stille, sowie die Vermittlung von (Gegenwarts-)Lyrik liegen seit ihrem Studium in ihrem Fokus und Herzen. Sie ist Mitglied diverser Kunstplattformen (u. a. art against racism, IG Autorinnen und Autoren und GAV) und erhielt verschiedene Stipendien und Auszeichnungen wie das Große Literaturstipendium des Landes Tirol in der Sparte Lyrik für „azur ton nähe – flussdiktate“ (erschienen 2022 bei Limbus Lyrik). Sie schreibt auf Schriftsprache und in einer Art Dialekt. Derzeit arbeitet sie an „einschreibungen“.

Weitere Informationen unter: www.siljarosaschletterer.com

zuletzt aktualisiert 2022

Literarische Beiträge von Siljarosa Schletterer finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U66-67/2020
U74-75/2022
U80-81/2024

Traude Veran: Gedanken zur Dialektdichtung

Traude Veran: Gedanken zur Dialektdichtung

Gerade habe ich ein Büchlein mit Dialekhaiku herausgebracht, daher möchte ich meine Gedanken zum Teil an dieser japanischen Versform festmachen. Haikudichter*innen in Österreich haben schon öfters Dialektstrophen verfasst, die meisten von ihnen aber nur sporadisch und, so kommt es mir vor, ein wenig vorsichtig: Ja, derf ma denn des?

Ich meine, all die vielfältigen Dialekte unseres Landes haben es sich verdient, in jeder Form der Lyrik ihre Wirkung zu entfalten. Liebe Dichterinnen und Dichter, gebt Euren Gedanken auch im Haiku so Ausdruck, wia eich da Schnowe gwoksn is! Andernorts geschieht es auch, und das recht erfolgreich:
In der letzten Zeit führte mich die Beschäftigung mit der Haikudichtung zu Texten aus dem Niederdeutschen. Das ist an sich kein Dialekt, besitzt aber innerhalb seiner Verbreitungsgebiete verschiedene Ausprägungen, also Dialekte.

In Pättkesfahrt ersann Pitt Büerken zunächst Haiku im Münsteraner Platt und fügte dann erst die hochdeutsche Version hinzu. Ich konnte all die geschilderten Episoden mit großem Vergnügen auch in meiner Heimat finden und übersetzte oder versetzte das Buch kurzerhand nach Wien: Radln auf Wegaln.

Das Land so weit von Gerhard Stein entstand als schriftsprachliche Version; Stein vertraute es Marianne Ehlers zur Übertragung in‘t Plattdüütsche an: Das Land so wiet. Dieses Werk, eine Liebeserklärung an Schleswig-Holstein in Haikuform, gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Es macht mich mit der Heimat meiner Schwiegertochter, die ich persönlich leider nie besucht habe, vertraut.

Die beiden Formen, die uns in diesen Werken begegnen, sind zwei recht unterschiedliche Dialekte des Niederdeutschen. Sie werden neben der Standardsprache gleichberechtigt verwendet und liebevoll gepflegt, vielleicht mehr noch als die Dialekte in manchen Regionen Österreichs.

Waune wos moch, wülle aa wissn, wose dua. Krame also ein bissl im sprachlichen Hintergrund.

Schreibregeln

Im Wienerischen kenne ich mich ganz gut aus – und selbst da geschah es vor kurzem, dass ich mit einer anderen Autorin über Kreuz geriet, was die „echte“ Aussprache betrifft. Die Unterschiede beginnen, wie ich nun weiß, bereits unterhalb der Bezirksebene. Von den vertikal aufgetürmten gar nicht zu reden. Das zeigt mir, wie verdienstvoll die Heroen der deutschen Sprache waren, die in den vergangenen beiden Jahrhunderten dem schriftlichen Ausdruck ein strenges Reglement verpassten – damals wie heute zum Leidwesen nicht nur der Jugend.

Glücklicherweise können wir unsere Dialektvielfalt in der Dichtung, besonders in der Lyrik, unbekümmert ausleben und aufschreiben, wie abenteuerlich auch immer. Dies bewerte ich als wohlverdienten Ausgleich für das strapaziöse, wenngleich notwendige Korsett, das uns die Firma Duden im schriftlichen Alltag anzulegen bemüht ist.

Ausdrucksweise

Der Dialekt ist eine sture alte Mähre und lässt sich von poetischer Raffinesse nicht antreiben. Er sagt, was er muss und er sagt es genau so, wie er will. Manchmal will er es kurz und prägnant. „Das dem Plattdeutschen innewohnende Lakonische und Unaufgeregte“ (Gerhard Stein) findet sich auch im Wienerischen:
weus woaris … – nicht „Und das ist die Wahrheit!!“ (Veran)

Dialekt ist aber mehr: Er sperrt sich gegen jede artifizielle – man könnte auch sagen elaborierte – Ausdrucksweise. An den Wortarten fällt das sofort auf: Die Umwandlung in Nomen, ein häufig gebrauchtes – und verbrauchtes – Stilmittel, prallt an ihm ab:

ringsumher Stille > rundümto is‘t still (Stein)
nee owwer auk! > Überraschung! (Büerken)
ausn Fensta schaun > Blick aus dem Fenster (Veran)

Die Nomen vermeidende aktive Rede kann in manchen Fällen auch dazu führen, dass die Zeilen ein wenig länger werden:
tiefgefrorene Blätter / im Eis der Pfütze > Blääd sünd froren un liggt / in’t les vun’n Pool (Stein)

Hier wollte ich noch ein Beispiel von Büerken einfügen, aber – es gibt keines! Ist ja auch verständlich: Er fing in Platt an. Und da Verben in hochdeutsche Sätzen genauso gut hineinpassen wie Substantivierungen, musste er die Struktur beim Übertragen nicht verändern. Aber umgekehrt – die gestelzten Versalien lassen sich in Dialekttexte nicht hineinzwängen.

Beeindruckend, wie anschaulich Dialekt sein kann:
Zwei Kohlweißlinge / flattern eng umeinander – fladdert um un um tohoop (Stein)
da Schdrossnkeara / hod an Lenz – der Straßenkehrer / hat nicht viel zu tun (Veran)

Bei biedermeierlichen Texten wirkt die (moderne) Dialektfassung natürlich besonders drastisch:
Der Reif hatt’ einen weißen Schein / mir übers Haar gestreuet; (Wilhelm Müller, Die Winterreise 14: Der greise Kopf)
… sogoa meine schwoazn Hoa haum weiß gschimmat / wiara Heulichnschein
(Petra Sela, Winterreise weanarisch)

Die folgende Nachdichtung zeigt die ungebremste Kreativität, wenn es darum geht, einen Sachverhalt treffend, so knapp wie möglich und mit allerhand Ungesagtem im Hintergrund auszudrücken. Und auch in der schwärzesten Verzweiflung funkelt noch ein Stückerl Selbstverarschung. Das ist natürlich sehr wienerisch, aber mir scheint, ganz allgemein dämpfen Dialektgespräche die großen Gefühle gern ein wenig ab, damit es nicht peinlich wird.

So zieh ich meine Straße / dahin mit trägem Fuß (Müller, Die Winterreise 12: Einsamkeit)

wiara bleiane Antn hatsch i / duach de Schdrooßn (Sela)

Wortkarg und wortreich

„Wir haben kein unnötiges Wort zu verschenken“, sagt Pitt Büerken von seinem Platt. Das ist aber nicht alles. Dialekt hat noch eine andere, gegenteilige Funktion, und da gibt es genug überflüssige Wörter – bildhafte Ausdrücke, die so manchen Lyriker beschämen könnten: Kreative Beschimpfungen erleichtern die Seele. Irgendwie gehört die bleiane Antn auch hierher.

Mein Dialekt hat einen altmodischen Wortschatz, ich gehe ja langsam auf die 90 zu. Er entstammt der Zeit, als die Straßenbahnfahrer noch aus ihrem Kabuff aussegmoschgat haum, wahre verbale Wimmelbilder in den Verkehr streuten:

oide Schaaßdromme, Fetznschädl, Huangfrasta olle midanaund …

Öha, das allein ist ja schon ein Gedicht! Ich hoffe sehr, dass die zunehmende political correctness die Produktion zeitgemäßer Schimpfwörter nicht allzu sehr einschränken wird.

(Text: Traude Veran, 2022)

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verwendete Literatur:
– Büerken Pitt: Pättkesfahrt. Kurzgedichte in japanischer Tradition auf Münsterländer Platt und Hochdeutsch. Agenda Verlag, Münster 2021
– Büerken, Pitt und Traude Veran: Radln auf Wegaln. Pättkesfahrt im Wiener Dialekt. Österr. Haiku Gesellschaft, Wien 2022
– Franz Schubert’s Werke. Kritisch durchgesehene Gesamtausgabe. Serie 20. Lieder und Gesänge. Neunter Band. Von der „Winterreise“ bis zum „Schwanengesang“ 1827 und 1828. Leipzig Verlag von Breitkopf & Härtel. Ausgabe 1895
– Sela, Petra: A braada Weg waun’s schneibt: “Winterreise” weanarisch. Mit CD. Edition Doppelpunkt / Erika Mitterer Gesellschaft, Wien 1999
– Stein, Gerhard: Das Land so weit / Das Land so wiet. 75 Haikus aus Schleswig-Holstein. In‘t Plattdüütsche överdragen vun Marianne Ehlers. Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2014

Traude Veran, Geboren 1934 in Wien, gelernte Sozialarbeiterin, Psychologin, Erwachsenenbildnerin und Animateurin, arbeitete in Süddeutschland und einigen österreichischen Bundesländern, vor allem an der Integration behinderter und/oder benachteiligter Kinder.
Hat neben Fachbüchern etwa 30 literarische Bände verfasst bzw. übersetzt, vor allem Lyrik, aber auch Lokalhistorisches. Journalistische und Lektorentätigkeit, Mitarbeit an der Rechtschreibreform. Kunstfotografie, Collagen, Lesungen und Performances. Mehrere Auszeichnungen und Preise.
In den letzten Jahren befasst sie sich vor allem mit Haikudichtung und ist Ehrenmitglied der Österreichischen Haiku Gesellschaft ÖHG. Im Morgenschtean veröffentlicht die Autorin seit 1991.
In ihrer neuesten Publikation „Radln auf Wegaln“ hat Traude Veran die Haiku aus Pitt Büerkens „Pättkesfahrt“ (Original im Münsterländer Platt) ins Wienerische übertragen, wobei sie die Gedichte nicht bloß transkribierte, sondern „transkreierte“ (wie Büerken selbst es nannte).
(Sept.2022)

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Rainer, Christine

Christine Rainer

lebt in Tirol, veröffentlicht seit 2013 in Literaturzeitschriften, Anthologien und in Buchform Lyrik und Kurzprosa.

Literarische Beiträge von Christine Rainer finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U76-77/2022
U80-81/2024
U82-83/2024

Ausgabe U72-73 / Mai 2022

Ausgabe U72–73 / Mai 2022

Interview: Christine Teichmann
Dialektliteratur zum Thema: „Wadlbeissn, buggln und aundare Varrenkungen mit Texten von: Regina Appel, Dieter Berdel, Daniel Böswirth, Manuel Girisch, Georg Großmann, Silke Gruber, Elisabeth Hafner, Margit Heumann, Claudia Kirchmeyer, Isabella Krainer, Hubert Maria Moran, Gabriele Müller, ChristiAna Pucher, Johann Pumhösl, Birgit Rietzler, Günther Schwarzbauer, Stefanie Steiner, Ulrike Titelbach
Dialektliteratur aus der TIROL von:  Lea Jehle, Angelika Polak-Pollhammer, ChristiAna Pucher,  Annemarie Regensburger, Siljarosa Schletterer und einem Hörtext von Silke Gruber
sowie aus SÜDTIROL von Nadia Rungger

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Fudulakos, Sabina

Sabina Fudulakos

geboren 1966 in Mistelbach, malt und schreibt und ist Mutter und Fachärztin für Neurologie.
Forum Land Literaturpreis 2014 (1. Platz in der Kategorie Prosa).
Seit 2015 Veröffentlichung zahlreicher Kurzgeschichten sowie eines Dramoletts in Anthologien und Literaturzeitschriften (u.a. Lichtungen, Literaturhaus Freiburg, Die Rampe, Neolith, Am Erker, DUM, &Radieschen).
sabina-fudulakos.com

Literarische Beiträge von Sabina Fudulakos finden Sie in den Morgenschtean-Ausgaben:
U72–73/2022
U86–87/ 2025





Siljarosa Schletterer
BESAGTE NACHT

wenn der wind die gräser zerzaust
und dem see die schönsten locken schenkt
da holen wir das himmelsrauschen heim
messen sternfunkeln in traumweite
     unterm sterahimmel nennsch du s’dahoam
     dr tålkessel deckt ins mit gschichta zua
nua nachtfålter, ådler und d’sunnwendkäfer
zoaga ins‘n weg zum dem platzle des scho alleweil
a hintertiarle war in a andre walt
im feuerspiegel dann das wiederbegegnen
ein uferloses du – animalisch und warm
da öffne ich meine blüten den königskerzen gleich
bei dir pocht jahrtausendalter atem
     in die magie der sprachlosigkeit
     då bin i bei dir – inigekrocht
     in viel z’groaßes gwand und doch nackat
     nur d‘reach und a fux weras secha
     zuluage wia ma inser gschicht nüi schreiba
     mit herzpinsl und füarfårb


6 Fragen an Angelika Polak-Pollhammer

Warum Literatur?
Lesen war für mich schon in der Jugend Rückzug und Aufbruch gleichzeitig. Sobald das Buch aufgeschlagen war, vergaß ich alles um mich herum. Ich war jemand anderer, lebte in fernen Ländern, bereiste unbekannte Planeten, konnte Berge besteigen, in einem Schiff den Pazifik überqueren, war Forscherin, Detektivin, Superheldin. Noch heute kann ich in einem Buch versinken. Für kurze Zeit ist die Welt in Ordnung. Und nicht zuletzt bringt mich Literatur zum Nachdenken und lässt mich im besten Fall um eine Erkenntnis reicher sein.

Warum Dialektliteratur?
Weil der Dialekt – besonders in der Lyrik – noch ein wenig tiefer schürft. Er spürt auf, was ganz tief in den Menschen ist. Rührt an etwas. Im Dialekt habe ich die Möglichkeit, mit nur einem Wort ein ganzes Universum hereinzulassen.
Habelen zum Beispiel: In der Schriftsprache gibt es dieses Wort nicht und es lässt sich auch nicht mit liebkosen übersetzen. Es bedeutet viel mehr. Sich Zeit nehmen, Stille, Nähe, weckt Erinnerungen an Gerüche, Orte und Menschen. Eine kurze Erklärung bei Lesungen, dass man als Elternteil sein Kind habelet, reicht, und jede und jeder weiß, was gemeint ist und wie sich das anfühlt.
Gefühle von Wohligkeit und Heimat bergen natürlich eine gewisse Gefahr: sich unversehens auf einer Gratwanderung zwischen Heimattümelei und falschem Patriotismus wiederzufinden. Deshalb soll der Dialekt keine Scheu vor gesellschaftlich brisanten Themen zeigen und Fragen scharf formulieren. Auch das gelingt über seine Knappheit.

Gibt es Vorbilder?
Ja, die gibt es. Aber nicht dieses eine. Weder im Schreiben noch im Leben. Mehrere Menschen haben mich beeindruckt, mir Dinge gezeigt, mich ein Stück des Weges begleitet, ihre Geschichte mit mir geteilt. Einige davon älter, andere jünger. Einzelne sind Frauen aus meiner näheren Umgebung. Mutig und stark. Sie verloren ihre Lebensfreude trotz widriger Umstände nicht.
Eine, welche ich aus der Ferne bewundere, über sie und von ihr lese, ist Alice Munro. Ihr Bild in der Zeitung, als sie den Literaturnobelpreis verliehen bekam, ist mir noch in guter Erinnerung. Das Strahlen ihrer Augen, umrahmt von Krähenfüßen, eine „weise Alte“.

Was liest du gerade?
Wie immer mehrere Bücher gleichzeitig. Gerade fertig gelesen habe ich „Die Erfindung der Welt“ von Thomas Sautner. Das nächste im Stapel ist „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo.

An welches Ereignis denkst du besonders gerne zurück?
In diesen besonderen Zeiten:
– an das letzte Livekonzert vor Corona am 7. März 2020 (Drehwerk und
Andy Steiner Trio)
– an den Poetry Slam im Alten Kino Landeck im Oktober 2020 mit Maske
und Abstand (war ein Lichtblick und Hoffnungsschimmer)

Als Autorin:
– an das Auspacken des Paketes mit den Exemplaren meines ersten eigenständigen Lyrikbandes und die Präsentation dazu

Und als Frau:
– an die Geburt meiner drei Söhne

Woran arbeitest du derzeit?
Einem Prosaprojekt. Das wollte ich schon länger. Bisher haben mir jedoch Zeit und Struktur gefehlt. Nun versuche ich mich darin.
Dann gibt es da noch ein Herzensprojekt, welches fast fertig ist. Fotos und Texte. Sie entstanden letztes Jahr auf meinen Coronawanderungen. Und natürlich ein Lyrikprojekt im Dialekt – „Mein Herbarium der (Un-)kräuter“.

(18. April 2021)

El Awadalla wird 65 – die Ö.D.A. gratuliert herzlich

El Awadalla wird 65 – die Ö.D.A. gratuliert herzlich

Wenn man eine Frage zu Recht stellen darf, dann jene, ob es den Verein Ö.D.A. und die zugehörige Dialektzeitschrift Morgenschtean ohne das Engagement von El Awadalla überhaupt noch gäbe.


El Awadalla liest beim ADIDO – Anno Dialekt Donnerstag; Foto © Sigrid Kramer

Die Jahre, in denen El Awadalla unserem Verein vorstand, waren nicht nur Jahre des ständig sinkenden Kulturbudgets (und das zu einer Zeit, in der es um unseren Verein nicht gerade rosig stand), sondern auch Jahre, in denen sich die politische Landschaft Österreichs nachhaltig veränderte. In diesen Zeiten ging es vor allem darum, den Mut nicht zu verlieren und weiterzukämpfen – für eine kritische Literatur abseits des Mainstreams und der großen Verkaufszahlen, für eine Dialektliteratur, die sich gegen eine Vereinnahmung durch die rechte Szene zur Wehr setzt und zeigt, dass Dialekt nichts mit Heimattümelei und Abschottung zu tun hat.

Seit jeher haben sich die Mitglieder der Ö.D.A. für eine tolerante, vielfältige Gesellschaft eingesetzt – eine Gesellschaft, in der man einander auf Augenhöhe begegnet, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Beruf, Geschlecht oder Dialekt. Nicht nur als Mitglied und Präsidentin (2001-2013) der Ö.D.A., sondern auch als Aktivistin, Autorin und Privatmensch (sofern sich dies überhaupt trennen lässt) hat sich El Awadalla stets für diese Werte stark gemacht. Literatur verbindet und bringt die Leut z’samm, Literatur erweitert den Erfahrungshorizont und führt zu mehr Toleranz, weil sie die Möglichkeit bietet, in fremde Köpfe, Sichtweisen und Lebensgeschichten zu schlüpfen. Gerade deswegen muss es niederschwellige Angebote geben, die für alle zugänglich sind.

„Ich schreibe. Ich veranstalte.“(1)

Ab Februar 2000 organisierte El Awadalla (gemeinsam mit Traude Korosa) eine der wohl wichtigsten politischen Aktionen von Literaturschaffenden in unserem Land: die Widerstandslesungen gegen die schwarz-blaue Regierung unter Kanzler Wolfgang Schüssel. Mehr als 400 Autor*innen beteiligten sich an diesen Lesungen, die über viele Wochen hinweg täglich und schließlich – bis zum endgültigen Ende der rechten Koalition – immer an den Donnerstagen stattfanden. Vorgetragen wurden nicht nur aktuelle Texte der teilnehmenden Literat*innen (2), sondern beispielsweise auch Texte von Fritz Grünbaum, Rosa Luxemburg oder Hugo Bettauer sowie Zeitungsartikel aus der Zwischenkriegszeit. Hohe Wellen schlugen vor allem die Lesungen aus den Prozessprotokollen zum Tod von Markus Omofuma.

Organisiert und ins Leben gerufen hat El Awadalla – die vor ihrer Tätigkeit bei der Ö.D.A. unter anderem Kassierin im WUK (1983–1984) und Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Schreibender Frauen (1979–1987) war – vieles. Einiges davon ist uns heute so selbstverständlich und wohlbekannt, dass wir uns keine Gedanken mehr über die Ursprünge machen. Wie zum Beispiel das 1. Wiener Lesetheater.

Oder auch der Lise Meitner Literaturpreis, der 1994 anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Frauenreferates der Hochschülerschaft an der Technischen Universität gegründet wurde. Awadalla, die damals Sachbearbeiterin im Frauenreferat war, erinnert sich: „Wir hätten auch ein riesiges 10-Jahres-Fest feiern können, aber das wäre am nächsten Tag wieder vorbei gewesen.“(3) Der Literaturpreis – eine Idee von Awadalla, die im Team gut ankam – blieb. Alle zwei Jahre gab es eine neue Ausschreibung, alle drei Wettbewerbe folgte (dank Helga Gartner, die sich um die Finanzierung kümmerte) eine Publikation, die den Beweis antrat, dass Female Science Faction – so der Titel der ersten Anthologie (4) – ein überaus spannendes Feld in der Literatur ist und vor allem, dass Frauen in punkto technisches Wissen den Männern in nichts nachstehen. Selbstverständlich war diese Denkweise Mitte der 90er-Jahre noch lange nicht – ganz im Gegenteil. Noch im Jahr 1995 (!!) war es den Studentinnen des Bauingenieurwesens nicht erlaubt, bei einer verpflichtenden Lehrveranstaltung den Arlbergtunnel zu betreten – sie mussten draußen auf ihre männlichen Kommilitonen warten.

Der Lise Meitner Literaturpreis wurde voriges Jahr, nach 26-jährigem Bestehen, mit einer letzten Preisverleihung zum Abschluss gebracht.

Noch lange nicht zum Abschluss gebracht wird hoffentlich die Herausgabe des Morgenschtean. Dass es unsere Dialektzeitschrift überhaupt noch gibt, ist ebenfalls El Awadalla zu verdanken. 2002 – vier Jahre nachdem die Herausgabe wegen finanzieller Probleme eingestellt hatte werden müssen – erschien endlich wieder eine Nummer. Und falls sich jemand wundert, was das „U“ in den Ausgaben-Bezeichnungen des Morgenschtean bedeutet (momentan planen wir gerade die Nummer U68-69): U kommt von Uhudla.

„Der Max Wachter (Anm. Gründer des Uhudla) hatte damals die Idee, den Morgenschtean als Beilage zu machen. Also haben wir die Zeitung im Stil vom Uhudla gestaltet, damit das dann zusammenpasst. Das war schon super, weil wir so eine viel größere Reichweite hatten. Der Morgenschtean hat sich in der Zeit bis zu 12.000 Mal verkauft.“(3)

„Ich bin keine Intellektuelle. Ich schreibe, ich veranstalte.“ (1) Das sagte El Awadalla über sich selbst in einem Gespräch mit Marietta Böning (Der Standard) anlässlich der 150. Widerstandslesung im Jahr 2003. Leser*innen, die uns bis hierher gefolgt sind, werden ahnen, dass hinter den harmlosen Worten „Ich veranstalte“ ein ganzes Universum steckt. Und wenn schon kein Universum, dann zumindest eine Galaxie.

Nehmen wir einen weiteren Stern. Zum Beispiel das Ohrwaschl. 2006, als der 6. Bezirk die ansässigen Vereine, Organisationen und Künstler*innen aufrief, sich etwas zum Thema „6. Sinn“ zu überlegen, ließ sich El Awadalla (damals Präsidentin der Ö.D.A.) kein zweites Mal bitten. Per Los wurden Partnerschaften mit Teilnehmenden aus anderen Bezirken gebildet – die Ö.D.A. hatte das Glück, eine Zusammenarbeit mit Veit Aschenbrenner Architekten zu „gewinnen“. Entstanden ist schließlich die begehbare Installation SprachSpiel HörGang, die am Fritz-Grünbaum-Platz (vor dem Haus des Meeres) aufgebaut wurde. Ausgehend von vier Dialektgedichten, die sich im Inneren der Installation befanden – zwei von Friedrich Achleitner, eines von Markus Köhle und eines von El Awadalla selbst – waren die Besucher*innen aufgefordert, eigene Werke zu hinterlassen. Die gespendeten Texte wurden regelmäßig eingelesen, auf CD gebrannt und in der Installation abgespielt. (5)

Nach dem Abbau fand El Awadalla es zu schade, das Ohrwaschl einfach wieder zu vergessen. Deswegen wanderte das Projekt weiter – zur Urania, zu den O-Tönen im Museumsquartier und schließlich noch zum Höfefest in Sankt Pölten. Die Finanzierung der kam zu einem großen Teil von Awadalla selbst. („Ich hab damals ein bisserl was von meiner Million hineingesteckt.“(6))

Das Projekt wurde ein Erfolg – unzählige Menschen hinterließen Texte und Zeichnungen. Auch mehrere Live-Lesungen gab es, ein besonderes Highlight war die Lesung von Andreas Nastl für Gehörlose, der mehr als 200 Besucher*innen beiwohnten.

Apropos Gehörlose. Springen wir ein paar Sterne weiter in Awadallas Galaxie, dann stoßen wir auf den Gebärden-Slam. 2013 fand er das erste Mal statt. „Ich hab einfach mal getan“(3), erinnert sich Awadalla. Bei den Veranstaltungen in den Jahren 2014 und 2016 (insgesamt fand der Gebärden-Slam drei Mal statt) hatte sie dann Helene Jarmer (Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbunds) und die Grüne Bildungswekstatt an ihrer Seite. (7)

Und wenn wir schon beim Slammen sind: Kennen Sie den legendären Dialekt Poetry-Slam Wos host gsogt? (8) Auch dieser von Günter „Tschif“ Windisch moderierte Slam im Tschocherl wurde von El Awadalla mit ins Leben gerufen – sie selbst trat etliche Male mit ihren U-Bahn-Dialogen und anderen Dialekttexten auf.

Ach ja. Und noch einen Slam gibt es, für den El Awadalla verantwortlich ist. Der Bus-Bim-Slam (9) fand von 2012 bis 2014 immer im Juni an diversen Verkehrsknotenpunkten in den 23 Wiener Gemeindebezirken statt und machte den Gehsteig zur Bühne. Gelesen wurde am 1. Juni im 1. Bezirk, am 2. Juni im 2. Bezirk, u.s.w. Die „Bühne“ stand für alle offen, die mitmachen wollten, geslammt werden durfte bis zum Eintreffen des nächsten Verkehrsmittels, danach war der*die nächste Poet*in dran.

Und dann gäbe es da noch die Litera Tour: Ein Lesungs- und Musikabend, den die Ö.D.A. jedes Jahr gemeinsam mit der Straßenzeitung Augustin veranstaltet. (10) Auch diesen hat El Awadalla mitinitiiert.

Und …. nun, einige Dinge mehr würden uns schon noch einfallen, die es ohne ihr (Mit-)Tun nicht gäbe bzw. gegeben hätte. El Awadalla gehört eindeutig nicht zu den Menschen, die lange über Ideen sprechen, viel lieber schreitet sie entschlossen zur Tat.

Darum wussten wir auch , dass sie es ernst meinte, als sie 2016 als unabhängige linke Kandidatin Unterstützungserklärungen für die Bundespräsidentenwahl sammelte und den Österreichischen Wähler*innen mitteilte: „Ich möchte als Bundespräsidentin gern einen Poetry-Slam, eine Kellerlesung oder eine Ausstellung von Hobbymalern und Hobbymalerinnen eröffnen.“ (11) El Awadallas Video-Rede war übrigens im Dialekt. Leider fehlten am Ende 500 Unterstützungserklärungen (von 6.000 benötigten), um sich der Wahl stellen zu können.

Schert euch nicht um die Meinung der Leute, steht zu euren Ideen, zu euren Texten, zu eurer Sprache. Seid selbstbewusst, bleibt authentisch, nehmt euch kein Blatt vor den Mund und schaut kritisch auf diese Welt – das sind die Werte, die El Awadalla jungen Autor*innen (und vielen anderen Menschen) mit auf den Weg gibt. Sie selbst hat sich jedenfalls nie ein Blatt vor den Mund genommen. Nicht als Angestellte, nicht als ÖDA-Präsidentin, nicht als linke Politikerin und Aktivistin und schon gar nicht als handelnder Mensch. Während der sogenannten „Flüchtlingskrise“ im Jahr 2015 war sie eine der ersten, die sich ins Auto setzte und nach Ungarn fuhr, um Geflüchtete abzuholen.

El Awadalla – Die Schriftstellerin

Auch als Literatin lässt sich Awadalla – die schon auf vielen großen und kleinen Bühnen innerhalb und außerhalb Österreichs stand (unter anderem in Liechtenstein, der Schweiz, Südtirol und Ungarn) – nicht pressen. Nicht die Verkaufszahlen oder Slam-Platzierungen sind es, die sie interessieren, sondern der Blick auf die Randzonen unserer neoliberalen Gesellschaft. Vielleicht kommt das daher, dass sie als Burgenländerin schon sehr früh sehen musste, was selbst viele Erwachsene nur schwer aushalten: nämlich Grenzen, die mit Maschinenpistolen verteidigt werden. So etwas prägt.

Die Grenzen waren immer Dreh- und Angelpunkt Awadallas literarischer Auseinandersetzung und sie werden es auch bleiben. Nicht nur die geografischen, die willkürlich gezogen werden, sondern auch jene, die sich in den Städten und Dörfern zwischen den Menschen und auch im Menschen selbst auftun. (12) So sprachverspielt ihre Tiergedichte (13) auf den ersten Blick daherkommen, so lustig ihre U-Bahn- und Krankenhausdialoge (14) anmuten möchten, so humorvoll und liebevoll selbst ihre Geschichten „vom kommen und überleben“ (15) sind – Awadallas Texten liegt stets der schonungslose Blick auf unsere Gesellschaft zugrunde. Experimente, so ist die Autorin überzeugt, dürfen niemals dazu dienen, „vor lauter Wortspielerei an einem möglichen Inhalt elegant vorbeischauen (zu) können“.(1)

Awadalla ist eine grandiose Beobachterin – sie sieht und hört ganz genau hin. Das macht sie zu einer Art Seismograph unserer Gesellschaft. Ihre Prosa ist knapp und präzise formuliert, sie transportiert Inhalte und Sachverhalte. Die eigentliche Handlung spielt sich in den Leerräumen dazwischen ab – und natürlich in den Dialogen, die direkt aus dem Leben kommen und daher auch den Dialekt der Sprechenden authentisch abbilden.

Awadallas Literatur macht Spaß, sie rüttelt aber auch auf. Umso schöner, dass man das in der Jury des Leo Perutz Preises zu würdigen weiß – voriges Jahr schaffte es die als lustvoller Krimi verpackte, schonungslose Mileustudie „Zu viele Putzfrauen“ (16) auf die Shortlist. Schade, dass ausgerechnet nach Erscheinen dieses Buches im Frühjahr 2020 so viele Lesungen abgesagt werden mussten (und noch immer müssen).

Und wie schön wäre es jetzt, gemeinsam ein rauschendes Fest zu feiern und El Awadalla Danke sagen zu können. Danke für deinen Einsatz, Danke für deine Kraft und deinen Mut, den du nicht nur, aber auch während deiner zwölfjährigen Tätigkeit als Präsidentin immer aufgebracht hast, um die kritische Dialektliteratur abseits der großen Bühnen ins Rampenlicht zu rücken. Danke für deine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit im Verein und ein großes Dankeschön für die engagierte Übergabe an den jetzigen Präsidenten Andreas Plammer, der in guter Tradition versuchen wird, die Ö.D.A. weiterhin durch stürmische Gewässer zu lenken und mit seinem Team für Offenheit und Solidarität einzustehen.

Liebe El,

Die Ö.D.A. ist stolz, dich als aktives Mitglied wissen zu dürfen, und wir alle hoffen, dass es noch viele gemeinsame Lesungen in der Zukunft geben wird.Und wenn es dann wieder möglich ist, feiern wir gemeinsam ein (den Corona-Maßnahmen entsprechendes) rauschendes Fest – mit Lesungen, Musik und hoffentlich wieder einigen möglichen Umarmungen.

(Text: Margarita Puntigam-Kinstner)

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El Awadalla

ist Redaktionsmitglied des Morgenschtean. Seit 1992 ist sie Vorstandsmitglied, von 2001 bis 2013 war sie Präsidentin der Ö.D.A.
Geboren wurde sie am 31.3.1956 in Nickelsdorf / Burgenland, seit 1975 ist sie in Wien wohnhaft.

Letzte Veröffentlichungen:

  • Zuviel Putzfrauen, Milena 2020
  • gemeinsam mit Dhia Ali: good luck – good bye – vom kommen und überleben. ein tagebuch aus der willkommenskultur, sisyphus Verlag 2018
  • Seawas, bist a krank?, Milena 2014.
  • Seawas, Grüssi, Salamaleikum. Tiefe und tiefgründige Dialoge in der U-Bahn, Milena 2012.

QUELLEN UND WEITERFÜHRENDE LINKS

  1. El Awadalla in einem Gespräch mit Marietta Böning (Der Standard) und Traude Korosa im September 2003 anlässlich der 150. Widerstandslesung.
    https://www.derstandard.at/story/993687/150-widerstandslesungen
  2. Einige der vorgetragenen Texte erschienen 2004 in der Anthologie „…BIS SIE GEHEN – 4 Jahre Widerstandslesungen“, Hg. von El Awadalla und Traude Korosa im SISYPHUS-Verlag (>Link zum Buch)
  3. El Awadalla im Gespräch mit Margarita Puntigam-Kinstner am 30.3.2021
  4. Female Science Faction > Link zum Buch
  5. Fotos der Installation SprachSpiel Hörgang auf >>https://www.world-architects.com
  6. El Awadalla im Gespräch mit Margarita Puntigam-Kinstner am 30.3.2021 (Anmerkung: El Awadalla war 2005 Gewinnerin der Millionenshow mit Armin Assinger.)
  7. 2. Gebärdenslam auf YouTube
  8. You Tube Video vom Dialekt-Poetry Slam „Wos host gsogt?“ im Tschocherl
  9. WordPress-Seite des Bus-Bim-Slams
  10. Im Corona-Jahr 2020 fand die Litera Tour online statt (> zum Video)
  11. Das Zitat ist auf der Homepage der Autorin http://www.awadalla.at zu finden. El Awadallas Video-Rede finden Sie ebenfalls dort.
  12. El Awadalla und Beatrice Simonsen im Gespräch am 14. Jänner 2015 in der Ö.D.A., Wien. zum Link >>http://www.kunstundliteratur.at/el-awadalla-interview
  13. Link zum Gedicht lama-drama (aus „fo de fiicha und de ruam“, sisyphus 2008)
  14. SEAWAS, GRÜSSI, SALAMALEIKUMTiefe und tiefgründige Dialoge in der U-Bahn, Milena 2014 >> Link zum Buch | SEAWAS, BIST A KRANK? – Tiefe und tiefgründige Dialoge im Kankenhaus, Milena 2014 >> Link zum Buch
  15. good luck – good bye – vom kommen und überleben. ein tagebuch aus der willkommenskultur (gemeinsam mit Dhia Ali), sisyphus Verlag 2018>> Link zum Buch
  16. Zuviel Putzfrauen, Milena 2020 >> Link zum Buch

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